Deutsche Annäherung In der Zentrale des Klassenfeindes

Mit der Regierungsstaffel in eine neue Ära: Bei den deutsch-deutschen Verhandlungen zur Wiedervereinigung hatten 1990 auch die Militärs beider Länder ihren Beitrag zu leisten. Auf der Hardthöhe in Bonn stand Joachim Kampe, damals Oberst der NVA, den ehemaligen Feinden plötzlich persönlich gegenüber.

Treffen von Offizieren zweier deutscher Armeen: Innerlich aufgewühlt - Oberst Joachim Kampe, Generalmajor Glatt, Oberstleutnant Spielberg und Regierungsdirektor Dahlmanns (v.l.)
Joachim Kampe/Pressestelle BMVg / Privatarchiv

Treffen von Offizieren zweier deutscher Armeen: Innerlich aufgewühlt - Oberst Joachim Kampe, Generalmajor Glatt, Oberstleutnant Spielberg und Regierungsdirektor Dahlmanns (v.l.)


Als Kommandeur der Hauptnachrichtenzentrale des Ministeriums für Nationale Verteidigung der DDR betrat ich am 4. Mai 1990 auf dem Flughafen Köln/Wahn zum ersten Mal den Boden der BRD. Als Mitglied einer kleinen Delegation sollte ich an Expertengesprächen im Bundesverteidigungsministerium teilnehmen. Die 10. Volkskammerwahlen in der DDR wenige Wochen zuvor hatten es möglich gemacht.

Notwendig geworden war das Treffen aufgrund eines deutsch-deutschen Kommunikationsproblems: Das Fernmeldekabelnetz der Deutschen Post war dem enormen Gesprächsbedarf zwischen der BRD und der DDR nicht mehr gewachsen. Zwischen den Standorten der Verteidigungsministerien auf der Hardthöhe in Bonn und in Strausberg bei Berlin sollte eine direkte Fernmeldeverbindung hergestellt werden - Vorbereitungen für die Deutsche Einheit.

Es lag in meiner Verantwortung, den reibungslosen Betrieb der Nachrichtenzentrale und damit die Kommunikationsfähigkeit der Führung in allen erdenklichen Situationen sicherzustellen. Zwei Wochen hatte ich mich auf meine Reise nach Bonn vorbereitet. Dennoch schlief ich in der Nacht vor der Abreise unruhig. Nur ein einziges Mal hatte ich während meiner Dienstzeit telefonischen Kontakt in die BRD gehabt. Jetzt war ich sogar auf persönlicher Mission im ehemaligen Feindesland.

Militärischer Auftrag

Die politischen Veränderungen machten sich auch bei uns in der NVA bemerkbar: Am Tag meiner Abreise fuhr ich als sogenannter "Selbstfahrer" mit dem Dienstwagen in die Hauptnachrichtenzentrale des Ministeriums. Ansonsten begann der Arbeitstag wie gewohnt mit einer Lagebesprechung. Routine eben. Der Gedanke an die nächsten Stunden, an den bevorstehenden Nachmittag in Bonn, ließ mich indessen keine Sekunde los.

Die Maschine der Regierungsstaffel vom Typ Tupolew TU 134 hob pünktlich vom Flugplatz Marxwalde ab. Für die Gespräche in Bonn waren zwei Stunden vorgesehen. Die Flugsicht war hervorragend. Zur Ablenkung blickte ich durch das Bordfenster. Hier oben gab es keine Grenzen, da unten würde es bald auch keine mehr geben. Wenig später erblickte ich zum ersten Mal den Rhein mit all seinen Brücken und den weltberühmten Kölner Dom. Ein wunderschönes Panorama bot sich mir dar. Auch das war also Deutschland. Wie gut, dass die Wiedervereinigung vollkommen friedlich vor sich geht, dachte ich, als das Flugzeug landete und zum Protokollstandpunkt rollte.

Am Fuß der Gangway wurden wir von Offizieren des Bundesministeriums für Verteidigung empfangen. Höflich und zuvorkommend begleiteten sie uns zu den bereitstehenden Fahrzeugen, und nach kurzer Fahrzeit hatten wir die Hardthöhe, das Zentrum der militärischen Macht der BRD, erreicht. Alles sah sehr friedlich aus, meine innere Anspannung ließ nach. Von nun an bestimmte der militärische Auftrag nicht nur mein Handeln, sondern auch meine Gefühle.

Ein kleiner Beitrag zur deutschen Einheit

Die Staatssekretäre beider deutscher Delegationen stellten die Gesprächspartner einander vor. Ich wurde zum Verhandlungsort gebracht, wo Offiziere des Führungsstabes der Bundeswehr sowie Vertreter der Deutschen Bundespost bereits warteten. Mir stockte der Atem, angesichts der zahlenmäßigen Übermacht der Verhandlungsteilnehmer. Sechs hochrangige Offiziere und drei zivile Mitarbeiter waren erschienen. Ich versuchte, Haltung zu bewahren und mir nichts anmerken zu lassen. Während die Verhandlungsteilnehmer ihre Namen und Dienstpositionen notierten, begann ich meine innere Fassung wiederzuerlangen.

Die Einrichtung der geplanten Fernmeldeverbindung zwischen den Verteidigungsministerien in Bonn und Strausberg wurde genauso besprochen wie der Umgang mit Verschlüsselungstechniken und die Nutzung des damals noch sehr jungen Mobilfunknetzes. Die Gesprächsatmosphäre war sachlich und freundlich. Alle hatten ein Ziel und sprachen im Hinblick auf die technischen Problemstellungen die gleiche Sprache. Am Ende der Gespräche empfand ich einen gewissen Stolz darüber, dass ich zu ihrem zufriedenstellenden Verlauf beitragen konnte.

Die anderen Delegationsteilnehmer und ich wurden freundlich verabschiedet. Die gegenseitige Prüfung der Verhandlungsergebnisse wurde zugesichert und eine etwaige Realisierung in Aussicht gestellt. Die Protokolloffiziere begleiteten uns zurück zum Flughafen und warteten, bis die Maschine von der Rollbahn abgehoben hatte. Ich hatte mir das Zusammentreffen mit dem ehemaligen Gegner anders vorgestellt, angespannter, frostiger. Die Expertengespräche hatten auf Augenhöhe stattgefunden, mit dem Ziel, einen kleinen Beitrag zur Herstellung der Deutschen Einheit zu leisten.

Ungewisse Zukunft

Auf dem Rückflug ging mir die Zukunft nicht aus dem Sinn. Sie belastete mich genauso wie meine Untergebenen. Als Offizier hatte ich wenig Chancen im neuen Deutschland. Diese Erkenntnis war längst in mir gereift. Während der hoch qualifizierte Nachwuchs seine Gelegenheit bekommen würde und die Alten jenseits der 50 über das Versorgungssystem dem Einigungsvertrag gemäß abgesichert werden würden, sah es für all die anderen, die weder besonders jung noch besonders alt waren und zu denen auch ich gehörte, ungewiss aus.

Ich lenkte mich von den unguten Gedanken ab, indem ich eine Niederschrift über die Gespräche anfertigte. Einen Tage später legte ich sie mitsamt meinen Schlussfolgerungen dem Staatssekretär vor. Noch im laufenden Monat wurde eine direkte Fernsprechverbindung zwischen Bonn und Strausberg geschaltet. Später folgte eine Fernschreiberverbindung.

Fast 20 Jahre sind seitdem vergangen. Meine letzte Aufgabe als Kommandeur der Hauptnachrichtenzentrale des Ministeriums für Nationale Verteidigung bestand in der Überführung der Einrichtung in die Bundeswehr. Als Leiter des Fernmeldezentrums Ost habe ich meinen Dienst zum 31. Dezember 1990 quittiert.



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