Augenblick mal Der Wendehals von New York

Ein deutscher Einwanderer mit Schock-Potenzial: Wie im Comic scheint dieser eher unauffällige Herr in alle Richtungen blicken zu können. Wer hat dem Mann den Kopf verdreht - oder ist das Foto manipuliert?

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The LIFE Picture Collection/Getty Images

Emilia Emmerling wollte nicht akzeptieren, dass sich ihr Mann einfach so aus dem Staub machte und sie mit den Kindern in New York sitzenließ. Im Frühjahr 1931 wandte sie sich an die Polizei. Die schickte ein Telegramm an die Kollegen in Baltimore, wo der Abtrünnige vermutet wurde - festzusetzen sei ein 45-jähriger Mann. Besonderes Kennzeichen: ein "drehbarer Kopf".

Die Ermittler, so berichtete die Nachrichtenagentur AP am 30. April 1931, wussten, was zu tun war. Sie klapperten diverse Kleinkunstbühnen und Kuriositätenkabinette ab, bis sie schließlich in ein Zirkuszelt blickten: Auf der Bühne stand ein Mann mit dem Rücken zum Zuschauerraum - und sah mit komplett nach hinten gedrehtem Kopf ins Publikum. Er zwinkerte den Besuchern und den beiden Polizisten zu. Sie zwinkerten zurück. Dann nahmen sie ihn fest.

Es war die Zeit der großen Zirkusshows in den USA. Auf den Bühnen standen nicht nur Feuerspucker und Bärenbändiger, sondern auch Menschen, die wegen besonderer körperlicher Anomalien zur Attraktion geworden waren.

Auch der gebürtige Nürnberger Martin Emmerling posierte in einer solchen "Freakshow". Dabei sah er eher gewöhnlich aus: Meist trug er ein weißes Hemd, die Hose mit scharfer Bügelfalte und die Lederschuhe glänzend poliert, das Haar ordentlich gekämmt und das Gesicht glattrasiert.

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Augenblick mal: Mann, bist du verdreht!

Auf der Straße wäre Emmerling wohl niemandem aufgefallen, es sei denn, der 1,65 Meter große Mann schaute sich um. Und schaute und schaute, während er weiter seines Weges ging. Denn Emmerling konnte seinen Kopf um fast 180 Grad nach hinten drehen - und somit beobachten, was sich hinter seinem Rücken abspielte.

Wie oft er das tatsächlich im Alltag tat, ist nicht überliefert. Über Emmerlings Privatleben ist wenig bekannt. Er tat es vor allem auf der Bühne und unter seinem Künstlernamen Laurello, "the only man in the world with a revolving head".

Wie war es dazu gekommen?

Emmerling hatte sein Geld nicht immer auf diese Weise verdient; er hatte auch nicht immer diese Fähigkeit. Laut Nürnberger Stadtarchiv lernte der 1885 geborene Sohn eines Flaschners ursprünglich Zinngießer. In seiner Freizeit trainierte er im Nürnberger Athletenclub Sandow. Doch nicht das Gewichtheben, so berichtete die "Nürnberger Zeitung" 1955 in einem Porträt, hatte es ihm angetan, sondern die Kunstsportabteilung.

Laura und Laurello

Martin Emmerling trainierte als Akrobat. Wegen seiner beeindruckenden Gelenkigkeit bekam er bald Engagements auf Volksfesten, trat als Schlangenmensch auf und wand sich durch Leitern. In der Zirkuswelt lernte er die Trapezkünstlerin Laura kennen, die eigentlich Buchhalterin war. Von ihr, so wird vermutet, leitete er seinen Künstlernamen Laurello ab.

Sie heirateten und tourten gemeinsam durch Europa - bis Laurello eines Tages in St. Petersburg aus großer Höhe stürzte und sich sämtliche Knochen brach. Monate musste er im Krankenhaus verbringen. Danach hatte er ein kürzeres Bein - und noch eine andere Merkwürdigkeit: Er konnte seinen Kopf jetzt um 120 Grad nach hinten drehen statt um nur 90 Grad zur Seite.

Das wollte Martin Emmerling alias Laurello nutzen. Zurück in Nürnberg montierte er zwei Eisenkrampen an eine Wand und polsterte sie mit Leder. Er zwängte seinen Kopf hinein und begann, ihn langsam und Stück für Stück immer weiter zu drehen - bis der Kopf eines Tages mit der Nase über dem Rückgrat saß. Vier Jahre, erinnerte sich später sein Neffe Werner Hübner, habe Onkel Martin an der Nummer gearbeitet, bis er mit verdrehtem Kopf hinter seinem Rücken jonglieren konnte.

Der Erste Weltkrieg war vorüber, als ihn ein Agent des großen US-Zirkus Ringling Bros. and Barnum & Bailey in einem kleinen Varieté in Chemnitz entdeckte und unter Vertrag nahm. In diesen Unterhaltungsshows wurden zum Beispiel Kleinwüchsige, Fettleibige oder siamesische Zwillinge vermarktet. Laurello war zeitweise im gleichen Ensemble wie die schwarzen Albino-Brüder George und Willie Muse, die ihrer Mutter gestohlen worden waren, fortan vermarktet als Eko und Iko, angebliche "Botschafter vom Mars".

Hund und Katze

Laurellos Ehe hatte die Wandlung zum Kopfverdreher offenbar nicht überstanden. Mit 35 heiratete er die zehn Jahre jüngere Emilia, die ihn 1921 in die USA begleitete. Ob er danach noch Frauen den Kopf verdrehte, ist nicht bekannt. Mit Emilia, die ihn 1931 suchen und festnehmen ließ, söhnte er sich offenbar wieder aus. Zur New Yorker Volkszählung von 1940 jedenfalls, das besagte die Statistik, wohnten beide - wieder oder immer noch - zusammen.

Eine andere Dame allerdings war auf Laurello gar nicht gut zu sprechen. Von seiner Künstlerkollegin Percilla Bejano, wegen ihrer starken Behaarung in Freakshows als "Monkey Girl" präsentiert, stammt die Aussage: "Er war ein Nazi. Und er mochte die amerikanische Flagge nicht."

Ob Laurello außer verdrehten Wirbeln auch eine verdrehte Weltsicht hatte, bleibt Spekulation. Seine Haltung zu Deutschland ist nicht dokumentiert. Wohl aber, dass sein Sohn Albert im Zweiten Weltkrieg auf amerikanischer Seite gegen Hitlerdeutschland kämpfte und drei Wochen vor Kriegsende starb.

Außer auf Besuch kehrten Martin und Emilia Emmerling nicht mehr nach Deutschland zurück. Mit zunehmendem Alter ließ Laurellos Wendigkeit nach - so stellte er sich auf Dressurnummern mit Hund und Katze um. Die letzten Artikel über seine Auftritte datieren von 1952. Ein Jahr vor seinem Tod stand er demnach noch auf der Bühne.

Harry Warnecke/NY Daily News Archive/Getty Images
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