Deutsch-deutsche Grenze Bei Prof. Flimmrich und Mrs. Karierteskleid

Deutsch-deutsche Grenze: Bei Prof. Flimmrich und Mrs. Karierteskleid Fotos

"Drüben" war ein komisches Land: Vor dem Eingang lag ein Baumstamm, der Vater war dort geboren, wollte aber nie mehr dorthin zurück. Und die Lehrerin fuhr fast aus der Haut, als die Viertklässlerin Silvia Friedrich den mutigen Schritt ins Unbekannte wagte. Von

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An diesem Tag hätte ich mir fast eine Ohrfeige von Fräulein Pröve eingefangen. Das Fräulein hatte uns einen Ausflug versprochen. Am frühen Morgen zuckelte der Bus mit uns Viertklässlern in Richtung innerdeutsche Grenze. Das Dorf, von dem wir aufbrachen und in dem unsere Schule stand, befand sich irgendwo im Niedersächsischen und war, was die weltpolitischen Zusammenhänge anbetraf, relativ unbedeutend.

Eine halbe Stunde Fahrt hatte es gedauert, dann lag er vor uns: der ost-westliche Äquator. Der Bus stoppte ganz in der Nähe eines Schlagbaums und wirbelte dabei eine Menge Staub auf. Endlich durften wir alle aussteigen. Auf einem kleinen weißen Schild, direkt am wegversperrenden Holzhindernis, stand: "Halt! Hier Grenze. Bundesgrenzschutz".

Hinter dem "Halt" hatten sie ein Ausrufungszeichen gemalt. Das machte Eindruck und sah aus, als ob uns jemand anbrüllte. Es war also wichtig, hier stehen zu bleiben und ja nicht weiter zu gehen. Das Fräulein erklärte irgendwas, aber wahrscheinlich hörte niemand von uns so richtig zu. Dass da drüben auch Deutschland sei und wir doch alle froh sein können, hier in Freiheit zu leben, sagte sie und wir Kinder standen ein wenig ernst guckend herum, verstanden aber nicht viel und hofften, dass das niemand merkte.

Geheimnisvolles "Drüben"

Sie bot uns wenig, die Grenze. Damals, 1964. Man sah nichts, konnte immer nur ahnen, und was die Großen da gemacht hatten und warum sie das taten, blieb uns sowieso verschlossen. Ich sah in die Richtung, die alle Erwachsenen immer als "drüben" bezeichneten. Viel war nicht zu entdecken. Ein wenig Landschaft, dann nichts mehr und dann kam wohl wieder ein Zaun, aber den konnte man gar nicht so genau erkennen.


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Irgendwo, ganz weit weg, bellte ein Hund. Wie der wohl aussah, ging es mir durch den Kopf. Und wem er wohl gehörte? Ich malte mit dem Fuß im Sand herum und dachte an meinen Vater, der fast täglich auf diese Grenze schimpfte. Er kam von "drüben" und wollte dort nie im Leben wieder hin. Solange ich mich erinnern konnte, hatte er keinen einzigen Satz, der sich mit diesem "Drüben" beschäftigte, in ruhigem Ton gesprochen. Immer wurde er dabei furchtbar wütend. Ich verstand sehr früh, dass man ihm die Heimat genommen hatte und er diesen neuen Staat da "drüben" nie mehr betreten wollte.

"Wie kann man nur ein ganzes Land einsperren?", rief er laut und schüttelte den Kopf, fing dann meistens an zu fluchen, und meine Mutter hielt mir die Ohren zu. Wenn wir zu Hause aus Versehen oder in der Annahme, mein Vater befand sich außer Reichweite, den Ostfernsehkanal anschalteten, gab es meistens Krach. Denn genau in dem Moment, wenn Professor Flimmrich seine Märchenstunde ankündigte, kam mein Vater ins Zimmer und brüllte, dass wir sofort die Ostzone ausschalten sollten.

Montags um 20 Uhr, passend zum Beginn der West-Tagesschau, stolperte im feindlichen Ostkanal Willi Schwabe mit einer alten Laterne nach Klängen der Nußknacker-Suite in seine verstaubte Rumpelkammer. Dort holte er alte Filme aus Blechdosen und Schubladen und man konnte sich, angesichts dieser harmlosen Ufa-Filmausschnitte, gar nicht vorstellen, dass es da mal einen Krieg gegeben hatte und wir alle nun mitten in seiner erkalteten Fortführung lebten.

"Die haben alle alten Filme behalten", rief dann meine Mutter immer und meinte mit "die" die DDR-Bürger, die wir im Westen politisch noch nicht anerkannt hatten. Dennoch sah sie sich die Filmchen gerne an. Meine Mutter war da nicht sehr konsequent. Sobald mein Vater in der Nähe war, schalteten wir zum Westen zurück, sonst hätte sich der Kalte Krieg bei uns zuhause fortgesetzt.

"Lass das, sonst …"

Ich musste unbedingt Fräulein Pröve davon erzählen, dass mein Vater aus dem Osten kam und meine Mutter aus dem noch viel östlicheren Osten. Da, wo sie geboren wurde, hieß heute nichts mehr wie vorher. Selbst alle Verwandten hatten nun andere Namen, die man nicht aussprechen konnte, weil sie auf Polnisch waren.

Hier vor diesem langweiligen Baumstamm, der quer über die Straße gelegt jede Weiterfahrt verhinderte, schien mir der richtige Ort dafür zu sein, von heimischen Erfahrungen mit dem "Drüben" zu berichten. Enthusiastisch begann ich meinen Satz mit "Wo ich mal...", aber meine angebetete Lehrerin korrigierte mich sofort und dann hatte ich keine Lust mehr, noch weiter zu erzählen. Ich lernte vor diesem Schlagbaum, dass man einen Satz mit "als" beginnt und zucke noch immer zusammen, wenn ich es heutzutage irgendwo falsch höre. Es machte mir viel aus, von meiner Lehrerin gerügt zu werden, denn ich hatte sie eigentlich gern.

Vollends verdarb ich es mir, als ich vorhatte, einen Fuß hinter den Schlagbaum zu setzen. Ich hob meinen Schuh und meine Stimme, sah etwas verschmitzt zum Fräulein und fragte: "Und was ist, wenn ich jetzt mal dahinter gehe?" Das Fräulein regte sich furchtbar auf, schrie mich fast an und zog mich zurück. Schimpfte, dass ich das aber sofort sein lassen sollte, sonst...

Nie verziehen

Was im Satz hinter dem "Sonst" kam, hörte ich nicht mehr, denn ich hielt mir die Ohren zu in der Hoffnung, damit ihrer Schimpfkanonade zu entgehen. Eigentlich wollte ich mich nur ein wenig wichtig machen in dem Moment. Alle sollten gucken und mich für diesen mutigen und grandiosen Einfall bewundern, der sich in meiner Vorstellung ohne weiteres mit Kennedys "Ich bin ein Berliner"-Satz, ein paar Jahre zuvor, hätte messen können.

War es nicht auch, im Rahmen meiner kindlichen Möglichkeiten, ein Schritt zur Völkerverständigung? Hier und sofort würde ich diese Grenze ignorieren, im Alter von zehn und ohne Angst. Ein erster Schritt. Ein "Tear-down-this-Wall" 20 Jahre früher, von einem Kind demonstriert!

Leider ging es nach hinten los und ich glaube, das Fräulein hat es mir - sollte sie noch leben - bis heute nicht verziehen.

London für DDR-Bürger

Interessiert beobachtete ich in den folgenden Jahren den Ost-Fernsehfunk. Immer nachmittags, versteht sich, wenn mein Vater nicht da war. Und außer Staatsbürgerkunde, das mir spannende Einblicke in den Sozialismus und seine Ziele brachte, gab es da noch den Englisch-Unterricht einer ganz in Grau gekleideten Dame mit Brille und kariertem Kleid in einer grauen Dekoration aus Pappmaché. Sie sagte immer "Good bye, viewers" und "that's all for today" und ich hing an ihren grauen Lippen.


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Der Empfang war schlecht und das Bild ein wenig verzehrt, dennoch konnte ich erkennen, das den DDR-Bürgern da ein London präsentiert wurde, das mit den "Swinging Sixties" des westlichen Londons wenig zu tun hatte. Im Englisch-Unterricht des Ostkanals besuchte man die Orte in der Britischen Hauptstadt, in denen Karl Marx sich aufgehalten hatte. So stand Mrs. Karierteskleid vor einem Marx- und Engels-Denkmal und war ergriffen. Dann wieder sprühte sie in ihrer Pappdeko Wasser auf trockene Wäsche und wies eine andere Schauspielerin, die Peggy hieß, ins Wäschebügeln ein. Begeistert erzählten beide den Zuschauern dann von einem Lied, das "If I had a hammer" hieß.

Und dann kam ein Mann ins Bild, der gar nicht ins Bild passte: Er sah nicht aus, als ob er aus Jena oder Magdeburg käme und sang mit seiner ganzen Manneskraft und einer Gitarre, in perfektem Englisch einen Song: "If I had a hammer, I'd hammer in the morning -

I'd hammer in the evening, all over this land."

Obwohl der Mann, der sich Dean Reed nannte, ungewöhnlich gut aussah, nicht berlinerte, und auch sonst etwas Weltmännisches hatte, bekam ich bei diesem Lied ein ungutes Gefühl. Denn diese Peggy, der Ost-James-Dean und Mrs. Karierteskleid verbanden mit dem Gesang eine Botschaft. Diese drang bis zu mir in meine kleine Stube in meinem 100-Seelen-Westdorf durch: "Wir kriegen euch. Wir kriegen euch alle!"

Und ich schaltete den Fernseher wieder aus.

Hinter dem Schlagbaum

Einige Zeit später sah man James-Dean-Ost noch einmal im Fernsehen - in einem Kahn stehend, mit einem langen Stab in den Händen, mit dem er als Eichendorffs Taugenichts durch Spreewälder Kanäle stakste. Nie entspannt, sondern immer laut singend. "Die Gedanken sind frei" brüllte er durch die unschuldige Landschaft und ich, nun schon im Teenageralter, wunderte mich, warum man ihn ausgerechnet diese Zeilen singen ließ.

Ein paar Jahre später lernte ich dann die Grenzanlagen kennen, auf dem Transit nach West-Berlin. Dazu brauchte man furchtbar viele Papiere. Ich musste zur Sekretärin unseres Bürgermeisters im Ort, um mir einen Pass zu besorgen. Sie kam einmal pro Woche aus der Kreisstadt, saß in einem dunklen Raum, gleich neben den Schweineställen und war ansonsten sehr freundlich.

Sie begann mich zu vermessen, sagte, dass ich grüne Augen hätte und 1,76 cm groß sei. Das schrieb sie alles auf und machte es mit vielen Stempeln amtlich. Doch ohne das ging es ja nicht.

Und dann fuhr ich zum ersten Mal in dieses Land hinter dem Schlagbaum. Neugierig wollte ich erfahren, was sich dort alles verbarg. Doch die Autobahn lag fernab von jeder menschlichen Ansiedlung. Kein einziger Blick auf die Bewohner und Orte des Landes war möglich. Fotos durfte man auch keine machen oder einfach "Hallo" sagen und fragen, ob die Menschen hier genau wie ich diesen dämlichen Englisch-Unterricht im Fernsehen gesehen hatten. Ob James Dean noch immer in den Kanälen des Spreewaldes herumirrte und ob sein Gesang dem Fischbestand geschadet hatte.

Ich kam in Berlin-West an und vergaß angesichts der Größe fast völlig, dass ich gerade eine ummauerte Stadt eroberte. Bis ich zum Brandenburger Tor kam. Von einem Gestell aus Holz sah ich nach "drüben". Und ich glaube, ich habe dort Peggy, James Dean und Mrs. Karierteskleid gesehen. Sie flanierten über den ehemaligen Prachtboulevard "Unter den Linden" und sahen für einen Moment zu mir hinüber.

Ich bin froh, dass sie nicht gesungen haben.

Zum Weiterlesen:

Bettina Buske, Patricia Koelle (Hrsg.): "Mauerstücke - Erinnerungsgeschichten". Dr. Ronald Henss Verlag, Berlin 2009, 179 Seiten.

Das Buch, bei dem Silvia Friedrich Mitautorin ist, erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

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1.
Norbert Polster 29.07.2011
Ich bin "da drüben" aufgewachsen - ironischerweise genau spiegelverkehrt. Denn wenn ich etwas "von drüben" anschaute, dann auch nur heimlich am Nachmittag oder mit Ärger verbunden. Da waren wir uns anscheinend mal wieder ähnlicher, als wir damals dachten...
2.
Silvia Friedrich 29.07.2011
Hallo Norbert, dieses "Spegelverkehrt" ist witzig. Da kommen einem gleich Ideen zu neuen Geschichten ;-)
3.
Siegfried Wittenburg 01.08.2011
Genau, Englisch-Unterricht mit Tom und Peggy! Die waren harmlos. Die Lehrbücher davor waren viel steifer, viel mehr Marx, bitterböser Kapitalismus und ständiger Klassenkampf. Aber nicht alle Lehrer und Menschen im Osten waren so beinhart wie die im DDR-Fernsehen. Unsere Englisch-Lehrerin: ?Im Englischen muss man das R richtig zwischen Zunge und Unterkiefer rollen. Rrrrrrolling Stones. Jetzt alle: Rrrrrrolling Stones.? Und die Fans von Dean Reed saßen halt im Politbüro bzw. im Kreml, wobei das Volk sich über jeden Star aus Amerika freute, den es hautnah erleben konnte. Dean Reed hat seine Haltung zur DDR in den 80er Jahren radikal verändert. Er wird seine Erfahrungen gemacht haben.
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