Deutsche Heiligtümer Schüttel die heile Welt

Deutsche Heiligtümer: Schüttel die heile Welt Fotos
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Geht es noch spießiger? Die Schneekugel war lange eines der beliebtesten Mitbringsel der Republik: Der Handschmeichler mit Innenleben weckte deutsche Sehnsüchte. Inzwischen aber siechen unter der Kuppel bandagierte Kranke, Animier-Bärinnen springen aus Torten - haben Sie das schon gesehen? Von

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Ziemlich müde muss Bernhard Koziol gewesen sein, als er in jener Winternacht des Jahres 1950 mit seinem grauen VW-Käfer durch den verschneiten Odenwald zuckelte. Plötzlich blieb der Wagen in einer Schneewehe stecken, es ging nicht mehr weiter. Koziol drehte sich um, spähte durch das ovale Brezelfenster seines Käfers - und staunte. War es ein Traum? Eine Illusion? Aus dem dunklen Tannenwald waren drei Rehe hervorgetreten, Schneeflocken tänzelten durch die Luft und legten sich behutsam auf die lautlose Szenerie - eine perfekte Idylle.

"Zu schön, um wahr zu sein", dachte sich der Mann, schob energisch den Käfer aus der Schneewehe, fuhr zurück in sein Heimatstädtchen Erbach und ging sogleich in die Werkstatt, um nachzubilden, was er soeben gesehen hatte. Die Geschäfte des auf Souvenirs spezialisierten Kunststoffherstellers waren nach dem Krieg nur schleppend angelaufen. Mit seinem "Reh im Winterwald" sollte sich das ändern. Koziol stellte die bemalte Spritzgussminiatur unter eine Plastikhaube und füllte die Kunststoffhalbkugel mit einer Mixtur aus Plastikspänen und Odenwälder Quellwasser - fertig war seine "Traumkugel".

Nutzlos, aber so wunderschön anzusehen, dass Koziol für Romantiker aus aller Welt bald auch tanzende Trachtenpärchen, Schornsteinfeger und Madonnen, Märchenhexen und Zwerge unter die Plastikhaube brachte. Die Kunststoffkuppeln verkörperten die Sehnsüchte und Träume ihrer Käufer - und enthielten folglich auch beliebte Reiseziele wie den Schiefen Turm von Pisa, die New Yorker Freiheitsstatue oder die Pyramiden von Gizeh. Kofferweise brachten Touristen in den fünfziger und sechziger Jahren die vom Schneegeriesel verklärten, plastifizierten Urlaubserinnerungen mit nach Hause - mal eher kitschig, mal kunstvoll. Mit den Zeiten des Wirtschaftswunders war auch ein Schneekugel-Hype angebrochen.

Kleine heile Welt

Die heile Welt zum Aufmischen - inzwischen ist sie Kult. Offenbar so sehr, dass man sich den ganzen Keller damit zustellen kann: An die 8000 Schneekugeln - große und kleine, erotische, sakrale und auch gruselige - besitzt Josef Kardinal aus Nürnberg. Zwei Guinessbuch-Urkunden bescheinigen dem 60-Jährigen, weltweiter Rekordhalter in Sachen Schneekugelsammeln zu sein. In seiner Heimat nennt man ihn mittlerweile "Herr Holle".

"Es ist die kleine, heile, in einer Kugel eingeschlossene, von außen unverwundbare Welt, die uns Menschen so fasziniert", ist Kardinal überzeugt. Seine erste Begegnung mit einer Schneekugel hatte er 1984, als ihm Freunde ihr kitschiges Urlaubsmitbringsel überreichten, das er widerwillig annahm und auf dem Klavier abstellte. Die prominente Platzwahl hatte Folgen: Plötzlich brachte ihm jeder eine Kugel mit - und Kardinal wurde zum Sammler. Anfänglich unbeabsichtigt wurde daraus eine Leidenschaft, von der er nicht mehr lassen konnte.

Heute weiß dieser Mann einfach alles über Schneekugeln. Etwa, dass der Urahn des aktuellen Plastikhalbrunds schon 1878 auf der Weltausstellung in Paris gesichtet wurde: Aussteller präsentierten eine mit Wasser und einem weißen Pulver gefüllte Glaskugel, in die ein Männlein mit aufgespanntem Regenschirm montiert war.

Sturm in der Wasserkugel

In den sechziger Jahren bekam das handgefertigte Einzelstück enorme Konkurrenz - vor allem aus Fernost. Doch Schneekugel ist nicht gleich Schneekugel. Sammler Kardinal ärgerte sich über Billigprodukte von miserabler Qualität. "Da fällt der Schnee runter wie Stein, anstatt schön langsam herunterzurieseln."

Dass die handbemalten Miniaturen made in Germany bis heute am Markt bestehen konnten, ist vor allem der Werbebranche zu verdanken. Schneekugeln wurden zum beliebten PR-Gag - mit handsigniertem FC-Bayern-Logo oder auch als Luxus-Louis-Vuitton-Modell für 500 Euro das Stück. Traditionshersteller versuchen außerdem, mit Skurrilitäten zu punkten: So tummeln sich gefesselte Blondinen, um die schwarze Spinnen herumgeistern, ebenso im Schneegestöber wie etwa die Kölner Jecken in Nonnentracht oder eine den Besen schwingende Else Kling aus der "Lindenstraße".

Längst rieselt es auch nicht mehr nur im biederen Schneeweiß. Goldig-bunt oder düster-schwarz wirbeln die Kunststoffflocken um die Köpfe von Mickey-Mäusen, Aliens und Marilyn Monroes - nichts, was es nicht gibt in der Kugel. Selbst die russische Hündin Laika hat den Sprung ins Halbrund geschafft: Die deutschen Traditionshersteller Walter & Prediger aus Kaufbeuren ließen sie anlässlich des Starts von Satellit "Sputnik" im Jahr 1958 aus einer Schneekugel bellen. Selbst Weltanschauungen haben schon in Kugeln Platz gefunden - etwa in den "Öko-Balls", in denen schwarzer Smog-Schnee auf Großstadtpanoramen fällt.

Sammler Kardinal ist überzeugt, dass die Schneekugeln uns noch alle überleben werden. Warum? "Weil der Mensch einfach hoffnungslos romantisch ist, nach Geborgenheit strebt und gleichzeitig die Kontrolle über ein abgeschirmtes Mini-Universum haben möchte" - selbst wenn sich seine Allmacht darauf beschränkt, ab und zu einen Sturm in der Wasserkugel auszulösen.

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