Deutsche Fliegerschule Geheimvertrag mit der Roten Armee

Deutsche Fliegerschule: Geheimvertrag mit der Roten Armee Fotos
Das Bundesarchiv

Gemäß dem Versailler Vertrag von 1919 durfte das im Ersten Weltkrieg unterlegene Deutsche Reich keine Luftwaffe haben. Bilder und Dokumente aus dem Bundesarchiv offenbaren, wie die deutsche Militärführung den Vertrag umging: Sie baute eine geheime Fliegerschule auf - ausgerechnet in der Sowjetunion. Von

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Der am 28. Juni 1919 von der Reichsregierung unterzeichnete Versailler Vertrag untersagte dem Deutschen Reich den Aufbau von Luftstreitkräften, darüber hinaus waren die vorhandenen Kriegsflugzeuge auszuliefern beziehungsweise zu zerstören, und kurzfristig war auch jede Einfuhr und Erzeugung von Flugzeugen, Flugzeugteilen, Flugzeugmotoren und Teilen derselben untersagt, wie auch allgemein jeglicher Rüstungsimport und -export. Die deutschen Luftstreitkräfte waren damit ersatzlos abgeschafft, eine Wiederbegründung war sowohl verboten als auch praktisch unmöglich gemacht.

Gleichwohl war die militärische Führung nicht bereit, auf dieses bereits im Weltkrieg unverzichtbar gewordene militärische Instrument auf Dauer zu verzichten und sich jeglicher Anstrengungen hier zu enthalten. Frühzeitig wurde im Reichswehrministerium die Notwendigkeit der Ausbildung von Flugzeugführern thematisiert und erste verdeckte Maßnahmen zur Erhaltung von Personal und Wissen ergriffen. Zwar fiel Ende 1922 das allgemeine Herstellungsverbot für Flugzeuge, doch blieb die Entwicklung und Produktion von Militärflugzeugen weiterhin unmöglich. Auch ging zwar Anfang 1923 die Lufthoheit über Deutschland wieder an das Reich zurück, doch ermöglichte dies lediglich einen Neuanfang der Zivilluftfahrt.

Entwicklung militärischer Prototypen

Mit dem französisch-belgischen Einmarsch in das Ruhrgebiet am 11. Januar 1923 und dem anhebenden Ruhrkampf wurden die bisherigen Bedenken gegenüber einem Vertragsbruch jedoch fallengelassen. An deutsche Flugzeughersteller gingen nun Aufträge zur Entwicklung militärischer Prototypen, und für die Zwischenzeit wurden von der Heeresleitung bei Fokker in den Niederlanden 100 Flugzeuge, darunter 50 neuentwickelte Fokker D XIII, bestellt.

Als der Ruhrkampf am 26. September 1923 von der Reichsregierung abgebrochen wurde, stellte sich damit jedoch für die Reichswehr das Problem der Unterbringung der bestellten Flugzeuge (auch die Marineleitung hatte, wenn auch deutlich weniger, Flugzeuge bestellt). In dieser Situation bot sich die Sowjetunion (seit 30. Dezember 1922) als Partner an. Im Vertrag von Rapallo vom 16. April 1922 waren die deutsch-russischen Beziehungen normalisiert und sowohl wirtschaftliche als auch militärische Zusammenarbeit vereinbart worden. Erste Sondierungen im Frühjahr 1924 ergaben nun ein grundsätzliches Interesse der Sowjetunion an einer deutschen Fliegerschule und Erprobungsstätte auf ihrem Gebiet. Auch aus deutscher Sicht war über das Problem der Unterbringung der bestellten und 1924 zur Auslieferung bereitstehenden Militärflugzeuge hinaus die Notwendigkeit zur Ausbildung eines Stamms von Flugzeugführern und Ausbildern erkannt worden. Bereits seit Januar 1923 bestand auch ein Werk des deutschen Flugzeugherstellers Junkers in Fili bei Moskau, in dem militärische Prototypen entwickelt wurden.

Anfang Juni 1924 wurde unter Oberst a.D. Hermann von der Lieth-Thomsen 1 in Moskau die verdeckte "Zentrale Moskau" (Z.Mo.) als ständige Vertretung des Truppenamts der Reichswehr (des getarnten Generalstabes) eingerichtet. Ebenfalls ab Mitte des Jahres 1924 wirkten auch sieben deutsche Berater und Instrukteure bei der Roten Luftflotte ("Gruppe Fiebig"). Am 15. April 1925 schließlich wurde ein Vertrag zwischen Lieth-Thomsen und dem Chef der Roten Luftflotte, Baranov, über die Einrichtung einer deutschen Fliegerschule und Erprobungsstätte in Lipezk unterzeichnet. Als Leiter der Schule war Major a.D. Walter Stahr vorgesehen, im internen Verkehr lief der Stützpunkt in der Folge als "Schule Stahr" oder "WIVUPAL" für "Wissenschaftliche Versuchs- und Personalausbildungsstation".

Bombenabwurf-Versuche

Der Stützpunkt musste zunächst umfassend ausgebaut werden, so dass der Flugbetrieb erst im Juni 1925 beginnen konnte und der eigentliche Ausbildungsbetrieb mit Flugschülern aus Deutschland erst im Frühjahr 1926. Bis zur Auflösung des Stützpunktes am 15. September 1933 wurden etwa 120 Jagdflieger und etwa 100 Beobachter ausgebildet, dazu zahlreiches deutsches Bodenpersonal. Diese Kräfte konnten wiederum in der Ausbildung in der Reichswehr eingesetzt werden und standen ab 1935 der neugegründeten Luftwaffe als erfahrene Ausbilder zur Verfügung.

Neben deutschen Fliegern und Technikern wurden in Lipezk auch zahlreiche sowjetische Piloten und Techniker geschult. Daneben fand auch Erprobung von neuem Gerät statt, insbesondere Versuche in verschiedenen Bombenabwurfsverfahren.

Während der Sommermonate befanden sich in Lipezk incl. Flugschüler knapp 140 Deutsche, im Winter reduzierte sich dies auf etwa 40. Daneben wurden etwa 340 ortsansässige russische Kräfte beschäftigt. Der Jahresetat für Lipezk erreichte auf seinem Höhepunkt 1929 knapp 4 Millionen Reichsmark.

Auflösung in der NS-Zeit

Die zunehmende Veränderung der politischen Ausgangslage zwischen den Vertragspartnern ab Anfang der dreißiger Jahre führte zum Ende des Stützpunktes. Die 1931 eingeleitete Öffnung der Sowjetunion zum Westen, die zum Neutralitäts- und Nichtangriffsabkommen mit Frankreich und Polen von 1932 führte, beeinträchtigte den Wert des Rapallo-Vertrages erheblich. Deutsche Pläne einer Annäherung an Frankreich im Sommer 1932 kamen hinzu sowie die prinzipielle Unzufriedenheit der sowjetischen Seite über die eher nachrangige Erprobungstätigkeit in Lipezk.

Als im Dezember 1932 auf der Genfer Abrüstungskonferenz die militärische Gleichberechtigung Deutschlands anerkannt worden war, wurde Lipezk auch aus Sicht der Reichswehr endgültig überflüssig. Nach dem 30. Januar 1933 kam die ideologisch bedingte prinzipielle Ablehnung einer Zusammenarbeit mit der Sowjetunion durch die nationalsozialistische Regierung hinzu. Am 15. September 1933 erfolgte daher die endgültige Auflösung des Stützpunktes Lipezk.

Neben der Fliegerschule und Erprobungsstätte in Lipezk bestanden zwei weitere deutsche Einrichtungen in der Sowjetunion: eine Panzerschule in Kazan ("Kama"); vertraglich vereinbart im Dezember 1926, wurden hier von 1929 bis 1933 etwa 30 Panzerfachleute ausgebildet; und dazu ein Gastestgelände bei Volsk ("Tomka"), eine von 1928 bis 1931 arbeitende Forschungs- und Erprobungsstätte für den Gaskampf.

Thomas Menzel, Bundesarchiv

Weitere Dokumente in der Galerie der Bundesarchiv-Website

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