Deutsche Heiligtümer Mythos Malle

Deutsche Heiligtümer: Mythos Malle Fotos
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Currywurst und Austern, Prolls und Promis, nackte Frisösen und Versace-Schickeria: Auf Mallorca findet jeder sein Glück. Ob als Jet-Set-Treff oder als "Putzfraueninsel" - das spanische Eiland hat die deutsche Urlaubskultur geprägt wie kaum ein anderer Landstrich. Katja Iken porträtiert das 17. Bundesland.

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Spanische Insel, deutscher Mythos: Mallorca ist weit mehr als nur das beliebteste Urlaubsziel der Deutschen. Mallorca, das ist die Sehnsucht der Teutonen nach dem, was sie an Rhein und Ruhr nicht kriegen können. Der private Traum vom Platz an der Sonne, vom ungetrübten Glück. Ein kleiner Fleck Erde mitten im Mittelmeer - der nicht nur die Sehnsüchte der Bundesbürger, sondern auch die Erfolgsgeschichte der Nachkriegszeit spiegelt.

Denn ohne das deutsche Wirtschaftswunder, ohne Neckermann, Quelle und Co. hätte es wohl kaum diesen unvergleichlichen Touristenboom gegeben. Dieser ließ das verschlafene Eiland der Hirten und Bauern innerhalb von wenigen Jahrzehnten zur Mega-Bettenburg mutieren, die heute dem jährlichen Ansturm von rund zehn Millionen Urlaubern standhält.

Unter ihnen sind derzeit pro Jahr rund dreieinhalb Millionen Deutsche. Seit gut 50 Jahren lieben wir Malle: die Insel mit dem schillernden Image, das zwischen "Putzfraueninsel" und Promi-Dépendance, zwischen Sangria aus Eimern und Champagner auf Eis oszilliert. Mit leichter Präferenz für den Champagner - zumindest derzeit. Doch kann es mit dem Schickeria-Image schon bald wieder vorbei sein. Denn bevor Mallorca zum Synonym für Teutonengrill und Ballermannsex wurde, ging es dort schon einmal recht mondän zu, aalten sich nicht die Bierbäuche der Plebs, sondern die Astralkörper der Schönen und Reichen am Strand.

Einmal Mallorca - für ein Monatsgehalt

Grace Kelly und Fürst Rainier zum Beispiel. Das Regentenpaar aus Monaco traf im April 1956 zum Flittern auf der Insel ein, zwei Tage, nachdem es sich das Ja-Wort gegeben hatte. Prince und Princesse fanden ein fast unberührtes Idyll vor - und waren begeistert. Bald machte die Rede von der Trauminsel im internationalen Jet-Set die Runde. Stars wie Errol Flynn, Charlie Chaplin, Aristoteles Onassis und Maria Callas entdeckten das Eiland; betuchte Deutsche wie etwa Bertelsmann-Chef Reinhard Mohn zogen nach.

Diktator Franco war es, der in den fünfziger Jahren das Signal für den Ausbau des Tourismus auf der Baleareninsel gegeben hatte, um die industrielle Entwicklung Spaniens zu fördern und dem bürgerkriegsgebeutelten Land ein neues Image zu verpassen. Die Rechnung ging auf, und bald verlustierten sich Prominente aus aller Welt an den romantischen Stränden, an denen lange zuvor bereits illustre Persönlichkeiten wie Erzherzog Ludwig Salvator, Frédéric Chopin und George Sand, aber auch Eduard Graf Keyserling und Winston Churchill geweilt hatten.

Noch ward keine einzige Putzfrau auf der Insel gesichtet - viel zu teuer war die Reise auf die Balearen. Der Mallorca-Trip hatte seinen stolzen Preis: 420 D-Mark musste bezahlen, wer bei dem Wuppertaler Veranstalter Dr. Tigges zwei Wochen Mallorca buchte - das entsprach Ende der Fünfziger etwa dem Monatsgehalt eines Facharbeiters.

Salzwasser im Zahnputzbecher

Zudem ging es auf dem Eiland noch viel zu rustikal zu, als dass die breite Masse daran Spaß gehabt hätte. Schon der Hinflug in der DC 4 geriet zum Abenteuer: An Bord des "Rosinenbombers" war der Druckausgleich fast unmöglich, was bei den Passagieren an Bord zu höllischen Ohrenschmerzen führte. Belohnt wurden die Geschundenen dafür mit einer spektakulären Aussicht - tuckerte die Maschine doch nur 3000 Meter über dem Boden dahin, mit einer Geschwindigkeit von unter 400 Stundenkilometern.

Vor Ort sah sich der Mallorca-Urlauber dann mit regelmäßigem Stromausfall, Salzwasser im Zahnputzbecher, gewöhnungsbedürftigem Essen und kärglichen Hütten am Wegesrand konfrontiert. Kurzum: Nichts für Hinz und Kunz. Noch nicht.

Die kamen später, als die Preise für Pauschalreisen in die Knie gingen. Einer der Hauptakteure der Reiserevolution in den sechziger Jahren war Joseph Neckermann. 1963 trat er auf den Plan, fortan wurde alles anders: Durch den Einkauf eines gigantischen Kontingents im Hotel- und Flugbereich konnte er die damals üblichen Preise um bis zu 40 Prozent unterbieten.

"Neckermann macht's möglich"

Neckermann machte es möglich, dass erstmals auch der kleine Mann massiv flügge wurde: Schon 1963 gingen bereits 18.000 Buchungen ein, im zweiten Jahr schickte der Versender bereits 35.000 Deutsche auf die Reise. Die gleiche Taktik fuhr Quelle. Um im Niedrigpreis-Segment zu überleben, schlossen sich Wettbewerber wie Touropa, Hummel-Reisen und Dr. Tigges zur Touristik Union International (TUI) zusammen und buhlten im Verein um die Gunst der deutschen Sonnenhungrigen.

"Wohlstand für alle", die einst von Ludwig Erhard ausgerufene Parole, bedeutete ab sofort: "Malle für alle" - den Grundstein dafür gelegt hat das deutsche Wirtschaftswunder. Ebenso wie Eigenheim, Fernseher und VW-Käfer bedeutete die Mallorca-Reise das kleine Glück für Jedermann. Besuchten 1960 noch 360.000 Urlauber die Insel, waren dies zehn Jahre später bereits mehr als zwei Millionen, angeführt von Deutschen und Engländern.

Zwischen 1973 und 1997 vervierfachte sich die Zahl an "Alemanes" auf der Insel gar. Seit den späten Sechzigern brummte an den Küsten der Massentourismus, eilig hochgezogene Betonsilos beherbergten die immer größere Flut an Sonnenhungrigen. Orte wie Cala Millor, Palma Nova, Magaluf erhielten ihre hässliche Fratze: funktionelle Bettenburgen, Wiener Schnitzel satt und Bier zum Selbst-Zapfen.

"Armeleutemief" an der Küste

Schnell galt Malle als Urlaubsziel in gewissen Kreisen als peinlich. Bessergestellte rümpften die Nase über den "Armeleutemief" an der Küste und wollten nichts zu tun haben mit den Feiermeiern im "Nordrhein-Westfalen mit spanischer Kulisse". Kaum waren die Putzfrauen gelandet, zog sich die feine Gesellschaft zurück.

Ganz fort von der Insel wollte sie nicht, zu idyllisch erschien das Fleckchen mit seinen Orangenhainen, dem lieblichen Klima, der guten Verkehrsanbindung. Wer was auf sich hielt, floh ins mallorquinische Hinterland, um sich dort in liebevoll renovierten Edel-Fincas hinter hohen Zäunen zu verschanzen: weit genug weg von den paarungswilligen Gröl-Horden im "Bierkönig" und der "Schinkenstraße" mit ihren Currywurstbuden an der Playa de Palma.

Doch kaum war Malle verpönt, wurde es kurz darauf auch schon wieder schick. Was war passiert? Zum einen vervielfachte die seit dem EG-Beitritt Spaniens 1986 starke Peseta den Bierpreis, weshalb so mancher Billigurlauber lieber daheim blieb. Zum anderen forcierte die Inselregierung einen entschiedenen Imagewandel, um die Promis aus aller Welt anzulocken. Die Behörden unterbanden das Kampfsaufen am Ballermann, Golfplätze wurden aus dem Boden gestampft, schicke Hotels, Edelrestaurants und Goldschmied-Kurse folgten.

Nackte Frisösen und Versace-Bikinis

Immer mehr High-Society-Deutsche entdeckten ihre Liebe zur Insel und wurden zu Parttime-Mallorquinern: Heino, Peter Maffay und Boris Becker bildeten die Vorhut, Frank Elsner, Sabine Christiansen, Max Schautzer, Claudia Schiffer und Co. zogen nach und kauften sich auf der Insel ein - der Boom hält bis heute an. Derzeit leben laut dem deutschsprachigen "Mallorca Magazin" bis zu 70.000 Deutsche auf Mallorca, Tendenz steigend.

Wer besonders viel auf sich hält und gleichzeitig Understatement pflegt, zieht in die Gegend um Santanyi im Süden der Insel, um sich fortan auf dem sogenannten "Hamburger Hügel" heimisch zu fühlen. Vor allem Hanseaten haben sich hier niedergelassen und pflegen das Dolce Vita à la Sylt - mit dem angenehmen Unterschied, dass sie sich dazu nicht, wie in der Sansibar, in Wolldecken hüllen, sondern ihren Versace-Bikini zeigen dürfen. Seit dem Sommer 2007 beherbergt die Insel sogar einen Ableger der Kunstmesse Art Cologne und peppt so ihr neues Image vom kosmopolitischen Luxuseiland weiter auf. Damit dürfte Mallorca den schäbigen Ruf vom Putzfrauen-Mekka endgültig abgestreift haben.

Gleichzeitig landen in der Hochsaison nach wie vor die Billigflieger im Minutentakt in Son Sant Juan und besingt die sonnenverbrannte Menge noch immer gutgelaunt die zehn nackten Frisösen im "Oberbayern". Nur dass die Rothäutigen ihre Sangria heute nicht mehr aus Plastikeimern, sondern aus gigantischen Gläsern oder Tonkrügen leeren. Malle hat für jeden was. Ein Mythos eben. Periodisch totgesagt, immer noch am Leben, unsterblich. Der Mythos vom ungetrübten Glück aller Deutschen. Viva Mallorca!

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insgesamt 2 Beiträge
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1.
Norbert Kern 19.11.2007
In diesem Zusammenhang von (Urlaubs-)Kultur zu sprechen halte ich schon für vermessen.
2.
Ernst Pelzing 18.01.2010
Im Sommer 1985 waren wir das erste und einzige Mal auf Mallorca. (In dieser Formulierung liegt schon die Bewertung.) Vom Flughafen Son San Joan ging es mit dem Taxi quer über die Insel zur Ostküste, konkret nach Calas de Mallorca. Man sprach Deutsch, selbst an der Supermarkt-Kasse. Erst auf Hinweis, dass Mallorca doch wohl noch Spanien sei, bequemte sich die Kassiererin, auf Spanisch umzuschwenken. Doch diese sprachliche Einlage im sommerlichen Urlaubsgeschehen der deutschen "Provinz" Mallorca sei nur eine Randbemerkung. Es kam viel schlimmer. Was beim Spaziergang entlang der malerischen Steilküste im Osten auffiel, war etwas ganz Anderes. Ein Blick auf das unten liegende Meer entpuppte sich als das pure Gegenteil von malerisch. Man wurde dort u. a. mit deutlich erkennbaren menschlichen "Hinterlassenschaften" konfrontiert, die mit der Meeresströmung von Norden in Richtung Süden zogen. Papier, Plastik und nicht zuletzt "Kupferbolzen". Francos Ankurbelung des Massentourismus hatte offensichtlich nicht an die Einrichtung von Kläranlagen gedacht. Das vor der Haustür liegende Meer machte die Entsorgung auf spanische Art möglich!
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