70 Jahre SPIEGEL "Wir haben gefeiert, dass die Heide wackelte"

Leo Brawand war SPIEGEL-Redakteur der ersten Stunde. Im Interview erinnerte er sich an die Gründerjahre, als die "ganz jungen Bubis" auf Gartenstühlen saßen und kaum Papier hatten - aber alles neu und besser machen wollten.

Heinz Egleder

Ein Interview von Britta Sandberg


Zur Person
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    Leo Brawand (1924-2009) war zunächst SPIEGEL-Redakteur, leitete später das Wirtschaftsressort und ab 1972 das manager magazin. Während der SPIEGEL-Affäre und Rudolf Augsteins Inhaftierung 1962 war er kommissarischer Chefredakteur. Brawand war es auch, der Augstein telefonisch warnte, als die Polizei die Redaktion durchsuchte - er hatte sich in einem Schrank versteckt. Das Interview führte SPIEGEL-Redakteurin Britta Sandberg im Jahr 2006. SPIEGEL ONLINE gibt hier eine gekürzte Version wieder.

SPIEGEL: Wann haben Sie zum ersten Mal vom Projekt "Diese Woche" gehört, jener Zeitschrift, aus der später DER SPIEGEL hervorging?

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Heft 1/2017
Wut kann man sich erarbeiten

Brawand: Im März 1946, ich war damals Handelsschullehrer an einer privaten Schule in Hannover. Ich ging direkt zu Rudolf Augstein, der dieses Nachrichtenblatt für die Briten machte. Wir duzten uns, schließlich waren wir alle gerade entlassene Soldaten. Ich sagte ihm, dass ich zwar Lehrer sei, aber eigentlich Journalist werden wolle. Da sagte er: "Na schön, für Wirtschaft haben wir noch keinen. Dann komm mal, ich schreibe dich auf."

SPIEGEL: Woran erinnern Sie sich aus Ihren ersten Arbeitstagen?

Brawand: Wir mussten improvisieren. In den ersten Redaktionsräumen in Hannover saßen wir auf Gartenstühlen um Gartentische herum. Alles war provisorisch eingerichtet. Es gab ja nichts, das Anzeiger-Hochhaus war praktisch das einzige in der City, das überhaupt noch stand. Insofern mussten wir ganz primitiv operieren, aber das galt ja für alles und jeden damals.

SPIEGEL: Wie und womit haben Sie in den ersten Wochen gearbeitet?

Brawand: Für Papier nutzten wir die Rückseiten von Meldungen, die von der Nachrichtenagentur United Press kamen. United Press hatte uns den Fernschreiber gestiftet, dafür musste ich jede Woche drei oder vier Meldungen aus Hannover liefern, sozusagen als Leihgebühr. In diesem Raum saßen wir alle zusammen, nur Augstein hatte eine mit einer Glaswand abgekapselte Ecke. Wir waren ja auch nicht mehr als ein Dutzend Mitarbeiter. John Chaloner, der britische Offizier, der die Idee für "Diese Woche" gehabt hatte, sorgte dafür, dass wir in der Kantine von der dünnflüssigen Suppe immer eine Extrakelle mit Fleisch und Fett bekamen. Das war ein echtes Privileg.

SPIEGEL: Chaloner war damals 21 Jahre jung, Augstein 22.

Brawand: Und ich war auch erst 21. Wir waren ganz junge Bubis. Aber wir teilten eine Motivation: Wir wollten diese Scheiße, auf Deutsch gesagt, mit dem Krieg und diesen kommandierten Pressezeitungen, wie es sie unter Goebbels gegeben hatte, das wollten wir beseitigen. Da traf sich die von den Briten verfolgte Umerziehung mit unseren eigenen Ansichten. Ein großer Teil von uns war im Krieg verwundet worden. Ich hatte mir drei Kugeln eingefangen, Augstein war viermal verwundet. Wir hatten den Nazis geglaubt und waren wahnsinnig enttäuscht, die ganze junge Generation. Wir wollten alles neu und besser machen.

SPIEGEL: Wie war denn die Stimmung in diesen ersten Wochen und Monaten in der Redaktion?

Brawand: Das war wie in einer großen Wohngemeinschaft. Wir lungerten da alle herum und gingen sehr kumpelhaft miteinander um. Der eine pumpte dem anderen eine Jacke, wir trugen ja alle noch diese Wehrmachtsklamotten. Abends sind wir mit dem Lkw-Fahrer zum Güterbahnhof gefahren und haben Kohlen geklaut. Es war ein großes Durchwurschteln in diesen Zeiten. Aber auch mit großen Festen. Wir haben gefeiert, dass die Heide wackelte, mit einem Schnaps, von dem man leicht blind wurde, irgendwas mit Glycerin. Auf dem Hochhaussims, in der sechsten oder siebten Etage, da haben die Leute auf einem schmalen Sims getanzt, von dem herunter sich schon ein halbes Dutzend Selbstmörder in die Tiefe gestürzt hatte.

SPIEGEL: Wie fiel eigentlich die Wahl auf Rudolf Augstein als Chefredakteur?

Brawand: Was Chaloner sehr beeindruckt hat, das war die Tatsache, dass Augstein ihm als Einziger die Meinung sagte. Er war nicht unterwürfig wie die anderen. Da war einer, der sagte: "Wenn wir das machen wollen, machen wir das." Er hatte immer seine eigene Meinung und war in diesem Sinne auch mutig. Es kostete ja auch nicht mehr seinen Kopf, wie das noch zwei Jahre zuvor gewesen wäre.

SPIEGEL: Können Sie sich an die ersten Ausgaben erinnern? Worüber haben Sie geschrieben?

Brawand: Meist ging es ja bei mir um den schwarzen Markt und Reparationen, das waren die damaligen Wirtschaftsthemen. Es gab aber früh Ärger mit den Briten, die waren sauer vom ersten Tag an. In einem Artikel schrieb ich zum Beispiel, dass die Besatzer im Harz alles abholzten und nach England schickten. Das habe ich in dem Artikel als die "englische Krankheit" bezeichnet. Bei den Lesern stießen wir damit natürlich auf große Begeisterung. Die Leute sagten: "Donnerwetter, endlich liest mal jemand den Briten die Leviten."

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SPIEGEL: Wie hat sich Augstein trotzdem halten können?

Brawand: Er hat sich naiv gestellt - und den Gänsefüßchen-Trick erfunden. Er zitierte zum Beispiel einen britischen Labour-Abgeordneten, der ebenfalls das Verhalten der British Army in Deutschland kritisierte. Die Engländer gerieten so in die Bredouille. Denn die Pressefreiheit zu bringen, das war das eine, aber sich in einem von den eigenen Leuten initiierten Blatt so herunterputzen zu lassen, das war das andere.

SPIEGEL: Wie ging es dann weiter?

Brawand: Ende Dezember kam die Anweisung von den obersten Presseleuten der Briten: "Das Blatt wird entweder eingestellt, oder ein neuer Name und neue Lizenzträger müssen her." Das ging über Weihnachten, Neujahr 1946. Die Briten versuchten, das als geregelten Übergang darzustellen, das Blatt sei nun reif genug. Alles Quatsch. Die hatten keine andere Lösung. Auch, weil Augsteins Position schon so stark war. Der pflegte enge Verbindungen zur Kurt Schumacher aus der SPD und auch zu Hinrich Kopf, dem ersten Ministerpräsidenten von Niedersachsen.

SPIEGEL: Es gab dann eine letzte Konferenz in Hannover, kurz vor dem Umzug nach Hamburg - da hat Augstein die Redaktion zur Ordnung gerufen.

Brawand: Das stimmt. In Hamburg wurden wir alle viel braver und ordentlicher.

SPIEGEL: Worum ging es denn bei diesem Ordnungsaufruf?

Brawand: Augstein sagte, wir sollten uns alle merken, in Hamburg hole man sich Freund und Freundin nicht mehr in der Redaktion. Was den innerbetrieblichen Verkehr anging - in Anführungsstrichen -, waren die wilden Zeiten damit vorbei.

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insgesamt 12 Beiträge
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Ingo Meyer, 05.01.2017
1. Ich gratuliere zum Geburtstag!
Ich bin Jahrgang 1942 und mit meinen Eltern zusammen als mittelloser Zonenflüchtling in Niedersachsen aufgewachsen. So etwa mit 22 Jahren habe ich nicht mehr auf meine Eltern gehört und als Mechaniker angefangen den SPIEGEL zu lesen. Für mich, der ich nur die einfache Werkstattsprache kannte, war das auch Sprachbildung. Der SPIEGEL weckte auch mein geschichtliches Interesse, das bis heute anhält. Es war der SPIEGEL, der mir den Mut machte, auf der Abendschule das Abitur nachzuholen. Dann gab es kein halten mehr. 4 Jahre später war ich Dipl.-Ing. Während meines Studiums habe ich den Spiegel aus Zeitgründen nicht gelesen. Aber nach dem Studium nahm ich die Spur wieder auf. Ganz besonders dankbar bin ich dem Spiegel-Verlag für die Nutzungsmöglichkeiten des Archivs. Ich bin SPON-Nutzer der ersten Stunde. Ich begrüße die Auspreisung vieler Artikel über LATER PAY, weil nur über Nutzerbeiträge die Qualität der journalistischen Leistung gehalten werden kann. Altersgemäss bin ich oft andere Meinung, als SPON. Ich lese auch andere Zeitungen. Aber SPON ist anregend - und das dient den grauen Zellen meines inzwischen alten Kopfes. Übrigens hatte mein Vater vor 55 Jahre doch in vielem recht. Nur erkennt man dies erst als Älterer. Ich denke, manchem SPIEGEL/SPON-Redakteur geht das ähnlich. Ich wünsche diesem "Scheissblatt" noch eine lange Zukunft!
Karlheinz Pritzl, 05.01.2017
2. Glückwunsch. ....
Ohne den Spiegel wäre so manche Affäre unter den Tisch gekehrt worden. Deshalb: Weiter so und nicht locker lassen. Unsere Demokratie braucht Euch!
ulrich joisten, 05.01.2017
3. das Scheissblatt
begann ich 1967 als 14-jaehriger zu lesen und lese es heute noch. es hat mir unendlich viel gegeben, dafür mein Dank. bleibt weiter am puls der Zeit, ihr werdet mehr denn je gebraucht.
Marten Benjes, 05.01.2017
4. Vielen Dank!
Wer sich ein Wenig mit der Auslandspresse beschäftigt wird feststellen, dass ein Magazin wie der Spiegel nicht so leicht zu finden ist. Erst dann wird einem klar, wie wertvoll unsere Presselandschaft ist. Der Spiegel hat in unvergleichlich hohem Maß dazu beigetragen. Das ist einen beachtlichen Dank wert.
Alexander Klein, 05.01.2017
5. Alles gute zum Geburtstag
Mein Geburtstagsgeschenk: Ich deaktiviere den Ad-Blocker für spiegel.de dauerhaft.
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