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Frühe Bodybuilder Mein Großonkel, der stärkste Mann der Welt

Goerner The Mighty: Der stärkste Mann der Welt Fotos

Elf Männer hingen an einer Eisenstange, die Hermann Görner 1920 auf seinen Schultern trug: Bei einer Haushaltsauflösung stieß Werner Kolter auf Familienfotos und Zeitungsartikel über einen nahen Verwandten, der zu Lebzeiten beachtlichen Ruhm genoss.

Beim Aufräumen hatte meine Mutter einen Ring gefunden, schlicht, aus Golddraht und mit schwarzem Haar umwickelt. "Das ist Elefantenhaar", erklärte sie mir stolz. "Ein Geschenk von meinem Onkel Hermann, dem stärksten Mann der Welt. Diesen Ring hat er von einer Zirkustournee durch Afrika mitgebracht."

Obwohl die Geschichte recht abenteuerlich klang, hatte ich sie irgendwann vergessen. An meinen legendären Großonkel erinnerte ich mich erst wieder, als mir nach dem Tod meiner Mutter bei der Haushaltsauflösung alte, vergilbte Familienfotos in die Hände fielen. Auf einigen war ein athletischer Mann in verschiedenen "Kraftsportposen" zu sehen, in einer Zeit, in der Bodybuilding noch längst nicht in Mode war.

Aus Neugier begann ich Nachforschungen anzustellen. Von Verwandten meiner Mutter in Thüringen erhielt ich weitere Bilder von Onkel Hermann und erfuhr einige spannende Geschichten. Im Internet stieß ich schließlich auf ein Buch, das unter dem martialischen Titel "Goerner the Mighty" 1951 erstmals in Michigan, USA erschienen war. Alle seine sportlichen Leistungen werden darin ausführlich beschrieben. Offensichtlich hatte er als Schwerathlet in England und den Vereinigten Staaten mehr Anerkennung gefunden als in seiner Heimat.

Von klein auf ein Kraftmensch

Aus verschiedenen Quellen rekonstruierte ich nach und nach das bewegte Leben von Hermann Görner, der dank seiner beachtlichen Muskelkraft Menschen auf seinen Handtellern hochheben konnte, als wären sie Schaufensterpuppen. Geboren worden war er am 13. April 1891 in Hänichen, einem Vorort von Leipzig. Als Heranwachsender verfügte er über einen ungewöhnlichen Appetit und entwickelte außerordentliche Körperkräfte. Mit zwölf Jahren stemmte er die ersten Gewichte, und zwei Jahre später konnte er bereits einen Zentner hochhieven.

Ein Lehrer wollte dem "kleinen Kraftprotz" seine schulmeisterliche Autorität beweisen und verpasste ihm ständig Rügen und Ohrfeigen. Bis Hermann nach einem erneuten Züchtigungsversuch kurzerhand den Lehrer ergriff und in eine Ecke des Klassenzimmers schleuderte. Das war natürlich ein Riesenskandal. Hermann wäre fast der Schule verwiesen worden und musste zur Strafe viele Stunden im Karzer absitzen. Der Ruf des Lehrers war allerdings derart ruiniert, dass er an eine andere Schule versetzt wurde.

Schon in früher Jugend begann Hermann mit Kraftsport. Als junger Mann nahm er an Meisterschaften im Gewichtheben teil und errang beachtliche Erfolge. Durch meine Verwandtschaft ist die Geschichte überliefert, dass er an einer Straßenbahnhaltestelle einen jungen Mann, der sich vordrängen wollte, mit einer Hand am Kragen packte und hochhob. "Du bist noch gar nicht dran", erklärte er und setzte den Mann am Ende der Warteschlange ab.

Drei Skatspiele auf einmal zerrissen

Als Fünfzehnjähriger begann er eine Ofensetzerlehre und arbeitete später als Granathärter bei Krupp in Essen, wobei ihm seine enormen Körperkräfte zugutekamen. Dort trat er auch dem örtlichen Athletenklub bei, dessen Publikum von seinen Kunststücken begeistert war. Der Koloss schaffte es ohne große Mühe, eine Eisenstange mit zwei darauf sitzenden Personen auf sein Genick zu nehmen und hochzustemmen. Als Zugabe riss er 110 Spielkarten - mehr als drei komplette Skat-Spiele - mit einem Ruck in Stücke. Rasch erwarb er sich damit den Ruf, stärkster Mann des gesamten Krupp-Betriebes zu sein.

Der Erste Weltkrieg schien seiner Athleten-Karriere jedoch ein jähes Ende zu setzen. An der Westfront wurde er schwer verletzt unter einem toten Pferd hervorgezogen, nachdem seine Batterie einen Granatenvolltreffer erhalten hatte. Hermann verlor sein rechtes Auge und erzählte später, er habe 200 Granatsplitter im Körper gehabt.

Obwohl er sich zahlreicher Operationen unterziehen musste und zu 70 Prozent schwerbeschädigt war, verlor er nicht den Lebensmut. Bald ging es für ihn auch wieder aufwärts. Als Mitglied im Sportverein "Atlas" in Leipzig entwickelte er sich in Kürze zum besten deutschen Schwerathletik-Amateur. Seine Leistungen waren phänomenal: Eine Eisenstange, an der elf Männer hingen, trug er bei einer Zirkusvorführung 1920 quer auf der Schulter fünf Schritte weit. Im selben Jahr stemmte er im Fünfkampf insgesamt 597,5 Kilo. Die 330 Kilo, die er im einarmigen Heben vom Boden aus dem Kreuz rechts erzielte, sind offenbar bis heute Weltrekord geblieben.

Konzertflügel auf dem Rücken getragen

Und damit nicht genug: Hermann begeisterte sich auch fürs Boxen, Ringen und Schwimmen. Er war außerdem ein guter Schach- und Billardspieler und beherrschte das Klavier- und Akkordeonspiel. 1921 wurde er Berufssportler und trat in Deutschland als Kraftathlet in Theatern, Varietés und beim Zirkus Busch auf. In jenem Jahr sorgte er unter anderem damit für Aufsehen, dass er einen 655 Kilo schweren Konzertflügel mitsamt Transportkiste auf dem Rücken 16 Meter weit schleppte.

Später heiratete er die Stenotypistin Elsie, die ihn als Partnerin auf Tourneen mit dem international bekannten Zirkus Pagel durch England und Südafrika begleitete. In Afrika trug er den berühmten Ringkampf mit einem Jungelefanten aus, der zu Beginn der Tournee 700 Pfund und am Ende 1500 Pfund wog. Trotzdem wurde er noch von Hermann bezwungen, dessen Körpermaße ebenfalls beeindruckend waren.

Bei einer Größe von 1,83 Metern wog er circa 120 Kilo. Sein Brustumfang betrug etwa 135 Zentimeter, der Oberarmumfang ungefähr 48, Oberschenkelumfang circa 70 und Unterschenkelumfang 46 Zentimeter. Zu den legendären Kraftakten seiner Profizeit gehörte das waghalsige Unterfangen, mit den Schultern eine Brücke abzustützen, über die dann ein Auto mit sechs Insassen fuhr.

Noch bis Ende 1939 trat Hermann Görner in Zirkussen auf. Nach 1945 lebte er verarmt und fast erblindet in der Nähe von Wunstorf bei Hannover, seine Frau Elsie verstarb 1949. Da er zu seiner Familie keinen Kontakt mehr suchte, ist über seine letzten Lebensjahre nichts mehr bekannt. Am 29. Juni 1956 starb er einsam in Wunstorf. In den männlichen Linien der aktuellen Nachfolgegenerationen der Familien Görner, Kolter und Poppek ist das Hermann'sche Erbe nicht mehr erkennbar.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Finde ich
Stefan Marti, 05.10.2014
immer wieder äusserst spannend, solche Geschichten und Legenden über entfernte Verwandte zu finden und zu lesen.
2. Glück
Thomas Fuchs, 05.10.2014
Vielen Dank für den Einblick in ein besonderes Leben eines besonderen Menschen. Scheinbar hat Ihr Ahne ja auch neben seiner beachtlichen Stärke auch ein besonderes Gerechtigkeitsempfinden gehabt; welch eine erfreuliche Kombination. Trotzdem ist es möglicherweise eine Art von Glück, dass niemand sonst in der Familie diese körperlichen Merkmale aufweist. Es gibt seltene, gutartige Tumore, z.B. Adenome der Hirnanhangsdrüse, die die Produktion von Hormonen in anderen Drüsen des Körpers anregen. Vielleicht war also Ihr Großonkel naturgegeben unter einem moderaten Dauerdoping. Die Stärke hat ja mit der Zeit noch zugenommen. Typischerweise haben diese Menschen auch prominente Körperspitzen (Kinn, Hände, Füße, Ohren, Stirn usw.). Kinn und Ohren wirken prominent auf den Bildern. Vielleicht ist das ja ein Gedanke, den Sie noch verfolgen und prüfen, wenn Sie es möchten. Herzliche Grüße.
3.
Peter Müller, 05.10.2014
Eine sehr interessante Geschichte. Allerdings gab es in jener Zeit mehrere Menschen, die mit solchen Leistungen öffentlich auftraten und auch eine ähnliche Vita aufwiesen. In Trier war es Paul Trappen, der auch als stärkster Mann der Welt bezeichnet wurde.
4. Ein aussergwöhnliches....
Hartmut Kasper, 05.10.2014
...Talent. Bei der Körpergrösse und dem Gewicht war dies in seiner Genetik angelegt. Wäre Herr Görner nicht 1891 sondern z.B. 1951 geboren worden, hätte er möglicherweise ein persönlich erfolgreicheres und auch zum Ende hin schöneres Leben geführt. Sein Schicksal und die negativen Lebensumstände seines Lebens sind zweifellos auch durch die zwei Weltkriege bedingt. Wie bei vielen Menschen seiner und der kurz darauf folgenden Generationen.
5.
Clemens Klattenberg, 06.10.2014
Danke für dieses historische Zeugnis!
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