Selbstinszenierung mit Swimmingpool Planschen und protzen

Nackte Haut, glitzerndes Wasser: Seit den Zwanzigerjahren gaben die Schönen und Reichen mit Pools an - nach dem Krieg konnte sich auch der Kleinbürger das wässrige Statussymbol leisten.

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Die Brünette rekelt sich auf der Sonnenliege, der gestreifte Badeanzug betont ihre Kurven. Das Haar ist perfekt frisiert, der Mund erdbeerrot geschminkt. Über ihr: ein Mann mit einer Fotokamera, der sie begafft. Rechts neben ihr: ein jungfräulicher Pool, die Sonne lässt das Wasser glitzern, eine leichte Brise kräuselt die Oberfläche. Sie legt den Kopf zur Seite und schließt die Augen. Der Mann drückt auf den Auslöser.

Die Frau, die im Sommer 1954 neben dem Außenschwimmbecken des Sands Hotels in Las Vegas posierte, war das Filmstarlet Mara Lane. Der Mann, der sich auf einer ausgezogenen Lkw-Leiter positioniert hatte, war Slim Aarons. Von dort oben scherzte der Promi-Fotograf ins Megafon: "Hier spricht die Stimme Gottes."

Etliche Schönheiten, Feine und Reiche lichtete der "allmächtige" Aarons Mitte des 20. Jahrhunderts ab, als Meister der Jetset-Farbfotografie wird er heute noch gerühmt. Seine Fotos erschienen in Hochglanzmagazinen wie "Life" und "Vogue".

"Hier spricht die Stimme Gottes": Promi-Fotograf Slim Aarons beim Ablichten von Filmstarlet Mara Lane in Las Vegas (1954).
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"Hier spricht die Stimme Gottes": Promi-Fotograf Slim Aarons beim Ablichten von Filmstarlet Mara Lane in Las Vegas (1954).

Am liebsten wählte er als Kulisse einen Swimmingpool. Er habe gern "halbnackte Mädchen, die sich entspannt in der Sonne bräunen (...…) bei attraktiven Tätigkeiten an attraktiven Schauplätzen fotografiert", erklärte Aarons in Macho-Manier. Entspannt sieht Schauspielerin Mara Lane - drapiert wie eine Schaufensterpuppe - auf Aarons Aufnahme nicht aus. Dafür ist sie wie gewünscht halbnackt.

Prunk und Extravaganz

Douglas Fairbanks und Mary Pickford, Stummfilmstars der Zwanzigerjahre, ließen sich 1919 als eine der ersten einen riesigen Pool im Garten ihres Anwesens in Beverly Hills bauen. Er war so groß, dass das Schauspielerpaar - sittlich in voller Montur - in ihm Kanu fahren konnte. Medien-Tycoon William Randolph Hearst übertrumpfte in den Zwanzigerjahren den Protz der Pickfords: Für sein extravagantes "Hearst Castle" im kalifornischen San Simeon schuf er den "Neptune Pool", der mit italienischem Marmor ausgekleidet war und circa 1,3 Millionen Liter Wasser bis zum Beckenrand schluckte.

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Foto-Shooting am Swimmingpool: Ab in die Fluten!

Das opulente Bauwerk - umrahmt von Pavillons im antiken Stil, Kolonnaden, römischen und griechischen Statuen - stellte Hearsts Reichtum und Macht zur Schau. An seinem Pool trafen sich Politikergrößen, die High Society und Hollywood-Promis: Winston Churchill schlürfte Champagner neben Nymphen-Skulpturen, Joan Crawford stolzierte im Ballkleid den Beckenrand entlang. Auf den Pool-Partys ging es ums Sehen und Gesehenwerden.

Ab den Dreißigerjahren machten der Schwimmer Johnny Weissmüller, fünffacher Olympia-Sieger und berühmter "Tarzan"-Darsteller, sowie Schwimmikone Esther Williams mit ihren Wasserballett-Filmen den coolen Pool-Lifestyle populär. Doch bis zur Nachkriegszeit konnte sich nur die Oberschicht einen Privatpool leisten. Das änderte sich 1947, als die Firma Doughboy Recreational oberirdische Pool-Kits auf den Markt brachte.

Mini-Ozean im eigenen Garten

Ein Jahrzehnt später bot San Juan Pools Fiberglas-Schalen aus einem Guss an, die in die Erde eingegraben wurden. Diese zwei Varianten machten die große Badewanne im Garten auch für den Kleinbürger erschwinglich. Der Einsatz von Spritzbeton ab den Fünfzigerjahren verkürzte die Bauzeit, senkte die Kosten abermals und ermöglichte die Massenproduktion von Pools.

Schon bald waren die rasant wachsenden US-Städte und ihre Vororte, allen voran im Sonnenstaat Kalifornien, von Privatpools übersät. Das Wasserloch hinter dem Haus bedeutete Luxus. Ein Mini-Ozean direkt vor der Tür - ohne gefährliche Strömungen, Haie und Quallen. Kein lästiges Reservieren von Liegen, keine unerwünschten Spanner, kein mit Müll und Unrat verschmutztes Meerwasser. Der eigene Pool bedeutete: Wer einen besaß, hatte es geschafft.

An keinem anderen Ort konnte in den prüden Vierziger- und Fünfzigerjahren so viel nackte Haut gezeigt werden. Hier präsentierte die Modeindustrie ihre neuesten Badekollektionen, hier spielte in vielen Filmen eine legendäre Szene: In dem Erotikthriller "Swimmingpool" (1969) schmust Romy Schneider mit Alain Delon am Beckenrand. In dem Drama "Sunset Boulevard" (1950) zeigt die erste Einstellung eine im Wasser schwimmende Leiche. Und in "Der Schwimmer" von 1968 hüpft Burt Lancaster in Badehose von Pool zu Pool seiner reichen Nachbarn nach Hause.

Sch attenseiten der künstlichen Oasen

Musiker und Schauspieler kannten bei der Pool-Architektur in Sachen Extravaganz keine Grenzen. Das "Playboy"-Model Jayne Mansfield bestand auf einem herzförmigen Pool und füllte ihn mit rosafarbenem Wasser. Frank Sinatra ließ sich ein Planschbecken in Form einer Gitarre bauen, der Pool des Pianisten Liberace sah aus wie ein Flügel: Wasser, schön eingerahmt, als Instrument der Selbstinszenierung und Zeichen der Unbeschwertheit. Sportlichen Tätigkeiten dienten diese chlorwassergefüllten Kunstwerke meist nicht.

Doch Glanz und Glamour des Statussymbols verblassten ab den Siebzigerjahren. Medien berichteten vermehrt über chlorgeschädigte Augen und Haut, über Bakterien und Fußpilz. Paparazzi fingen an, hässliche Schnappschüsse von Promis mit Schwabbelbäuchen und Cellulite zu schießen. Porno-Produzenten mieteten leerstehende Häuser und drehten Sexszenen am Pool.

Tragische Unfälle, bei denen Kinder ertranken, trübten das Idyll. Als 1977 eine schwere Dürre den Pool-Staat Kalifornien heimsuchte, und die Behörden das Wasser rationierten, begann der "American Pool Dream" weiter zu bröckeln. Skater, die in den leergepumpten Betonwannen auf ihren Boards surften, versinnbildlichten den schleichenden Niedergang.

Jeder vollgefüllte Pool verdunstet pro Jahr fast dieselbe Menge Wasser, die er fasst. Das sind durchschnittlich 75.000 Liter, die Protz-Pools der Stars schlucken noch mehr. Naturschützer verteufeln die künstlichen Oasen als unnötige Verschwendung einer kostbaren Ressource.

Eine weitere Trockenperiode in Kalifornien von 2011 bis 2017 alarmierte auch die Politik. Sie erließ strikte Wasserspargesetze und sanktionierte mit Geldbußen. Der Bauboom, der in den Fünfzigerjahren startete, verebbte. Viele ließen ihre Schwimmbecken mit Sand zuschütten.

Trotzdem gibt es laut einer Erhebung von 2015 noch rund neun Millionen Pools in den USA. Spitzenreiter ist mit 1,5 Millionen Pools ausgerechnet Kalifornien. Auf Luftaufnahmen ist der "Golden State" delfinblau gesprenkelt. Der Pool-Faible der Amerikaner ist ungeachtet der massiven Umweltschäden nicht ausgetrocknet.

insgesamt 4 Beiträge
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Linda Zenner, 16.07.2018
1.
Als ich Kind war: Ein eigener Swimmingpool - höchstes der Gefühle und Träume ....ich wollte immer meinen eigenen Pool, habe ihn nie gekriegt....
Joachim Wutschke, 17.07.2018
2. Ich weiß ja nicht,
welche Mutivation den einzelnen dazu bringt sich einen Pool anzuschaffen. Unsere Mutivation waren die fast erwachsenden Kinder, die Enge in den noch verbliebenden Freibädern und der Nutzen für die Zukunft, bei der ich davon ausgehe, das die Rente mal grade zum Leben reicht und das Haus zu erhalten. Urlaub wird da wohl hinten anstehen. Also Urlaub den ganzen Sommer im eigenen Garten am eigenen Pool!
Stephan Dunkel, 17.07.2018
3.
Als ich Kind war: Ein eigener Swimmingpool. Leider gab es zu der Zeit keine Baugenehmigungen für Außenpools. Heute habe ich einen kleinen und springe fast täglich rein.
Silver Bird, 22.07.2018
4. Nichts ist schöner, als im Meer zu baden
Ein Pool ist ein stehendes, nicht selbstreinigendes Gewässer. IGITT!!!!! Im Meer: Ostsee, Nordsee , Mittelmeer, wo auch immer zu schwimmen ist nie mit einem Pool vergleichbar. Da gibt's keine 2 Meinungen und da kommt der schönste Pool nicht ran. Eine Alternative ist er maximal, beheizt bei kalten Aussen-Temperaturen.
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