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Deutsch-russische Kinderliebe "Nie habe ich Natascha vergessen"

Deutsch-sowjetische Kinderliebe: Plötzlich war Natascha fort Fotos
AP

Kaum war die Rote Armee 1945 in Leipzig eingerückt, verliebte sich Uwe Siemon-Netto in die russische Offizierstochter Natascha. Bis Stalin seine christlichen Soldaten deportieren ließ - und Natascha spurlos verschwand.

"Gib dir Mühe, Russisch zu lernen", sagte meine Mutter. "Die Sprache der Russen ist so schön wie die russische Musik." Am 1. Dezember 1945 wurde sie Pflichtfach an den Schulen der sowjetischen Besatzungszone. Meine Mutter war Konzertsängerin. Wenn sie mit Musik argumentierte, folgte ich grundsätzlich ihrem Rat. Ich wurde in Russisch Klassenbester.

Einer meiner Helfer war der Lehrer Ziegenbalg, der meinem Freund Joseph und mir in seiner warmen Dachkammer bei Streuselkuchen und Malzkaffee kostenlos Privatunterricht erteilte. Ein Sonderling: dürr und "gaag'ch", wie wir Leipziger sagen - käsebleich. Zudem standen im Zimmer 48 Totenköpfe, einige echt, die meisten Gipsabgüsse. Joseph und ich störten uns nicht daran. Wir hatten im Bombenkrieg Beunruhigenderes gesehen.

Meine andere Helferin war Natascha, Russin und meine erste Liebe. Wir wollten heiraten, durften aber nicht, weil wir ja erst neun Jahre alt waren. Unsere viel zu kurze Freundschaft bestätigte das Sprichwort, dass Gegensätze sich anziehen. Natascha hatte pechschwarzes Haar und alabasterfarbene Haut, ich war blond und habe von meinem Vater die Anlage geerbt, schon beim ersten Sonnenstrahl braun zu werden.

"Du essen!"

Großzügig duldete sie mein gebrochenes Russisch und antwortete in einem dergestalt vollendeten Deutsch, dass wir einander unsere Liebe in meiner Muttersprache gestanden. Trotz ihres kindlichen Alters kannte Natascha deutsche Poesie. Einmal drückte sie mir einen Zettel mit einem Rilke-Reim in die Hand:

"Ich möchte dir ein Liebes schenken, das dich mir zum Vertrauten macht: aus meinem Tag ein Deingedenken und einen Traum aus meiner Nacht."

Natascha wandelte in der zweiten Zeile "zur" in "zum" um, damit der Vers auf mich zutraf. Gefunden hatte sie das Gedicht in der Bibliothek einer Villa im vornehmen Leipziger Stadtteil Gohlis, wo sie mit ihren Eltern einquartiert war. Meine Großtante Irene Stürtz verwaltete das Haus.

Uwe Siemon-Netto mit seiner Mutter Ruth vor dem Wohnhaus am Sophienplatz Zur Großansicht
privat

Uwe Siemon-Netto mit seiner Mutter Ruth vor dem Wohnhaus am Sophienplatz


Nataschas Vater war sowjetischer Major. Nie habe ich seinen Beruf im Zivilleben erfahren, aber er und seine Frau sprachen ein wunderschönes Deutsch. Der Major gehörte zu den jahrzehntelang in der Sowjetunion verfolgten russischen Christen, mit denen Diktator Josef Stalin im Zweiten Weltkrieg einen taktischen Frieden geschlossen hatte. Sie durften in der Roten Armee für ihr Vaterland kämpfen.

Die ganze Familie des Majors, einschließlich des "Muschiks", seines Burschen, pflegte einen bewusst christlichen Lebensstil. Christlich teilten sie mit Tante Irene ihre Rationen und bezogen auch mich ein. Wenn ich die Küche betrat und der Bursche Nudelsuppe löffelte, stand er unverzüglich auf, schob mir seinen Teller zu und befahl: "Du essen!"

Plötzlich waren alle fort

Oft lud der Major meine Großmutter und mich zum Mittagsmahl ein. Im Speisezimmer hatte er als Hausherr seinen Platz immer am oberen Tischende.

Der Major sprach ein russisches Tischgebet und bat Omi um das lutherische "Komm, Herr Jesu, sei unser Gast". Dann trug der Muschik ein bescheidenes Essen auf: erst Borschtsch, danach eine große Platte Weißbrotschnitten, dick mit Butter bestrichen und mit viel Zucker bestreut.

Uwe Siemon-Netto als Teenager an der Schreibmaschine Zur Großansicht
privat

Uwe Siemon-Netto als Teenager an der Schreibmaschine


Sonntags fuhren der Major, seine Frau und Natascha in seinem Dienstwagen, einem beigefarbenem Adler mit schokoladenbraunen Kotflügeln, vor und nahmen mich mit zum Gottesdienst in die orthodoxe Alexij-Kirche, gebaut 1913 zum Gedenken an russische Gefallene der Leipziger Völkerschlacht. Sie war in diesen ersten Besatzungsmonaten voller Rotarmisten.

Die Messe war drei Stunden lang und exotisch, der Gesang aufwühlend, wenngleich ich die Orgel vermisste. Am besten fand ich, allzeit hungrig, die gesegneten Brötchen am Ausgang, auch für Nicht-Orthodoxe, die zum Altarsakrament nicht zugelassen waren.

Mein Freund Joseph und ich beschlossen, fortan immer in St. Alexij zu beten. So übten wir uns in ostkirchlicher Frömmigkeit, bis wir eines Sonntags im fast leeren Gotteshaus standen. Die sowjetischen Offiziere, ihre Frauen, Kinder und Muschiks waren alle weg, auch unser Major, seine Gemahlin und Natascha. Nur noch einige greise russische Zivilisten waren bei der Messe.

In Tränen aufgelöst

Wir eilten zur Dienstwohnung des Majors. Sein Auto war vom Hof verschwunden. Am Küchentisch saß weinend Tante Irene. Ich fragte:

"Wo ist der Muschik, Tante Irene? Wo sind der Major und seine Frau? Wo ist Natascha?"
"Alle abgeholt."
"Wann? Von wem?"
"Mitten in der Nacht drangen GRU-Leute ins Haus ein, rissen sie aus dem Schlaf, befahlen ihnen, sich anzuziehen, und schubsten sie gefesselt in einen Kastenwagen, auch die Natascha", sagte sie. Die GRU (Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije, die Hauptverwaltung für Aufklärung) war der Militärgeheimdienst der Roten Armee.
"Und warum sieht die Küche so verwüstet aus?"
"Das ist noch gar nichts. Geh einmal durchs Haus. Mehrere Schergen blieben zurück, durchwühlten die Schränke, Kommoden und Bücherregale und warfen alles auf den Boden. Erst vor zwei Stunden fuhren sie weg."
"Haben sie auch dir wehgetan?"
"Nein. Sie befahlen mir nur, mich vorläufig nicht von diesem Stuhl zu entfernen, auf dem ich jetzt noch sitze."

"Mit Sicherheit nach Sibirien"

Joseph und ich nahmen die Straßenbahn zurück zur Kaiserin-Augusta-Straße, wo meine Eltern und ich seit unserer Ausbombung 1943 bei meiner Großmutter wohnten. Wir trafen fast zeitgleich mit Tante Käthe ein.

Käthe Pohl, eine Freundin meiner Mutter, war eine begnadete Pianistin aus Riga. Sie sprach perfekt Russisch, gab mit ihrer Schwester Gisela Konzerte für sowjetische Offiziere und ihre Familien und pflegte Freundschaften mit den Christen unter ihnen. Sie war ebenfalls in Tränen aufgelöst.

"Sind auch deine Freunde abgeführt worden?", fragte ich sie voll böser Vorahnung.
"Ja, alle."
"Wohin?"
"Mit Sicherheit nach Sibirien."

Jetzt tat ich, was Omi mir früher im Luftschutzkeller nie erlaubt hatte: Ich weinte. Omi legte ihre Arme um mich und streichelte meinen Kopf.

Wir wussten beide, dass ich Natascha, ihre schöne Mutter und ihren noblen Vater nie wiedersehen würde. Bald sollte sich bestätigen: Mit einem Schlag hatte Stalin die Rote Armee von den christlichen Offizieren "gesäubert", die ihm im Krieg treu gedient hatten.

Unter Tränen tröstete Tante Käthe sich an Omis Klavier mit dem aufheiternden Allegro des ersten Satzes aus Bachs Italienischem Konzert - wie so oft, wenn sie Kummer hatte.

Bald darauf brachte mich meine Mutter nach Westdeutschland, wo ich im Internat Latein und Griechisch, Englisch und Französisch lernte und mein Russisch vergaß. Aber nie habe ich Natascha vergessen, meine kleine russische "Braut", die mir mit einem Reim ihre Liebe erklärte und urplötzlich meinem jungen Leben entrissen wurde - nur weil sie und ihre Eltern Christen waren.

Zur Person
  • Uwe Siemon-Netto
    Uwe Siemon-Netto, gebürtiger Leipziger, ist seit 58 Jahren Journalist. Er hat sich unter anderem mit seinen Berichten vom Vietnamkrieg einen Namen gemacht. Siemon-Netto, ein promovierter lutherischer Theologe, lebt in Südkalifornien und Frankreich. Zur Jahrtausendfeier seiner Heimatstadt Leipzig hat er jetzt seinen Memoirenband "Griewatsch! Der Lümmel aus dem Leipziger Luftschutzkeller" ('fontis-Verlag, Basel) herausgebracht.
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Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
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1.
David Freiberg, 03.01.2016
Wow, ergreifend. Mehr kann man dazu nicht sagen.
2. Eine Geschichte, die ans Gemüt geht
Detlev Crusius, 03.01.2016
Tja, so geht das. Ich bin mit einer Russin verheiratet. Sie ist orthodoxe Christin, heute darf man das in Russland. Meine Frau stammt aus Perm, kurz vor dem Ural. Die Menschen dort sagen - hier fängt Sibirien an.
3. Traurig
r d, 03.01.2016
und doch so erhaben. Edle Menschen, die dem vermeintlichen Feind voller Liebe begegneten. Ich denke, dass alle Bomben und Umerziehungsmaßnahmen nichts gebracht haben, zumindest im Vergleich zu dem Major und seiner Familie, der Nächstenliebe und damit Völkerverständigung vorgelebt hatte.
4. So geht's mir auch
Roland Hellbardt, 03.01.2016
Vielleicht gibt's ja noch ein Wunder und sie treffen sich noch einmal? Hab Pippi in den Augen ...
5. Eine sehr gute
frank loescher, 03.01.2016
Kolumne. Endlich mal keine Hetzerei!
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