Deutsche Comics Irrweg nach Bonnahalla

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Fix und Foxi statt Micky Maus, Tips und Taps statt Tarzan: Deutsche Comics gewannen über Jahre eine riesige Fangemeinde. Nur als der Erfolgsproduzent Rolf Kauka die drolligen Gallier Asterix und Obelix zu wackeren Germanen umtrimmen wollte, war Schluss mit lustig. Von Bernd Dolle-Weinkauff

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Lupo hat sich geändert. Anfangs war er gehässig, geldgierig und öfter mal besoffen. Heute ist aus ihm ein liebenswerter Schmarotzer geworden, ein Taugenichts und Lebenskünstler. Lupo hat in seinem Leben die wohl größte Wandlung durchgemacht, die je einer deutschen Comic-Figur zugemutet wurde. Mittlerweile müsste er so an die 60 sein, etwa so alt, wie der deutsche Comic selbst.

Als sich die Amerikaner schon kräftig über die gezeichneten Abenteuer von Micky Maus und Tarzan amüsierten, blätterten die Deutschen noch durch traditionell biedere Bildgeschichten im Stile von Wilhelm Busch. Comics waren dem deutschen Publikum bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs kaum vertraut. Nur sehr vereinzelt verirrten sich die Bilderstreifen in die Presse. 1953 änderte sich das.

Derb und moralisch

Mit dem Import der "Micky Maus-" und "Tarzan"-Heft boomte plötzlich auch hierzulande die Produktion. Deutsche Autoren und Zeichner legten eigene Kreationen vor, darunter der 1917 geborene Rolf Kauka. In seinem zu Anfang der fünfziger Jahre in München gegründeten Studio suchte er nach einer spezifisch deutschen Variante des Comic - nicht ohne den Erfolg Walt Disneys vor Augen zu haben.

Kauka experimentierte mit Märchen-, Fabel- und Volksbuchfiguren, schrieb verschiedene Szenarien und setzte in- und ausländische Zeichner wie Dorul van der Heide, Werner Hierl, Josef Braunmüller und das Team Becker-Kasch daran. Was dabei entstand, waren kurze, bisweilen märchenhafte Geschichten um Figuren wie Münchhausen, Till Eulenspiegel, Hops, der Hase und Stops, der Igel und Nasreddin Hodscha mit bisweilen derber, oft aber harmloser Situationskomik und hausbackener Moral.

Unter dem Serientitel "Till Eulenspiegel", bald verkürzt zu "Eulenspiegel", erschienen die Produktionen des Kauka-Studios ab Mai 1953 im Pabel Verlag Rastatt und schon bald auch Sonderhefte und ein weiteres Magazin mit dem Titel "Kunterbunt" mit Geschichten von den Hunden Tips und Taps und den Elefanten Bim und Bam.

Verniedlichungskur für Fix und Foxi

Von Anfang an dabei auch Fix und Foxi. Das Zwillingspaar stellte ursprünglich eine Verdoppelung des Protagonisten im Tierepos von Reineke Fuchs dar. Dessen Gegenspieler Isegrim tritt in Gestalt der gefräßigen Wolfsfigur Lupo auf, die zeichnerisch auffällig dem Big Bad Wolf des Disney-Bestiariums ähnelt. Mit Heft 29 im Jahr 1955 setzte sich Fix und Foxi als Titel des Magazins durch - und blieb es bis zu seiner Einstellung 1994. Die Auflage des 14tägig erschienenen Heftes erreichte bis Ende der Fünfziger die beeindruckende Höhe von 150.000 Exemplaren.

Mit der massenhaften Verbreitung werden auch die Protagonisten massenkompatibler: Die Tierfiguren erfahren eine Verniedlichung, sie verlieren das extrem Groteske. Bei Fix und Foxi zieht der menschliche Alltag ein, wozu auch die Komplettierung der Familie gehört - mit Oma Eusebia, der Göre Lupinchen und schließlich Onkel Fax.

Was für einen ordentlichen Haushalt galt, das galt auch für Kaukas hausinterne Zeichenschule: Sie brauchte Regeln. Den "Richtlinien über die Dramaturgie" zufolge geht es in der Fix- und Foxi-Familie stets um die Frage: "Wer ist der Stärkere?" Die Spannung konzentriert sich auf den Einfallsreichtum des Schurken Lupo und die Frage, mit welchen Mitteln die Gegenspieler seine Untaten einzudämmen wissen. An den Attacken, Streichen und Intrigen hat sich in all den Jahren eines nicht geändert: Lupo ist immer schuld. Und immer der Unterlegene.

Astérix' Germanisierung

Die Fangemeinde von Fix und Foxi wuchs bis in die sechziger Jahre enorm. Das gleichnamige Magazin, in dem weitere populäre Serien wie etwa "Pauli" oder "Hops und Stops" erschienen, erreichte eine Auflage von 300.000. Kauka indes wendete sich - offensichtlich angeregt durch die zeitgenössischen französischen und belgischen Comic-Magazine - ab vom Funny Animal Comics.

Kauka bringt den ersten Astérix-Comic in deutscher Übersetzung heraus und stößt damit nicht nur eine lang anhaltende Welle von Parodien und mehr oder minder offenen Nachahmungen der französischen Kultserie an. Er erregt auch heftigen Anstoß in der Öffentlichkeit und bei den Urhebern.

Getreu der zeitgenössischen Manier, importiertes Comic-Material einem vorgestellten deutschen Leserhorizont anzupassen, machen die Texter des Studios aus den drolligen Galliern wackere Germanen mit Namen Siggi und Babarras. So lautet dann auch die neue Bezeichnung der Serie. Aus dem Dorf in der Bretagne wird das rheinische "Bonnahalla". Siggi und Babarras bieten den an die Stelle der Römer getretenen "NATOlischen Besatzern" tapfer die Stirn. An die Stelle der in Astérix ironisch vorgeführten Nationalstereotypen treten recht witzlose xenophobe, teilweise gar antisemitische Phrasen. Da die Astérix-Urheber Goscinny und Uderzo mit derlei Germanisierung nicht einverstanden waren, entzogen sie Kauka die Lizenz; der deutsche Asterix erscheint seitdem im Ehapa Verlag.

"Das haut den stärksten Krieger um"

Kauka und seine Redakteure allerdings waren so überzeugt von ihrer Idee, dass sie mit Fritze Blitz und Dunnerkiel eine Nachfolgeserie schufen - ähnlich in der Tendenz. So ziehen Fritze Blitz und Dunnerkiel etwa in "Der Ochsenkrieg" (FF Super Tip Top Bd. 12) gegen "Hulberick" und die "Ostzonalen" zu Felde, während in "Der liebe Gott von Gallien" (FF Super Tip Top Bd. 25) Revanche an den Landsleuten der ehemaligen Lizenzgeber genommen wird.

Das pseudopatriotische Konzept findet sich auch in anderen Serienversuchen dieser Zeit, wie etwa dem Steinzeit-Comic "Die Pichelsteiner" oder den "Hermann Teutonus"-Episoden. Anklang beim Leser fand es indessen nicht. Es klingt wie traurige Selbstironie: Die endgültig letzte "Fritze Blitz"-Episode trägt den Titel: "Das haut den stärksten Krieger um".


Bernd Dolle-Weinkauff ist für das Institut für Jugendbuchforschung der Goethe-Universität Frankfurt am Main tätig, sowie Kurator der Ausstellung "Comics made in Germany".

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1.
Miguel Polster 09.02.2008
Schon als Kind haben mich die Kauka-Comics nie interessiert, ich fand sie weder lustig noch gut gezeichnet noch unterhaltsam. Ohne je darüber nachzudenken, hatte ich den vagen Eindruck, dass es sich, mit Verlaub, um billigen, plumpen Schund handelt... und sie sind es, heute kritisch betrachtet, wirklich. Im Vergleich dazu sind die "biederen" Bildgeschichten des Wilhelm Busch Weltliteratur, die Astérix-Comics sowieso. Rolf Kauka ist für den deutschen Comic das, was Ralf Siegel für die deutsche Musikszene ist: überflüssig und peinlich.
2.
Dietmar Meirich 09.02.2008
Der Beitrag ist recht interessant. Er ignoriert jedoch völlig die Comic Szene in der DDR die mit dem Mosaic von Hannes Hegen oder dem Atze ihren eignen Weg gegangen ist.
3.
Ilona Schroeder 11.02.2008
Der Artikel ist leider falsch und nicht gut recherchiert. Vielmehr wird suggeriert, das Rolf Kauka etwas total hässliches machte. Vielmehr war es so, dass der größte Teil der Bevölkerung in der Adenauer Zeit so dachte. Auch kein Wort darüber, dass Kauka heute wieder der größte deutsche Comic Produzent ist, ja selbst für Mitbewerber arbeitet und Fix & Foxi längst wieder auf dem Markt ist. Auch kein Wort darüber, das Asterix nur in Deutschland, Benelux und Frankreich belannt ist. In anderen Ländern nur wenig bis garnicht. Für mich zu große Meinungsmache über etwas, was vor über 40 Jahren passierte und nicht einen 3. Weltkrieg auslöste. Das heißt nicht, dass man so etwas aus heutiger Sicht gut finden muss, aber, wenn man rechchiert sollte es auch gut gemacht werden.
4.
Ekkehard Schönherr 11.02.2008
Man ist schon von sich selbst genervt, dass es einem nicht längst am Arsch vorbei geht. Aber Leute, merkt es Euch doch endlich mal, dass es nicht korrekt ist, "deutsch" drüber zu schreiben, wenn man ausschließlich von bundesdeutschen Verhältnissen spricht. Sobald es in einem Artikel um "deutsche Comics" gehen soll, dann müssen darin auch genau die Ost-Comics erwähnt werden, auf die Dietmar Meirich hingewiesen hat: Mosaik, Atze, Frösi. Die waren nicht marginal und ganz sicher inhaltlich und künstlerisch anspruchsvoller, als Forschungsthema also auch interessanter als Kauka's Fix und Foxi. Sobald die Ost-Comics in einem Text über den "deutschen Comic" fehlen ist dieser lückenhaft und damit sachlich falsch. Ich verstehe nicht, wie Herrn Dolle-Weinkauf, der sich seit vielen Jahren mit dem Thema beschäftigt, so etwas passieren kann. Wenn die Ausstellung, auf die am Ende des Beitrags verwiesen wird, sie selben Lücken aufweist, dann kann man sie sich wohl sparen.
5.
Peter Blechschmidt 27.02.2008
>Der Beitrag ist recht interessant. Er ignoriert jedoch völlig die Comic Szene in der DDR die mit dem Mosaic von Hannes Hegen oder dem Atze ihren eignen Weg gegangen ist. Dieser Weg wird seit Jahrzehnten mit den Abrafaxen fortgesetzt und ist wunderschön, gewaltfrei und bildend. Was wären die Abende mit meinem Sohn ohne die "Reisen im Orientexpress", die Mittelalterabenteuer mit Ritter Runkel, den gemeinen Mr. Coffins, den hinterlistigen Griechen Phisimachos oder die spektakulären Reisen durch das Südamerika der Inkas. Dank der genialen Zeitsprünge erleben die Zwerge alles, was für ein Kind wissenswert ist: Wie funktioniert eine Dampfmaschine, wer war Atatürk, wo steht das Schloss des "Alten vom Berge", wer hat die Bagdadbahn gebaut oder wie überwältigte Sir Francis Drake den überlegenen "Feuerspucker" der Spanier. So wie ich damals die in den Osten geschmuggelten Fix-und-Foxi- Comics langweilig fand, blättert mein Sohn sie heute lustlos durch und widmet sich dann wieder seinem spannenden "Mosaik". Und jeder Abend endet mit den gleichen Worten: "Und wie das Abenteuer weitergeht, erfahrt Ihr im...." dann mein Sohn: "...nächsten Mosaik".
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