Deutsche Heiligtümer Dramen im Dreivierteltakt

Links das Bein, rechts das Bein - und alles für den ersten Kuss: Bei der Tanzstunde begegneten Generationen von Deutschen erstmals hautnah dem anderen Geschlecht. So wie in der ältesten Tanzschule des Landes - die Gestapo-Übergriffen ebenso trotzte wie der Twist-Welle.

Tanzschule Beuss

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Ihr Schlussballkleid wird Ingeborg Bäulke-Schubert wohl nie vergessen: Gefertigt aus dem beigefarbenen Tarnnetz eines Soldaten des Afrika-Korps', war es mit kleinen Puffärmchen und einer Blume in der Taille versehen - der Traum eines jeden jungen Mädchens im Jahr 1948. Wer nicht das Glück hatte, ein solches Weltkriegsrelikt zu ergattern, ließ sich die Robe aus alten Gardinen oder Fallschirmseide nähen, die jungen Männer stürmten in umgefärbten Uniformen das Parkett der Tanzschule. Not macht eben erfinderisch. Und tanzwütig.

"Je schlechter die Zeiten, desto größer die Lust am Tanzen", sagt die 74-Jährige Dame. Sie muss es wissen: Ingeborg Bäulke-Schubert leitet als Seniorchefin die wohl älteste Tanzschule Deutschlands - in fünfter Generation. 1787 führte Dynastiegründer Emanuel Einolf im nordhessischen Biedenkopf Tanzunterricht als Nebenfach ein. Kurz davor hatte Kaiser Joseph II. in Wien den Beruf des Tanzmeisters etabliert, um das walzerverrückte Volk unter Kontrolle zu bringen - und gab damit den Startschuss für die öffentlichen Tanzschulen. Einolfs Sohn Georg und Enkelin Luise Bäulke bauten die Tanzschule aus; im Oktober 1933 machte sich Ewald Bäulke, der Vater von Ingeborg, mit einer Niederlassung in Darmstadt selbständig.

"Keine guten Zeiten für 'Bäulke'", erinnert sich die Seniorchefin. Der brutale Rassenhass machte auch vor dem Tanzschulparkett nicht halt. So erschoss ein Darmstädter mit stramm nationalsozialistischer Gesinnung kurzerhand den chinesischen Tanzpartner seiner Tochter, "ein schrecklicher Moment für die Schule", so Ingeborg Bäulke-Schubert. Dazu kam die Gängelung durch das Regime: Hitler geißelte die neuen Modetänze der zwanziger Jahre wie Charleston, Shimmy und Foxtrott als "entarteten Negerklamauk" und propagierte Rheinländer, Polka und Walzer. Ganz besonders verhasst: der Swing, der als "Urwaldgehopse" tituliert und kurzerhand geächtet wurde.

"Tanzen ließ die Leute ihre Not vergessen"

"Swing-Tanzen verboten", lautet die Inschrift des Emailleschildes, das die Tanzschule Bäulke draußen an der Tür anbringen musste. Doch Vater Ewald pfiff darauf. Im Krieg als Soldat in Paris stationiert, entflammte der Tanzlehrer für den wilden Schlenkerschritt und führte ihn als "kleinen Foxtrott" getarnt in Darmstadt ein. "Leider befand sich das Gestapo-Quartier direkt gegenüber", erinnert sich Ingeborg Bäulke-Schubert. Prompt ließen die Nazis Ende 1942 die Tanzschule schließen; bald darauf zerstörte eine Bombe das Gebäude. Die Tanzkultur, ob in Darmstadt oder anderswo im Dritten Reich, lag am Boden - um unmittelbar nach dem Krieg mit umso größerer Vehemenz wieder aufzuerstehen.

"Tanzen war das billigste Vergnügen und ließ die Leute ihre Not vergessen", erklärt die Darmstädterin das ab 1945 um sich greifende Tanzfieber. Da den Bäulkes zunächst das Geld für den Aufbau einer neuen Tanzschule fehlte, bildete Vater Ewald seine Kinder - Ingeborg war gerade elf Jahre alt - in Ballett und Steptanz aus und tingelte bei den US-Soldaten. "Als die GI's bei einer Show in Karlsruhe anfingen sich zu prügeln, legte mein Vater kurzerhand die amerikanische Nationalhymne auf, und sofort herrschte wieder Frieden. Am Ende sind wir weg mit einem halben Koffer Schokolade", erinnert sich die Tochter und lacht. Bald hatte die Familie genug Startkapital zusammen und konnte die Schule neu eröffnen.

In Scharen strömte die jungen Menschen herbei, im Winter brachten sie Briketts, eine Tüte Kohlen, einen Scheit Holz zum Unterricht mit. Zwar schwang bei Bäulke nach wie vor überwiegend die akademische Elite, also Gymnasiasten und Studenten, das Tanzbein; erstmals führte die Schule nach dem Krieg jedoch auch kaufmännische Kurse ein. Das Volk eroberte den Ballsaal - die Etikette vermochte sie nicht hinwegzufegen. Noch nicht.

Anstandsbesuch sonntags zwischen elf und eins

Das gute Benehmen begann bei der Kleiderordnung: Männer hatten in Anzug und Krawatte zu erscheinen, Frauen in Kleid oder Rock plus Bluse - und basta. Wer seine Partnerin nicht nach allen Regeln der Kunst zum Tanz auffordern konnte, hatte keine Chance. Besonders verhasst: der Anstandsbesuch, sonntags vormittags zwischen elf und eins. Vor jedem Mittel- oder Abschlussball musste der Schüler den Eltern der jeweiligen Tanzpartnerin seine Aufwartung machen, geschniegelt und gespornt. "Ein Albtraum für die meisten", erinnert sich die 74-Jährige und kichert. Ritualisierte Kontaktaufnahme zum anderen Geschlecht, etwas anderes war nicht drin.

Dabei bestand der Reiz der Tanzstunde doch genau darin: Männlein trifft Weiblein, mit vor Aufregung schweißnassen Händen, kneifendem Konfirmationsanzug und rasendem Puls! In einer Zeit, in der die Schulen vielfach noch nach Geschlechtern getrennt waren, diente die Tanzschule als Ort der prickelnden Begegnung. Hier ein feuriger Blick, da eine zarte Berührung, das war's. "Küssen? Undenkbar! Anders als heute, wo sich die Pärchen auf der Tanzfläche abschmusen", ruft Bäulke-Schubert.

Wer Zärtlichkeiten austauschen wollte, kaufte sich, so die Seniorchefin, für zehn Pfennig eine Bahnsteigkarte und busselte vor an- und abfahrenden Zügen, einen jahrelangen Abschied simulierend. Oder bestieg auf der Kirmes die Raupe, "die hatte ein diskretes Verdeck", sagt die Dame mit dem warmherzigen Lachen schelmisch. Erfinderische Zeiten. Trotz Kussverbot kamen sich in der Wirtschaftswunderära jede Menge Paare in der Bäulkeschen Tanzstunde näher. Auch die Eltern der Autorin. Gefunkt hat's beim "Rheinländer", einem Tanz, der Anfang der sechziger Jahre plötzlich rasante Konkurrenz bekam. Vom Twist.

Der Twist: "Ausgeburt kapitalistischer Dekadenz"

"Männer und Frauen winden sich: Sie schlottern, schlingern, kollern, taumeln, als sei ihr zentrales Nervensystem gestört. Einige stoßen wilde Schreie aus und lassen die Hüften hin- und herzucken, andere kommen zu Fall", beschrieb der SPIEGEL im Januar 1962 den neuen Tanz aus Übersee. Die große Neuerung: Beim Twist dürfen sich Männer und Frauen nicht berühren - eine Revolution, genau wie umgekehrt zwei Jahrhunderte zuvor der Walzer, wo die Paare erstmals massiv auf Tuchfühlung gingen.

Der Tanz peitschte ganz Europa auf, respektlos hopste er sogar über den Eisernen Vorhang. Mitte 1964, notierte der SPIEGEL, durften endlich auch die Uniformierten in der DDR tanzen - vergeblich hatte sich die SED gegen die Mode gesträubt, die sie als "Ausgeburt kapitalistischer Dekadenz" sowie "letzte erotisierte Zuckung einer zum Untergang verurteilten, absterbenden Welt" schmähte. Und die Tanzschulen? Während konservative Vertreter auch im Westen das Phänomen als unappetitlich geißelten, nahmen moderne Institute, darunter auch Bäulke, den Tanz ins Programm auf. "Schließlich will auch Zappeln gelernt sein ", sagt die 74-Jährige.

Trotz allem setzte die Twist- und Beatwelle den Tanzschulen gewaltig zu. Statt artig das Tanzbein zu schwingen, traf sich die Jugend in Beatschuppen und den wie Pilze aus dem Boden schießenden Diskotheken. Noch drastischer jedoch wirkten sich 1968 und die Emanzipationsbewegung auf die Branche aus. Schlagartig war die Tanzstunde out, als Macho-Kultur und Establishment bekämpft: "bürgerlicher Kram", resümiert Bäulke-Schubert; zahlreiche Schulen mussten dichtmachen. Doch allzu lange währte der Furor nicht. "Spätestens Mitte der siebziger Jahre hatte sich die Jugend wieder beruhigt und kehrte zurück", erinnert sich die Dame.

"Tanzstunde in Pulli und Jeans"

Auch weil einige Schulen bereit waren, unbeliebten Etiketten-Ballast über Bord zu werfen: "Tanzstunde in Pulli und Jeans", titelte die "Zeit" schon 1971 erstaunt. "Keine festlichen Kleidchen, keine Konfirmationsanzüge, keine pomadisierten Tanzlehrer", bilanzierte die Zeitung bei einem Ortstermin bei Wendt in Hamburg und notierte erfreut, dass der Wiener Walzer noch immer zum Liebling der Jugend gehört. Auch bei Bäulke in Darmstadt hielten Jeanshosen und Minirock Einzug. Auf Benimm achtete die Tanzlehrerin jedoch nach wie vor - "selbst wenn das keinen interessierte", sagt sie.

Heute wundert sich die Dame darüber, wie mucksmäuschenstill es im Saal plötzlich ist, wenn ihr Sohn, Tanzschulen-Chef Udo Schubert, das erläutert, was der Allgemeine Deutsche Tanzlehrerverband kurzerhand als Anti-Blamier-Programm tituliert hat. "Die jungen Leute hören mit größter Aufmerksamkeit zu, wenn es darum geht, wer wem zuerst die Hand gibt, wie man eine korrekte Verbeugung macht - all solche Dinge eben", sagt Bäulke-Schubert. Selbst wenn sie sich öffentlich küssen, oft schon als fixes Pärchen - und vor allem freiwillig - in die Tanzstunde kommen. Wo übrigens nicht nur die Seniorchefin und ihr Sohn, sondern auch die 22-jährige Enkelin Sinikka unterrichten.

Und egal wie verlottert die Schüler in die Stunde kommen: Spätestens zum Abschlussball werfen sie sich noch immer in Schale. Ob sie dabei eine so gute Figur machen wie Ingeborg Bäulke-Schubert in ihrem Kleidchen aus dem beigefarbenen Tarnnetz des Afrika-Korps, darf bezweifelt werden.



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