Deutsche Auswanderer in den USA Getilgte Spuren

Deutsche Auswanderer in den USA: Getilgte Spuren Fotos
Deutsches Auswandererhaus

Im 19. Jahrhundert gehörten deutsche Auswanderer zum Leben in Amerika ganz selbstverständlich dazu. Doch als die USA 1917 in den Ersten Weltkrieg eintraten, kippte die Stimmung: Von einem Tag auf den anderen war alles Deutsche verpönt, verachtet, verboten. Davon hat sich die deutsch-amerikanische Kultur nie wieder erholt. Von

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Die Deutschen waren im 19. Jahrhundert die größte Einwanderergruppe in den USA. Sie bildeten die sichtbarste Gemeinschaft mit einem separaten Vereins- und Pressewesen, Gottesdiensten in deutscher Sprache und dem Festhalten an traditionellen Bräuchen. Heute sind die Spuren der Deutschen weitgehend verschwunden, ohne ein öffentlich wahrnehmbares ethnischen Profil hinterlassen zu haben. Ältere Thesen, die diese Entwicklung primär auf die beiden Weltkriege zurückführen, sind von der neueren Forschung revidiert worden: Bereits existierende Entwicklungen wurden durch die Kriege nur beschleunigt. Fakt ist, dass es im Zuge des Kriegseintritts der USA im Jahr 1917 zu einer Welle antideutscher Maßnahmen kam.

Um 1890 konnte ein Neuankömmling aus Deutschland besonders in ländlichen Bereichen, aber auch in den großen Städten Gebiete oder Stadtviertel finden, in denen viele Deutsche lebten. Einerseits konnten gewohnte Strukturen, die Teilnahme an einem Vereinswesen und die nicht völlige Abhän-gigkeit einer noch unbekannten Sprache die ersten Schritte im neuen Land erleichtern. Auf der anderen Seite bot sich durch die deutschen Enklaven die Möglichkeit zur Abschottung von der amerikanischen Gesellschaft. Ähnliches galt für das Pressewesen. Deutsch- oder zweisprachige Zeitungen informierten über die Politik der neuen Heimat und trugen so ihren Teil zur Assimilation an die neue Kultur bei, ließen aber auf der anderen Seite die Bande in die alte Heimat nicht abbrechen.

Fleißig und ehrlich - aber zu viel Bier

Die früheren deutschen Einwanderer und ihre Nachfahren hatten sich zu "Bindestrich-Amerikanern", zu so genannten "Hyphen-Americans" entwickelt. Elemente einer als deutsch wahrgenommenen Identität verbanden sich mit Einflüssen aus der US-Gesellschaft. Als geschlossene Ethnie präsentierten sich die Deutschen allerdings nur zu feierlichen Anlässen oder wenn es darum ging, sich gegen Verbote ihrer Vorlieben - wie den Alkoholgenuss am Sonntag - zur Wehr zusetzen. Ansonsten traten sie gemeinsam nicht in Erscheinung. Ein Grund dafür war die Unterschiedlichkeit der deutschen Kultur, starke regionale Identitäten und drei große Glaubenrichtungen: Katholizismus, Protestantismus und Judentum. Dennoch wurden sie von den übrigen Amerikanern als geschlossene, stereotype Einheit wahrgenommen und mit Vorurteilen belegt. Generell galten die Deutschen als fleißig und ehrlich, negativ wurde ihr Bierkonsum, die hohe Kinderzahl und auf dem Land die Tatsache, dass die Frauen ebenfalls auf dem Feld arbeiteten, gewertet.

Gerade da die Deutschen sich als relativ gut in die amerikanische Gesellschaft integriert verstanden, kam die Reaktion auf den Ersten Weltkrieg überraschend. Mit dem Beginn des Krieges zeigte sich, dass sich die Deutsch-Amerikaner in einer schwierigen Lage befanden. Viele hatten Verwandte und Freunde in Deutschland und fühlten sich der alten Heimat verbunden. 1917 folgte die Kriegsklärung an Österreich-Ungarn und Deutschland. Sie setzte eine Bewegung in Gang, die alles Deutsche aus der amerikanischen Öffentlichkeit tilgen wollte. Die Veränderungen fanden auf mehreren Ebenen statt.

Teeren und Federn

Etwa 6000 Deutsche, die noch nicht über die Amerikanische Staatsbürgerschaft verfügten, wurden interniert. Einige Bundsstaaten stellten den Gebrauch der deutschen Sprache in der Öffentlichkeit unter Strafe. Deutschsprachiger Unterricht in Schulen und Universitäten wurde ebenfalls verboten. Deutsche Orts-, Straßen und Platznamen erhielten neue Bezeichnungen. Deutsches Essen ver-schwand von Menukarten. Ein Bundesgesetz stellte die deutsch-amerikanische Presse unter Zensur, und die Gesellschaft boykottierte ihre Verbreitung. In der Folge überlebten 259 von 537 Blättern die Kriegszeit nicht. Viele Bibliotheken und Büchereien entfernten deutschsprachige Literatur aus ihren Beständen.

Auch die großen deutschen Verbände gerieten unter Beschuss und mussten sich, um einem Verbot zuvorzukommen, selbst auflösen. Praktisch jeder Deutschstämmige konnte in der Öffentlichkeit Opfer von Feindseligkeiten bis hin zu gewalttätigen Übergriffen werden - etwa dem Teeren und Fe-dern. Die Anglisierung von Nachnamen war eine Folge dieser ständigen Bedrohungen. An Häusern und Kirchen fanden sich Schmierereien, manche Gebäude wurden niedergebrannt. Auch vor Menschen machte der Mob mancherorts nicht Halt. Zahlreiche Opfer von Lynchjustiz belegen dieses traurige Kapitel.

Auch wenn viele der gezielt anti-deutschen Gesetze nach dem Krieg als nicht verfassungskonform zurückgenommen wurden, hatte das deutsche Element in den USA stark gelitten und sollte nie mehr seine organisierte Vorkriegsdimension erhalten. Obwohl während der wirtschaftlich schlechten Lage in Deutschland noch viele Immigranten in die USA kamen, erlangte die deutsche Sprache ihre vormalige Bedeutung nicht zurück.

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