Deutsch-deutsche Grenzgeschichte Letzte Station DDR

Abschied für immer? Der Bahnhof von Probstzella in Thüringen war bis zur Wende eine Hochsicherheitszone, in der DDR-Grenzer Millionen Deutsche kontrollierten. Jetzt soll er abgerissen werden. Doch es regt sich Widerstand.

Christian Rauschert

Von Moritz Miebach


Grau, abweisend, hässlich - der Grenzbahnhof im thüringischen Probstzella ist ein DDR-Zweckbau. Aber immer, wenn Dieter Nagel an dem groben Betonkasten in der Bahnhofsstraße seiner Heimatstadt vorbeikommt, werden Erinnerungen wach: "Völlig ausgeliefert" habe er sich an jenem Oktobermorgen im Jahr 1987 gefühlt, als das große Eisentor der Grenzübergangsstelle, kurz GÜSt wie es im DDR-Jargon hieß, ins Schloss fiel. Monatelang hatte Nagel auf die Erlaubnis gewartet, zum Geburtstag seines Onkels nach Westfalen fahren zu dürfen. Als sie endlich kam, packte er sofort seine Sachen.

Doch an der GÜSt angekommen, wurde Nagel erstmal im Befehlston angeherrscht. Allein sperrte man ihn in einen Raum mit vergitterten Fenstern, sein Koffer wurde gefilzt. Nach quälenden Minuten des Wartens führte ihn ein Grenzer endlich hinaus. Zum ersten Mal stand der 33-jährige Ingenieur für Bio-Medizintechnik auf dem Bahnsteig, der nur zehn Minuten von seinem Haus entfernt liegt. "Ich konnte kaum glauben, dass ich nun wirklich das große Gefängnis DDR in Richtung freier Westen verlassen durfte, wenn auch nur für eine Woche", sagt Nagel. Seine Frau und die beiden kleinen Töchter ließ er zurück bei der Reise ins Ungewisse.

Die Grenzübergangsstelle in Probstzella war einer der wichtigsten Bahnhöfe in der DDR. Mehr als 20 Millionen Menschen wurden an dieser Stelle der deutsch-deutschen Grenze kontrolliert. Bis zu 300 Beschäftigte arbeiteten dort: Grenzsoldaten, Zöllner, Bahnarbeiter. Und die Mitglieder der berüchtigten Passkontrolleinheit, die direkt dem Ministerium für Staatssicherheit unterstand. Am 30. Juni 1990 wurden die Kontrollen eingestellt und der Posten geräumt - die DDR war Geschichte.

Trostloser Anblick, verschimmeltes Mauerwerk

Von der grau in grauen Drohkulisse vor der Wende ist heute nicht mehr viel übrig. Der Ort schikanöser und willkürlicher DDR-Grenzkontrollen ist inzwischen ein Ort des Verfalls. Auf dem Flachdach der Grenzübergangsstelle wachsen Bäume. Die Räume sind feucht und schimmlig. Der ehemals wichtige Grenzbahnhof an Thüringens Südrand ist seit der Wende sich selbst überlassen und wirft die Frage auf, wie man in Deutschland mit der Geschichte der Teilung umgeht, ein Jahr bevor der Tag des Mauerfalls zum 20. Mal gefeiert wird. Andere Grenzorte wie Marienborn oder Mödlareuth pflegen seit Jahren die deutsch-deutsche Geschichte und locken damit bis zu 165.000 Besucher jährlich an. Doch statt Touristen kommen in Probstzella wohl bald die Bagger, hier sollen die Spuren der Geschichte mit der Abrissbirne entfernt werden. An diesem Donnerstag entscheidet der Gemeinderat.

Erst im Mai 2007 hat Probstzellas Bürgermeister Marko Wolfram das Gebäude für 3500 Euro vom Bund, dem die Immobilie seit dem Mauerfall gehörte, ersteigert. Seine Mission war klar: die GÜSt sollte verschwinden. Das thüringische Amt für Denkmalpflege teilte der Gemeinde im August dieses Jahres mit, man werde das Gebäude nicht unter Denkmalschutz stellen, wegen des heruntergekommenen Zustandes sei "der Zeugniswert nicht mehr in genügendem Umfang gegeben". Eine Entscheidung, mit der die Bewohner des Ortes gut hätten leben können. "Die Mehrheit der Bürger des Ortes möchte, dass die GÜSt abgerissen wird", sagt Wolfram. Viele Bewohner meinen, der "hässliche Klotz" habe nie nach Probstzella gepasst und solle endlich weg, so der Bürgermeister.

Echte Fans hat das marode Gebäude dafür andernorts: Der Aschaffenburger Designer Udo Breidenbach und der Publizist Roman Grafe machen sich seit einigen Monaten für einen Erhalt des Gebäudes stark. Sie betonen die touristische Attraktivität einer Gedenkstätte, in deren Räumen ein Diktaturmuseum, das verweigerte Ausreisefreiheit und Grenzschikane thematisiert, Platz finden könnte. Inzwischen hat die Idee auch prominente Anhänger: Thüringens Landesbeauftragte für Stasi-Unterlagen, Hildigund Neubert, appellierte in einem offenen Brief an den Gemeinderat: "Sie haben das Originalgebäude in all seiner Schrecklichkeit jetzt in Ihrem Besitz. Ich bin überzeugt, dass Sie sich durch einen Totalabriss eines Schatzes berauben würden". Auch Hubertus Knabe, Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen, setzt sich für ein Museum ein. Das energische Engagement von Grafe und Breidenbach führte auch zu einem Sinneswandel beim ersten Bürger Probstzellas. Nun versucht Wolfram zu verhindern, dass der Bau verschwindet.

Mahnmal gegen Willkür und Schikane

Tatsächlich wäre ein Abriss für die Aufarbeitung der deutsch-deutschen Geschichte ein herber Verlust: Probstzella lag an der Hauptstrecke DDR-Süddeutschland. Die "Transitzüge", Bahnverbindungen vom freien Berlin nach München, Nürnberg und Stuttgart, liefen über die GÜSt Probstzella. Ebenso die Interzonenzüge, die das Staatgebiet der DDR mit dem Gebiet der Bundesrepublik verbanden. Zunächst wurden die Reisenden in Baracken abgefertigt, seit 1978 fanden die Kontrollen in dem Betonkasten statt, dem nun der Abriss droht.

Probstzella kommt auch deshalb so eine Bedeutung zu, weil die sieben anderen DDR-Grenzbahnhöfe zum Teil bereits abgerissen worden seien oder als Schützenheim oder Gymnasium genutzt würden, hat Publizist Roman Grafe herausgefunden. "Das Kontrollgebäude ist eines der letzten authentischen Zeugnisse zum DDR-Grenzregime von nationaler Bedeutung", sagt Grafe, der zu dem Grenzübergang Probstzella umfassend geforscht hat.

Grafe, Bürgermeister Wolfram und andere Anhänger einer möglichen Gedenkstätte möchten das Gebäude der GÜSt allerdings nur zum Teil erhalten. Ein Wartesaal, in DDR-Sprech "Stauraum" genannt, ein 20 Meter langer Kontrollgang mit den Kabinen der Passkontrolleure und deren Kabinen sollen exemplarisch hergerichtet werden. Zudem sollen Schutzmauer, Gitterzäune mit Alarmdrähten und der Kommandantenturm wieder in den Originalzustand versetzt werden, um einen Eindruck vom Sicherheitsstaat DDR vermitteln. Das dreistöckige Verwaltungsgebäude, das den Ort Probstzella überragt, könnte abgerissen werden. Ein Architekt hat die Kosten für die Wiederherstellung auf 200.000 bis 300.000 Euro geschätzt. Zusätzlich zum Teilabriss.

Abriss statt Konfrontation mit der eigenen Geschichte

Im Ort stoßen die Museumsfreunde damit nicht auf offene Ohren. Der stellvertretende Bürgermeister Andreas Gloth-Pfaff sieht die Pläne kritisch. Der desolate Bauzustand und die offene Finanzierung eines Museums stünden dagegen, meint er. "Ein solches Riesenprojekt ist für eine kleine Gemeinde wie uns nicht zu schultern", sagt das Gemeinderatsmitglied.

Publizist Grafe vermutet neben den für ihn verständlichen finanziellen Argumenten auch andere Gründe für die eher ablehnende Haltung der Gemeinde. Gründe, die keiner offen aussprechen will. "Der staatlichen Gängelei war man ohnmächtig ausgeliefert. Es wurde den DDR-Bürgern vorgeschrieben, ob sie reisen dürfen oder nicht". Insbesondere die Bewohner des Grenzortes Probstzella wären durch die GÜSt täglich damit konfrontiert worden, dass sie unfrei leben. Ein Museum würde zu einer erneuten Konfrontation führen, der viele wohl gerne aus dem Weg gingen.

Dieter Nagel, der auf dem Weg zum Geburtstag seines Onkels seine ganz eigenen Erfahrungen mit der GÜSt gemacht hat, beteiligt sich aktiv an der Debatte und steht als einer der wenigen Bürger Probstzellas auf der Seite seines Bürgermeisters. Auf seiner Internet-Seite wirbt Nagel für den Erhalt der GÜSt und die Errichtung eines Museums. Er will, dass in Probstzella die Geschichte der deutschen Teilung dokumentiert wird. Einer Geschichte, die auch die seine ist.

12. September 2008, Nachtrag:

Der Gemeinderat von Probstzella hat am Donnerstagabend die Abstimmung darüber, ob der Grenzbahnhof abgerissen wird, vertagt. Probstzellas Bürgermeister Marko Wolfram nahm die Beschlussvorlage "Teilerhalt des Kontrollgebäudes als Grenzbahnhofmuseum" kurzerhand von der Tagesordnung, nachdem er in Vorgesprächen erfahren hatte, dass die Gemeinderäte trotz des bundesweiten Interesses an der ehemaligen DDR-Grenzstation einen Totalabriss beschließen würden.

"Bei einigen Gemeinderäten ist die Angst sehr groß, am Ende mit dem Projekt alleine dazustehen", sagte Wolfram. Eine letzte Chance für den Erhalt des historischen Grenzübergangs sieht er dennoch: Die Berichterstattung in den Medien habe Thüringens Landesregierung auf die Diskussion aufmerksam gemacht. Ihm sei aus Erfurt Sympathie für das Museumsprojekt signalisiert worden, so Wolfram. Nun hofft der Bürgermeister auf eine offizielle Stellungnahme der Regierung von Dieter Althaus. Ein positives Statement würde die Gemeinderäte umstimmen, meint er.

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Rainer Schinzel, 12.09.2008
1.
Im Jahre 1946 wurde ich in Probstzella geboren. 1963 flüchtete ich in die Bundesrepublik. Neun Jahre nach meiner Flucht konnte ich die DDR wieder besuchen. Der Grundlagenvertrag machte es möglich. Ich erhielt eine Einladung meiner Saalfelder Tante, alle Verwandten trafen sich dort, nach Probstzella selbst gab es natürlich keine Einreisegenehmigung, da es in der Sperrzone lag. Ganz geheuer war es mir bei dem Gedanken nicht, in die DDR zu fahren, vorsichtshalber rief ich beim damaligen niedersächsischen Ministerium für Bundesangelegenheiten an, um Näheres zu erfahren. Ein unbesorgter Beamter wollte mir nicht garantieren, dass mir nichts passieren würde. "Sie müssen das eben herausfinden!", sagte er und beruhigte mich damit in keiner Weise. Trotzdem kaufte ich mir eine Fahrkarte und fand mich auf dem Grenzbahnhof Probstzella wieder - im sogenannten Interzonenzug, der von München nach Berlin fuhr. Aufgeregt war ich, die Thüringer Berge hatte ich schon wiedererkannt, von meinem Heimatort sah ich nichts. Der Ausblick war durch Trennwände versperrt. Grenzpolizisten mit "Bauchläden" betraten das Abteil und kontrollierten die Dokumente. Vor dem Bauch wurde gestempelt. "Worn' Se schon mol n in der DäDäÄRR?" fragte mich der Uniformierte, dem ich meinen grünen Pass hinhielt. "Schaun'n Sie doch mal nach, wo ich geboren wurde" entgegnete ich und konnte ihm förmlich beim Denken zusehen. Er studierte mein Personaldokument, dachte erneut nach. "Och sooo", sagte er dann und stempelte. Das war alles. Ich war erleichtert, als die Uniformierten das Abteil verließen. Kurz darauf öffnete sich die Abteiltür wieder: Eine Postbeamtin erschien und versuchte den Reisenden Briefmarken und Münzen zu verkaufen. "Sind die Devisen noch so klein, bring' sie doch mehr als Arbeit ein", dachte ich und erkannte die Mutter eines Klassenkameraden aus der Grundschule. "Tach', Tante Hilde" begrüßte ich die Devisenbeschafferin, die sich gründlich erschrak. Als sie mich erkannte, erschrak sie noch mehr. "Hier gönn' mir nich' reden", beschied sie. Das verstand ich. Ich war sicher, die Dorfbewohner würden erfahren, daß ich zu Besuch gekommen war. Probstzella konnte ich erst nach der Wende wieder besuchen. Die GÜST kenne ich nur von außen. Als Denkmal sollte sie bestehen bleiben.
Alexander Sommer, 26.12.2010
2.
Ich kann den Ablauf bei bei der Einreise nur bestätigen. Es ist mir genauso ergangen, denn auch ich bin in Probstzella geboren und habe mich 1970 aus dem Staub gemacht. Mein Name ist Reinhard Sommer.
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