Französischer Indochina-Krieg Von der Waffen-SS in die Fremdenlegion

70.000 Fremdenlegionäre zogen in den Fünfzigern für Frankreich in den Indochina-Krieg, fast die Hälfte davon waren Deutsche. Viele hatten für Wehrmacht oder Waffen-SS gekämpft - und dann die Seiten gewechselt.

Von , Paris

Text Schneider

Sie hießen Meier, Schmitz oder Müller. Sie waren ehemalige Wehrmachtsoldaten, erfahrene Offiziere der Waffen-SS, halbwüchsige Flakhelfer oder das letzte Aufgebot der Nazis - Jugendliche des "Volkssturms". Sie waren Deutsche, die aufseiten der Hitler-Armeen halb Europa unterworfen hatten, im Dienst für "Führer und Vaterland".

Doch ihre Todesurkunden vermerken: "Gestorben für Frankreich".

Das Schicksal dieser Soldaten war lange vergessen, verdrängt und verleugnet. Dass Deutsche und Österreicher das Gros der 73.000 Fremdenlegionäre an der fernen Kolonialfront stellten, passte nicht zum Bild der Einheit, die in Frankreich als Idol aller Waffengattungen gilt und zum Nationalfeiertag am 14. Juli beim Defilee auf den Pariser Champs-Elysées beklatscht und gefeiert wird.

Die einzigartige Rolle der rund 30.000 "germanischen" Fremdenlegionäre beleuchtet erstmals der französische Historiker Pierre Thoumelin in seiner Arbeit "Der nützliche Feind". Recherchen in deutschen Archiven, die akribische Durchsicht zugänglicher französischer Dokumente und persönliche Interviews mit Zeitzeugen erlaubten dem 26-jährigen Forscher einen präzisen Einblick in die besonderen Umstände, mit denen Veteranen von Hitlers Armeen für das französische Expeditionskorps gewonnen wurden.

"Kriegslüstern, marodierend, massakrierend"

Thoumelin beschreibt, wie die ersten noch während des Kriegs oder kurz nach der Kapitulation angeheuert wurden und wie der "Indochina-Krieg die Gegner von gestern plötzlich zur Elite der Fremdenlegion" machte. Der Historiker räumt zugleich mit den Mythen und Legenden auf, die sich während der Nachkriegszeit um die Rolle der Landser-Legionäre rankten.

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Denn zunächst wurden die Deutschen - vor allem von der Kommunistischen Partei Frankreichs (KPF) - als Ex-Nazis oder ehemalige SS-Schergen verdammt. "Die SS-Leute, die Sie im KZ festgehalten haben", wandte sich der KPF-Abgeordnete Charles Tillon 1949 an den Präsidenten der Nationalversammlung Edouard Herriot, "sind heute in Indochina." Und ein anderer KPF-Politiker beklagte, dass die Regierung zwei "Mörder des Massakers von Oradour" nach Indochina entsandt hätte.

Bisweilen wurde gar das Szenario einer Unterwanderung der Legion durch die Deutschen entworfen, fast zwei Jahrzehnte lang hielt sich das Bild der Landser in Filmen, Zeitungsartikeln oder Dokumentationen: beschrieben als "kriegslüstern, marodierend, massakrierend und jede Form von Leben vernichtend."

Kriminelle Vergangenheit hinter sich lassen

Die Rehabilitierung erfolgte Anfang der Siebziger. Historische Schilderungen des Indochina-Kriegs entwarfen ein teilweise geschöntes Bild von den deutschen Legionären, jetzt wurden die Deutschen als bloße Befehlsempfänger der verbrecherischen Nazi-Herrschaft dargestellt: mehr Opfer als Täter. Das Resultat war eine Entlastung der Wehrmacht und ihrer Verbrechen.

Mit neuen Klischees: Die Landser wurden zu professionellen Kämpfern erhoben, durchweg Veteranen des Afrikakorps oder der Ostfront, tapfer, blond, blauäugig. Sie galten als Modellsoldaten, die ihre Schuld gegenüber Frankreich ablösten. Aus den diabolischen Figuren wurden Vorbilder von Ritterlichkeit.

Tatsächlich war die Präsenz von Deutschen in der Fremdenlegion so alt wie die Geschichte dieser Formation. Die Legion, gegründet 1831, um "Fremde in den Dienst Frankreichs" zu stellen, spielte zunächst beim Aufbau der Kolonien eine zentrale Rolle. Zum Kodex der Truppe gehört die Möglichkeit, "unter einer angenommenen Identität" anzuheuern. Dies bot die Chance, eine peinliche oder gar kriminelle Vergangenheit hinter sich zu lassen und nach treuen Diensten gar die französische Staatsbürgerschaft zu erwerben.

Diese Besonderheit spielte gewiss auch bei der Rekrutierung nach dem Zweiten Weltkrieg eine Rolle, schreibt Historiker Thoumelin. Im Vordergrund stand jedoch der Bedarf: Der Fremdenlegion fehlten nach 1945 frische Kräfte.

Angeworben wurden die Deutschen daher vor allem unter den 765.000 Kriegsgefangenen. Zugleich suchte man nach Kandidaten im französischen Besatzungsgebiet, im Saarland wie in Baden-Württemberg.

Verpflichtet wurden dabei auch ehemalige SS-Männer, obgleich es seit 1945 die Vorschrift gab, die Herkunft der Neuzugänge auf "Unerwünschte wie Kriegsverbrecher oder SS-Männer" zu untersuchen. Offenbar eine oft laxe Praxis, wie der SPIEGEL 1949 in einer Reportage beschreibt: "Sie brauchen nur den Arm zu heben, um zu zeigen, dass sie nicht das eintätowierte Zeichen der SS haben. Sie brauchen nur eine geringschätzige Bemerkung über die Gestapo zu machen, und schon ist der Schritt getan."

"SS marschiert" französisch

Von den Rekrutierungsbüros wurden die Männer zur Ausbildung nach Nordafrika verschifft, bevor sie an die Front nach Indochina entsandt wurden. Dort machten die Deutschen bald die Mehrheit der kämpfenden Verbände aus und bewährten sich als Fallschirmspringer, Panzerfahrer, Piloten oder Flugzeugmechaniker.

Die Deutschen - zudem vertraut mit der recycelten Wehrmachtsausrüstung - erwarben sich Achtung, Renommee und Orden, vor allem bei der Schlacht von Dien Biên Phu - eine Niederlage, die das Ende der französischen Kolonialherrschaft ankündigte. Etwa der Legionär Kurt K., geboren 1924. Bei seinem Tod im März 1953 besaß er zwei Auszeichnungen der Wehrmacht, dazu drei Indochina-Regimentsorden, das französische Kriegskreuz mit Stern in Bronze und die Kolonial-Medaille für Fernost.

Die militärischen Traditionen der Deutschen prägte die Erscheinung des französischen Expeditionskorps - etwa bei der Militärmusik. Marschlieder wurden lediglich mit neuem französischem Wortlaut versehen. Aus "Die Panzer rollen in Afrika" wurde so "Im Bataillon aus Eisen und Stahl". Das Zweite Fallschirmregiment trat an zu den Klängen von "SS marschiert im Feindesland", auf Französisch umgewidmet in: "Die Legion marschiert."

Solche Indizien brachten der Fremdenlegion den Vorwurf ein, sie sei eine "Bastion ehemaliger SS-Leute". Zeitzeugen bekräftigten das gegenüber Thoumelin: "Wir wussten, dass es in unserer Einheit ehemalige SS-Männer gab, auch die Obrigkeit wusste das. Manche sprachen ganz frei über ihre Vergangenheit bei der Waffen-SS."

Zum Beispiel Legionär Johann L.: Mit 18 Jahren trat er der Waffen-SS bei, bevor er in die Dritte SS-Panzerdivision "Totenkopf" wechselte und dort zum SS-Rottenführer aufstieg. In Oranienburg wurde er zur "Standarte Brandenburg" überstellt, zuständig für die Kontrolle von Konzentrationslagern und eingesetzt zu "Säuberungsmaßnahmen" in eroberten Gebieten. Trotz seiner dokumentierten SS-Karriere wurde Johann L. am 24. April 1953 in Straßburg von der Fremdenlegion übernommen. Er starb am 6. September 1954.

"Nazi-Waschmaschine"

In ihrer westdeutschen Heimat war man nicht unbedingt stolz auf das Engagement dieser Soldaten. Manche Familien bestanden darauf, den Vermerk "Gestorben für Frankreich" in "Gestorben auf dem Feld der Ehre" abzuändern. In der DDR galten die Rückkehrer zudem als ideologische Wackelkandidaten, die sich im Dienst des Imperialismus verdingt hatten.

Auch in der offiziellen Geschichtsschreibung der französischen Streitkräfte war das Thema lange tabu. Die Präsenz ausgewiesener SS-Leute wurde mit Stillschweigen übergangen. "Trotz der Aussagen und der vorliegenden Beweise hat man ihre Rekrutierung stets bestritten", stellt Thoumelin fest.

Dennoch kommt der Historiker zu dem Schluss, dass die Truppe kein Refugium ehemaliger Faschisten war. Zwar habe es Legionäre gegeben, die zur berüchtigten SS-Panzergrenadier-Division "Reichsführer SS" gehört hatten. Und es gab Deutsche, die zur Fallschirm-Panzerdivision "Hermann Göring" zählten und damit verantwortlich waren für Kriegsverbrechen in Italien und beim Aufstand des Warschauer Ghettos. "Diese Männer", sagt Thoumelin, "wurden bisweilen angeworben, im vollen Wissen" um ihre Vergangenheit. Insgesamt aber blieb dieser Typ deutscher Fremdenlegionäre in der Minderheit.

Als Grund dafür, dass der Anteil der SS-Leute dennoch immerhin rund zehn Prozent betrug, sieht Thoumelin allerdings nicht eine ideologisch gefärbte Nachsicht: "Auch wenn die Anwerbung der Kriegsgefangenen manchmal als 'Nazi-Waschmaschine' empfunden wurde, so stand dahinter in erster Linie ein pragmatisches Konzept, das allein durch die Notwendigkeiten des neuen Krieges bestimmt war."

Thoumelin: "Letzten Endes waren die deutschen Kriegsgefangenen, die meisten Veteranen des Zweiten Weltkriegs, nach Ansicht der Legion willkommen - für einen Krieg, der erfahrene Männer brauchte."

Zeugen und Zeugnisse gesucht:
Pierre Thoumelin sucht noch immer nach deutschen Überlebenden des Indochina-Kriegs oder ihren Dokumenten. Er interessiert sich zudem für jene Mitarbeiter der DDR-Verwaltung, die sich im Osten um die zurückgekehrten Ex-Legionäre kümmerten und ihre Wiedereingliederung ins zivile Leben: schneider-text@wanadoo.fr
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Seite 1
Albrecht Meister, 14.07.2014
1. Nicht nur Nazis
Die Mutter und die Verlobte meines Großonkels nach einem Bombenangriff im Keller verschüttet und tot - er selbst an der Westfront nach einem Einsatz gegen die Fanzosen vermisst ... Und dann taucht im Spiegel in den fünfziger Jahren bei einem Bericht über den Fremdenlegion in Indochina ein Foto der Legion auf, auf dem jemand dabei ist, der ihm zumindest sehr ähnlich sieht. Die Recherche der Familie verlaufen im Sand. 10% waren Nazis? Ich möchte in keiner Weise die deutsche Schuld schmälern, aber 90% der ehemaligen Wehrmachtsoldaten dürften "normale" Soldaten gewesen sein, die nach dem Krieg einfach nur entwurzelt waren und nicht mehr wussten, wo sie sonst hätten hingehen sollen.
Kenneth Larney, 14.07.2014
2.
Vielleicht waere nun auch mal ein Artikel faellig, der die Leistungen der heutigen Legion wuerdigt. Leider werden wir in der heutigen Zeit vollkommen zu Unrecht sehr oft mit 'Kriminellen' gleich gesetzt. Aber wenn wieder mal Friedensmissionen notwendig sind oder Menschen aus Kriegsgebiete evakuiert werden muessen, dann sind wir gut genug dafuer.
Yildi Goezen, 14.07.2014
3. Auch davor schon...
..waren die Deutschen recht willkommen bei der Fremdenlegion. Z.B. im Einsatz in Algerien. Gut beschrieben vom Urvater des deutschen Krimis Friedrich Glauser.
Hans Deboer, 14.07.2014
4. Nicht freiwillig!
Der Vater eines Mitschuelers war mit der Fremdenlegion in Indochina. Allerdings erzaehlte er uns ,dass er als Kriegsgefangener die Wahl hatte zwischen Schuftereim im Kohlebergbau oder Legion. Gruesse.
Ingo L, 14.07.2014
5. Nicht das erste Buch zu dem Thema
Die in der Einleitung erwähnte Aussage, dass Thoumelins Buch das erste zu dem Thema ist, ist so nicht richtig. Die Rolle der Deutschen in der Fremdenlegion wurde bereits sehr ausführlich von Eckhard Michels in seinem Buch "Deutsche in der Fremdenlegion 1870 - 1965. Mythen und Realitäten" beschrieben. Er kommt zu dem Schluss, dass die Fremdenlegion in Indochina der letzter Hort der Waffen-SS gewesen wäre ins Reich der Mythen. Ja es gab sie natürlich die SS'ler, aber den Großteil der knapp 50% Deutschen stellten eher normale Wehrmachtsangehörige, Glücksritter und "Wirtschaftsflüchtlinge" dar.
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