Deutsche Heiligtümer Wer rastet, der röstet

Deutsche Heiligtümer: Wer rastet, der röstet Fotos
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Frühlingszeit ist Angrillzeit! Aber: Was bringt das Ablöschen mit Bier wirklich? Warum hat ein Barbecue nichts mit echtem Grillen zu tun? Und wie fühlt es sich an, wenn man sein Grillgut eigenhändig erlegen muss? Eine kurze Geschichte des Angrillens. Von

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Ich grille gerne.

Dabei habe ich vor allem eine Lektion gelernt: Man sollte Hühner, wenn man ihnen gerade den Kopf abgeschnitten hat, nicht sofort auf dem Grill platzieren. Das kopflose Huhn nämlich entleert sich als letzte Lebenshandlung. Man kann dann nicht sofort mit der Zubereitung des Tieres anfangen, sondern muss erst noch den Rost putzen. Das Fleisch wird dadurch nicht frischer.

Diese Lektion habe ich in einem Dorf in Mosambik gelernt. Grillen hat dort eine andere Bedeutung als hier und ist entwicklungsbedingt sehr populär, da die Möglichkeit, einen Herd zu benutzen, infrastrukturell stark eingeschränkt ist.

In Norddeutschland hingegen, wo ich jetzt wohne, ist Grillen laut einer Umfrage namens "Grillstudie 2008" nur mäßig beliebt. Ich zitiere: "Deutsche Grill-Hauptstadt ist Erfurt, gefolgt von der Grill-Hochburg Saarbrücken. Auf Platz 3 der Grill-Hitliste landen die Grillfans aus Dresden. Ausgesprochene Grill-Muffel sind dagegen die Norddeutschen." Dass dies ebenfalls entwicklungsbedingte Ursachen habe, wäre eine gemeine Unterstellung, die ich jetzt vermeide. Weil ja erstens viele Leute keinen Spaß verstehen und mich dann beschimpfen und ich zweitens, wie schon erwähnt, ja auch gerne selber grille.

Grillrekorde und Mammutmangel

Ein Drittel der Erfurter grillt im Sommer jedenfalls mindestens einmal in der Woche, 13 Prozent sogar zweimal. Das reicht für die Spitzenposition. Dicht hinter den Spitzenreitern rangiert das Rhein-Main-Gebiet und Baden-Württemberg. Alle zusammen kommen allerdings schwerlich an den vor zwei Wochen in Uruguay aufgestellten Weltrekord: Dort grillten 1850 Köche auf einem 1500 Quadratmeter großen Rost aus 13 Tonnen Stahl zwölf Tonnen Fleisch für 20.000 Esser.

Das sonntägliche Grillen ist in Uruguay Männersache. Recht so.

Wie sonst soll man seine evolutionsbiologisch konditionierten Mannestriebe ausleben, da es schon aufgrund von Mammutmangel nicht mehr möglich ist, mit einem Speer loszuziehen, um die Familie zu versorgen. Das Aussuchen bereits abgepackter Fleischportionen in der Kühltheke des Supermarktes gehört jedenfalls nicht dazu.

Bleibt also nur das Grillen. Ich kenne niemanden, der seiner Freundin erlauben würde, die Kohle zu entzünden. Ich kenne auch niemanden, der einen Elektro- der Gasgrill benutzt, denn das ist einfach tuntig. Ein Gasgrill, wird oft argumentiert, ist etwas für Feinschmecker, könne man dort doch die Temperatur exakt einstellen. Wer so etwas sagt, hat allerdings den Sinn des Grillens nicht verstanden. Grillen dient entweder der Nahrungsaufnahme oder der Geselligkeit, niemals dem Feinschmeckertum. Ich kenne Vegetarier, die das anders sehen. Sie grillen ebenfalls gerne. Mit ihrer Tofuwurst zerstören sie aber jede Atmosphäre, weswegen sie nicht gern gesehen sind.


In der einestages-Serie "Deutsche Heiligtümer" erschienen schon Texte zu Themen wie Kaffee-Kultur, dem Gartenzwerg als Statussymbol oder Urlaub auf Mallorca. Kennen Sie auch ein deutsches Heiligtum? Erzählen Sie eine Geschichte auf einestages!

Hochseilakt Grillvergnügen

Was auch gar nicht geht: vorgewürztes Billigfleisch vom Discounter, Ketchup zur Bratwurst (es muss Senf sein), Alufolie auf dem Rost, Topflappenhandschuhe oder Gespräche über das erhöhte Krebsrisiko durch das verbrennende Fett.

Apropos Fett: Das aus dem Fleisch heraustretende Fett verhindert, dass das Bier, mit dem manche das Fleisch bespritzen, um den Geschmack zu verstärken, nicht in das Gewebe einziehen kann und sofort verdampft. Große Grillstände löschen daher auch meist mit Wasser ab, anstatt Bier zu verwenden. Bier wird beim Grillen besser dazu benutzt, es zu trinken, anstatt es auf den Grill zu kippen.

Man sollte auch unterscheiden zwischen Grillen und Angrillen, zumindest was die innere Einstellung angeht. Grillen kann man andauernd. Angrillen kann man nur einmal im Jahr, weswegen es zelebriert werden sollte. Übrigens gibt es viele Menschen, die Angrillen, aber das Abgrillen vergessen.

Der Vorteil des Abgrillens ist es, dass es meistens dann stattfindet, wenn es kalt ist. Das bedeutet, dass man seine Ruhe hat, schließlich verfügt nicht jeder über einen eigenen Garten. Bei mir um die Ecke ist zum Beispiel ein Park, in dem man sich jeden einzelnen Quadratmeter Rasenfläche beim ersten Sonnenschein mit mindestens drei anderen Menschen teilen muss. Was das Grillvergnügen einigermaßen limitiert, denn einer der Drei übt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, mit Keulen zu jonglieren oder auf einem Hochseil zu balancieren.

Purismus statt Barbecue

Um solche Kleinkünstler zu umgehen, kann man daher auch auf einem Balkon grillen. Das birgt zusätzlich den Vorteil, dass man, wenn viel getrunken wurde, die Toilette in Reichweite hat. Balkongrillen empfiehlt sich außerdem, wenn ein großes Sportereignis ansteht, das man nebenher anschauen möchte.

Hin und wieder trifft man auch Menschen, die von einem besonders schönen Grillerlebnis in ihrem Urlaub in den Südstaaten der USA schwärmen, was natürlich Blödsinn ist. Nichts gegen Barbecue, aber das hat mit Grillen nichts zu tun. Es ist eher ein Räuchern, da das Fleisch dort nicht auf der Glut gegart wird, sondern bei niedrigeren Temperaturen im Qualm. Die Gleichsetzung von Barbecue und Grillen kann einem Puristen die Tränen in die Augen treiben.

Abstriche machen muss man aber immer: Als ich aus Mosambik zurückkam, entpuppte sich die Schlachtung eines Tieres in einem Park in Deutschland als unzulässig. Selbst bei feierlichen Anlässen wie dem Angrillen wird da keine Ausnahme gemacht. Allerdings scheint das bei näherer Betrachtung auch ganz sinnvoll, schließlich legt das Grillen schon genügend Fallstricke für Ungeübte aus.

Wenn das Fleisch sich wehrt

Allerdings, das sei hier noch kurz hinzugefügt, ist es gar nicht so schlimm, wenn einen das Fleisch Mitleid heischend ansieht und sich wehrt, wenn man es auf den Grill legen will. Ich behaupte nämlich, dass man sein Essen dann mit anderen Augen sieht. Die Wertschätzung steigt, was dazu führt, dass man weniger davon isst und Unsinn wie kleine Partywürstchen als Snack für zwischendurch der Vergangenheit angehören.

Mein schönstes Angrillerlebnis hatte ich übrigens im März 1987. Ich wollte mit einem Freund und dessen Vater grillen. Der Vater war allerdings ein resoluter Landwirt, der keinen Grill besaß. So ging er auf mein Argument, dass es in jedem Supermarkt kleine Holzgrills für wenig Geld zu erwerben gäbe, nicht ein. Stattdessen rollte er einen alten hölzernen Anhänger auf den Hof. Der gehöre zu einem seiner Traktoren, aber er könne ihn nicht mehr sehen, sagte er. Wir sollten ihm helfen, die Reifen abzumontieren. Was wir taten. Und dann schüttete er Benzin auf den Anhänger und zündete ihn an. Über der Glut des verbrannten Anhängers und des glühenden Stahlrahmens, der das Holz fixiert hatte, konnte man in der Tat sehr gut und ziemlich flott Steaks zubereiten.

Allerdings erst, nachdem der Geräteschuppen abgebrannt war, der blöderweise zu nahe am Anhänger stand.


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insgesamt 4 Beiträge
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1.
Rik Aulfes, 02.05.2008
Ich grille deutlich mehr als ein Erfurter, und ich habe keine Probleme mit vorgewürztem Fleisch oder Nürnbergern. Allerdings nicht vom Discounter, der Unterschied ist deutlich. Und im Land der Currywurst esse ich mein Würstchen natürlich mit Ketchup und nicht mit Senf. Soviel zum Thema Purismus, persönliche Vorlieben und deren Verallgemeinerungsfähigkeit. So schlachte ich als KDVler selbstverständlich auch mein Grillgut nicht selber und Vegetarier verderben mir auch nicht die Stimmung, im Gegenteil, selten so gelacht. Die gegrillte Banane war übrigens gar nicht so schlecht. Naja, bevor Sie jetzt heulen möchte ich herzlichst im Namen aller "Das ist schlecht für die Figur" Genervten mal Danke sagen, ...dass Sie das Thema so positiv und überhaupt mal zur Sprache bringen.
2.
Michael Jadzinski, 02.05.2008
Es gibt in Europa auch Grillmeisterschaften. Am 3. Mai wird in Berlin die Wettkampfsaison eröffnet, da werden 5 Gänge Menüs auf dem Grill zubereitet und von einer Jury bewertet. Am 24 und 25. Mai ist dann sogar die Deutschen Meisterschaft in Monheim.
3.
Franco Baretta, 02.05.2008
Der Author hat leider wichtige, kulturelle Details übersehen: In Thüringen grillt man nicht, man brät! Und ein Thüringer benutzt auch keinen Grill, sondern einen Rost! Rost brennt!
4.
Hannes Fehr, 07.05.2008
Lieber Philipp, ich danke Dir für diesen diesen profunden Beitrag zu einem sehr wichtigen Thema! Habe nur eine Anmerkung: Im Artikel wird die unter Sommergrillern weithin verbreitet Ansicht vertreten, dass der Akt des An- bzw. Abgrillens lediglich einmal jährlich erfolgt. Dem muss ich leider als ambitionierter Grillsportsfreund deutlich widersprechen! Die Anzahl der An- und Abgrillakte im Jahr ist absolut abhängig von der Saisoneinteilung. Die vom sportlichen Aspekt durchaus relevante Wintersaison wird im Artikel dabei völlig unterschlagen! Ich tendiere inzwischen zu einer Einteilung in Frühjahr-, Sommer-, Herbst- und Wintersaison, da die Anforderungen an den den Grillsportler je nach Jahreszeit stark differieren.. Ganz nebenbei kann man übrigens den (jedesmal emotionalen) Akt des An- und Abgrillen dann bis zu achtmal im Jahr begehen. In diesem Sinne, mit sportlichem Gruß Hannes "das Rost" Hill
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