Mauerfall 1989 Berlin war Westen genug

In der Nacht der Maueröffnung diskutierte der Schriftsteller Lutz Rathenow mit Europäern gerade über die Zukunft des Sozialismus. 28 Jahre später fragt er: Wie steht es denn nun um die deutsche Einheit?

Das Bundesarchiv / Thomas Uhlemann

Von Lutz Rathenow


Zur Person
  • imago/Horst Galuschka
    Lutz Rathenow, Jahrgang 1952, wuchs in Jena auf. Er studierte Pädagogik, Deutsch und Geschichte, wurde aber 1977 aus politischen Gründen exmatrikuliert. Danach freiberuflich als Schriftsteller in Ostberlin tätig wurde er 1980 wegen Veröffentlichungen im Westen verhaftet und kam nach Protesten wieder frei. Bis 1989 engagierte er sich in der Bürgerrechtsbewegung und schrieb für nichtoffizielle Zeitschriften in der DDR. Seit 2011 ist er sächsischer Landesbeauftragter für Stasi-Unterlagen. Über ihn selbst blieben etwa 15.000 Seiten Stasi-Akten erhalten.

"Hat", fragt mein Sohn, vier Jahre, "Dornröschen auch eine Mauer? Ist in Berlin hinter der Mauer ein Schloss? Warum blühen da keine Rosen? Hat die Mauer Dornen? Warum gibt es nicht in jeder Stadt Grenzen? Welche Sprache reden Soldaten? Sind das Menschen oder so was wie Ritter? Hilfst du eine Stadt bauen, die ich einreißen kann? Sieht dann wie ein altes Schloss aus. Ich befreie Dornröschen."

So redete ein kleines Kind in den Achtzigerjahren. Die Mauer war das, was einer niemals berühren durfte. Schimpfen ging immer. Wer im Osten leben bleiben wollte, um sich wohl in seiner Unzufriedenheit mit dem Osten zu fühlen (wie ich) redete sich das Ding auch schön.

Das mit Harald Hauswald 1987 in einem Münchner Verlag veröffentlichte Buch "Ost-Berlin - die andere Seite einer Stadt" war trotz oder wegen seines Verbotes in der DDR auch ein Beispiel von hellsichtiger DDR-Verdrängung. O-Ton: "Natürlich ist das Ding pervers, aber es zeigt seine Krankheit und verbirgt sie nicht verklemmt. Der Verlust dieses Bauwerks würde das Leben hier ärmer machen. Und wenn nur die Wut darauf abhandenkäme. Und nicht nur die ist es. Die Mauer als Motor, der permanent Spannung erzeugt. Im Moment der Trennung waren beide Teile am Auseinanderfallen, sodass die Mauer sie zusammenfügte. Ein Reißverschluss. Der Kitt von Ganzberlin."

Der Westen war das andere, die unbekannte Zone, in die alle Fantasien projiziert worden sind. Der gelbliche straßenlose Fleck auf Ostberliner Karten stellte die Konzentration jener im Ungekannten verkörperten Hoffnung dar. Ich kannte Leute, die sich nicht in die für provinziell gehaltene Bundesrepublik sehnten, sehr wohl aber nach Westberlin. Was eine Überschätzung dieser Stadt und eine Unterschätzung Westdeutschlands in all seiner Differenz war.

Mauerfall als Diskursstörung

Beim Rückflug aus Budapest im August 1989 nach Ostberlin begann die Mauer zu bröckeln. Auf dem Hinflug gab es noch strenge Kontrollen. Und während hier ein Flugzeug voller DDR-Bürger Richtung Osten zurückstrebte, flüchteten noch mehr über die offene, halboffene oder bald offene ungarische Grenze nach Österreich.

Die Hälfte der freiwillig zurückkehrenden Landsleute nahm eine westdeutsche Boulevardzeitung frech und offen mit an Bord, die andere Hälfte hatte schon wieder das "Neue Deutschland" ausgebreitet. Klassenkampf als Zeitungslektüre, zu anderen Zeiten hätte das richtig Ärger machen können.

In der Nacht der Maueröffnung diskutierten wir gerade in der Wohnung eines Bürgerrechtlers mit italienischen und französischen Sozialisten aus dem Europaparlament über die Zukunft des Sozialismus in der Welt, Deutschland und der DDR. Wir sollten die bessere Alternative sein, die alte Regierung war ja schon zurückgetreten. In diese Mischung aus Euphorie und tiefer Skepsis sickerte das hineingezischelte Gerücht, die Mauer sei offen. Es wurde als Diskursstörung empfunden. Aber der Raum leerte sich trotzdem.

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Geschichten zum Mauerfall: "WAHNSINN!"

Die Berliner waren dann überwiegend zufrieden mit ihrer Maueröffnung und der Berliner Vereinigung faktisch ab dem 10. November 1989. Mehr Deutschland brauchten viele nicht und merkten nicht, wie egoistisch dies gegenüber dem Rest Ostdeutschlands war.

Dass ihre Maueröffnung ohne die wirklich entscheidenden Demo-Aktivitäten (und ihre Vorbereitung) spätestens ab September 1989 in Leipzig nicht möglich gewesen wären - wer hatte das damals schon auf dem Schirm? Von Plauen am 7. Oktober 1989 reden wir einmal gar nicht - da demonstrierten mehr Leute als in Ostberlin. Auch die Losung "Wir sind ein Volk" tauchte dort - in Grenznähe - schon auf. Und in Dresden war kurz zuvor durch mutige Menschen, der "Gruppe der Zwanzig", höchstwahrscheinlich eine gewaltsame Eskalation seitens des Staates verhindert worden, wobei sich auch die Demonstranten auf dem Bahnhof nicht alle gewaltfrei verhielten.

Natürlich ist ein Gebrauch der Losung "Wir sind das Volk" durch Verbitterungspopulisten heute anmaßend. Damals sollte daran erinnert werden - in Leipzig, Dresden und andernorts - dass die Demonstranten AUCH das Volk sind. Und nicht nur die Polizisten und Staatsvertreter.

Mit der deutschen Einheit steht es gar nicht so schlecht. Alle sagen jetzt alles, was sie stört: aus dem Osten Richtung West empörungsaufgeschäumt oder clever schlitzohrig. Der Westen Richtung Osten vielfach mit einem Gähnen, das sich mit Interesse maskiert und doch eigentlich fragt: "Haben wir immer noch nicht genug Geld rüber geschüttet - was wollen die nur?!"

Das alles ist viel besser und fast entspannter geworden als 1990, eine Zeit der Euphorie und der Depressionen, die auf merkwürdigste Weise miteinander verwoben waren. Die einen erwarteten vom Westen zu viel, die anderen gar nix.

Zwei extreme Beispiele: Ein Brandenburger Besucher in Iserlohn (ein nettes völlig unproblematisches Städtchen) brach seinen Besuch bei einem Bekannten im März 1990 ab: Er bekäme Kopfschmerzen, da würden zu viele ausländisch reden, das hielte er nicht aus.

Ein Kontrast: Berliner Pressefest 1990, eher eine Domäne der Linken in vielen Nuancierungen, am Alexanderplatz. Ich versuchte ja, in allen Zeitschriften jeglicher politischer Orientierung gleichzeitig zu veröffentlichen und einer hatte etwas in einer Linksaußen-Zeitschrift gelesen. Er vermutete in mir einen Gleichgesinnten und fragte sinngemäß: Wie ich die Lage einschätze, wann denn die Revolution beginne und welche Gebäude in Berlin zuerst besetzt werden müssten. Er wirkte nicht überdurchschnittlich psychisch gefährdet.

Die größte Gefahr der geschichtsaufarbeitenden Verlebendigung der Vergangenheit ist immer ihre Symbolisierung. Die Gegenwart lässt wenig Zeit, um das Früher auszuleuchten. Für die einen bleibt die Sowjetunion fortwährende herbeierinnerte Gegenwart, für anderen ein problematisches Rätsel aus der nicht gekannten Vergangenheit, das nicht wirklich lösbar scheint.

Verständnis für Russland

"Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen" - diese Losung begleitete den DDR-Bürger als Plakat oder Banner im Eingangsbereich eines Betriebes. Was einen täglich umgibt, übersieht Frau oder Mann umso leichter. Was als Verlockung wirken sollte, könnte auch Drohung gewesen sein, denn was würde "siegen" bedeuten? Da darf jetzt an den dialektgeprägten Witz gedacht werden, in dem der Sozialismus SIECHT, was jemand aus dem Erzgebirge jetzt schöner betonen würde. Das "dahin-siechen" als eine Form des Absterbens liegt verdächtig nahe am glückhaft behauptetet Sieg der Sowjetgeschichte.

Wer im Uranabbaugebiet für den "Großen Bruder" gut bezahlt schuftete und sich manchmal radioaktiv verstrahlen ließ, sieht eben die Sowjetunion anders als wenn ihm der Staat auf Plakaten, im DDR-Fernsehen und Schulbüchern begegnete. Natürlich erzeugte ein Machtsystem ähnliche Aktivitäten der Anpassung und Verweigerung. Aber der Homo sovieticus war ja schon in Litauen anders als in Georgien. Und erst recht in der DDR.

Der Zerfall der realsozialistischen Staaten eröffnete in der DDR den Weg zur deutschen Einheit, in der Sowjetunion erst einmal den zum Zerfall eines Imperiums, aus dem ein großes Russland hervorging. Verwandelte Sowjetideologie pumpte sich mit neu-russischem Nationalismus bedeutungsvoll auf. Die populistischen Verformungen eines angeknackten Selbstbewusstseins durch nationale Erhöhungsgefühle sind in Osteuropa in mehreren Ländern eine gewisse Fortsetzung des Homo sovieticus. Das würden jetzt die ungarische oder polnische Regierung energisch bestreiten - aber auch ein ideologisierter Anti-Kommunismus kann wesentliche ritualisierte Elemente des Realsozialismus konservieren.

Im Osten Deutschlands gibt es mehr Verständnis für Russland. Das hat eine pragmatische Komponente, die richtig ist und friedensbewahrende Kontakte in den Mittelpunkt stellt. Aber es ist auch eine Ignoranz gegenüber der Ukraine, Georgien oder anderen Völkern der ehemaligen Sowjetunion. Da wirkt die Anpassung unter dem sowjetisch installierten Machtsystem in der DDR fort: Man orientiert sich lieber am mächtigsten Ex-Staat der Sowjetunion. Und nimmt die Gefühle der baltischen Menschen nur widerwillig war. Auch das ist eine Nachwirkung der Mauer.

insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
Michael Stoll, 09.11.2017
1. Egal wies gelaufen ist
Allen Leuten Recht getan ist eine Kunst die Niemand kann. Trotzdem bin ich als Schwaben-Wessi froh die Wiedervereinigung erlebt zu haben. Bei allen Probleme, es konnte uns nichts besseres wiederfahren. Schade ist nur dass das Verhältnis zu Russland nach Gorby so schlecht geworden ist. Allerdings hatte Russland Jahrzehnte Zeit seine Vasallen aus dem Warschauer Pakt als Freunde zu gewinnen. Dass die alle in die EU und in die Nato drängen ( und jetzt darüber schimpfen) hat der Westen nicht erzwungen. Es gilt aber auch: Der Westen hat viele Versprechen die beim Zerfall der Sowjetunion und zur deutschen Wiedervereinigung an Russland abgegeben wurden, einfach gebrochen. Daran leidet jetzt die Beziehung zwischen Europa und der Nato zu Russland. Wir sind für Russland kein verlässlicher Partner. Russland wiederum ist auch kein verlässlicher Partner für uns weil sich bei Händeln sofort Schröders Gasleitung schließen lässt und die Russen das als Druckmittel verwenden wie die Geschichte der Gasleitung durch die Ukraine zeigt.
Andreas Laue, 09.11.2017
2. In der Tagesschau
und den Heute Nachrichten ist der Fall der Mauer vor 28 Jahren keine Meldung mehr wert. Das ist die heutige Realität. Man stelle sich solch ein nationales Ereignis in Frankreich oder England vor. Eine Schande!
C. D., 10.11.2017
3. würdig
Besten Dank für diesen Beitrag. Er ist so ziemlich das Beste seit langem, was SPON zur Vereinigung und zu Ostdeutschland gebracht hat: frei von Pathos, aus erster Hand, ausgewogen und ohne Zeigefinger.
Pitt Lindner, 10.11.2017
4. @2 Nachrichten
Ich habe gestern Nachrichten gesehen, da war das ein Thema. Mitsamt den Schülern aus verschiedenen Ländern die in Berlin bei Feierlichkeiten dabei waren. Auf welchem Sender das kam kann ich aber nicht mehr sagen.
Andreas Laue, 10.11.2017
5. zu 4.
Ich meine die Hauptnachrichten am Abend von ARD und ZDF
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