Der Tod des letzten Papstkönigs "Diesmal ist alles aus!"

Der Tod des letzten Papstkönigs: "Diesmal ist alles aus!" Fotos

Es war das längste Pontifikat der Geschichte, in das eine der bittersten Niederlagen des Papsttums fiel: Als Papst Pius IX. vor 130 Jahren starb, hatte er seinen innigsten Feind, den König von Italien, überlebt. Doch die Herrschaft des Kirchenstaats war unwiederbringlich verloren. Von René Schlott

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Dunkle Gewitterwolken hingen Anfang Februar 1878 über der Ewigen Stadt. Papst Pius IX., den schon seit einigen Monaten eine schwere Bronchitis und ein Beinleiden plagten, lag im Sterben. Am 2. Februar hatte die Kirche noch den 75. Jahrestag seiner Erstkommunion gefeiert. "Fate presto! Questa volta é finito tutto! - Macht schnell! Diesmal ist alles aus!", soll der sterbende Papst den an sein Sterbebett geeilten Kardinälen zugerufen haben, bevor er die letzte Ölung erhielt. Mit den Sterbesakramenten versehen starb der 86-Jährige am späten Nachmittag des 7. Februar 1878. Damit endete das längste Pontifikat der Kirchengeschichte nach fast 32 Jahren.

"Es sind wunderbare Blätter der Geschichte, die in diesem Zeitraum zu beschreiben sind. Ereignisse, deren Zeuge ich hier bin und deren Eindrücke noch nach Jahrhunderten sichtbar sein müssen", hält der deutsche Rom-Historiker Ferdinand Gregorovius in seinem Tagebuch fest. "Kaum hat der Tod an die Pforten des Quirinal gepocht, so trat er an jene des Vatikan, und nachdem der erste König Italiens eben erst im Pantheon bestattet worden war ... verschied auch der letzte Papstkönig, der Rom beherrscht hat und dem eben jener Viktor Emanuel die Krone entrissen hat."

Am 9. Januar war der erste König des vereinten Italiens gestorben. Nur knapp einen Monat später folgte ihm Pius IX. in die Ewigkeit. Beide verband eine innige Feindschaft und tiefe gegenseitige Abneigung. Immerhin hatte der König bis zuletzt im ehemaligen Sommerpalast der Päpste residiert. Der Quirinal, noch heute Sitz des italienischen Staatspräsidenten, tauschte den Hausherrn 1870, als Rom die Hauptstadt Italiens wurde, die Kirche ihren weltlichen Landbesitz endgültig verlor und sich der Papst als "Gefangener" in den Vatikan zurückzog. Jedem ausländischen katholischen Staatsgast, der dem König fortan im Quirinal seine Aufwartung machte, hatte der Pontifex maximus mit der Exkommunikation gedroht.

"Idol am Boden"

Nach dem Tod Pius' IX. trat der Camerlengo an dessen Sterbebett. Mit einem silbernen Hämmerchen schlug er dem Heiligen Vater dreimal an die Stirn und rief ihn bei seinem Taufnamen: "Giovanni ... Giovanni ... Giovanni". Als der Ausruf ohne Antwort blieb, war sein Tod auch kirchenamtlich festgestellt. Danach wurde der Leichnam einbalsamiert. Herz und Eingeweide wurden ihm entnommen und einer langen Tradition folgend in die Kirche SS. Vincenzo e Anastasio nahe des Trevi-Brunnens gebracht. Dort ruhen sie bis heute in einer Urne.

Der festlich gekleidete Papstleichnam wurde zunächst im Vatikanpalast aufgebahrt, wo ihm kirchliche und diplomatische Würdenträger die letzte Ehre erwiesen. Danach wurde Pius IX. in den Petersdom überführt. Der Leichnam wurde dort so in der Sakramentskapelle aufgebahrt, dass die Gläubigen durch ein schützendes Gitter hindurch gerade seine Füße erreichen und küssen konnten. Scharen von Gläubigen nahmen so Abschied von ihrem Kirchenoberhaupt. Zeitgenossen berichten, dass die päpstlichen Pantoffeln durch die Berührungen der Massen am Ende ganz abgewetzt gewesen sein sollen.

Der Vatikan nahm sogar die Hilfe des verfeindeten Italiens in Anspruch, um des gewaltigen Andrangs Herr zu werden. Der Tagebucheintrag Gregorovius vom 13. Februar 1878 erinnert an die Ereignisse nach dem Tod von Johannes Paul II. im April 2005: "Der Zudrang zum St. Peter wächst mit jedem Tage. Die Straßen, die zu ihm führen, wie der Platz bieten das Schauspiel dichtgedrängter Menschenmassen dar." 25.000 italienische Sicherheitskräfte sollen im Einsatz gewesen sein, um den ununterbrochenen Pilgerzug zu sichern. 300.000 Menschen zogen an der päpstlichen Leiche vorüber. Unter ihnen auch der Chronist Gregorovius, der die Szenerie als eine "Wachsfigurenbude" wenig pietätvoll beschreibt: "Die Züge des Gesichts sind kaum noch kenntlich, die weichen Formen voll Milde und Anmut sind verschwunden, und das Lächeln hat sich in einem abschreckend starren Ausdruck verzerrt. Die große Erscheinung gleicht nun der eines umgestürzten, auf den Boden geworfenen Idols."

Später Triumph

Nach drei Tagen wurde Pius IX. in aller Stille vorläufig im Petersdom bestattet. Der italienische Könighof hatte seine Teilnahme am päpstlichen Requiem angeboten. Der Vatikan lehnte dies allerdings mit Hinweis auf den privaten Charakter der Trauerfeier ab. Pius selbst hatte in seinem Testament die römische Kirche San Lorenzo fuori le mura als letzte Ruhestätte gewünscht. Nach der Fertigstellung seines Grabmonumentes sollten seine Gebeine in einem feierlichen Zug durch Rom dorthin gebracht werden. Wenigstens nach seinem Tod wollte er den Vatikan verlassen und so über seine Gegner triumphieren.

Bei der Überführung in der Nacht vom 12. auf den 13. Juli 1881 kam es jedoch zu Ausschreitungen. Der Trauermarsch endete in einem Tumult. Antiklerikale und Republikaner lauerten der Prozession auf, bewarfen den Sarg des Papstes mit Steinen und drohten ihn in den Tiber zu stürzen. Nur das massive Eingreifen der italienischen Staatsmacht konnte das Schlimmste verhindern und sicherstellen, dass der päpstliche Leichnamszug sein Ziel erreichte.

In den folgenden Jahren kam es immer wieder zu Anschlägen auf das Grab Pius' IX. Seit 1907 betrieben seine Verehrer die Heiligsprechung. Johannes Paul II. erhob ihn jedoch erst im Jahr 2000 in den Kreis der Seligen - zusammen mit dem Papst des II. Vatikanischen Konzils Johannes XXIII. Die Gebeine Pius' IX. sind seither wundersam unversehrt in einem Glassarg in der römischen Kirche San Lorenzo fuori le mura zu sehen.

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