Deutsche Emigranten in Palästina Schwaben im gelobten Ländle

Sie modernisierten die Landwirtschaft und bauten die Eisenbahn. Die christlichen Templer aus Württemberg, die Ende des 19. Jahrhunderts nach Palästina auswanderten, haben dort viele Spuren hinterlassen. Kurt-Jürgen Voigt hat einen der letzten Zeitzeugen getroffen: einen Juden, der bei einer Templerin ein Stück deutsche Heimat fand.

IfA Institut für Auslandsbeziehungen, Stuttgart

Als ich 1990 die "Deutsche Kolonie" in Haifa besuche, ist sie eine Baustelle, auf der emsig gearbeitet wird. Die Ben-Gurion-Straße, früher Karmelstraße, wird stilgerecht restauriert. Einst hatten hier deutsche Auswanderer der Tempelgesellschaft, einer christlichen Gemeinschaft aus dem heutigen Baden-Württemberg, ihre erste Kolonie in Palästina gegründet. Im Büro der "German Colony" plant man nun das "neue Leben in nostalgischer Atmosphäre". In den wiederaufgebauten Häusern der "Häuslebauer" soll ein Zentrum für Kommunikation, Tourismus und Kunst entstehen. Ich wandere in den Ruinen der Templerbauten umher: Bürgerhäuser, die große Schule, überall noch erkennbar die frommen Sprüche in altdeutscher Schrift an den Wänden. "Bis hierher hat der Herr geholfen" steht an einer Wand.

Das Jahr 1868. Einige hundert einfache protestantische Bauern aus dem Königreich Württemberg hatten all ihr Hab und Gut verkauft, den beweglichen Besitz auf hölzerne Wagen geladen und waren mit dem Schiff über Genua nach Palästina gefahren, um sich im "gelobten Land" anzusiedeln. Sie gehörten der Tempelgesellschaft an, einer kleinen christlichen Glaubensgemeinschaft, die 1950 in Ludwigsburg gegründet wurde. Am 30. Oktober kletterten Männer, Frauen und Kinder im Hafen von Haifa an Land. Im Sultanat Palästina hieß sie niemand willkommen. Die islamischen Türken fürchteten, die protestantischen "Franken" würden nun zu Tausenden einwandern, ihr christlicher Glaube den islamischen verdrängen.

Aber diese Schwaben brachten die protestantischen Tugenden und das moderne Wirtschaften ins Land und bauten erstmals ein funktionierendes Verkehrswesen auf - beginnend mit dem Bau der Straße von Haifa nach Nazareth und einem regelmäßigen Kutschendienst für die Pilger. Und sie führten eine Landwirtschaft ein, die nicht nur den Bedarf der Bevölkerung deckte, sondern lohnenden Export ermöglichte. Schwaben bauten die Bahnlinie von Haifa nach Dar'a mit Anschluss an die Hedschasbahn und Damaskus, sie pflanzten unzählige Eukalyptusbäume zur Trockenlegung der Malariasümpfe, die noch heute stehen.

Erst jubeln sie dem Kaiser zu, dann dem Führer

1871 siedelten sie sich in Sarona am Yarkon-Fluss an, den die Deutschen Audsche nannten. Heute ist es ein Stadtteil von Tel Aviv. Hier wurde großflächig Wein angebaut, es gab Keltereien, Brennereien und eine Sektfabrik, die Gebäude sind noch heute zu sehen. Sunny Trace, Jaffa Gold, Sarona Rot, Perle von Jericho, Hoffnung der Kreuzfahrer - das waren gute Tropfen von den deutschen Weinbauern-Genossenschaften. 1903 weihten die Templer die 800 Hektar große Kolonie Wilhelma ein und gründeten eine Ackerbauschule, ein Gymnasium, bohrten Brunnen. 1906 entstand beim Araberdorf Beit-Lehem die "Tempelkolonie Betlehem", wo vor allem Viehzucht betrieben wurde. Wenige Jahre später gründeten sie die große Kolonie Waldheim. Sie alle existieren noch heute.

In Rosch Pina im Norden Israels empfängt mich der Geograf Haim Goren. "Die Templer? Richtig hartnäckige Believer waren das, Gläubige, gut organisiert. Mit ihrem Geld haben sie ausprobiert, was hier in der Landwirtschaft möglich ist. Die ersten jüdischen Siedlungen konnten sich ja nicht halten, bis der Baron Rothschild sein Geld hineinsteckte. Die Templer sind ein wichtiger Teil der heutigen Geschichte dieses Landes." 1870 ließen sich hundert Templer in Jaffa nieder. Hier entstand der Name Jaffa-Orange. Später zog man in das Wohnviertel Walhalla um und baute die größte Maschinenfabrik des Landes. 1909 wurde Tel Aviv gegründet, und die Deutschen halfen beim Aufbau der ersten jüdischen Siedlungen. Die jüdischen Neubauern hatten keine Ahnung von Geflügel und baten die Deutschen um Hilfe.

Dann kam der Erste Weltkrieg. Annähernd 2000 Deutsche in Palästina gerieten in seine Wirren, kämpften mit, verloren. 1917 verließen die Türken das Land. 1920 begann das Britische Mandat, die Tempelkolonien blühten. Die Nachfrage nach deutschen Weinen und Orangen stieg. Wie einst dem Kaiser jubelten nun aber viele Templer dem Führer zu. 1939 wurden die wehrhaften Männer in Lagern der Briten interniert. Die britische Mandatsregierung legte Stacheldraht um Sarona, enteignete die Kolonien, verkaufte das Land. 1941 wurden viele Templer nach Australien, in das Lager Tatura in Victoria, gebracht. 1948 verließen die letzten Häuslebauer ihre Heimat an Bord des Dampfers "Empire Comfort" in Richtung Zypern. Doch Israel hat seine Templer nicht vergessen, ihnen später Entschädigungen gezahlt.

"Etwas, das mir Mut gab, weiterzumachen"

An der Kaplanstraße in Haifa treffe ich einen der letzten Zeitzeugen der Geschichte der Templer, den alten blinden Poeten, Literaten und Landeskenner Zwi Aviel. Und er erzählt die bewegende Geschichte eines kleinen Jungen, der die deutsche Templerfrau Anna traf und den Deutschen Schäferhund Rolf: "Ich war ein kleiner Bengel, neun Jahre alt. Es war ein sonniger Sonntag, und ich stand hier, guckte in den Hof hinein und konnte nicht glauben, was ich sah. Es war ein typisch deutscher Bauernhof mit kleinen braunen Hühnern. Ein kleiner Esel, zwei große friesische Kühe - genau wie ich es in Deutschland gesehen hatte. Vor zwei Wochen war ich aus Köln hierher gekommen, und jetzt stand ich hier und hörte und roch ein deutsches Dorf.

Dann fühlte ich, dass jemand mich an der Schulter berührte und anknurrte, es war ein großer Deutscher Schäferhund. Ich habe Hunde sehr gern, und ich legte meine Hand auf seinen Kopf, kratzte ihn zwischen den Ohren, er stupste mich noch einmal an, knurrte aber nicht mehr. Dann sah ich eine Frau auf der kleinen Veranda stehen. 'Guten Tag,' sagte ich, und sie sagte: 'Guten Tag, wie heißt du?' Und ich sagte, 'Herbert', aber dann erinnerte ich mich, nein, Herbert war ich dort, hier bin ich doch Zwi, ein bisschen kompliziert, die beiden Welten auseinanderzuhalten. 'Mich nennt man Anna', sagte sie und lächelte. Dann hörte ich ihren Mann aus dem Zimmer fragen, mit wem sie spreche? Und sie sagte, dass sie mit dem neuen Freund vom Rolf spreche. Rolf war der Hund. Und wir wurden sehr gute Freunde.

Drei-, viermal in der Woche kam ich nachmittags. Es gab dort einen kleinen Sessel und einen Tisch, aus Holz, weiß lackiert, und immer ein Glas Saft und Obst. Aber das Beste waren die Bücher, viele deutsche Bücher. Rolf saß im Gras neben meinen Füßen schlafend. Manchmal im Schlaf weinte er ein bisschen in hohen Tönen, und ich legte meine Hand auf seinen Kopf und kratzte ihn zwischen den Ohren, und er wurde wieder still. Es war herrlich still. Ich war ja glücklich darüber, dass ich nach Palästina gekommen war, aber das Land war fremd, ich verstand die Sprache nicht, ich wusste nicht, wie ich mit den Kindern spielen sollte. Hier in Sarona bei der Frau Anna, mit dem Hund und dem Saft und den Büchern hatte ich etwas, das mir Mut gab, weiterzumachen.

"Wir müssen weiterleben, weil ohnedem gehen wir alle unter"

Ich konnte nur fühlen, nicht mehr. Frau Anna, die Sprache, die Bücher, das war eine Welt, die ich genoss, das war eine Welt, die ich kannte. Das war eine Welt, in der ich wusste, wo ich war. Ich möchte Ihnen etwas sagen: Es ist unmöglich, uns Menschen etwas zu erklären. Ein alter Römer sagte: "Homo sum" - ich bin ein Mensch und alles was menschlich ist, ist mir nicht fremd. Auch meine kleine Erzählung ist menschlich. Langsam wurde ich mehr und mehr ein Teil meiner neuen Heimat Palästina. Aber an einem herrlichen Tag kamen die großen Ferien vom Juli 1939, und dann fing der Krieg an. Frau Anna bekam ein sehr ernstes Gesicht, es kamen Tränen aus ihren Augen, und dann erzählte sie mir, dass sie nach Australien fahren müsse und dass sie den Rolf nicht mitnehmen könne. Ich sagte, Frau Anna, ich nehme ihn mit nach Hause, ich werde sein bester Freund sein. Aber sie sagte, ich glaube kaum, dass mein Mann das zulassen wird. Dann kam der letzte Tag, an dem ich nach Sarona kam. Und Frau Anna saß draußen und wartete auf mich, ohne Saft, ohne Bücher. Und ich kam und fragte sie: 'Wo ist Rolf?' Und sie sagte mir: 'Rolf ist tot'.

Jetzt sitze ich hier und spreche eine Sprache, die ich schon 60 Jahre nicht gesprochen habe. Und was habe ich gelernt in meinem Leben? Wir müssen weiterleben, weil ohne dem gehen wir alle unter." Dann ging dieser wunderbare Mann, gestützt von seiner Frau, über die Kaplanstraße, wo einst der Hof der Frau Anna stand. Er sah die Häuser nicht. Aber er fühlte sie.



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Petra Walther, 06.07.2014
1. Deutsche Emigranten in Palästina - Internierungslager Tatura
Auf der Suche nach einer Antwort bin ich auf diesen Artikel gestoßen. Er ist sehr interessant. Meine Adoptivmutter, jetzt 91 Jahre alt, hat seit einigen Monaten den Wunsch, noch einmal ihr Haus am Fuße des Karmel, in dem sie bis zur Verschiffung nach Australien aufwuchs, wiederzusehen. Es handelt sich bei meiner Mutter um Frau K.M. Pfänder. Ihrem Vater gehörte dort wohl eine kleine Fabrik. Sie schrieb auch ein Buch über ihre Erinnerungen. Leider konnte ihr noch nicht auf ihre Frage nach den Entschädigungszahlungen antworten. Ich weiß nicht, wohin ich mich wenden kann um mehr darüber zu erfahren. Sie glaubt, dass ihre Eltern damals keine Entschädigung erhielt. Wer kann ihr bzw. mir weiter helfen? Existiert eine Liste darüber? Wir planen, im September diesen Jahres Haifa zu besuchen. München, 6. Juli 2014
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