Des Teufels Leibwächter Die Geheimnisse des letzten lebenden Hitler-Vertrauten

Des Teufels Leibwächter: Die Geheimnisse des letzten lebenden Hitler-Vertrauten Fotos
AP

Im Mai 1945 quittierte Rochus Misch seinen Dienst im Führerbunker. Jahrelang hatte er im Umfeld Hitlers gelebt und gearbeitet. Am 29. Juli 2007 wurde der letzte noch lebende Zeitzeuge aus der Entourage des Diktators 90 Jahre alt - und will sich letzte Geheimnisse bewahren. Von

  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 2 Kommentare
  • Zur Startseite
    2.9 (1158 Bewertungen)

Das Verrückteste waren, sagt er, die zwei Gitarrenspieler im U-Bahnhof "Kaiserhof". "Ich komme aus einem Todesbunker, das ganze Drama, und da ist Musik. Die spielten Hawaii-Musik!" Es ist der 2. Mai 1945 in Berlin, gegen sechs Uhr morgens. Nahe der Reichskanzlei verlängern französische SS-Männer und deutsche Wehrmacht noch immer das Sterben im Zweiten Weltkrieg, und Rochus Misch versucht, dieser Hölle zu entkommen. Lebendig.

Eine Stunde vorher hatte Misch, damals 27 Jahre alt, seinen Dienst für "Führer, Volk und Vaterland" im sogenannten Führerbunker unter der Reichskanzlei quittiert - natürlich ordnungsgemäß, wie es sich für einen Soldaten gehört. Er habe Goebbels gefragt, ob noch was für ihn zu tun sei. "Herr Reichskanzler, ich möchte doch mit den Kameraden weg." Zu dem Zeitpunkt ist die Rote Armee vielleicht noch 200 Meter von Mischs Arbeitsplatz der letzten sechs Jahre entfernt. Misch war Adolf Hitlers Leibwächter und Telefonist - und einer der letzten, die den Bunker verließen. Und er hat alle überlebt. Er ist der letzte Zeuge.

Rochus Misch wohnt in einem Zweifamilienhaus in Berlin. Die Gegend hat etwas Dörfliches, die Nachbarn kennen und grüßen sich, es ist, eigentlich, eine ruhige Ecke. Nur bei Rochus Misch nicht. Das Telefon klingle dauernd, beklagt er sich, und auf dem Tisch stapelten sich schon wieder die Briefe. Selbst aus Japan, Spanien und den USA bekäme er Post. Mit Geldscheinen drin und mit Anfragen nach Autogrammen. Erst neulich habe er wieder einen Satz Fotos bestellt. Die unterschreibe er dann und schicke sie zurück. Die Fotos zeigen Misch in Uniform, vor zwei Bunkern, vor 65 Jahren. Der Krieg lässt Misch nicht los.

Geboren 1917 im oberschlesischen Oppeln (heute Opole in Polen), wird Rochus Misch mit zwei Jahren Vollwaise. Er wächst bei den Großeltern auf, wird nach dem Schulabschluss Werbemaler. Und tritt 1937 in die sogenannte Verfügungstruppe ein, dem Vorgänger von Hitlers SS-Leibstandarte. Während des Krieges in Polen wird er schwer verwundet, als er die Übergabe einer polnischen Kampfstellung verhandeln soll. Danach beginnt das, was Misch noch heute lapidar "Soldatenschicksal" nennt.

"Ich hatte Angst. Bloß nicht dem Führer begegnen"

Während seiner Genesungszeit empfiehlt ihn sein Kompaniechef dem "Führerbegleitkommando", weil der letzte Verbliebene einer deutschen Familie nicht an der Front stehen solle. Man habe ihn in ein Auto gesetzt und in die "Führerwohnung" nach Berlin gebracht, in die Reichskanzlei, erzählt er. Dort wurde er vom Chefadjutanten Hitlers eingewiesen. "Und ich hatte Angst. Bloß nicht dem Führer begegnen. Der Führer war doch für mich 'der Führer', wie für alle Deutschen." Und dann ging der Chefadjutant zur Tür, und dahinter stand: Hitler. Ihm sei eiskalt gewesen, sagt Misch, und dass Hitler ihm einen Brief für seine Schwester in Wien gegeben habe. "Das war die erste Begegnung. Das war kein Monster, das war kein Übermensch, der stand mir gegenüber wie ein ganz normaler Herr. Mit netten Worten."

Rochus Misch kennt viele solcher Momente, und er erzählt sie nun schon seit Jahren. Oft sogar, das merkt man, wenn man Interviews vergleicht, in denselben Worten. So, als ob sie sich eingebrannt hätten. Er erzählt sie den japanischen Touristen, die unangemeldet vor seiner Tür stehen, ebenso wie den Journalisten internationaler und lokaler Zeitungen. Willy Brandt sei bei ihm zu Besuch gewesen, sagt er, und auch mehrere Filmemacher. Guido Knopp etwa, aber auf ihn ist Misch nicht gut zu sprechen. Warum, will er nicht verraten. Und auch nicht das letzte Geheimnis, das sich um die letzten Tage im Bunker rankt.

Eigentlich ist jede Minute protokolliert, alles bekannt - nur nicht, wer Hermann Fegelein, verheiratet mit Eva Brauns Schwester und damit so gut wie Hitlers Schwager, erschoss. Fegelein war der Verbindungsoffizier Heinrich Himmlers bei Hitler und hatte sich am 27. April unerlaubt aus dem Bunker entfernt. Vom Reichssicherheitsdienst in seiner Berliner Wohnung in der Bleibtreustraße verhaftet, wurde der SS-General am 29. April hingerichtet. "Kriminalrat Högl, der Vertreter von Rattenhuber, hat den Befehl gegeben, Fegelein zu erschießen. Das weiß ich von einem Reichssicherheitsdienstbeamten, dessen Kollege Fegelein erschossen hat. Dessen Namen weiß ich - aber der bleibt bei mir", sagt Misch.

Eva Braun saß tot in der Couchecke

Hitler jedenfalls habe - anders als etwa sein Biograf Joachim Fest behauptet - Fegelein nicht erschießen lassen. Er habe ihn nur degradiert. Mehr will er dazu nicht sagen. Der Schütze lebe zwar nicht mehr, aber trotzdem. Lieber erzählt Misch von Hanna Reitsch, der Pilotin, die die Goebbels-Kinder noch aus dem umkämpften Berlin ausfliegen wollte. Dass Joseph Goebbels seine Kinder gerettet sehen wollte, seine Frau Magda aber in ihrer Hitlerhörigkeit lieber alle sechs umbrachte. Und danach Karten spielte. Wie Hitler sich vor seinem Selbstmord noch von allen verabschiedete. Dass Eva Braun tot in der Couchecke saß, mit dem Kopf zu Hitler, "Knie an die Brust angezogen, sie hatte ein dunkelblaues Kleid angehabt und weiße Rüschen am Kragen".

In den frühen Morgenstunden des 2. Mai 1945 ist dann auch für Rochus Misch Schluss. Goebbels habe ihn mit den Worten entlassen "Wir haben verstanden zu leben, wir werden auch verstehen zu sterben". Misch macht die Telefonanlage unbrauchbar und verlässt den Bunker durch ein Kellerfenster. Vorher verabschiedet er sich noch vom Techniker Johannes Hentschel, der zum Schluss als einziger im Bunker ausharrt. Hentschel will weiter für Wasser und Strom im Bunkerlazarett sorgen. Er habe ihm "Auf Wiedersehen" gesagt.

Bis zum Wiedersehen sollte es acht Jahre dauern. Misch kommt bis zum U-Bahnhof "Kaisertor" (heute Mohrenstraße). Über die unterirdischen Gleisanlagen flieht er bis zum "Stettiner Bahnhof" (heute Nordbahnhof). Dort gerät er in Gefangenschaft. Unter den Gefangenen ist auch Hitlers schwer verletzter Chefpilot Hans Baur. Misch kümmert sich um Baur, doch der verrät seinen russischen Vernehmern, wo Misch zuletzt gearbeitet hat. Misch wird nach Moskau gebracht, verhört, gefoltert, immer wieder verhört. Er schreibt an Geheimdienstchef Berija und bittet ihn um den Tod durch Erschießen. "Den Brief gibt es noch im Archiv, die BBC hat ihn gefunden", erzählt er lächelnd. Nach acht Jahren in Lagern in Kasachstan und im Ural kehrt Misch 1953 nach Berlin zurück. Er macht sich im Westteil der nun geteilten Stadt selbständig und übernimmt dort das Malergeschäft eines Freundes. Dort arbeitet er bis zur Rente.

Über sein Leben während der NS-Zeit hat Rochus Misch jetzt, nach über 60 Jahren, ein Buch geschrieben. Es ist in Südamerika, Japan, Spanien, Polen und der Türkei schon erschienen. In Deutschland soll das Buch im Herbst 2007 auf den Markt kommen. Über den Verlag machte Misch keine Angaben. Der Titel allerdings steht schon fest: "Ich war Hitlers Leibwächter".

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 29.07.2007

Artikel bewerten
2.9 (1158 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Bernd Andreas Vest 23.06.2008
Goebbels hat sich doch schon am Abend des 1. Mai erschossen bzw. erschießen lassen. Außerdem ist gegen Ende des Artikels "Kaiserhof" statt "Kaisertor" zu lesen!
2.
Volker Eichmann 23.06.2008
Goebbels hat nach allem, was bekannt ist, sich - wie auch seine Frau - mit Blausäure vergiftet, und zwar am Abend des 1.5.1945 gegen 22 Uhr. Am nächsten Morgen wurden beider Leichen im Garten der Reichskanzlei verbrannt oder besser gesagt, es wurde versucht, sie zu verbrennen. Und der heute "Mohrenstraße" heißende U-Bahnhof hieß damals "Kaiserhof", nicht "Kaisertor", nach dem anliegenden Hotel. Siehe dazu auch Goebbels' Buch über die "Kampfzeit": "Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei", das er 1934 veröffentlichte. Zwischenzeitlich hier der Bahnhof "Thälmannplatz" und "Otto-Grotowohl-Straße"...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen