Deutsch-britisches Wettrüsten Das große Fürchten

Deutsch-britisches Wettrüsten: Das große Fürchten Fotos
Getty Images

Anfang der Angstmaschine: Als 1906 die britische "HMS Dreadnought" vom Stapel lief, gab es auf den Weltmeeren kein mächtigeres Kriegsschiff. Der schwimmende Schlachtkoloss ließ das Deutsche Reich erschaudern - und war die Initialzündung für das erste große Wettrüsten der Weltgeschichte. Von Johanna Lutteroth

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 21 Kommentare
    3.5 (29 Bewertungen)

Selten hatte Portsmouth so viele Besucher wie an diesem kalten Februartag 1906. In der südenglischen Stadt strömten Tausende Schaulustige Richtung Marinewerft, wer konnte, verfolgte das Spektakel in kleinen Booten vom Wasser aus. Die Menschen feierten die Taufe eines ganz besonderen Schiffes, die König Edward VII., angereist mit tausendköpfigem Gefolge, höchstpersönlich vornahm.

"HMS Dreadnought", "Fürchtenichts", hieß das Schiff, das an diesem Wintertag in Portsmouth vom Stapel lief – und es übertraf alles, was damals auf den Weltmeeren schwamm. Die "Dreadnought" war das erste mit Dampfturbinen angetriebene Kriegsschiff. Mit einer Spitzengeschwindigkeit von 22,4 Knoten hängte sie die Konkurrenz mit Leichtigkeit ab. Und statt zweier schwerer Geschütztürme hatte sie gleich fünf. Sie war eine nach allen Seiten feuernde Kriegsmaschine mit der Effektivität von drei herkömmlichen Linienschiffen, die die halbe Welt in Angst und Schrecken versetzte. Sie ließ keinen Zweifel daran aufkommen, wer der Herrscher über die Weltmeere war.

Was niemand ahnte: Die "Dreadnought" war nicht, wie es zunächst schien, der Höhepunkt englischer Rüstungsbestrebungen, sondern nur der Anfang des ersten, rasanten Wettrüstens der Weltgeschichte.

Vor allem den Deutschen, die selbst an der Herrschaft über die Weltmeere arbeiteten, fuhr der "Dreadnought"-Schreck in die Knochen. Jahrelang hatte das Reichsmarineamt unter der Leitung von Staatssekretär Alfred von Tirpitz der deutschen Öffentlichkeit eingeredet, welch akute Bedrohung von der Royal Navy ausgehe. In regelmäßigen Abständen kolportierte er, die Briten wollten die langsam erstarkende deutsche Flotte in einer Nacht- und Nebelaktion in ihren Heimathäfen vernichten. Das einzige, was dagegen helfe, seien noch mehr Kriegsschiffe. Der Propagandafeldzug unter dem Motto "Abschreckung durch Totrüstung" zeigte Wirkung: Tirpitz erhielt über Jahre die nötigen Mittel, um den massiven Ausbau der deutschen Marine voranzutreiben. Aber würde die Rechnung nach dem "Dreadnought"-Desaster noch aufgehen?

Deutsch-britisches Pressegezänk

Eines war seit dem Stapellauf klar: So schnell würde sich Großbritannien nicht kaputtrüsten lassen. Im Gegenteil: John Arbunoth Fisher, seit Anfang 1905 Oberster Befehlshaber der Royal Navy und Auftraggeber der "Dreadnought", hatte sich mit "bulldoggengleicher Energie", wie es die britische Presse formulierte, auf den absurden Wettlauf mit den Deutschen eingelassen, der offiziell dem Friedenserhalt dienen sollte. Öffentlichkeitswirksam hatte er gezeigt, dass letztlich nur Großbritannien in der Lage war, den Kriegsschiffsbau zu revolutionieren, und Tirpitz doch nur in der Regionalliga spielte.


einestages gefällt Ihnen? Hier können Sie Fan bei Facebook werden.

Dabei kam ihm zugute, dass die von Tirpitz über Jahre lancierten, anti-englischen Spitzen in Großbritannien eine heftige Gegenreaktion ausgelöst hatten. Dort galt das Deutsche Reich inzwischen als veritable Bedrohung. Und auch in England kursierte das Gerücht, die Marine solle vom Gegner vernichtet werden. Anlässlich des sogenannten Doggerbank-Zwischenfalls im Herbst 1904 entlud sich auf englischer Seite die aufgestaute Paranoia zum ersten Mal. Die russische Ostseeflotte hatte in der Hochphase des russisch-japanischen Kriegs an der Doggerbank einige englische Fischkutter angegriffen, die sie für japanische Torpedo-Boote hielt. Die Briten waren fest davon überzeugt, die Deutschen hätten den Angriff lanciert. Ein Vorwurf, der sich zwar nie bestätigte, aber in den Medien für viel Wirbel sorgte.

Die "Sun" räsonierte am 6. November 1904 über die von Tirpitz so oft beschworene Möglichkeit, die deutsche Flotte ohne Vorwarnung anzugreifen und zu vernichten. Die "Army and Navy Gazette" fand das eine gute Idee: "Wenn es essentiell für Europa werden sollte, dass der deutsche Flottenbau gestoppt wird, dann hat die britische Flotte derzeit nichts Wichtigeres zu tun." Und auch die Zeitschrift "Vanity Fair", sonst eher für leichtere Themen zuständig, stimmte zu: "Wenn die deutsche Flotte zerstört würde, herrschte in Europa für zwei weitere Generationen Frieden." Während Berlin und London nach außen hin den Anschein von Ausgleich und Harmonie erweckten, führten die Medien beider Länder ganz offen einen Krieg mit Worten. Es war der Beginn einer fast acht Jahre dauernden deutsch-britischen Pressefehde, die mal lauter, mal leiser ausgetragen wurde.

Größer, schneller, weiter

Tirpitz und Fisher befeuerten nach Kräften diesen Pressekrieg, um ihre Flottenbaupläne voranzutreiben. Und damit begann neben den Scharmützeln der Zeitungen etwas viel Bedrohlicheres: das erste Wettrüsten der Weltgeschichte, eine finstere Materialschlacht, die beide Volkswirtschaften an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit treiben sollte. Sechs Jahre lang ging es um Stahlpanzer, Geschützrohre, Zahlen und Daten. Sechs Jahre lang bekriegten sich die deutschen und britischen Medien, während die Regierungen in London und Berlin öffentlich abwiegelten und das angeblich so gute Verhältnis der beiden Staaten betonten. Sechs Jahre lang drohte der Seekrieg - und brach dann doch nicht aus.

1906 gelang es Tirpitz, im Reichstag eine Novelle zum Flottengesetz durchzudrücken und weitere Mittel für den Schlachtschiffbau lockerzumachen. Die Antwort auf die "Dreadnought" lief zwei Jahre später vom Stapel: die "SMS Nassau". Der deutsche Stahlkoloss hatte sogar sechs Geschütztürme, lief aber weiterhin mit einer Kolbendampfmaschine, weil die deutsche Industrie noch keine Dampfturbinen herstellen konnte. Statt Linienschiffen wurden nun die deutschen "Dreadnoughts" der "Nassau"-Klasse gebaut. Insgesamt vier Stück liefen 1908 vom Stapel. In den folgenden Jahren legte Tirpitz jedes Jahr vier neue Kampfmaschinen auf. Rund 120 Millionen Mark flossen jährlich in die Stahlkolosse - trotz einer Staatsverschuldung von vier Milliarden Mark.

Fisher zog mit. Bis 1908 gab er jährlich drei "Dreadnoughts" in Auftrag. Die neuen Kampfmaschinen wurden jedes Jahr leistungsfähiger, dank immer modernerer Antriebssysteme, neuer Panzertechniken und größerer Kaliber. Doch dann wechselte 1909 die Regierung, und der neue Premierminister Herbert Henry Asquith hielt sich in Rüstungsfragen zurück. In der Öffentlichkeit kam das gar nicht gut an. Das sogenannte Vierertempo des deutschen Flottenbaus sorgte für große Unruhe. Die Reichsführung habe ihren Schlachtflottenbau intensiviert, warnte die "Times" im Oktober 1908. Die Forderung war unmissverständlich: Wir müssen gegenhalten.

Grandiose Fehlinvestition

Die Angst drohte in Hysterie umzuschlagen. Großbritannien befinde sich mitten in einem tödlichen Kampf ums nationale Überleben, das Land stehe am Rande eines Krieges, wie er zerstörerischer und grausamer nicht vorstellbar sei, schrieb die "Daily Mail" angesichts der vermeintlichen deutschen Übermacht. Die Flottenpanik ergriff die gesamte Bevölkerung. In düstersten Farben schilderten Redner und Zeitungen den deutschen Angriff, der unmittelbar bevorstehe. Navy-Chef Fisher wusste die Stimmung für sich und sein Flottenbauprogramm auszunutzen. Ende Juli 1909 hatte er die Regierung weichgekocht. Sie bewilligte weitere acht "Dreadnoughts", die aufgrund ihrer Größe und Schlagkraft "Super-Dreadnoughts" genannt wurden. In den folgenden Jahren kamen jeweils vier dazu. 1911 waren es sogar sechs.

Spätestens jetzt war klar, dass Fisher das Rennen gemacht hatte. Denn die Materialschlacht hatte das Deutsche Reich finanziell nahezu ruiniert. Noch mehr Geld konnte und wollte niemand mehr in die Flotte pumpen. Tirpitz musste sich zwangsläufig mit der kleinen Lösung abfinden. Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs wurde dann die ganze Absurdität des Wettrüstens offenbar: Aus Angst, die gigantische Schlagkraft ihrer Flotten könne zu einem Armageddon zur See führen, vermieden englische und deutsche Marineführer ein Aufeinandertreffen.

Nur zwei Mal wurden die beiden Riesenflotten aufeinander losgelassen: Am 24. Januar in der Doggerbank und am 31. Mai 1916 in den Gewässern vor Jütland. Weil die Admiräle auf beiden Seiten fürchteten, ihre Regierungen könnten nach dem Krieg die Flotten einstampfen, entschlossen sie sich nur zu wenigen Duellen. Doch sowohl die Auseinandersetzung 1915 als auch die sogenannte Skagerak-Schlacht 1916 bestätigten nur noch einmal, dass das deutsche und britische Flottenbauprogramm eine grandiose Fehlinvestition war: Es gab keine klaren Sieger.

Mitarbeit: Jakob Kraft

Artikel bewerten
3.5 (29 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 21 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Ralf Bülow 22.02.2012
Herrjeh - jetzt schreiben schon zwei Leute einen Artikel, und immer noch stimmt die Geschichte nicht. Also: Es gab schon 1914 zwei Gefechte zwischen englischen und deutschen Schiffen (Falkland, Coronel) mit Verlusten auf beiden Seiten und im Januar 1915 das Gefecht auf der Doggerbank, wo der deutsche Kreuzer "Blücher" sank, siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Gefecht_auf_der_Doggerbank Die Skagerrakschlacht war ein taktischer Gewinn für Deutschland (das weniger Schiffe verlor) aber ein strategischer Sieg für England (das weiterhin die Nordsee blockierte), siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Skagerrakschlacht
2.
Stephen Phillips 22.02.2012
>Herrjeh - jetzt schreiben schon zwei Leute einen Artikel, und immer noch stimmt die Geschichte nicht. Also: Es gab schon 1914 zwei Gefechte zwischen englischen und deutschen Schiffen (Falkland, Coronel) mit Verlusten auf beiden Seiten und im Januar 1915 das Gefecht auf der Doggerbank, wo der deutsche Kreuzer "Blücher" sank, siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Gefecht_auf_der_Doggerbank >Die Skagerrakschlacht war ein taktischer Gewinn für Deutschland (das weniger Schiffe verlor) aber ein strategischer Sieg für England (das weiterhin die Nordsee blockierte), siehe >http://de.wikipedia.org/wiki/Skagerrakschlacht Stimmt! Die Schlacht bei Coronel und die nachfolgende bei den Falklands kann man m. E. noch vernachlässigen, da es sich 1. nur um recht kleine Flottenverbände und 2. um Pre-Dreadnoughts handelte. Die Schlacht bei der Doggerbank jedoch war das erste Gefecht zwischen modernen Dreadnoughts ... > > > >
3.
Christian Gödecke 22.02.2012
Die Schlacht bei der Doggerbank war tatsächlich das erste Zusammentreffen der Dreadnoughts. Vielen Dank für die Hinweise, wir haben das im Text entsprechend geändert. Die Redaktion
4.
Michael Preil 22.02.2012
Sehr ärgerlich. Wenn es um Umweltthemen geht oder um Wirtschaftsfragen, kann gar nicht penibel genug recherchiert werden. Im militärischen Sektor jedoch, zumal in der Militärgeschichte, wo menschliches Leid, Tod und Verstümmelungen am direktesten ins Bewusstsein gelangen, demonstrieren Redakteure stehts gähnendes Desinteresse. Skagerrak kostete sehr wohl Schiffe und Verluste an Menschenleben und hatte strategische Auswirkungen. Und vor dem Ersten Weltkrieg vertrat Deutschland die Doktrin der "Risikoflotte". Es sollte kein hirnloses Wettrüsten um die Weltherrschaft gestartet, sondern die Gefahr durch die Royal Navy gebannt werden, indem man einen britischen Angriff so riskant wie möglich macht. Das britische Seereich war nie zimperlich gewesen, wenn es um seine Interessen ging. Die Versenkung der dänischen Flotte im Hafen von Kopenhagen ca. 100 Jahre früher ist nur eines von vielen Beispielen. Man sollte deshalb als verantwortlicher Redakteur durchaus ins Auge fassen, dass die Überlegungen von deutscher Seite damals nicht per se größenwahnsinnig und menschenveachtend waren, sondern in ihrer Situation verstanden sein wollen - und nicht aus dem, was Wikipedia heute so zu bieten hat.
5.
Frank Schulze 22.02.2012
"Öffentlichkeitswirksam hatte er gezeigt, dass letztlich nur Großbritannien in der Lage war, den Kriegsschiffsbau zu revolutionieren, und Tirpitz doch nur in der Regionalliga spielte." Was für eine realitätsfremde Aussage. Immerhin waren die deutschen Schiffe im Schnitt, trotz kleinerer Kaliber, aufgrund ihrer besseren Zieltechnik (mehr Treffer) und ihrer stärkeren Panzerung den britischen Schiffen überlegen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH