Deutsche Heiligtümer Alles auf Ankunft

Deutsche Heiligtümer: Alles auf Ankunft Fotos

Vorfreude, Spannung, Warten: Für Kinder symbolisiert der Adventskalender die schönste Zeit des Jahres. Doch woher kommt eigentlich der deutsche Brauch, jeden Tag ein Türchen zu öffnen? Gesche Sager hat die Vergangenheit eines der beliebtesten Deutschen Heiligtümer erkundet. Von

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Welche Bräuche pflegen Sie in der Adventszeit? Wie sieht Ihr Adventskalender aus? Zeigen Sie Ihre schönsten Fotos auf einestages!

Weihnachten ist ein Familienfest. Alle kommen zusammen, essen, trinken, lachen, streiten und packen Geschenke aus. Die Erwachsenen freuen sich, dass sie die Vorweihnachtszeit überstanden haben und die Kinder darüber, dass die Spannung endlich vorbei ist.

Für uns Erwachsene ist die Vorweihnachtszeit eine der schlimmsten Zeiten des Jahres. Zum alltäglichen Stress kommen die Festvorbereitungen. Tausende Menschen drängen sich durch die Innenstädte und Einkaufzentren, um Geschenke zu kaufen (und sich zu wünschen, sie hätten das schon im Sommer erledigt), untermalt von der allgegenwärtigen Beschallung mit George Michaels "Last Christmas" und ähnlichen weihnachtsmusikalischen Highlights.

Wirklich schön ist die Vorweihnachtszeit aber für Kinder. Mit großen Augen bestaunen sie die plötzlich allgegenwärtigen Lichter. Die Kaufhäuser bauen in den Schaufenstern die Weihnachts-Spielzeug-Dekoration mit Teddy-Backstube und Eisenbahn auf, vor denen sich Kindernasen plattdrücken, bis die Kleinen von ungeduldigen Elternhänden weggezogen werden. Überall können Sterne gefaltet, Kekse gebacken und Wunschzettel geschrieben und liebevoll verziert werden.

Vorfreude und Geschenke

Das Wichtigste in der Vorweihnachtszeit aber ist der Adventskalender.

Mit jedem Tag, mit dem ein Türchen geöffnet oder ein Päckchen ausgepackt wird, kommt ein kleines Stück Vorfreude und der Weihnachtsabend ein kleines Stück näher. Wer Glück hat, bekommt von seinen Eltern einen selbst zusammengestellten Adventskalender, mit 24 liebevoll verpackten kleinen Geschenken, die, wenn niemand guckt, heimlich abgetastet werden. Was da wohl drin ist?

Junge Eltern machen sich, wenn sie den Adventskalender für ihr erstes Kind packen, wahrscheinlich noch keine Gedanken darüber, dass es beim zweiten schon 48 und beim dritten Kind 72 Päckchen sein werden. Der Anblick freudiger Kindergesichter am 1. Dezember lässt diese Mühen schnell wieder vergessen.

Der Adventskalender ist eine deutsche Erfindung. Im 19. Jahrhundert wurde das Weihnachtsfest vom kirchlichen Gottesdienst ins bürgerliche Wohnzimmer verlegt, in dem die Familie sich um den Tannenbaum versammelte. In dieser Zeit hängten religiöse Familien im Dezember jeden Tag eins von 24 Bildern an die Wand. Andere malten 24 Kreidestriche an die Wand, von denen die Kinder jeden Tag einen wegwischen durften - weniger aufwändig, erfüllte aber trotzdem seinen Zweck.

Warten aufs Christkind

Der Adventskalender soll den Kindern die Wartezeit bis Weihnachten veranschaulichen - die Adventszeit. Ursprünglich gab es daher auch Kalender für die gesamte Adventszeit vom ersten Adventssonntag bis Heiligabend. Diese sind aber kaum noch zu finden, üblich sind heute die "Dezemberkalender" mit der immer gleichen Anzahl an Tagen, was die Produktion wesentlich erleichtert.

Advent (vom lateinischen "adventus") bedeutet "Ankunft", es ist die Zeit des Wartens auf die Ankunft Jesus' und seine Wiederkehr am Ende der Zeit. An jedem der Sonntage wird - auch eine Form des Adventskalenders - eine Kerze auf dem Adventskranz angezündet. Jeder dieser Sonntage hat dabei seine eigene Bedeutung: Der erste steht für Jesus' Einzug in Jerusalem, der zweite für die Wiederkunft Christi, der dritte für Johannes den Täufer und der vierte für Maria.

Die Idee zum ersten gedruckten Adventskalender hatte Gerhard Lang. Der schwäbische Pfarrersohn hatte als Kind in der Vorweihnachtszeit von seiner Mutter 24 Gebäckstücke bekommen, die sie auf einen Karton aufgenäht hatte. Jeden Tag durfte er eins davon essen. Daran muss er sich wohl erinnert haben, als er 1908 mit der lithographischen Anstalt Reichhold & Lang den ersten gedruckten Adventskalender herausbrachte. Kinder konnten jeden Tag ein Bildchen ausschneiden und auf einen Bogen mit 24 Feldern aufkleben. Nach 1920 gab es dann auch Kalender mit aufklappbaren Türchen. In dieser Zeit gab es zudem religiöse Adventskalender, in dessen Fenstern statt Bildern Bibelverse zu finden waren.

Schokolade im Wirtschaftswunder

Während des Zweiten Weltkriegs musste Lang die Herstellung von Adventskalendern aufgrund der Papierknappheit einstellten und seinen Betrieb aufgeben. Erst 1946 wurde den Kindern die Vorweihnachtszeit wieder mit täglichen Bildchen des neu gegründeten Sellmer-Verlags verkürzt. Erst ab dem Wirtschaftswunderjahr 1958 wurde diese Zeit zusätzlich durch Schokolade im Kalender versüßt.

Heute stehen Kalender mit Schokolade, Fruchtgummi, kleinem Spielzeug und ähnlichem schon ab September an jeder Supermarktkasse. Natürlich sind die Selbstbestückten immer noch die schönsten. Das Wichtigste aber bleibt die Vorfreude, die Spannung, mit der jeder Morgen anfängt, wenn eine neue Tür geöffnet werden kann und Weihnachten ein kleines Stückchen näher gerückt ist.

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