Ali vs. Marciano Knockout in der Zeitmaschine

Ali vs. Marciano: Knockout in der Zeitmaschine Fotos
Mackinac Media

"The Rock" gegen "The Greatest"! Im Januar 1970 traten Rocky Marciano und Muhammad Ali gegeneinander an. Der "Superfight" der beiden besten Boxer der Geschichte elektrisierte Amerika - dabei war sein Ausgang längst von einem Supercomputer vorausberechnet. Und das Blut der Kämpfer nur Ketchup. Von

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Düdellüdeldüdellüdeldüdellüdel… Eine dissonante Melodie ertönt, ein arhythmisches Summen und Fiepen - eine merkwürdige Tonfolge, um einen Boxkampf zu eröffnen. Doch an diesem 20. Januar 1970 stören sich die Zuschauer nicht daran. Im Gegenteil. Der Klangsalat ist der Sound der Zukunft und sie sind gekommen, um einen unmöglichen Kampf zu sehen: Muhammad Ali gegen Rocky Marciano. Zwei Schwergewichtsweltmeister, die zwei größten Boxer der Geschichte. Marciano allerdings hatte sich bereits 14 Jahre zuvor zur Ruhe gesetzt.

Jeder Sportfan kennt die Diskussionen: Wer ist der größte Formel-1-Fahrer, der genialste Stürmer, der beste Tennisspieler aller Zeiten? Würde Björn Borg gegen Roger Federer gewinnen? Hätte Diego Maradonna gegen Lionel Messi alt ausgesehen? Fragen, die Diskussionsstoff für Millionen Stammtischrunden bieten und doch niemals geklärt werden können.

1967 beschloss der Radiomoderator und Boxpromoter Murry Woroner, solchen Diskussionen ein Ende zu setzen. Zumindest beim Boxen. Er hatte sich zum Ziel gesetzt, den ultimativen Weltmeister im Schwergewicht zu ermitteln. Dazu ließ er die 16 größten bisherigen Champions gegeneinander antreten - per Computer. Das Technikwunder, das diese Leistung vollbringen sollte, trug den kryptischen Namen NCR 315, füllte einen ganzen Raum mit seinen Konsolen und Schränken voller Schaltkreise und verfügte in etwa über die Rechenleistung eines Heimcomputers Anfang der achtziger Jahre.

Wer ist "The Greatest"?

Um die Kämpfe zu berechnen, brach Woroner die Fähigkeiten der Champions auf 58 Variablen herunter, entwarf Fragebögen und schickte diese an 250 Boxexperten. Diese sollten für jeden der 16 Boxer unter anderem Geschwindigkeit, Deckung, die Fähigkeit, einen linken Haken zu landen oder auch eher subjektive Faktoren wie den "Killerinstinkt" der Kämpfer einschätzen. Zusätzlich analysierte ein Team von Experten Schlag für Schlag jeden einzelnen Kampf, den die Kontrahenten in ihren fünf besten Jahren als Boxer absolviert hatten.

Am Ende wurde der Computer mit rund 2000 Variablen zu jedem Boxer gefüttert und berechnete in 18 Monaten und rund 60 Millionen Rechenschritten, wie die Könige der Boxwelt gegeneinander bestehen würden. Wie viele Treffer würden sie in welcher Runde einstecken und austeilen? Würden die Boxer Platzwunden, müde Beine oder schlimme Körpertreffer bekommen? Wird der Kampf durch K.O., Abbruch oder nach Punkten entschieden?

Woroners Radioshow "All-Time Heavy Weight Championship of the World", in der die Ergebnisse des Computers in einen virtuellen, von einem Moderator verlesenen Kampf übersetzt wurden, geriet zum Straßenfeger. Beim großen Finale am 18. Dezember 1967 saßen 16 Millionen Amerikaner vor ihren Radios und lauschten dem Kampf zwischen den Boxlegenden Jack Dempsey und Rocky Marciano.

Amerika fieberte bei einem spannenden Fight mit, an dessen Ende Marciano Dempsey in der 13. Runde K.O. schlug. Marciano machte den Spaß mit und nahm den Titel des All-Time Computerized Heavyweight Champion entgegen. So war zumindest für Murry Woroner diese Stammtischdebatte ein für alle Mal beigelegt - wenn da nicht Muhammad Ali gewesen wäre.

"Weiße Hoffnung" und Rassenunruhen

Ali war zu diesem Zeitpunkt neben Marciano der einzige ungeschlagene Champion der Boxgeschichte und überhaupt nicht einverstanden mit dem, was der NRC 315 da berechnet hatte. Der Computer hatte ihn bereits im Viertelfinale gegen Jim Jeffries ausscheiden lassen. Für den Boxchampion mit den schnellen Beinen und dem Maschinengewehrmund war dieser Ausgang eine ungeheure Demütigung: Denn für das Mitglied der Nation of Islam hatte der Ausgang des Kampfes vor allem symbolischen Wert.

Jeffries wurde 1899 Schwergewichtschampion und blieb es, bis er 1906 seine Karriere beendete. Als 1908 Jack Johnson, Muhammad Alis großes Vorbild, der erste schwarze Schwergewichtsweltmeister wurde, stilisierte die rassistische US-Presse Jeffries als "große weiße Hoffnung" gegen Johnson hoch. 1910 kam schließlich ein Kampf zustande, in dem Jeffries beweisen wollte, "dass ein Weißer besser ist als ein Neger". Johnson aber besiegte seinen Gegner in 14 Runden. Für Ali war seine Niederlage keine Entscheidung irgendeines Computers, sondern ein Rückkampf, der das schwarze Amerika an die Überlegenheit des weißen Mannes erinnern sollte - und eine Bestrafung für seine Weigerung, in Vietnam zu kämpfen.

Ali verlor seinen Titel und seine Boxlizenz. Nun wollte er nicht auch noch seinen guten Ruf verlieren. Der Champion verklagte Woroner wegen des Computerkampfes gegen Jeffries auf eine Million Dollar wegen Verleumdung, um kurz darauf einem Vergleich zuzustimmen: Für 9999 Dollar willigte er ein, gegen Rocky Marciano in den Ring zu steigen. Der "SuperFight" war geboren. Auch dieser Kampf sollte vom Computer vorausberechnet werden. Doch dieses Mal sollten sich die Kontrahenten tatsächlich im Ring gegenüberstehen und den Kampf nach den Voraussagen des Rechners nachstellen. Auch Marciano zeigte sich bereit, seinen virtuellen Titel gegen Ali zu verteidigen. Und so trafen sich die beiden Boxlegenden im Juli 1969 an einem streng geheimen Ort im Norden Miamis.

Im Ring mit dem Ausknocker

Ali hatte zu diesem Zeitpunkt seit zwei Jahren keine Boxlizenz mehr, Marciano hatte seit 13 Jahren nicht mehr im Ring gestanden. Der Sohn italienischer Einwanderer ähnelte mit seinen 45 Jahren, einigen Pfunden zuviel auf den Rippen und einem auffälligen Toupet auf dem Kopf eher einem Ladenbesitzer aus Little Italy als einem Boxchampion. Doch der Mann, der sich in seinen besten Zeiten den Spitznamen The Brockton Blockbuster verdient hatte, war vorbereitet: Nur für den Fall, dass es im Ring ernst werden würde, hatte er wochenlang hart trainiert und 45 Pfund abgenommen. Er verfügte noch immer über diesen geradezu stoischen Fleiß, der ihn zum Champion und zur amerikanischen Ikone gemacht hatte. Und er war auch mehr als eine Dekade nach Karriereende bereit, sich jeden Erfolg hart zu erkämpfen. Selbst wenn Sieg oder Niederlage bereits vom Computer vorausberechnet waren.

Die beiden Champions, die sich in den nächsten Tagen siebzig einminütige Runden Sparring liefern sollten, hätten unterschiedlicher nicht sein können: Ali, 1,90 Meter groß, 215 Pfund schwer, bevorzugte es mit einer Schlagreichweite von 203 Zentimetern, seine Gegner zu umtänzeln und auf Abstand zu halten, um sie zu ermüden. Marciano hingegen war mit 1,80 Metern der kleinste Schwergewichtsweltmeister in der Boxgeschichte. Mit einer Reichweite von nur 170 Zentimetern und 20 Pfund weniger Muskelmasse schien er Ali klar unterlegen. Doch nicht umsonst trug Marciano den Spitznamen The Rock from Brockton. "Seine Beinarbeit", schrieb ein Reporter einmal, "besteht daraus, auf kürzestem Weg nach vorne zu gehen, bis er nahe genug dran ist, um seinen Gegner mit seinen ungeheuren Schlägen einzudecken." Seine Rechte, der er den Spitznamen Suzie Q. gegeben hatte, hatte den Ruf einer Abrissbirne, seine Linke war kaum weniger gefürchtet. Wenn man das eine Strategie nennen möchte, könnte man sagen, dass es seine Strategie war, seine Gegner auszuknocken. Die Statistik spricht für sich: 49 Kämpfe, 49 Siege, davon 43 durch K.O.

Dann flog das Toupet

Der sonst so großmäulige Ali, der seine Gegner schon mal mit Reimen verhöhnte oder vorher die Runde ansagte, in der er sie ausknocken würde, hatte großen Respekt vor Marciano. In seiner Biografie schreibt Ali: "Rocky war still, friedlich, bescheiden, nicht anmaßend oder überheblich. Er verdient seinen Platz in der Reihe der größten der großen Schwergewichts-Champions." Bei der Aufnahme passierte Ali denoch ein Fauxpas: Ein unglücklicher Jab streifte Marcianos Kopf so, dass dessen Toupet wegflog. "Schnitt!", brüllte der Italiener sofort, "haltet die Kameras an." Dann rückte er sein Kunsthaar wieder zurecht. Die Szene fand selbstverständlich nicht ihren Weg in den Film.

In 70 einminütigen Runden Sparring, aus denen später der Kampf zusammengeschnitten wurde, lieferten die beiden Boxheroen mehr als Schauspielerei. Zwar war das Blut nur Ketchup und die Schläge an den Kopf waren stark gebremst. Doch die Absprache der beiden Boxer besagte auch, bei den Schlägen auf Körper und Arme härter einzusteigen. Welches Ergebnis NRC 315 vorhergesagt hatte, wurde den Champions vorenthalten. Mindestens sieben mögliche Ausgänge des Kampfes wurden gefilmt. Wer gewonnen hatte, sollten die Boxer erst am Tag der Uraufführung erfahren. Zu Murry Woroners Strategie gehörte es, den "SuperFight" nur ein einziges Mal in landesweit 1000 Kinos und in 500 Kinos in Kanada, Mexiko und Europa zu zeigen.

Marciano sollte diesen 20. Januar 1970 allerdings nicht mehr erleben. Er war am 31. August 1969, einen Tag vor seinem 46. Geburtstag, bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Wer der Gewinner seines letzten Kampfes war, wusste er wohl trotzdem schon vorher. Als sein Bruder Peter ihn fragte, was er glaube, wer den Kampf für sich entscheidet, tat der bescheidene Italiener etwas, das Boxfans bisher nur von dem Großmaul Ali kannten: Er grinste und sagte die Runde an, in der er Ali K.O. schlagen würde.

"Jeder gute amerikanische Computer weiß, wie man das zusammenrechnen muss"

Und auch Ali hatte eine Vermutung, wie der Kampf ausgehen würde. Einem Reporter des "Philadelphia Inquirer" sagte er: "Dieser Computer ist kein Idiot." Auf der einen Seite sei einer, der sich nicht dem alten Bild unterwerfen wolle, dass Amerika von schwarzen Boxern habe, ja, nicht einmal in Amerikas Armee dienen will. Und auf der anderen Seite sei eine "echte weiße Hoffnung". "Jeder gute amerikanische Computer weiß, wie man das zusammenrechnen muss."

Und so kam es. Der viel kleinere, leichtere, langsamere Marciano schlug Ali, der bis zu diesem Zeitpunkt noch nie von einem Gegner auf die Bretter geschickt worden war, in der 13. Runde K.O.

Experten bezweifelten später, dass der Computer so entschieden hatte, ja sogar, dass die Kämpfe wirklich von NRC 315 vorausberechnet worden waren. So konnten die virtuellen Meisterschaften die Stammtischdiskussionen der Sportfans nicht beenden, sondern heizten sie noch weiter an. Woroner hielt trotzdem an seinem Konzept der Berechenbarkeit von Ereignissen fest und schmiedete große Pläne: "Wir könnten viel mehr tun", schwärmte der Geschäftsmann in einem Interview, "Kriege! Hitlers Deutschland gegen das römische Reich! Oder Wahlen! George Washington gegen Franklin Roosevelt! Warum nicht?"

Daraus wurde nichts. Im September 1970 berechnete Woroner den Schwergewichtstitelkampf zwischen Joe Frazier und Bob Foster vorher. Die Maschine hatte eine Niederlage Fraziers in der sechsten Runde errechnet. Doch mit dem Knockout Fosters durch einen linken Haken von Frazier in der zweiten Runde lagen Foster und die Glaubwürdigkeit des NRC 315 am Boden.

Der "SuperFight" zwischen Ali und Marciano ging bald in die Sphäre der Sportmythen ein. Nur einen Tag nach der Vorführung wurden alle Kopien eingesammelt und vernichtet. Heute ist nur noch eine einzige Aufnahme des Kampfes erhalten, die in der Library of Congress archiviert wurde. Und, ach ja: Gibt man heute "Muhammad Ali vs. Rocky Marciano" bei Google ein, findet man in Boxforen noch immer endlose Debatten, wer diesen "SuperFight" wirklich gewinnen würde.

Zum Weiterschauen:

"The Superfight - Marciano vs. Ali. Who Was The Greatest?". Mackinac Media, 2005

Die DVD erhalten Sie bei amazon.

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1.
Juergen Frey 27.11.2012
Rocki Marchiano war der Groesste und wurde nie ko geschlagen.
2.
Jens Schuetz 28.11.2012
Was, dem Computer glaubte man nicht, weil der einen echten Kampf falsch vorhersagte? Wusste man damals noch nichts von Wahrscheinlichkeiten? Haette man einfach gesagt, X gewinnt mit 80% Wahrscheinlichkeit haette man sich nicht blamiert wenn es anders gekommen waere. Haette der Computer auch nur 8 von 10 Kaempfen vorrausberechnet waere das sehr beeindruckend. Aber dem gab man ja nicht einmal die Chance. Garbage in Garbage out. Fuettert man den Computer mit den Meinungen hauptsaechlich weisser Boxexperten und Ringrichter ist wohl klar wer beim Computerkampf Ali vs Rocki gewinnt. Das hat nichts mit gezielter Manipulation zu tun sondern ist einfach eine voreingenommene Datenprobe. Beim Computer schlaegt das dann aussergewoehnlich stark zu Buche, da die Vorurteile in jeden Rechenschritt einfliessen. Im echten Kampf hingegen kann selbst der voreingenommenste Kampfrichter mit allen Vorurteilen nichts drann drehen wenn sein Liebling KO geschlagen wird.
3.
Sven Seifert 28.11.2012
http://www.youtube.com/watch?v=7XKcGRREcaM Wenn auch nicht komplett, doch besser als nix!
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