Deutsch-Französischer Krieg Mit Musik nach Paris

Als preußischer Militärmusikus zieht Friedrich-Wilhelm Voigt im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 von Potsdam bis nach Paris. In seinen Briefen schildert er den von Bismarck angezettelten Feldzug, aus dem das wilhelminische Kaiserreich hervorging, aus einer höchst ungewöhnlichen Perspektive.

Kurt-Jürgen Voigt

Von Kurt-Jürgen Voigt


Bald nach der Kriegserklärung zieht das "1. Garderegiment zu Fuß" ins Feld. Im Morgengrauen des 29. Juli 1870 marschiert das Regiment unter begeisterter Anteilnahme der Bevölkerung von Potsdam nach Berlin, von der Musik bis zur Glienicker Brücke begleitet. Vorneweg dabei: Freidrich Wilhelm Voigt, Jahrgang 1833, Kapellmeister des Regiments. Die Hoboisten, wie Militärmusiker hießen, müssen bei großer Hitze und weiten Wegen in Berlin mit dem Tornister marschieren.

Am 30. Juli schifft sich die Truppe auf Kähnen bis Mannheim ein, dann geht es über den Rhein nach Frankenthal in der Pfalz. Hier gibt Voigt ein Konzert mit vaterländischen Stücken, das gut besucht wird. "Die außerordentliche Anhäufung von Truppen im Grenzgebiet hat große Teuerung zur Folge, Ein Pfund Butter kostet jetzt einen Thaler", notiert er.

In schweren Märschen geht es weiter über Dürkheim und Landstuhl. Am 8. August überschreiten sie die Grenze:

"Drei Nächte habe ich schon unter dem himmlischen Sternenmantel zugebracht, durchnässt bis auf die Haut, in den nassen Sachen ohne Schlaf, am Biwakfeuer kauernd, und dann mit der schweren Last marschieren - marschieren. Die Feldpost bleibt aus seit dem Ausrücken aus Berlin, keine Zeitungen. Der Oberbefehl weiß kaum, was in der Welt vorgeht. So schlängeln sich die Kolonnen in düsterem Schweigen auf dem aufgeweichten Wege. Die Uniform verschmutzt. Geputzt kann nichts werden. Die Verpflegung besteht aus Reis mit Fleisch vom eben geschlachteten Rind. Es wird von sechs bis zwei Uhr marschiert, bisweilen auch länger. Die Biwaks sind nachts sehr kalt, während am Tage eine Siedehitze herrscht. Die Verpflegung kann nicht immer dem schnellen Vormarsch folgen, doch gibt es annehmbaren roten Landwein, der stärkt und gut bekommt. Das ,Wandern' wird einem schließlich über, doch könnte man sich mit dem Unabänderlichen abfinden, wenn nur die Vorgesetzten nicht gar zu energisch wären, was die Stimmung trübt. Die Stimmung ist nicht allzu rosig; denn die Zukunft ist dunkel. Was mag noch alles dazwischenliegen, und wie viele werden wirklich heimkehren? Hier sieht man so recht, wie sehr der schwache Mensch die Gottheit suchen muss. Wohl dem, der sie findet!"

"Der Jammer und das Elend sind groß"

Am 18. August nimmt Voigt am Angriff auf St. Marie aux Chènes bei St. Privat teil:

"Wir gingen zu Anfang mit hinein, u. a. unter den Klängen des Yorkschen Marsches. Dann wurde ich mit dem Musikchor zurückgeschickt, doch heulten über und um uns die Granaten. Wir haben alles mitangesehen, aber es war entsetzlich. Königgrätz war nichts dagegen. Der Jammer und das Elend sind groß. Das Regiment ist um mehr als die Hälfte zusammengeschmolzen. Viele Brave sind gefallen. Mein Oberst von Röder und sechs Offiziere; Feldwebel tot, 27 Offiziere schwer verwundet. Das Begräbnis anzusehen war erschütternd. Auf einem schlichten Brett wurden die Toten ohne alle Umstände der Erde übergeben. In den Dörfern liegen die Häuser, Straßen, Gärte alle voll von Verwundeten, doch sind sie noch nicht alle vom Schlachtfeld zu besorgen gewesen. Wir waren am Abend des 18. auf einer Höhe sechs Musikchöre zusammen; es war schon dunkel, als es stiller wurde und wir Hurrarufe hörten. Rasch wurde von allen 'Heil dir im Siegerkranz' angestimmt, was gewaltigen Eindruck verursachte. Dann biwakierten wir dort und suchten am anderen Morgen unser Regiment, wo wir von den schmerzlichen Verlusten erfuhren. Aussehen tun wir durch Staub und Hitze wie die Räuber."

Ende August geht es in Eilmärschen nach Sedan, über Xonville, St. Michel, Buzancy, Blany, immer der ausweichenden Armee des französischen Generals Mac Mahon auf den Fersen:

"Wie es heißt, sollen wir etwas Ruhe haben, das wäre ganz gut, denn wir sind alle derangiert. Gestern habe ich auch meinen Koffer bekommen und bin nun wieder etwas in Ordnung. Auch habe ich mich heut morgen vernünftig waschen können. Wir sind alle braungebrannt wie Zigeuner, dazu die Bärte, wirklich furchtbar anzusehen. Unsere Instrumente leiden auch sehr. Jeden Tag ist Abendmusik beim General von Kessel, der wohl auf und im stärksten Feuer unversehrt geblieben ist, der die größte Kaltblütigkeit bewahrte und durch Zurufe ständig die Leute anfeuerte. Unser schönes stolzes Regiment, wie ist es dünn geworden, kaum noch die Hälfte seines Bestandes. Sollen alle die Braven ungerächt bleiben? Die Franzosen sollen aber erfahren, was preußische Hiebe sind. Hier wachsen Unmassen von gelben Mirabellen; sie schmecken sehr gut, man muss sich aber mit dem Obst in Acht nehmen, denn Durchfälle sind im besten Gange. Rotwein ist gut dagegen."

Am 26. August schreibt Voigt aus Vaubecourt:

"Mit der Gesundheit geht es so. Vor allem müssen die Füße gut sein. Denke doch, was wir in den vier Wochen zusammengelaufen haben, und ich habe alles mitgemacht. Alarm 11 Uhr. Ausrücken in Regen und Matsch, bis 12 Uhr, dann in einem Stall geschlafen, alles an, ganz nass. Kaffee von Hause erhalten, tat gute Dienste. Die Nächte sind kalt, und oft geht es schon morgens um drei Uhr und häufig ohne Kaffee fort. Lebensmittel sind sehr knapp, und wir leben infolgedessen recht dürftig. Wir knabbern den harten Zwieback. Durch die zwei letzten Märsche haben meine Füße gelitten, bin etwas gefahren. Die Kälte und der viele Regen wirken sehr nachteilig, da wir meist im Freien sind und die Bekleidung immer nass und klamm ist. Die Jacke, die du mir gesandt hast, ist wie vom Himmel geschickt. Ebenso ist Kaffee immer willkommen. Heute (Sonntag) furchtbarer Regen, weshalb wir hier in Quartier kamen. Das ganze Musikchor liegt auf einem Heuboden."

Gottesdienst auf dem Schlachtfeld

Am 3. September, dem Tag nach der entscheidenden Niederlage der Franzosen und der Gefangennahme Kaiser Napoleons III., liegt Voigt bei Givonne. Er berichtet seiner Frau:

"Große entscheidende Schlacht bei Sedan. Napoleon gefangen. Der König und Kronprinz bei uns im Lager. Großer Jubel. Gegen Abend Gottesdienst auf dem Schlachtfeld. Strömender Regen."

Drei Tage nach dem Triumph hat die Deutschen der Soldatenalltag wieder:

"Connage, den 6. September. Ermattung macht nach den großen Strapazen sich fühlbar. Verpflegung sehr unregelmäßig. Mittagessen selten. Das französische Brot ist zu weich und sättigt nicht. Die Bewohner glauben unsern Erzählungen nicht und meinen, wir seien auf der Flucht."

Doch die Kämpfe sind nun vorbei, und Voigt sehnt sich nach seiner Frau:

"Craonelle, den 12.September 1870. Ich ließ im Garten unsere Musik spielen. Wenn Du doch an meiner Seite hättest sitzen können! Die Musik wurde sehr bewundert und mit sehr schönem Obst und Wein regaliert. Mir fehlen von Kranken neun Mann, die unterwegs sind, sie fehlen mir sehr beim Musizieren. Lange nach dem 18.8. [der Schlacht von St. Privat] hat er [der König] es vermieden, zu unserem Regiment zu kommen, weil er, wie er sagen ließ, sich erst an den Gedanken [der schweren Verluste] gewöhnen müsse. Als er im Biwak von Sedan nach der Schlacht erschien, da sprach er große Worte des Dankes, aber auch des Bedauerns. Unter Tränen ritt er rasch weiter. Neulich brachte ich dem Kronprinzen von Sachsen, Führer der IV. Armee, eine Abendmusik, welcher sehr erfreut war und sich lange mit mir unterhielt. Die Sachsen sind jetzt glücklich und gehoben durch die Siege, die sie miterrangen."

Preußen in Frauenkleidern

Dann geht es gegen Paris, das von den Deutschen eingeschlossen ist. Auf dem Weg werden die Zerstörungen des Krieges offenbar:

"Gonesse, den 22.September. Paris ist erreicht. Marschierten über quergelegte Bäume, aufgerissenes Pflaster auf der Chaussee bis Gonesse, wo wir einquartiert wurden, d. h. in verlassenen, teilweise von den Franzosen in Brand gesteckten Häusern. Es ist eine schreckliche Verwüstung. Paris ist von allen Armeen mit einem festen Ring umschlossen und soll belagert werden. Es werden Schanzen aufgeworfen. Die Wasserleitung nach Paris ist abgeschnitten. Das Gebäude, wohin ich mit dem Chor gekommen, besteht aus mehreren zusammenhängenden Häusern und hat Apotheke, Destillation und Materialgeschäft. Wir fanden, als die Türen mit Kolben und Äxten geöffnet wurden, viel Brauchbares. In der Apotheke, die vollständig assortiert war, wurden anfangs die Flaschen und Medikamente nur so herumgeworfen, bis die Ärzte eingriffen. Den ganzen Tag Fuhrwerke und Reiter auf den Straßen. Erst kochten die Soldaten in den Rinnsteinen, bis das anders eingerichtet wurde. Bettzeug und Möbel sind meist fort, manches wird entdeckt und bejubelt ans Tageslicht gezogen, so ein Weinlager, darunter Champagner, das in unserem Hof vergraben war. ....

Wir aßen ausgebuddelte Kartoffeln mit Salz, dazu ein Stück Schinken. Als Nachtisch gab es das schönste Obst, Birnen, Äpfel, Weintrauben. Hier sind die herrlichsten Villen, wahrscheinlich reichen Franzosen aus Paris gehörend. Da wohnen unsere Generale und Offiziere, dazu bekommen sie Musik von uns. Den ersten Tag war es hier überaus lustig. Die Soldaten zogen in der abenteuerlichsten Kostümierung, mit Masken, gefundenen Instrumenten durch die Straßen, Bilder von Napoleon tragend, ausgeputzt als Damen auf Velozipeden. Es war ein toller Auftritt.

Es war ein eigenes Gefühl, als wir in der glänzenden Herbstsonne die Türme von Notre Dame, die Kuppeln des Pantheon und des Invalidendoms erblickten, als die Hauptstadt des übermütigen Feindes engumschlossen zu unseren Füßen lag. Dies Gonesse ist der Ort, wo Offenbachs Operette 'Die Verlobung bei der Laterne' spielt. Habe ich schon von dem beliebten Braten in Frankreich geschrieben? Acht Tage hintereinander haben wir Karnickelbraten gegessen; er schmeckt ganz gut, als Ragout mit Pfeffer. Aber immer wieder 'lapin'?"

Großer Auftritt vor dem König

Vier Tage später, am 26. September, schreibt Voigt aus Gonesse:

"Jetzt gibt es nur noch halbe Lieferung. Milch, Butter, Eier kenne ich nur noch aus der Erinnerung. Tag und Nacht sind die Mannschaften zu den Erdarbeiten kommandiert, nur fehlt uns noch das Belagerungsgeschütz."

Dafür hat Voigt einen großen Auftritt vor dem König. Am 30. September berichtet er nach Hause:

"Vorgestern war der König hier. Da hatte ich Ehrenwache und auch bei Tafel zu spielen. Er bekam durch Moltke gerade die Nachricht, dass Straßburg kapituliert habe, wozu der König bemerkte, ,wenn wir nur erst mit Metz soweit wären'. Majestät sprach auch mit mir, erkundigte sich nach dem Chor und fragte, ob von uns welche gefallen wären und gab seiner Befriedigung darüber Ausdruck, dass wir uns so gut gehalten. Ich muss mich allerdings durchschlagen, so gut es geht; denn es fehlen mir noch acht gute Kräfte, die ich sehr vermisse. Hier wird morgens exerziert, da hat man so allerlei zu tun. Jeden Tag ist Musik bei den Generalen oder übrigen Vorgesetzten. Wir kommen nicht aus der Übung."

Nur wenig später darf Voigt schon wieder vor königlichem Besuch aufspielen - der Prinz von Anhalt besucht das Regiment:

"Gonesse, den 5. Oktober. Gestern Musik bei dem das Regiment führenden Oberstleutnant von Oppell. Als Gast anwesend der Erbprinz von Anhalt. Er hat sich sehr gut über die Musik ausgesprochen, und ich musste meinen neuen Pariser Einzugsmarsch spielen, der ihm sehr gefiel, und, wie er hofft, bald seinen Zweck erfüllen wird. Ich durfte mit ihm anstoßen und trank auf sein und des ganzen fürstlichen Hauses Wohl. Wir sprachen auch vom Theater und von den Opern, über die er ziemlich unterrichtet ist."

Voigts kommandierender General von Kessel notiert derweil:

"Voigt hat sich bis jetzt noch nicht bewogen gefunden, einen Marsch zu komponieren, er ist infolge der anstrengenden Märsche noch so erschöpft, dass sein Gehirn für Komposition nicht gestimmt ist. Nach dem Frühstück musste ich dem König die hier erbeutete Pauke durch Voigt vorstellen. Als Voigt hörte, dass der Erbprinz von Anhalt-Dessau bei mir sei, intonierte er von selbst den Dessauer Marsch, was den Prinzen sehr rührte. Eben war Voigt bei mir, um mir zu melden, dass er einen neuen Marsch (noch nicht getauft) komponiert habe und nebenan im Garten einüben wolle."

Fünf Gefallene in einer Grube

Am 1. November müssen Voigts Hoboisten fünf gefallene Soldaten zu Grabe geleiten, die, unkenntlich oder in Stücke gerissen, gemeinsam in einer Grube bestattet werden. Beinahe jeden Tag steht nun ein Begräbnis an; am 7. November zwölf Mann auf einmal. Der Winter setzt früh ein, am 9. November fällt der erste Schnee. Zum dreifachen Geburtstag von Luther, Schiller und Scharnhorst improvisiert Voigt zum Gedächtnis der drei großen Männer am Klavier über "Ein feste Burg", über die "Ode an die Freude" und den alten Pariser Einzugsmarsch von 1814. In die Heimat berichtet er über seine neuen Schöpfungen: den "Sieges- und Einzugsmarsch 1870" für Piano, Orchester und Militärmusik; "Siegesklänge aus dem Feldlager vor Paris"; "Germanis"; "Und Deutschland spricht: Mein ist der Rhein", Gesang für Mezzosopran und Bariton mit Piano; "Sedaner Lied"; "Rheinnixen", Phantasiestück für Piano; "Deutscher Feldherrenmarsch", für Piano, Orchester und Militärmusik. "Voigt komponiert aus Langeweile einen Marsch nach dem andern", bemerkt jetzt ein Vorgesetzter.

Am 21. Dezember rückt das alarmierte Regiment gegen einen Ausfall der Franzosen aus. Die Musik bleibt zurück zur Bewachung der Quartiere. Es gibt einige Verluste durch Granatfeuer. Am folgenden Tag schreibt Voigt:

"Mit der Kapelle zum Chateau le Luat marschiert. Feierliches Begräbnis des am Typhus verstorbenen Leutnants von Gordon, das im Park stattfand, wobei Rogge die Grabrede hielt. Auf der Rückkehr sahen wir am Bahnhof viele Verwundete, auch Franzosen, die fortgeschafft werden sollten. Die Offiziere und Beamten baten, da sie lange keine Musik gehört, um ein Stück. Ich blies den Preußenmarsch am Zuge, und unter den Klängen der 'Wacht am Rhein' brauste der Zug davon. Die Lazerettverwaltung erzeigte sich den Hoboisten durch Spendung eines Fasses Bier erkenntlich."

Mit Fantasie gegen Freischärler

Auf Weihnachten und Jahreswechsel folgen Unannehmlichkeiten, verursacht durch die eigenen Leute:

"6. Januar. Umzug nach Villiers le Bel. Unser Mittagessen stand auf dem Feuer. Da stürzte unser Hauptmann ins Zimmer und rief: Ja, das glaube ich, aber Sie müssen gleich hier heraus und ausziehen. Ich bin mit den Offizieren auch eben aus unserer Wohnung herausgesetzt, und da ist dies Haus das einzige, das mir passt. Da half kein Beten, also ein neues Quartier gesucht, par ordre de moufti, in dem stark besetzten Ort. Das Ziehen ging mit Dampf los. Zwanzig Geister kamen schon mit seinen (des Moufti) Sachen. Abraham, der Schellenbaumträger, kannte sich nicht vor Wut über solche Rücksichtslosigkeit und verfeindete sich alsbald mit unserem Stubengenossen Ebel. Alle Sachen auf die Karre geladen, diese kippt um und alles fliegt in den Schmutz. Bei einem alten Ehepaar fand ich endlich mit meinen beiden Genossen eine nette Unterkunft. Auch die Offiziere schimpften über ihren erzwungenen Umzug. Wann werden sie uns endlich nach Hause schieben?"

Tröstlich für Voigt gewesen sein wird dann der Besuch von Wilhelm I., soeben im Spiegelsaal von Versailles zum deutschen Kaiser ausgerufen. Der Kapellmeister notiert:

"Unsere Musik spielte, solange der Kaiser auf der Brücke von Neuilly hielt, den 'Sebastopol Marsch', den das Regiment beim Aus- und Einzug 1866 gespielt hatte und der ein großer Lieblingsmarsch des Kaisers ist, der sich sehr für diese Aufmerksamkeit bedankte. " Über das Regiment lässt Voigt dem Herrscher anlässlich von dessen Inthronisierung seinen Marsch "Salus Caesari nostro Guilelmo" zukommen.

Derweil kämpfen die Truppen hinter den Linien mit irregulären französischen Freischärlern, den "Franc-tireurs". Die Gegenmaßnahmen der Preußen sind ebenso drastisch wie fantasievoll:

"Bei dem nahen Dorf Ecouen wurde aus einem Wald einige Male auf unsere Leute geschossen. Damit das Versteck aufhört, wird der Wald beseitigt. Die Bewohner müssen das besorgen. Dadurch haben sie Beschäftigung und wir Brennholz."

Im besetzten Paris

Am 28. Januar 1871 kapituliert das belagerte Paris. Wenige Tage später besucht Voigt St. Denis, wo die grauenhaften Auswirkungen des deutschen Bombardements zu besichtigen sind. Am 4. Februar hält Voigt seine Eindrücke von der Rückkehr der geflohenen Einwohner fest:

"Die Rückkehr der Franzosen in Massen bewirkt Mangel an Lebensmitteln, da sie alles wegkaufen und sogar um Brot betteln. Sie essen alles mit Heißhunger. Man sieht die Leute in Scharen von St. Denis kommen, manche auf Karren. Einzelne, die elegantesten Damen, in dem furchtbaren Schmutz, der hier herrscht, kommen in den feinsten Stiefelchen anmarschiert, mit hohem Chignon, dabei ein Brot unter dem Arm. Oft ganze Familien in Wagen, etwas Bettzeug, blasse Kinder, verbissene Männer, resignierte Frauen, es ist wie ein Korso, doch fehlen die Blumen."

Auch wenn aufgebrachte Franzosen einmal drohen, die "Prussiens" in die Seine zu werfen, und Voigt sich genötigt sieht, seinen Degen zu ziehen, entspannt sich das Verhältnis von Besetzten und Besatzern zumindest hier und dort recht zügig:

"12. Februar. Gestern Mittag haben wir unweit der Brücke von Neuilly beim Café Napoléon - Musik gemacht, wobei es sehr lebhaft zuging. Die Franzosen waren entzückt, besonders als ich einige von ihren Liedern spielte. Heute wieder Musik, das Getriebe der Pariser war toll, lebensgefährlich ist das Gedränge, weil alle einkaufen wollen und das Tor um 6 Uhr geschlossen wird. Da passiert schon allerlei. Im Verkehr haben wir recht nette Leute kennengelernt, auch einzelnen geholfen, so Familien mit Kindern, auch habe ich schon verschiedene Einladungen nach Paris. Zu dem täglichen Spielen erscheinen auch Jungen zum Notenhalten; einmal sind es ihrer fünf. Brüder, alle gleich gekleidet. Ich bin schon ziemlich bekannt als 'Chef de musique de la garde prussienne'. Meine Uniform und die Orden gefallen. Auch finden sich öfter französische Musiker en, so ein Professor vom Conservatoire."

Und wenig später schreibt er stolz nach Hause:

"Für alle die guten Sachen, die ich spiele, herrscht Teilnahme und Verständnis bei den empfänglichen Franzosen. Rechte Freude bereiten auch die Pariser Weisen, die ich für unsere Kapelle zurecht gemacht habe. Gleichen Beifall finden meine eigenen Kompositionen. Ich bekomme täglich schmeichelhafte Komplimente über die Musik und die Auswahl der Stücke. Meine Offiziere und andere wundern sich über die guten Bekanntschaften, die ich hier gemacht habe. Ja, die Musik ist eine edle Kunst; sie verbindet die Seelen der Menschen, und diese Auswirkung ist nicht einmal der Sprache vergönnt. In den Gärten haben wir mindestens drei Nachtigallen, die einen wirklich bezaubernden Schlag haben nur passt der Kanonendonner von Paris nicht recht dazu."

Abmarsch in die Heimat

Am 3. März. findet die große Siegesparade der deutschen Truppen vor Kaiser Wilhelm auf dem Longchamp statt - der "Kaisermarsch" von Voigt ist von Wilhelm zum Armeemarsch bestimmt. Die ersehnte Heimfahrt verzögert sich trotz des Friedensschlusses, die Ungeduld bei der Truppe wächst - auch bei den Hoboisten. Voigt wir das Warten durch ein erstaunliches Aufeinandertreffen verkürzt: Die Besitzerin eines Hotels, in dem er unterkommt, erzählt ihm, sie sei Deutsche und stamme aus Zeltingen; in ihrer Jugend habe sie in Trier beim Kapellmeister des 30. Infanterieregiments gedient, im Jahre 1839. Die Freude war groß, den jener Trierer Kappellmeister war kein anderer gewesen, als der Vater von Friedrich Wilhelm Voigt. Die Frau hatte seinerzeit einen französischen Hoboisten geheiratet, als Marketenderin viel Geld verdient und das Hotel gekauft.

Endlich am 2. Juni rückt das 1. Garderegiment zu Fuß ab und schifft sich in die Heimat ein; am 13. hält es festlichen Einzug in Potsdam und Berlin. Friedrich Wilhelm Voigt erhält das Eiserne Kreuz, im Jahre 1887 macht ihn Kaiser Wilhelm I. zum ersten Preußischen Armeemusikinspizienten.

F. W. Voigt stirbt 1894 in Bernburg. Er liegt begraben auf dem Neuen Friedhof zu Potsdam.



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Ulrich von Blumenthal, 24.10.2007
1.
Lieber Herr Voigt, Ich habe den Bericht über den Militärmusikus Friedrich Wilhelm Voigt mit grossem Interesse gelesen. Es besteht nämlich durchaus eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass er auch dem General Leonhard von Blumenthal begegnet ist, der die 6. Preussische Armee über Sedan nach Paris führte und an allen wichtigen Verhandlungen und auch bei der Kaiserkrönung in Paris dabei war. Aus Familienbesitz kenne ich die Memoiren des Generals vB, die 1902 veröffentlicht wurden. Meine Frage: erwähnt Ihr Vorfahre in seinen Briefen den General vB? Falls ja, in welchem Zusammenhang? Im voraus Dank für Ihre Antwort, Ulrich v.Blumenthal
Hans-Peter Dr. Kirsch, 26.04.2008
2.
Die Bezeichnung Deutsch-Französischer Krieg ist historisch falsch, umsomehr als es Deutschland als Nation 1870 überhaupt nicht gab. Es handelte sich um den Französisch-Preußischen Krieg. Das Kaiserreich Frankreich war kriegserklärende Partei. Die Kriegserklärung erging 1870 an das Königreich Preußen. Im französischen und angloamerikanischen Sprachraum heißt dieser Krieg korrekterweise "La Guerre Franco-Prussien" bzw. "The French-Prussian War". Mit besten Grüßen Dr. Hans-Peter Kirsch Saarbrücken
Esther Stalmann, 25.11.2009
3.
Wenn man der Frage nachgeht, ob und wie man den Ersten Weltkrieg hätte vermeiden können, stösst man auf Zusammenhänge bis hin zur Gründung des Deutschen Reiches mit Hilfe des preussisch- französischen Krieges. Zwar hat Frankreich den Krieg erklärt, Napoleon III. wurde aber von Bismarck durch einen vom Zaun gebrochenen Konflikt geschickt dazu provoziert. Bismarck hatte eigentlich mit einer Einigung Deutschlands nicht vor Ende des 19. Jahrhunderts gerechnet (Bismarck-Biografie von Franz Herre). Anscheinend brachte ihn die zuverlässig erfolgreiche Generalstabsplanung v. Moltkes dazu, seine Pläne zu ändern. Der Druck eines Krieges ermöglichte ihm, Preussens Vormacht besser zu sichern. Die anderen Kleinstaaten im deutschen Raum waren anscheinend nämlich gar nicht so begeistert davon, in einem preussisch dominierten Gesamtdeutschland geeint zu werden. Bei normalen Verhandlungen hätte Preussen schlechte Karten gehabt. Der preussisch-französsiche Krieg hatte also, von Preussen aus gesehen, innenpolitische Gründe. Der Katalysator Krieg ermöglichte es, preussischen Instanzen Reichsbefugnisse zu übertragen. Eine wirkliche Auseinandersetzung fand nicht statt. Das machte den Übergang zu einer echten parlamentarischen Monarchie im Deutschen Reich so schwierig und das Parlament zur Schwatzbude (WilhelmII). Wäre dort der Schlieffen-Plan diskutiert worden, wäre viellleicht früh genug klar gewesen, dass dieser Plan nicht gelingen konnte. Man hätte auf das Attentat von Sarajewo mit einem lokal begrenzten Krieg reagiert. Alle Schlachten in Zusammnhang mit dem Attentat wurden von den Mittelmächten nämlich gewonnen. Das extremste Szenario läuft darauf hinaus, dass die Vereinigung Deutshclands ohne zwei Weltkriege auch möglich gewesen wäre, wenn Bismarck der Versuchung widerstanden hätte, die Verhandlungen mit den anderen deutschen Staaten durch einen Krieg zu beschleunigen und zu vereinfachen. Mit freundlichen Grüßen Esther Stalmann
Mit Denken, 28.12.2016
4. @Esther Stalmann
Wie darf man denn ihre Aussage "Napoleon III. wurde aber von Bismarck durch einen vom Zaun gebrochenen Konflikt geschickt dazu provoziert" interpretieren? Entweder war Napoleon III. doof genug, auf eine Provokation hereinzufallen (da fragt man sich gleich wie so ein Tölpel Kaiser werden konnte) oder seine nationale Säbelspitze juckte (was genauso dämlich ist)... Auf jeden Fall hat er Preußen den Krieg erklärt und nicht umgedreht. Natürlich kann man darüber Schwadronieren, das Bismarck Napoleons Psyche richtig eingeschätz hat - das hätte im umgekehrten Fall aber auch so sein sollen, was es nicht war und damit auch Bände über die Berater von N III. aussagt... MfG
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