Design in der DDR "Das Beste für den Werktätigen"

Design in der DDR: "Das Beste für den Werktätigen" Fotos
Günther Höhne

Es war nicht alles schlecht im Realsozialismus - zum Beispiel das DDR-Design. Wer nach der "Wende" dem SED-Staat sein RFT-Radio, Simson-Moped und Mitropa-Geschirr als Grabbeigabe mit auf den Müllhaufen der Geschichte gab, hat es längst bereut: Die "Industrieformgestaltung" aus dem Osten gilt inzwischen als kultig bis genial

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Dresden im Jahr 1951: Unter dem Titel "Das Beste für den Werktätigen" verbreitet die Hochschule für Bildende Künste ein großes Falt-Poster, auf dem sie für das Studium der "Industriellen Formgebung" wirbt. Darauf abgebildet sind zum Beispiel Keramikentwürfe für den Gebrauch in Kindergärten, Spielzeug, Ausstattungselemente für Neubauten, Dekostoffe.

Initiiert hat die Werbeaktion der niederländische Architekt Mart Stam, Stahlrohrmöbel-Pionier der zwanziger Jahre, einst Lehrer am Dessauer Bauhaus und bis zum Vorjahr Leiter des Dresdner Studienbereichs. Stam erhofft sich von der jungen "Volksdemokratie" DDR die große Chance, seine 1933 begrabenen Visionen doch noch Wirklichkeit werden zu lassen: jene von einer menschenfreundlichen, erschwinglichen, ehrlichen und dauerhaft verlässlichen, kurzum sozial und nicht am Profit orientierten materiellen Alltagskultur für jedermann. Doch Stam wird alsbald das erste Opfer stalinistischer Kulturpolitik: Im Zuge der sogenannten Formalismusdebatte wird er 1952, nun Rektor der Ostberliner Kunsthochschule in Weißensee, von der SED buchstäblich aus dem Amte gejagt und verlässt zutiefst desillusioniert die DDR.

Seinem Kollegen Horst Michel, Gebrauchsgrafiker, Interieur-Gestalter und Hochschullehrer am Weimarer Institut für Gestaltung der Hochschule für Architektur und Bauwesen gelingt es zunächst noch, den ausgelegten ideologischen Stolperdrähten auszuweichen - bis auch ihn 1962 die Partei-Keule trifft. Anlass ist die von Michel mitverantwortete Auswahl von "formalistischen" Gebrauchsgegenständen für die V. Deutsche Kunstausstellung in Dresden 1962. Die hier gezeigte Moderne junger DDR-Industrieformgestalter wird in einem Hetzartikel des SED-Zentralorgans "Neues Deutschland" unter der Schlagzeile "Hinter dem Leben zurück" als "westlich dekadent" und "seelenloser kalter Formalismus" gebrandmarkt. Michel hat sich indes bereits so viele Verdienste auf dem Gebiet des DDR-Industriedesigns erworben, dass aus dem Anschiss kein Rausschmiss mehr wird.

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Kampf gegen die kulturelle Ignoranz und Tonnen-Ideologie

Michels Weimarer Institut hatten 1951 die ersten vier "Diplom-Formgestalter" Ostdeutschlands verlassen, bis zum Zusammenbruch der DDR 1989 folgten ihnen noch Tausende Absolventen weiterer Ausbildungsstätten für Industrieprodukt-, Textil- und Mode-, Grafik-, Keramik- und Holzgestaltung. Sie fanden Aufträge und - unter mehr oder weniger sanftem staatlichen Druck auf die Unternehmensleitungen - in zunehmender Anzahl auch Anstellung bei den "volkseigenen" Betrieben (VEB). Dort bemühen sich die meisten - oft in zähem Kampf gegen die kulturelle Ignoranz und Tonnen-Ideologie in Führungsetagen und Konstruktionsbüros - vom Reißbrett aufs Fließband zu bringen, was ihnen im Geiste von Werkbund und Bauhaus vorschwebte: eben jenes "Beste für den Werktätigen".

Zunächst gibt es dabei durchaus auch kreativen Austausch mit dem Westen. Bis 1961 ist die DDR zum anderen Deutschland hin noch nicht hermetisch abgeriegelt, und gerade für die Ostberliner Studierenden der angewandten Kunst bietet eine einfache S-Bahnfahrt von Pankow zum Bahnhof Zoo täglich schier grenzenlose Möglichkeiten, sich mit aktuellen Designtendenzen im Kapitalismus auseinanderzusetzen. Noch heute finden sich in den Bücherschränken gestandener, mittlerweile längst in die Jahre gekommener DDR-Designpioniere Mitbringsel von diesen Ausflügen nach drüben. So wie beim heute 84-jährigen Wolfgang Dyroff (einem jener ersten Weimarer Absolventen von 1951) die 1953 in Düsseldorf erschienene deutsche Erstausgabe der Raymond-Loewy-Designerbibel "Hässlichkeit verkauft sich schlecht".

Oder bei Jürgen Peters, 1958 Berliner Absolvent der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee, das erste Mitteilungsheft der Hochschule für Gestaltung Ulm "Ulm 1" aus dem Oktober 1958 sowie eine Mappe mit Informations- und Einschreibungsunterlagen für jene berühmte westdeutsche Designerschmiede. "Das Interessante für mich damals war", so Peters, "dass ich verwundert feststellen konnte: Wir in Berlin-Weißensee sind in manchem, die Ausbildungsmethodik und -praxis betreffend, weiter als die Ulmer, haben fünf Jahre früher damit begonnen als die. Zum Beispiel was Industrie-Orientierung und Interdisziplinarität betraf."

Vom demokratischen zum sozialistischen Design

Erklärtes internationales Vorbild für die DDR-Industrieformgestalter der fünfziger und sechziger Jahre ist die skandinavische Designer-Elite: die Finnen Alvar und Aino Aalto etwa, oder Poul Henningsen, Arne Jacobsen, und Verner Panton aus Dänemark. Pantons Idee vom nordischen Funktionalismus und dessen "demokratischem Design" begeistern die ostdeutschen Produktgestalter, für sie ist hier so etwas wie ein handhabbarer ideeller und materieller Ansatz für "sozialistisches Design" zu finden.

Zu diesem schwer zu fassenden Begriff taucht in den designtheoretischen Publikationen der DDR interessanterweise nirgendwo eine programmatische Äußerung auf. Das "sozialistische Design" existierte eigentlich gar nicht, ausgenommen in einigen marxistisch-leninistischen Gesellschaftswissenschaftlerhirnen, denen dazu allerdings auch nichts Handfestes einfiel. Es ließ sich weder schlüssig theoretisch untermauern noch gar praktisch bewerkstelligen - man lebte, entwarf und verbrauchte letztendlich doch in einer systemübergreifenden Marktgesetzen unterworfenen Warenwelt.

Aus gutem Grund heißt dann auch die erste umfassendere, 1971 veröffentlichte Schrift zum Designprozess in der DDR "Produktgestaltung im Sozialismus" und nicht "Sozialistische Produktgestaltung". Verfasser ist Martin Kelm, einstiger Weißensee-Absolvent und Ex-Kommilitone der nun in der DDR-Industrie gestalterische Maßstäbe setzenden Industrieformgestalter Jürgen Peters, Horst Giese, Erich John, Clauss Dietel oder Lutz Rudolph. Anders als diese aber schlägt Kelm einen ganz besonderen Karriereweg ein. Während jene zum Beispiel erfolgreich die Gestaltung von Rundfunk-, und Fernsehgeräten, von Lokomotiven und Rasierapparaten, Tafelbestecks oder Schwer- wie Schreibmaschinen revolutionieren, nutzt er glückhafte persönliche (Partei-)Verbindungen und seinen außerordentlich pragmatischen Verstand, innerhalb weniger Jahre vom Produktgestalter zum zentralen Designverwalter der ostdeutschen Republik zu werden. 1972 wird er Leiter des neu geschaffenen Amtes für industrielle Formgestaltung (AIF) und Staatssekretär.

Straffe ideologische Kontrolle

Zu den Hauptaufgaben dieses Amtes zählt die staatliche Anleitung und Kontrolle der Designprozesse in den DDR-Betrieben, das Verfassen von entsprechenden Beschlussvorlagen für Partei und Regierung, die Erteilung von Prädikaten und Verteilung von Auszeichnungen für die Gestaltungsqualität von Produkten und die "Lenkung" des Designer-Absolventeneinsatzes in der Industrie. Auch werden freiberuflichen Industriedesignern nun Daumenschrauben angesetzt. Sie sehen sich zunehmend auf Anweisung des Amtes von Auftragsvergaben der Staatsindustrie ausgeschlossen. Man will die Produkt-Kulturschaffenden straffer unter ideologische Kontrolle nehmen, und dies geschieht am effizientesten, wenn sie als Angestellte in Betriebskollektiven untergebracht sind. Das AIF nicht als ein Designzentrum der Kreativen, sondern ganz und gar Instrument der SED-Wirtschaftspolitik.

Die vollzieht in den siebziger und achtziger Jahren weitere, diesmal extrem tiefe Einschnitte in die ostdeutsche Wirtschaftsstruktur. Noch rabiater als schon etliche Male zuvor werden Betriebe zu gigantischen "Kombinaten" verschmolzen, letzte verbliebene "halbstaatliche" Firmen zwangsverstaatlicht. Viele traditionsreiche Produkte wie "Omega"-Staubsauger aus dem VEB Wärmegerätewerk Altenburg, "Komet"-Haushaltgeräte vom VEB Elektrogerätewerk Suhl oder die legendären "Erika"-Schreibmaschinen des VEB Schreibmaschinenwerks Dresden werden dabei ihrer Marken-Identität beraubt. Sie gehen gänzlich oder teilweise in Kombinats-Namen wie "Robotron" oder "Foron" oder aber den Einheitskürzeln von "Warenzeichenverbänden" wie RFT (für Rundfunk- und Fernmeldetechnik) oder AKA (für Haushaltselektrogeräte) unter.

West-Geräte "Made in GDR"

Höherer Devisenerlöse aus dem Westexportgeschäft zuliebe verschwinden häufig nicht nur heimische Marken- und Erzeuger-Signets von den ausgeführten Produkten, sondern das "Made in GDR" gleich noch dazu. So erfährt der westdeutsche Käufer von schicken "Bruhns"-Radios, -Fernsehern und -Plattenspielern meist nicht, dass die ebenso wie so manche "Privileg"- und "Hanseatic"-Geräte in der DDR entworfen und produziert worden sind. Mehr noch als das Verschwinden mancher Traditionsmarken ärgert DDR-Bürger, dass es viele Produkte gar nicht mehr zu kaufen gibt, eben weil sie in den Export gehen.

Melancholisch entsinnt man sich da der vergleichsweise goldenen Sechziger, als es auch in der DDR noch mit viel Schönem und Praktischem gefüllte Verkaufsauslagen, Versandhauskataloge und so etwas wie eine Werbe- und Verpackungskultur gegeben hatte. Auch wenn es schon damals immer wieder zu "Engpässen" und "knappen Warendecken" kam, war dies unbestritten die Blütezeit eines DDR-Designs, das sich um den Anschluss an die internationale Moderne bemühte und zugleich eigenständige, attraktive Form- und Gebrauchslösungen hervorbrachte.

Dagegen sind es Ende der achtziger Jahre oft nur noch Reste der DDR-Designkultur, dazu gestalterisch westlichen Allerweltsdurchschnitt nachahmend, mit denen sich der Werktätige nun begnügen muss. Wer das Beste für seine ehrlich verdiente DDR-Mark erheischt, findet es vielleicht noch in "Exquisit"- und "Delikat"-Geschäften - nur leider zu schwindelerregenden Preisen. Im RFT-Fachhandel kostet etwa das neueste Stereo-Kassettenradio zweitausenddreihundert Mark der DDR, zwei komplette Facharbeiter-Monatsspitzengehälter.

Dann kommt die "Wende", und es gibt plötzlich alles, was das Herz begehrt: Toll verpackt und gleich zum Mitnehmen und so spottbillig. Man kauft nichts mehr "von hier", auch wenn das nun mit einem Mal auf mirakulöse Weise wieder im Angebot ist. Selbst Schleuderpreise für Ost-Ware rufen nur noch ein Schulterzucken hervor - schöne neue West-Mark mag für "DDR-Zeugs" keiner ausgeben. Wie das Amt für industrielle Formgestaltung Ende 1990 wird bald auch fast die komplette ostdeutsche Industrie abgewickelt - erst recht, wenn sie zu konkurrenzfähig ist, wie das Wittenberger Nähmaschinenwerk mit seinen "Veritas"-Maschinen.

Zu den ersten, die ihre Arbeitsplätze verlieren, zählen hier, wie fast überall, die Designer.

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1.
Markus Waitz 30.10.2007
Wäre es nicht auch möglich gewesen, den Text nicht gerade mit 'Es war nicht alles schlecht ...' zu beginnen? Einer differenzierten Betrachtung der positiven und negativen 'Errungenschaften' des kommunistischen Experiments wird das doch nicht gerecht. Der Autor stellt sich damit in die Reihe derer, die daran arbeiten, das ungezählte Unrecht weiss zu waschen und vergessen zu machen. Lesenswert sind in diesem Zusammenhang die neueren Forschungsergebnisse von Hubertus Knabe. Als einer am Industriedesign Interessierten freue ich mich auf eine entideologisierte Würdigung zu diesem Thema.
2.
Ralf Mahrhost 30.10.2007
Ich moechte mich der Kritik von Herrn Waitz anschliessen, denn der einfuehrende Satz 'Es war nicht alles ...' zeigt die Einstellung des Autors. Es faellt mir immer wieder auf, dass bei Berichten ueber die DDR eine gewisse Arroganz, Voreingenommheit und teilweise auch Unwissenheit auftritt. Andererseits ist dies auch verstaendlich, sind die Autoren der Berichte ja in einem Land gross geworden, dass genau wie die DDR gegen den Nachbarn gehetzt hat. Und wie soll man etwas ablegen, dass man seit seiner Kindheit mit sich herumtraegt. Leider fuehrt dies dazu, dass man nur noch sehr selten neutrale Artikel findet. Dies gilt jedoch fuer beide Seiten (den Verachtern und den Nachtrauernden der DDR). Dies ist aeusserst schade, da es mir sehr schwerfaellt, ein reales Bild von der DDR zu malen. Im Artikel waere es schoen, einen Hinweis zur Haltbarkeit der Produkte in der DDR zu geben. Entgegen der Motivation in der BRD sollten naemlich alle Produkte (und nicht nur die sehr teuren) ueber einen langen Zeitraum funktionieren.
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