Design-Geschichte Der unbekannte Mr. Bauhaus

Strahlkraft des Stahlrohrmöbels: Das Bauhaus prägte Kunst und Architektur des 20. Jahrhunderts. Jetzt wird der 90. Geburtstag von Walter Gropius' legendärer Kunstschule groß gefeiert. Dabei begann ihre Geschichte schon 17 Jahre früher - mit einem wenig bekannten Genie aus Belgien.

ddp

Von Priska Schmückle von Minckwitz


Freischwinger mit Stahlrohrgestell und strenge Flachdachhäuser sind seine Markenzeichen: Das Bauhaus wurde nach dem Ersten Weltkrieg zu Deutschlands Wiege des Designs und der modernen Architektur. Am 1. April vor 90 Jahren wurde die legendäre Kunstschule in Weimar eröffnet - und prägte fortan wie keine andere Institutionen die Formen- und Farbenwelt des 20. Jahrhunderts in Deutschland und weit darüber hinaus. Zum Jubeltag überschlagen sich dieser Tage Medien und Kunstwelt mit Rückblicken und Gratulationen.

Dabei beginnt die eigentliche Erfolgsgeschichte der epochemachenden Lehranstalt auf den Tag 17 Jahre früher: Am 1. April 1902 trat in Weimar ein gewisser Henry van de Velde sein Amt als "Bevollmächtigter des Großherzogs zur Hebung des Weimarschen Kunstgewerbes" an. Angeworben hatte den gebürtigen Belgier aus Antwerpen ein Zirkel um den einflussreichen Kunstkritiker und Ästheten Harry Graf Kessler.

Der kunstbesessene Graf und seine intellektuellen Freunde hatten große Pläne - eine künstlerische Revolution sollte in der vom alten Goethe-Glanz zehrenden Provinzstadt ein "Neues Weimar" schaffen und das einstige Zentrum der deutschen Klassik erneut zu einem intellektuellen und künstlerischen Mittelpunkt Deutschlands und Europas machen. Der Mann, der diesem neuen Geist Gestalt geben sollte, war Henry van de Velde.

Vision vom "Kunstlaboratorium"

Unter dem Einfluss des britischen Sozialreformers und Künstlers William Morris hatte sich der gelernte Kunstmaler ab 1896 der Architektur und dem Kunstgewerbe zugewandt, beseelt von der Vision, ein breiteres Publikum zu erreichen und die Kunst in den Alltag zu bringen. In Berlin, wo van de Velde seit 1897 arbeitete, hatte er sich schnell als innovativer Entwerfer von Inneneinrichtungen für die bessere Gesellschaft etabliert. Er galt als führender Kopf des "Jugendstils", einer damals neuen Kunstrichtung, die konsequent mit dem herrschenden Historismus brach.

In Weimar sollte der 39-Jährige nun "eine Art Kunstlaboratorium im Dienst der Industrie" aufbauen, wie Graf Kessler die Idee formulierte. "Ihm soll nur die Existenz gesichert werden, damit er frei und ohne Sorge schaffen kann", so der weitsichtige Kultur-Netzwerker. Dafür hatte der oberste Kunstberater "die moralische Verpflichtung", der Weimarer Industrie "mit Rat und That" zu helfen. Dies war die Idee der Verzahnung von Kunst und Industrie, die fast zwei Jahrzehnte später für das Bauhaus grundlegend werden sollte.

Zuerst reiste der neue Kunstberater durch das gesamte Großherzogtum, um seinem adeligen Auftraggeber ausführlich Bericht zu erstatten über alles, was in dem kleinen Staat in den Dienst der Kunst gestellt werden könne - von der Bauernschnitzerei aus dem Erzgebirge über Töpferei, Weberei, Spielzeugmacher, Eisengießer, Glasbläser und Korbflechter bis hin zu den großen Möbelfabriken in Weimar selbst. Die Vision war klar: Weimar sollte eine Art Design-Labor bekommen, oder, in Kesslers Worten, eine "kunstgewerbliche Versuchsanstalt", an der begabte Schüler zeitgemäße Produkte für Handwerk und Industrie des Großherzogtums entwerfen sollten.

Bauhaus vor dem Bauhaus

Schon ab Oktober 1902 bot der ungewöhnliche Flame im Atelierhaus der alten Kunstschule Weimar ein privates "Kunstgewerbliches Seminar" an. Selbst ohne formale Ausbildung in diesem Bereich, war van de Velde als Gestalter ein Tausendsassa - er entwarf Villen für Industrielle und öffentliche Bauten, Möbel, Stoffe, Tapeten, Besteck, Gläser und selbst Frauenkleider, immer mit der Vision, ein "Gesamtkunstwerk" zu schaffen. Konsequent arbeitete er in den folgenden Jahren an seiner Mission, und 1908, wiederum am 1. April, war es so weit: In einem von ihm selbst geschaffenen Neubau eröffnete die "Großherzoglich Sächsische Kunstgewerbeschule" zu Weimar.

Die neue Schule war in mancher Hinsicht das Bauhaus vor dem Bauhaus. Viele Prinzipien, die Gropius gut zehn Jahre später zur Bauhaus-Philosophie erhob, wurden bereits hier praktiziert - die Einheit von künstlerischer und praktischer Ausbildung etwa und die Zusammenarbeit von Künstlern und Produzenten. Van de Velde machte "seine" Lehranstalt, die er nach und nach zielstrebig ausbaute, zu einer echten Ideenschmiede und einem der führenden Zentren für Gestaltung in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg.

Aber als im August 1914 deutsche Soldaten seine Heimat Belgien überrannten, geriet van de Velde in eine prekäre Situation. Zunächst hoffte er, in Weimar bleiben zu können. Er versuchte sogar überstürzt, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. Stattdessen erhielt er als verdächtiger Ausländer mit Feindkontakten Ausreiseverbot und musste sich nun täglich zwei Mal, morgens wie abends, auf der Polizeiwache melden. Seine Schule wurde im Oktober 1915 geschlossen.

Flucht in die Schweiz

Dass er als feindlicher Ausländer nicht mehr lange Leiter der Weimarer Schule bleiben würde, war van de Velde nach Kriegsausbruch bald klargeworden. Schon im April 1915 schrieb er an Gropius, er habe ihn zusammen mit dem Architekten August Endell und dem Bildhauer Herrmann Obrist als Nachfolger vorgeschlagen. Tatsächlich erhielt Gropius 1916 das offizielle Angebot, die Leitung der Weimarer Schule zu übernehmen - da diente er allerdings noch als Soldat an der Westfront. Van de Velde selbst erhielt Ende April 1917 endlich die ersehnte Ausreiseerlaubnis und folgte seinem Mentor Harry Graf Kessler in die Schweiz.

Gropius konnte sein Amt erst 1919 antreten, nachdem der Krieg vorbei und das wilhelminische Kaiserreich untergegangen war. Auch das Weimarer Großherzogtum wurde Opfer der Novemberrevolution, und so wurde der neue Leiter nicht mit dem Segen einer königlichen Hoheit, sondern "unter Zustimmung der Republikanischen provisorischen Regierung von Sachsen-Weimar-Eisenach" berufen - als "Leiter der Hochschule für bildende Künste einschließlich der ehemaligen Kunstgewerbeschule", die nun in den von van de Velde errichteten Schulbauten residierte. Für sie wählte Gropius jenen eingängigen Namen, der zur Ikone und zum Synonym für kühle und klare Formen werden sollte: "Staatliches Bauhaus Weimar". Der offizielle Namenszusatz "Ehemalige Großherzoglich Sächsische Hochschule für bildende Kunst und ehemalige Großherzogliche Kunstgewerbeschule" fiel schnell unter den Tisch.

Schöne Worte und Versprechungen

Van de Velde beobachtete diese Entwicklung aus der Ferne der Schweizer Berge, wo er sich eine neue Existenz aufbaute - in Deutschland fasste er nie wieder Fuß. Verschiedene Unterstützer, darunter Elisabeth Förster-Nietzsche, Schwester des Philosophen, setzten sich bei Gropius für die Wiederberufung van de Veldes ein, doch ein Besuch in Weimar im Sommer 1919 blieb folgenlos. Ernüchtert notierte der Belgier, "dass alle schöne Worte und Versprechungen von Seiten Gropius' nur schöne Worte und Versprechungen bleiben würden".

Erst als das Bauhaus Mitte der zwanziger Jahre ins Visier der reaktionären Weimar Bürgerschaft geriet, erinnerte man sich an den Gründer der direkten Vorläuferinstitution: Gropius bat seinen in der Stadt hochangesehenen Vorgänger 1924, sich doch öffentlich für die Arbeit des Bauhauses auszusprechen und bot ihm sogar einen Sitz im Kuratorium an. Also schrieb van de Velde Unterstützerbriefe an Weimarer Honoratioren, doch ein Amt lehnte er desillusioniert ab. 1925 musste das Bauhaus im Streit mit der Stadt Weimar nach Dessau umziehen.

Die Nazis erzwangen schließlich kurz nach ihrer Machtübernahme 1933 die Schließung. Viele der bedeutendsten Bauhaus-Künstler wie Wassily Kandinsky, Paul Klee oder Marcel Breuer emigrierten - und trugen den Ruhm der Schule so in die Welt. Der Anteil des genialen Entwerfers Henry van den Velde, der 1902 den Grundstein für den Welterfolg gelegt hatte, blieb bis heute nur Experten bekannt.



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uwe Krüger Winands, 18.06.2009
1.
Vielen Dank für diesen Artikel. Es ist fast 20 Jahre her, dass ich bei einem Referat über Henry van de Velde darauf gestoßen bin, das dieser Mann ganz wesentlich für die Gestaltung in der dt. Geschichte ist. Er hat z.B. 1895 mit seinem Haus Bloemenwerf in Uccle - ein Haus mit kompletter Inneneinrichtung entworfen und gebaut. Schaut man sich an, was andere Künstler zu der Zeit zuwege brachten, so waren diese noch nicht in der Lage sich aus dem Historismus zu befreien. In Brüssel - dem "Kreißsaal des Jugendstils" war es lediglich Victor Horta, der zeitgleich das Haus "Tassel" baute. Während Victor Horta in der floralen Formensprache überschäumte und nach diesem Rausch nicht mehr erwachte, war es van de Velde, der - sehr viel breitbandiger/ universeller veranlagt - durch die Künstlerszene (Aufnahme in der avantgardistischen Gruppe "XX" / Les Vingt um 1887 ) vor 1900 viel stärker beeinflusste. Gingen die Künstler in dem Haus von Louise Sèthe (seine spätere Schwiegermutter) und seinem Haus Bloemenwerf (1896) ein und aus. In der Folge wurde auf dem "Salon Art Nouveau" des Kunsthändlers Siegfried Bing - ebenfalls im Jahe 1895 - ein von Henry van de Velde gestaltetes Speisezimmer gezeigt. Die Impulse aus Belgien führten dazu, daß man in Berlin auf van der Velde aufmerksam wurde (Harry Graf Kessler) und 1897 in Berlin die " Henry van de Velde G.m.b.H. Kunstwerkstätten " gründete. Von dort ging es weiter nach Weimar... Weil Henry van de Velde keinen deutschen Pass hatte und als belgischer Staatsbürger im ersten Weltkrieg nicht gelitten wurde (http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Belgiens#Die_Weltkriege_und_die_Zwischenkriegszeit) ... doch das erklärt nicht alles. Es muss weitere Gründe dafür geben, daß man den Belgier Henry van de Velde geflissentlich übersehen hat. Darum: Nochmals danke für diesen Artikel und allen Interessierten viel Spaß bei der äußerst spannenden Recherche über die Ereignisse der Zeit um die Jahrhundertwende.
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