Deutsche Fußballgeschichte Vom Kronprinzenpokal zum Propagandaspiel

Vom schmuddeligen Hinterhof in die großen Stadien: Anfang des letzten Jahrhunderts noch als "Proletensport" verpönt, entwickelte sich Fußball rasant zum beliebtesten Volkssport der Deutschen. Sein Siegeszug konnte weder durch Skandale noch durch seinen Missbrauch zu nationalsozialistischen Propagandazwecken aufgehalten werden.

Von Jürgen Ritter


Als Mutterland des modernen Fußballs gilt bekanntlich England. Anhänger des Spiels gründeten in London 1863 den ersten Fußballverband der Welt, die "Football Association". Ein Vierteljahrhundert später, 1888, entstand mit dem "Berliner FC Germania" der erste, heute noch bestehende deutsche Fußballverein. Den Deutschen Fußballbund, das Pendant zur "Football Association", rief man 1900 in Leipzig ins Leben und schon 1908 fanden die Spiele um den von Wilhelm von Preußen gestifteten Kronprinzenpokal statt, der Vorläufer des heutigen DFB-Pokals.

Als bereits fünf Jahre zuvor der VfB Leipzig zum ersten Deutschen Meister gekürt wurde, war das Medienecho noch äußerst gering. (So war dem Berliner Tageblatt das sporthistorische Ereignis nur klägliche 17 Zeilen wert.) Das allerdings sollte sich schnell ändern. Mit dem "Kicker" wurde 1920 von dem jüdischen Fußballpionier Walther Bensemann erstmalig ein Fußballorgan veröffentlicht, das auflagenstark bis heute existiert. Daneben entstanden die "Illustrierte Sportzeitung", der "Sport-Sonntag", sowie "Fußball und Leichtathletik", ein stramm deutschnational ausgerichtetes Blatt. Mit der Fußballbegeisterung wuchsen die Auflagen.

In den gehobenen Kreisen rümpfte man über den "Proletensport" pikiert die Nase. Seinem Siegeszug tat das allerdings keinen Abbruch. Bald wurde auch die klassische "Fußballertracht" immer beliebter. Sie bestand, wie bis heute, aus Stollenstiefeln, Trikot, Hose und Strümpfen in den Farben des jeweiligen Clubs. Immer mehr Fußballliebhaber wollten das Spektakel live erleben. Neue Stadien mit größeren Tribünen mussten her.

Der erste Skandal

Profifußball gab es in Deutschland damals noch nicht. Der DFB hielt streng am Amateurprinzip fest, obwohl Fußball längst zu einem einträglichen Geschäft geworden war. Der erste große Fußballskandal ereignete sich, als geheime Zahlungen an die Spieler des erfolgreichen Clubs Schalke 04 bekannt wurden. Vorübergehend wurde der Verein von der Liga suspendiert und einige Spieler disqualifiziert. Der Vereinskassier beging in Folge der turbulenten Ereignisse Selbstmord.

Fritz Szepan und Ernst Kuzorra waren die beliebtesten Spieler der Schalker Mannschaft und die zentralen Akteure des sogenannten "Schalker Kreisels". Bisher unbekannt war an dieser neuartigen Passpielweise mit direkten kurzen Pässen, dass sich jene Spieler, die nicht im Ballbesitz waren, aktiv freiliefen, um immer neue Anspielsituationen zu bieten.

Szepan und Kuzorra waren die in Gelsenkirchen geborenen Kinder armer, polnisch sprechender Zuwanderer aus dem ostpreußischen Masuren, die schon vor dem Ersten Weltkrieg ins Ruhrgebiet gekommen waren. Zum ersehnten sozialen Aufstieg bot der Fußballsport schon damals die Chance. Der Stürmer Kuzorra, ein Bergarbeiter, wurde von der Zechenleitung freigestellt und musste nicht mehr unter Tage. Sechsmal holte er mit seinem Verein zwischen 1934 und 1942 den deutschen Meisterschaftstitel.

Zweifelhafte Vorstände und nationalsozialistische Gleichschaltung

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten fand die Gleichschaltung des Deutschen Fußballbundes statt. Unter Präsident Felix Linnemann wurden sämtliche Juden aus Ämtern und Mannschaften und später auch aus den Vereinen ausgeschlossen. In der "Kicker"-Ausgabe vom 19. April 1933 wurde eine Bekanntmachung des DFB veröffentlicht, in der verkündet wurde, dass "Angehörige der jüdischen Rasse, ebenso auch Personen, die sich als Mitglieder der marxistischen Bewegung herausgestellt haben, in führenden Stellungen der Landesverbände und Vereine nicht für tragbar" gehalten werden. Der DFB fordert die Landesverbände und Vereine auf, "die entsprechenden Maßnahmen, soweit diese nicht bereits getroffen wurden, zu veranlassen."

Noch im Jahr der Machtergreifung schloss man auch bei Schalke 04 alle jüdischen Mitglieder aus. Nach der gewonnenen Meisterschaft von 1934 teilten Vereinsfunktionäre im "Kicker" mit, dass es in der Meistermannschaft "keine polnischen Emigranten" gebe. Man wollte nicht den Verdacht aufkommen lassen, slawischen Spielern eine Heimstatt zu bieten und unterzeichnete mit dem deutschem Sportgruß und "Heil Hitler". Auch an der sogenannten "Arisierung" war man beteiligt: Ausgerechnet Fritz Szepan, der in Gelsenkirchen geborene Sprössling polnischstämmiger Zuwanderer, riss das jüdische Kaufhaus Julius Rode & Co. an sich.

Beim Lokalrivalen des FC Bayern München, dem TSV 1860, stand ab 1936 bis 1945 das hochrangige SA-Mitglied Dr. Emil Ketterer an der Vereinsspitze. Er war Arzt, NSDAP-Mitglied, Münchener Stadtrat und hatte 1923 am Hitler-Putsch teilgenommen, wofür ihm der "Blutorden", die von Adolf Hitler gestiftete, höchste Ehrenauszeichnung der NSDAP verliehen worden war.

Fronturlaub für Sepp Herbergers Nationalelf

Ein interessantes Detail aus der Vereingeschichte des FC Bayern München: Nachdem dem jüdischen Vereinspräsidenten Kurt Landauer nach seinem erzwungen Rücktritt 1933 sechs Jahre später die Flucht in die Schweiz gelungen war, kehrte er 1947 wieder nach München zurück. Er wurde erneut Präsident des Vereins und sollte es bis 1951 bleiben.

Während des Zweiten Weltkrieges musste nach dem Willen der nationalsozialistischen Führung der Spielbetrieb unbedingt aufrecht erhalten werden. Die Vereine niedriger Spielklassen hatten auf Grund der Einberufungen zur Wehrmacht große Schwierigkeiten, jeden Sonntag elf Spieler aufzubieten. So wurden für die Länderspiele mit befreundeten und neutralen Staaten die Spieler kurzfristig von der Front abberufen. Obwohl halb Europa in Schutt und Asche lag, wurden die Länderspiele zu Propagandazwecken weiter abgehalten.

In dieser Zeit gelangen der Nationalelf unter ihrem Trainer Sepp Herberger etliche Erfolge. So besiegte sie 1939 den amtierenden Weltmeister Italien mit 5:2 in Berlin, bezwang im April 1941 Ungarn und im Juli ein Jahr später Rumänien, beide Male mit 7:0. Das letzte Länderspiel während des Krieges fand im November 1942 in Bratislava statt. Es endete mit einem 5:2-Sieg gegen die Slowaken.

"An allen Fronten Nationalspieler vorn!"

Das letzte Endspiel um die deutsche Fußballmeisterschaft wurde am 18. Juni 1944 ausgetragen, kurz nach der Landung der Alliierten in der Normandie. Der Dresdner SC, mit den Stars Richard Hofmann und Helmut Schön (dem späteren Bundestrainer), besiegte den Luftwaffen-Sportverein Hamburg vor 70.000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion mit 4:0. Aus Angst vor möglichen Luftangriffen war der Spieltermin nicht offiziell angekündigt.

"An allen Fronten Nationalspieler vorn!" tönte es in der vorerst letzten Ausgabe des "Kicker" vor Ende des Krieges am 26. September 1944. Zweifelhafte Ruhmesnachrichten wurden verkündet. Bis dato hatten zwölf Nationalspieler den "Heldentod" gefunden. Und aus Sepp Herbergers Nachwuchskader waren nicht weniger als 33 Fußballtalente gefallen.



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