Deutsche Heiligtümer Lärmen fürs Leben

Deutsche Heiligtümer: Lärmen fürs Leben Fotos
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Teenies im Ausnahmezustand: Seit Generationen sind Klassenfahrten das Highlight jeder Schülerkarriere - eine kollektive Erfahrung zwischen Stockbett, Hagebuttentee und pubertären Geschmacksverirrungen. Stefan Schmitt erinnert sich an Heimliches und Peinliches aus seiner Schulzeit.

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Die Ritterburg hieß Stahleck, sie thronte über Bacharach am Mittelrhein. Unten schoben flache Schiffe holländische Rentner quellwärts, oben kämpfte ich um das Oberdeck eines Stockbetts. Der Rhein fließt auf ewig. Um die besten Plätze in den Stockbetten deutscher Jugendherbergen wird gerungen werden, solange Schülergruppen dort ihre Kinderkoffer, Ruck- oder Seesäcke hineinschleifen. Damals, in den achtziger Jahren am Ende der Grundschulzeit, waren gerade Tennistaschen das Expeditionsequipment der Wahl. Meine war schwarz und gelb, hatte drei Streifen und begleitete mich auf meine allererste Klassenfahrt.

Drei Tage und zwei Nächte von zu Hause weg. Unsere Klassenlehrerin - sie war lustig und musikalisch und hatte die Geduld eines Zenmönchs - unterfütterte die Exkursion pädagogisch mit Rittern, Römern und kollektivem Tischdecken. Doch hätten wir anstelle von Burg Stahleck einen Vorort von Grevenbroich oder Landau besucht, es wäre nicht minder aufregend gewesen. Auch dort wären Stockbettenplätze zu verteilen, Gespenstergeschichten zu erzählen und Spitzenleistungen im Langewachbleiben zu erringen gewesen. Wichtiger als Ort und Programm ist die Prozedur an sich: die Klassenfahrt, ein Heiligtum der Schulzeit.

Dabei roch dieses Abenteuer nach dünnem, ungesüßtem Hagebuttentee, der wohl ausschließlich für die Kantinen deutscher Jugendherbergen hergestellt wird. Es schmeckte nach laschen Graubrotscheiben, die ich zu Hause nicht angerührt hätte. Es fühlte sich an wie das endlose Gedrängel und Geschubse von zu vielen Zehnjährigen, die gleichzeitig in einem zu kleinen Zugabteil sitzen wollen. Egal, denn hier, das spürten wir, lärmte man fürs Leben.

Verheißung des Ausnahmezustands

Ob in den Erzählungen der größeren Schüler, im Kinderfernsehen oder Abenteuerbüchern; ob in Nachkriegsklamauk wie "Pepe, der Paukerschreck" (1969), in den "Schreckenstein"-Jugendbüchern Oliver Hassencamps oder in neuerem Fernsehfilm-Nonsens ("Klassenfahrt - geknutscht wird immer") - die Verheißung eines aufsichtsarmen Ausnahmezustands erschöpft sich als Thema einfach nicht. Gerade wird auf Basis von Cornelia Funkes Mädchen-Romanserie der dritte Film gedreht: Auch "Die wilden Hühner und das Leben" spielt auf Klassenfahrt. Wie dieses Stück Schule jenseits des Stundenplans auszusehen hat, das wissen Schüler schon lange, bevor sie in die Bacharachs der Republik aufbrechen. Die Klassenfahrt ist ein kultureller Topos, auch wenn man noch nicht weiß, was dieses Fremdwort bedeutet.

Bundesbürger jenseits der Schulpflicht (und ohne schulpflichtige Kinder) berührt das ganze Phänomen höchstens in Form lärmender Pulks übermüdeter und/oder hysterischer Halbwüchsiger. Schon wer selbst nur wenig älter ist, mag in solchen Momenten den endgültigen Untergang des Abendlandes wähnen. Doch das genervte Naserümpfen verschwindet bei jedem, der sich in die eigene Schulzeit zurückversetzt.

1992 in Überlingen am Bodensee: Eine Horde Neuntklässler singt die Radioschnulze "To be with you" in Endlosschleife. Und mehr als für die eisenzeitlichen Pfahlbauten von Unteruhldingen interessierten wir uns für die Causa "Mädchen in Jungszimmern" oder "Jungs in Mädchenzimmern". Abends schlichen wir heimlich zum See und stellten im hüfthohen Wasser die Hebefigur aus "Dirty Dancing" nach. Ein grober Verstoß gegen das, was gemäß den "Wandererlassen" der Länder-Kultusministerin auf Klassenfahrten erlaubt ist. Und albern dazu. In der Erinnerung auch recht peinlich. Aber niemand, auch nicht das Abendland, hat Schaden genommen.

Prag, Berlin und das echte Leben

Keine Frage, Klassenfahrten sind Spaß und Stress und natürlich ein Massenphänomen dazu. Rund zwei Millionen Schüler gehen jährlich auf Klassenfahrt, zusätzliche 1,2 Millionen verbringen eine oder auch mehrere Wochen in einem von 360 Landschulheimen. Schüler sind die größte Gästegruppe der rund 600 deutschen Jugendherbergen. 160.000 Kinder und Jugendliche nahmen allein im vergangenen Jahr Klassenfahrtenangebote der Deutschen Bahn in Anspruch. Für Klassenfahrten werden pro Jahr bundesweit 300 Millionen Euro ausgegeben, schätzt der Berliner Verein Bundesforum Kinder- und Jugendreisen. Die Klassenfahrt ist ein Wirtschaftsfaktor.

Und was für einen Stellenwert als kollektiver Höhepunkte im Teenagerleben diese Heimsuchungen tatsächlich haben, lässt sich daran ablesen, wie weit im Voraus und mit welchem Eifer an deutschen Gymnasien über die Ziele für die Oberstufenfahrten gestritten wird. Heute, so sagt die Statistik der Deutschen Bahn, liegt Berlin unangefochten auf Platz eins der Ziele. In den Jahren nach dem Fall des eisernen Vorhangs gab es wohl kaum einen Jahrgang, in dem sich keine Prag-Fraktion herauskristallisierte: Offiziell ging es um Kirchen, Kultur und Kafka. Inoffiziell verhieß Prag billiges Bier, Souvenirshopping und den morbiden Flair östlichen Auslandes. Die letzte Klassenfahrt in der Karriere der Schüler war jedenfalls stets eine latente Bedrohung für begleitenden Lehrer: jugendlicher Leichtsinn gepaart mit dem Glauben, eigentlich schon erwachsen zu sein.

So erleben es Generationen von Schülern. So berichteten es die anderen. Meinen Mitschülern blieb die Erfahrung verwehrt: Die Lehrerkonferenz unseres Gymnasiums sagte die Abschlussfahrt meiner Klassenstufe ab. Offiziell aus Ärger über die ministerielle Neuregelung der Arbeitszeiten. Schließlich liegt die Veranstaltung einer Klassenfahrt im Ermessen des Klassenlehrers, Bestandteil des Lehrplans ist sie nicht. Sie mag eine feste Größe sein, einen Anspruch darauf gibt es nicht. Keine Überraschung: Die rheinland-pfälzische Landesregierung reagierte auf die demonstrative Verweigerung des Kollegiums nicht. So lernten unsere Altersgenossen da draußen etwas über das Leben, wir nur etwas über das Politikverständnis unserer Lehrer.

Ritterburg und Bodensee aber sitzen fest in meiner Erinnerung. Als Abenteuer, als Ausblick auf ein Leben nach der Schule, in dem Ausnahmesituationen die Regel und Stundenpläne nur noch ein Relikt sein würden. Bacharach und Überlingen, das Heiligtum Klassenfahrt - dieses Gefühl ist überall dort, wo eine Reisegruppe Halbwüchsiger fürs Leben lärmt.

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Melanie Brandenburg 12.09.2008
Wunderschöner Artikel... und wirklich schade für Sie, dass Sie keine Abschlussfahrt hatten! Ich war damals in Berchtesgarden.. keine Ahnung, was wir alles besichtigt haben, aber die Party´s waren klasse :-)) Gruss M. Brandenburg
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