Deutsche Heiligtümer Zum Feiern in den Keller

Deutsche Heiligtümer: Zum Feiern in den Keller Fotos
Kornelia Wielebski, LWL-Museumsamt für Westfalen

Fototapete, Mahagonitheke und Käseigel - und es ging noch schlimmer: Partykeller waren bis in die siebziger Jahre Symbole schamlos ausgestellten Wirtschaftswohlstandes. In den Achtzigern wurde die Deko zweitrangig. Schamlos blieb es trotzdem. Zum Beispiel beim Flaschendrehen. Von

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Mal überlegen. Es gibt drei Erinnerungen, die ich an Partykeller habe.

1. Wir hatten keinen Partykeller. Als Kind fand ich das blöd, weil eigentlich jeder im Dorf einen hatte.

2. Einmal wurde mein Bruder in einer Schubkarre nach Hause gefahren - Alkoholvergiftung. Er hatte mit Freunden in einem Partykeller gefeiert.

3. Im Haus meines Onkels war "Partykeller" nur ein anderes Wort für Abstellkammer. Denn eigentlich konnte man den Raum vor lauter Zeug wie Wäscheständer, Bierkisten und Motorradteilen nicht betreten.

Heute kenne ich niemanden mehr, der einen Partykeller hat. Andererseits muss das nichts heißen, denn ich habe auch keinen Bekannten, der in der Stadtverwaltung arbeitet. Aber ich weiß, dass es jemanden geben muss, der diesen Job macht. Denn neulich habe ich einen Brief bekommen, in dem ich darüber informiert wurde, dass die Gebühren für die Müllentsorgung steigen. Unterzeichnet war dieser Brief mit "Ihre Stadtverwaltung".

Es gibt heute in Großstädten Kneipen, die "Lounge" heißen und aussehen wie das eigene Wohnzimmer. Gibt es dann wirklich noch Menschen, die das eigene Wohnzimmer verlassen, um sich im Keller eine Bar einzurichten, die so aussieht, wie sie sich Kneipen in großen Städten vorstellen?

Gibt es.

Das kann man mit wenigen Klicks dem Internet entnehmen. So erfreut sich ein Tresenbausatz namens "London" derzeit großer Beliebtheit. Man kann das in diversen Partykeller-Foren nachlesen. Das Modell aus dunklem Holz kostet 12.500 Euro. Sein Design ahmt eine englische Kneipe im viktorianischen Stil nach.

Maritim mit Fischernetz, Western-Stil mit Holzindianer

In einem der Foren empfiehlt eine Frau namens Katharina dagegen den "maritimen Stil" zur Partykellereinrichtung. Also mit "Fischernetz an der Decke und einer alten Seefahrerschatztruhe mit Sand und Muscheln drin", schreibt die Hobby-Inneneinrichterin. Die Wände solle man passend dazu blau-weiß streichen und die Ecken "mit Minileuchttürmen für Teelichter" ausstatten. Die Nordsee-Variante könnte man sagen. "Herr Cheesy" aus einem anderen Forum ist auch ein Liebhaber des maritimen Stils, mag's aber eher karibisch. Er empfiehlt: "Auf der halben Höhe der Wände Bambusmatten anbringen." Und: "Eventuell eine Sonne in eine Ecke malen, eine künstliche Palme davor stellen und mit indirektem Licht beleuchten." Dazu solle man einen Sonnenschirm in eine Ecke stellen und Muscheln an den Wänden anbringen.

Doch ist der eigene Feierraum im Untergrund heute eher Kür, galt er noch bis in die Siebziger hinein als Statussymbol, das man hegte und pflegte. Wer einen Partykeller hatte, lud gern und oft Freunde ein. Einfach nur, um zu zeigen, dass man sich einen Raum im Haus leisten konnte, der ausschließlich dem Vergnügen diente - auch wenn dieser lediglich im Keller war. Mit anderen Worten: Der Wirtschaftswunderwohlstand wurde schamlos ausgestellt. Weswegen auch ein Hauch von weiter Welt in den muffigen Keller ziehen sollte. So waren etwa Fototapeten von Stränden und Metropolen bei Nacht fast schon ein Muss.

Der unglaublichste Partykeller, in dem ich je war, gehörte Bekannten meiner Eltern. Sie hatten ihn im Western-Stil eingerichtet beziehungsweise in dem, was man damals für den Western-Stil hielt. An der getäfelten Wand hingen hölzerne Kutschräder und Vorderladerimitate. Es wimmelte von toten Tieren, die ausgestopft in jeder Ecke hingen. Vor der Kellertür begrüßte den Gast ein lebensgroßer Holzindianer.


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"4mal Klingeln = Riesendurst"

In dem Raum roch es immer nach Bier und kaltem Rauch, was auf der Hand liegt. Schließlich kann man einen Keller schlecht lüften. Doch davon abgesehen, hatte dieser Partykeller alles, was sich ein Partykeller-Besitzer damals erträumen konnte. Es gab einen Käseigel aus Plastik, reich verzierte Erdnussspender, ausgefallene Serviettenhalter, Cocktailspieße aus buntem Glas, Gläsersets für alle erdenklichen Alkoholika und ein Holzbrett mit einer Klingel, bei der man, je nach Durst, Laut geben sollte: "1mal klingeln = kleiner Durst, 2mal klingeln = mehr Durst, 3mal klingeln = großer Durst, 4mal klingeln = Riesendurst".

Laut der Volkskundlerin Anke Wielebski, die eine Ausstellung zur Geschichte des Partykellers namens "Heut' laden wir uns Gäste ein" konzipiert hat, war der Rückzug in den Untergrund ein schleichender Prozess. Was in den Fünfzigern als Hausbar im Wohnzimmer begann, habe sich mit zunehmendem Wohlstand ganz von selbst in den Keller verlagert. Schließlich war es praktisch: Rauch, Lärm und Feiermüll blieben weit weg vom aufgeräumten Wohnbereich, aber doch nah genug dran, dass man mal eben Schnittchen holen konnte. Außerdem war das Bier billiger und der Heimweg, zumindest für die Gastgeber, angenehm kurz.

Allerdings sollte man nicht den Fehler machen und den Partykeller der Siebziger mit dem Partykeller der Achtziger verwechseln. Zwar war es noch immer derselbe Raum, aber seine Erbauer, die Eltern, hatten schon lange die Lust an ihm verloren.

Erst "La Boum", später Saufspiele

Ich erinnere mich an eine Partykeller-Party, da war ich wohl so 14 Jahre alt. Wir spielten Flaschendrehen, um die Stimmung zu lockern, an der Wand hingen massenhaft "Bravo"-Poster, in der Ecke lagen Matratzen, bei denen jeder Allergiker einen tödlichen Schock bekommen hätte, und zur musikalischen Untermalung lief der "La Boum"-Soundtrack.

Zwei Jahre später gab es den Raum immer noch und immer noch wurden dort Partys gefeiert. Allerdings lief jetzt statt "La Boum" Metallica und aus Flaschendrehen, dem Spiel, um zu knutschen, war Flaschendrehen, das Spiel, um zu saufen, geworden.

An der Decke hing mittlerweile die Dreikanal-Lichtorgel aus dem Versandhaus (mit blauen, gelben, roten und grünen Lichtern) und die Gäste hatten sich in drei Fraktionen aufgespalten: Popper (hörten immer Depeche Mode und The Cure), Heavys (schworen auf Megadeth) und Radiofuzzis (die lagen bei der großen Osterhitparade immer tagelang vor ihrer Kompaktanlage, um alles mitzuschneiden).

Der Schaden betrug 6000 Euro

Die Eltern waren jedenfalls nicht mehr involviert, es sei denn, sie mussten ihre sturzbetrunkenen Kinder mit dem Auto abholen. Irgendwann hatten wir dann selbst den Führerschein und fuhren in Großraumdiscos, die so aussahen wie der Partykeller daheim - gekreuzt mit einem Flugzeughangar. Was das Dahinsiechen der eigenen Partykeller endgültig besiegelte.

Da fällt mir allerdings ein, dass ich erst neulich auf einer hervorragenden Party war. Im Verlauf des Festes machte einer der Gäste ein Lagerfeuer auf dem Teppichboden im Wohnzimmer, wozu er die Seiten diverser Bücher aus dem benachbart stehenden Schrank benutzte.

Andere Gäste hatten zuvor bereits die Kühltruhe geöffnet, deren Inhalt in die Badewanne geworfen und das Ganze mit Wein aus dem hauseigenen Weinkeller geflutet. Wiederum davor hatte irgendjemand die Haustür eingetreten, um die knappe Zeit zum Feiern nicht mit Klingeln zu verschwenden. Aus Gründen, die mir auch mit einigen Wochen Abstand zum Geschehenen nicht ersichtlich sind, hatte auch der Gastgeber Spaß. Der Schaden am Ende des Abends betrug 6000 Euro.

Es war fast wie damals zur Teenagerzeit. Und wie damals war der Partykeller daran beteiligt. Ein bisschen zumindest. Dort wurde das Bier gelagert.


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1.
Sigrid Neudecker, 07.05.2008
Sehr geschmackvoll, SpOn, sehr geschmackvoll! "Zum Feiern in den Keller"?? Solange auf der Homepage noch ein Artikel über den Amstettner Keller steht, würde ich so eine Geschichte wirklich noch um mindestens 2 Wochen nach hinten schieben. Hat ja auch keine wirkliche Tagesaktualität.
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