Deutsch-französisches Weltkriegsdrama Die Jahrhundert-Versöhnung

Deutsch-französisches Weltkriegsdrama: Die Jahrhundert-Versöhnung Fotos
Helmut Richter

Eine vergilbte Feldzeitung führt ihn auf die Spur: Im Ersten Weltkrieg tötete ein Trupp deutscher Soldaten einen französischen Hauptmann. Fast hundert Jahre später entdeckt Helmut Richter im Nachlass seines Vaters Habseligkeiten des Toten - und macht sich auf die Suche nach dessen Familie. Von , Paris

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"Es war ein rauher Augustmorgen. Der Regen strich durch den Wald und der Wind, der in jenen Höhenlagen rauher ist als in der milderen Ebene, bog die nassen Wipfel der Bäume. Am Westufer des Baches standen die vorderen Hindernispfähle des Feindes; von da zog sich das dichte Stachelnetz den steilen Hang hinauf. Mitten im Draht, wie Mäuse im Speck, hockten drei verwegene Gesellen, der Führer einer deutschen Streife, Leutnant Richter und zwei seiner Getreuen…"

Helmut Richter faltet die vergilbten Seiten der A4-großen Zeitung auseinander und legt sie auf den Schreibtisch seiner Wohnung. "Aus Sundgau und Wasgenwald" steht auf den bröselnden Blättern, darunter die bewusst unpräzise Angabe "Feldzeitung einer Armee-Abteilung" - im Krieg galt jeder Hinweis auf das zugehörige Regiment als militärisches Geheimnis. "Diese Seiten habe ich vor gut zehn Jahren im Nachlass meines Papas entdeckt", sagt der 78-jährige Rentner aus Frankfurt am Main.

Der Artikel in der Feldzeitung beschreibt die Taten von Richters Vater in der Heldenprosa des Ersten Weltkrieges. Betitelt "Ein Überfall", schildert der Militärberichterstatter den Angriff eines deutschen Stoßtrupps von Leutnant Johannes Richter auf einen französischen Posten im südlichen Elsass im Sommer 1918:

"Die Streife war entschlossen, jeden Kampf aufzunehmen. Sie hatte noch nicht lange gelauert, als von rechts, von jenseits der Biegung, lautes Sprechen und Gelächter zu hören war. Der Feind kam. Die deutsche Mannschaft kniete, im Schutz der Blende, die Köper waren zum Sprung zusammengezogen, jede Sehne gespannt. Näher - näher - und los!', schrie der Leutnant, brach auf den Weg hinaus, schoß einen nieder, und griff mit der Linken einen anderen an die Kehle, um ihn lebendig zu fangen."

Eine feinziselierte Inschrift

Jahrzehntelang ruhte diese Hinterlassenschaft in einem Koffer, nach dem Tod ihres Ehemannes 1977 weitergereicht von Richters Mutter - zunächst an dessen Schwester. Erst vor knapp zehn Jahren erhielt Richter "Papas Erbe". Darunter nicht nur die besagte Zeitung, sondern auch einige persönliche Habseligkeiten: Zwei Marien-Medaillen, eine Metallplakette und ein ledernes Zigarettenetui. Der Pensionär sah sich die Metallmarke näher an und entdeckte eine feinziselierte Inschrift: "Capt. Vacquier, Montignac Dordogne."

Die Entzifferung der Schrift war der Auftakt einer Recherche, die Monate dauern sollte und ein ganz persönliches Drama eines deutschen und eines französischen Soldaten enthüllte.

Der eine, 1895 als Sohn eines strengen protestantischen Pfarrers in Westfalen geboren, hatte sich gerade 19-jährig bei Kriegsausbruch freiwillig gemeldet. Er wird nach Frankreich und Russland in Marsch gesetzt und im April 1918 an die Front im Elsass geschickt. Zum Leutnant befördert bezog er wahrscheinlich unweit von Obersengern Stellung.

André Vacquier tat auf der französischen Seite der Front seinen Dienst - einer von acht Millionen mobilisierten Franzosen. Der Sohn wohlhabender Bürger aus der Dordogne ist bei Kriegsausbruch Anwalt. Vacquier, verheiratet und Vater zweier Töchter, brach am 5. Juni in den Wäldern der Vogesen zu der Patrouille auf, von der er nicht zurückkehren sollte.

"Unter dem Überraschungsangriff fliehen die Franzosen"

Gutgelaunt und scherzend ist er mit einigen Kollegen auf dem Weg zu Unterständen der französischen Stellungen, als sie in den Hinterhalt von Richter und seinen acht Leuten geraten. Nachlesen konnte Richter die Abläufe in der Feldpostausgabe Nummer 85, auch wenn der hinterhältige Angriff der Gruppe um Leutnant Richter sich dort wie eine militärische Großtat liest. "Unbelästigt stieg die Mannschaft, als Sieger, wieder in den deutschen Graben."

Das Pathos vom Einsatz in den südlichen Vogesen verdeckt, dass die Front zwischen Villé, Colmar und Mülhausen 1918 längst im Stellungskrieg erstarrt ist. Mörderische Materialschlachten kosten Zehntausende Soldaten das Leben. Zur Stützung der bröckelnden Kampfmoral müssen militärische Heldenschilderungen und patriotische Durchhalteappelle herhalten.

"Unter dem Überraschungsangriff fliehen die Franzosen, ein Offizier, zurückgeblieben, ringt mit Leutnant Richter. Es war ein schwerer starker Mann, der den leichten Deutschen auf die Wegböschung niederdrückte und ihn heftig würgte", beschreibt die Feldzeitung den Kampf, der damit endet, dass der Franzose im Handgemenge von einem Kameraden Richters durch einen Schuss in den Kopf getötet wird.

Doch als der Bericht über das "Husarenstück" von Leutnant Johannes Richter am 10. Oktober in der "Elsässischen Feldzeitung" erscheint, liegt das tödliche Aufeinandertreffen des deutschen Leutnants mit seinem französischen Hauptmann am Höhenzug des Hilsenfirst bereits vier Monate zurück.

Der Hauptmann wird in Montignac bestattet

Die Leiche des Offiziers wird geborgen, durch die Gräben und Drahtverhaue auf die deutsche Seite geschleppt. Lobend tönt der Bericht: "Sie hatten durch die Wucht des Angriffs, trotz ihrer geringen Zahl den Feind 'geworfen', vier seiner Offiziere erschossen und wichtige Beutestücke eingebracht." Zu denen zählten Karten und militärisch wichtige Informationen. Die persönlichen Dinge des Franzosen - ein Zigarettenetui und zwei Silbermedaillen - behält Leutnant Richter. Es sind die Gegenstände, die seinen Sohn später auf die Spur Vaquieurs bringen sollen.

Über den Tod Vacquiers und die näheren Umstände wird in seiner Heimat zunächst nichts bekannt; der Hauptmann gilt als vermisst. Dabei wurde die Leiche des Franzosen offenbar unweit der Front, bei Roderen, von den Deutschen verscharrt. Erst zwei Jahre nach Kriegsende, am 6. September 1920, konstatiert das zuständige Gericht in Sarlat (Dordogne) sein Ableben, notiert aber den 30. August 1918, möglicherweise den Tag des Begräbnisses, als Todestag. Als Ursache vermerkt die Karteikarte lakonisch: "Gestorben für Frankreich, Tod durch den Feind."

Die Witwe Vacquiers lässt den Leichnam ihres Mannes in die Dordogne überführen. Zusammen mit einem Fichtenschössling, der neben dem Grab gewachsen war, wird der Hauptmann im Garten des Familienanwesens Montignac endgültig bestattet.

Ein Brief nach Frankreich

Die Geschichte hätte damit enden können, wären da nicht die Medaillen und die Metallmarke gewesen. Und ein Sohn, der auch mit über siebzig Jahren noch Fragen stellte. "Mein Vater hatte mit mir über seine Kriegserlebnisse nicht geredet", erzählt Richter. Allerdings erinnert er sich noch an eine nostalgische Autofahrt in das Elsass: "Auf Bitten meines alten Herren fuhren wir 1971 in die Vogesen. Er führte mich ziemlich zielsicher auf den Pass oberhalb von Hilsen, blickte in die Runde und erkannte trotz der veränderten Vegetation einen Weg, den er vor langer Zeit eingeschlagen hatte." Was genau Leutnant Richter dort 1918 erlebt hatte, blieb zwischen Vater und Sohn ungeklärt.

An diese Episode erinnerte sich der Sohn bei der Durchsicht des Nachlasses. Seine Neugier war geweckt. Als er Jahre später die Inschrift der Metallmarke entzifferte, fand der Rentner im Internet bald Hinweise auf einen gleichlautenden Ort im Périgord: Montignac, 2966 Einwohner, im Südosten des Departements Dordogne.

Am 6. September 2007 schrieb er in eloquentem Französisch an "Madame la Maire/M. le Maire" - in Sachen "Enquête Familiale": "Gestatten Sie mir, dass ich Ihnen eine wenig alltägliche Angelegenheit unterbreite - sie bezieht sich auf einen ehemaligen Bürger Ihrer Kommune, oder besser noch, auf einen Nachfahren seiner Familie, vorausgesetzt, es gibt sie noch. Mein Vater ist vor 30 Jahren gestorben und hat mir unter anderen Andenken einige Medaillen hinterlassen. Wenn Sie mir mitteilen können, wie ich mit der Familie von Cap. Vacquier Kontakt aufnehmen könnte, würden Sie mir eine ebenso menschliche wie patriotische Pflicht erfüllen helfen, und alle wären Ihnen dafür dankbar."

Die Cousine reagiert mit Zurückhaltung

Die ungewöhnliche Anfrage wurde prompt aufgegriffen, denn das Haus der Vacquiers war noch immer im Besitz der Erben, die Familie im Rathaus bekannt.

Wochen später erreicht Richters Schreiben den Pariser Geschäftsmann François Leroux, einen Enkel André Vacquiers und zusammen mit seiner Cousine der einzige überlebende Nachfahre. Leroux, "Europäer aus Überzeugung und Leidenschaft", ist elektrisiert. Er sieht die Möglichkeit, Licht in ein dunkles Kapitel der eigenen Geschichte zu bringen. Die Cousine hingegen "reagiert mit Zurückhaltung. Sie ist verärgert über die Tatsache, dass Helmut Richter offenbar 30 Jahre verstreichen ließ, ehe er seine Nachforschungen anstellte. Und die 79-Jährige ist bitter enttäuscht, dass die Anfrage aus Frankfurt nicht mehr ihre Mutter erreichte: Die einzige Verwandte, die André Vacquier noch gekannt hatte, war zwei Jahre zuvor gestorben.

Auch Leroux kommt nach der ersten Überraschung ins Grübeln über den Einbruch der "deutschen Vergangenheit", die sich plötzlich per Brief aus Frankfurt zu Wort meldet. "Wie sollte ich das finden? Erstaunlich?", fragt er. War das Vorhaben des unbekannten Deutschen "sympathisch, mutig, gar generös?" Leroux zögert.

Es ist eine Begebenheit in der engsten Familie, die Leroux schließlich überzeugt: Der Enkel des 1918 gefallenen André Vacquier erfährt beinahe gleichzeitig mit Richters Anfrage, dass er selbst Großvater einer deutsch-französischen Enkeltochter werden wird - sein ältester Sohn Matthieu ist mit einer Deutschen verheiratet. "Ich habe das als bewegendes Zeichen gesehen", sagt Leroux mit Tränen in den Augen, "den Zufall der Geschichte empfand ich als tiefgehend symbolischen Moment."

"Wir haben Frieden mit der Geschichte gemacht"

Der 68-Jährige entscheidet, die Habseligkeiten seines Großvaters bei Helmut Richter persönlich abzuholen. Seine Cousine ist zunächst schockiert, lässt sich dann überzeugen, die Reise nach Frankfurt anzutreten. Ein halbes Jahr nach dem ersten Kontakt treffen sich die Nachkommen des Leutnants und des Hauptmanns im Apartment des Pensionärs. "Urgemütlich deutsch, bei 'Kaffee-Kuchen'", sagt Leroux.

Nun passieren die Einzelheiten der Geschichte Revue, auch schmerzhafte Details. Dann übergibt der Deutsche die privaten Besitzstücke von André Vacquier, die Medaillen, das Zigarettenetui nebst Namensplakette. "Es war noch mal ein Moment, der uns allen sehr nahe ging", erinnert sich Leroux.

"Wir haben Frieden mit der Geschichte gemacht", sagt er und meint damit das deutsch-französische Verhältnis ebenso wie die traurige, gemeinsame Vergangenheit der beiden Familien rechts und links des Rheins. Und es ist symbolisch, dass selbst die Fichte am Grab von Hauptmann Vacquier am Stammsitz in Montignac aus Altersgründen vor zwei Jahren gefällt werden musste.

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1.
Niklas Napp, 05.07.2011
Hinterhältiger Angriff? Mein lieber Simons, Krieg ist Krieg. Mit solchen Überfällen muß man da immer rechnen. Wenn Sie nicht in der Lage sind, Kriegsumstände richtig zu würdigen, sollten sie die Finger von der Militärgeschichte lassen. Wenn sich jemand falsch verhalten hat, dann waren es die Franzosen, die unvorsichtig laut waren, obwohl sie sich in einem Kampfgebiet befanden. Derartige Überfälle waren leider Gottes ein übliches Mittel, um an Informationen zu gelanden, und wurden regelmäßig von beiden Seiten ausgeführt.
2.
Simon Reuter, 05.07.2011
Bei allem Verständnis für das zeitgenössische Bedürfnis, Kriegstaten und mit dem Kriege verbundenen Phänomene in ein veruteilendes Licht zu rücken, wie auch jede bewaffnete Auseinandersetzung als Krieg zu bezeichnen, empfinde ich es als semantische Unschärfe, ein Treffen zwischen zwei Streifen im Kampfgebiet mit dem Legen eines Hinterhaltes gleichzusetzen. Dies wäre wohl eher gegeben, wenn sich Soldaten an rückwärtigen Linien in Stellung legten und z. B. Nachschubkolonnen attackierten. In die gleiche Kategorie gehört m. E. das sprachliche Bild des "Verscharrens". Ein Soldatengrab, welches nach zwei Jahren identifizierbar war, so dass die sterblichen Überreste in die Heimat überführt werden konnten, war wohl eher Schauplatz einer den Umständen des Grabenkrieges angemessenen Bestattung als ein achtloses, despektierliches "Verscharren".
3.
Ansgar Schmersal, 05.07.2011
Ein wirklich interessanter Artikel. Er wäre perfekt, wenn man das obligatorische Nestbeschmutzen weggelassen hätte. 1. Das Ganze war kein "hinterhältiger Angriff", sondern eine reguläre militärische Aktion zwischen zwei kriegführenden Nationen. 2. Gefallene gegnerische Soldaten, genau wie gefallene eigene Soldaten werden generell nicht "verscharrt", sondern erhalten ein Begräbnis.
4.
Rolf Selzer, 05.07.2011
Nach dem Adler zwischen den beiden Kokarden war der Offizier Angehöriger des 1.Brandenburgischen Dragoner Regiment No. 2. in Schwedt (Schwedter-Adler).
5.
Ada Zaurak, 05.07.2011
Ein unangenehmer Artikel, die Aufgaben und Lehren, die uns die Geschichte gab und gibt, scheinen hier leider deutlich mißverstanden worden zu sein ...
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