Deutsche Heiligtümer: Das Auto Die Wunschmaschine

Deutsche Heiligtümer: Das Auto: Die Wunschmaschine Fotos

Nicht weniger als Freiheit und Glück bedeutet den Deutschen ihr Auto. Sie donnern in ihren Blechträumen mit wahnwitzigen Geschwindigkeiten über die Autobahn - und kommen doch niemals an: Ihr Ziel ist die Spritztour, Auto fahren um des Fahrens willen. Von Tom Hillenbrand

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Das Auto ist der "Irrsinn des Jahrhunderts", schimpft Michael Cramer. Wenn der Grünen-Politiker und erklärte Pkw-Gegner gegen seinen übermächtigen Feind zu Felde zieht, fühlt man sich an Don Quijote erinnert. Nicht weil Cramers Argumente schlecht wären, im Gegenteil. Aber dem Versuch, den Deutschen ihre Autos zu vergällen, haftet etwas Absurdes an. Genau so gut könnte Cramer anregen, die Franzosen sollten auf Weine aus dem Bordeaux verzichten oder die Italiener auf Pasta. Die Mission des ökobewegten Politikers darf als hoffnungslos gelten. Wohl nicht ohne Grund versucht der Grüne, der seit 1979 kein Auto mehr besitzt, sein Glück inzwischen in der EU-Politik.

Die meisten Deutschen vergöttern ihre Autos. Sie sind stolz darauf, dass die restliche Welt BMW, Mercedes und Porsche für die Krone der automobilen Schöpfung hält. Sie lieben es, ihre "Pe-ka-we" über die Autobahnen zu steuern - und sie sind mehrheitlich immer noch fest entschlossen, sich dieses Vergnügen von niemandem mies machen zu lassen. Schon gar nicht von Leuten mit wirtschaftlich oder ökologisch zwingenden Argumenten. "Das Auto ist nicht rational verfasst", merkt der Historiker Kurt Möser an. "Es hätte sich nicht zum größten technischen System der Geschichte entwickelt, wenn es nur ein Fortbewegungsmittel wäre."

Tatsächlich wurde der Aufstieg des Autos in Deutschland stets von Genörgel und Genöle begleitet. Schon 1908 wandte sich der preußische Landtagsabgeordnete Graf Cramer, der tatsächlich genau so hieß wie der Grünen-Politiker, an die Versammlung und forderte, dem "wilden Autler" müsse endlich Einhalt geboten werden: "Die Automobilisten legen oft eine beispiellose Rohheit an den Tag, wenn sie so dahinsausen." Später kamen Stadtsoziologen, die die vom Automobil zu verantwortende Verkarstung der Städte geißelten. In den achtziger Jahren galt das Waldsterben als Beleg dafür, dass Pkw die Natur ruinieren. Die Autoindustrie sei schuld daran, dass Deutschland auf ein "ökologisches Hiroshima" zusteuere, warnte 1983 der Publizist Freimut Duve. Inzwischen ist es die Klimadiskussion. Wegen des Treibhausgases beteuerten auf der unlängst zu Ende gegangenen Automesse IAA in Frankfurt alle Hersteller ihre ökologische Bußfertigkeit.

Dem Auto war das alles einerlei. Keine der zahlreichen Anfeindungen hat ihm nachhaltig geschadet, auch die CO2-Debatte wird den Deutschen das Fahren kaum madig machen. Denn das Auto ist, wie es der Philosoph Peter Sloterdijk einst formulierte, "eine archetypische Gewalt (...), die völlig immun gegen Aufklärung ist". Mehr noch als das ist das Auto die Projektionsfläche unserer Wünsche, unserer Sehnsucht nach Freiheit und Glück. Das Auto ist unsere Wunschmaschine. Und wenn es ums Herz geht statt ums Hirn, haben die Cramers dieser Welt keine Chance.

Die Freiheit, die ich meine

Niemand hat es so schön ausgedrückt wie der Ruhrpott-Prolet Kalle Grabowski in der deutschen Komödie "Bang Boom Bang" (1999). Grabowski zeigt in der Anfangssequenz auf das Foto eines Mercedes 500 SEC und deklamiert: Ich hab jede Nacht denselben Traum. Ich baller' in dem Coupé mit 240 über de Bahn, dat is meine Freiheit!" Millionen deutscher Autofahrer würden diesem Sentiment uneingeschränkt zustimmen. Autofahren hat nur wenig mit Fortbewegung von A nach B zu tun, aber dafür umso mehr mit der Lust an der freien, selbstbestimmten Fortbewegung. Autokritiker werden einwenden, dass der Dauerstau auf deutschen Autobahnen einem de facto die Freiheit nimmt, nach Wunsch durch die Landschaft zu kreuzen. Und dass man Fahrzeuge mit 300 PS oder mehr nirgendwo sinnvoll einsetzen kann.

Dieser Einwand geht am Wesen der automobilen Freiheit völlig vorbei. Es geht nicht unbedingt darum, tatsächlich schnell zu fahren. Es geht um die "Lust an der Potenzialität", wie Historiker Möser sagt. Oder anders ausgedrückt: Man könnte, wenn man denn wollte. Gleichzeitig sind die meisten Autobesitzer bis heute der Vorstellung verhaftet, dank ihres Wagen könnten sie selbstbestimmt handeln. Diese Idee stammt noch aus der Frühzeit des Autos, als die Wohlhabenden sich Kraftwagen kauften, um sich nicht mit dem gänzlich unaristokratischen Massentransportmittel Eisenbahn wie Vieh durch die Gegend fahren lassen zu müssen.

Otto Julius Bierbaum, der vielleicht größte Autopoet der Deutschen, schrieb schon 1903 in seinem Reisebericht "Eine empfindsame Reise im Automobil" nieder, warum das Auto allen anderen Fortbewegungsmitteln überlegen sei: "Die Eisenbahn transportiert uns - und das ist der direkte Gegensatz des Reisens. Wir sind zur Passivität verurteilt - und Reisen bedeutet freieste Aktivität."

Das Zen der Zylinder

In vielem unterscheidet sich der automobile Freiheitsbegriff des Deutschen allerdings von dem jener anderen großen Autonation, den Vereinigten Staaten. In Amerika geht es vor allem darum, die riesigen Distanzen zu überwinden - wer in Dubois, Wyoming keinen fahrbaren Untersatz hat, ist ein Gefangener. In Deutschland existieren keine unüberwindbaren Entfernungen. Stattdessen gibt es sehr viele Menschen auf sehr engem Raum - und das Auto hilft seinem Besitzer, Distanz zu schaffen.

Angenehm sitzt es sich im eigenen Auto, auf individuell verstellbaren, beheizten Sitzen. Für viele Menschen ist das Auto einer der wenigen Orte der Besinnlichkeit, ihr rollendes Sanctum Sanctorum. Es ist ja kein Zufall, dass die Autoindustrie seit Jahrzehnten einen Großteil ihrer Energie darauf verwendet, die Innenräume der von ihr konstruierten Karossen immer behaglicher auszustatten. Ein 5er BMW sieht von außen im Großen und Ganzen heute noch so aus wie vor 15 Jahren. Auch das Antriebsprinzip ist das Gleiche geblieben. Das Interieur hingegen erkennt man kaum noch wieder.

"Das Reisen im Automobil (...) bringt eine geistige Massage mit sich", hat schon Bierbaum erkannt. Entspannung und Geborgenheit stellen sich ein, sobald die Reisegeschwindigkeit erreicht ist. Ummantelt von anderthalb Tonnen Stahl und auf 150 km/h beschleunigt, koppelt sich der Fahrer völlig von der Außenwelt ab, die ohnehin nur noch schemenhaft durch die Fenster erkennbar ist. "Höher schalten und abschalten schließen sich nicht aus. Alleine im Auto zu fahren hat etwas Hypnotisches: der rhythmisch vorbei fliegende Mittelstreifen, die gelernten Bewegungsabläufe, das beruhigende Brummen des Motors. Die Straße und du! (...) Gerne stellen wir mental auf Stand-by, und dazu sind Autofahren und Alkohol gleichermaßen beliebt", sagt der Mediziner und Kabarettist Eckart von Hirschhausen. Recht hat er.

Das automobile Geborgenheitsgefühl wurzelt wohl auch in der Tatsache, dass wir alle im Pkw sozialisiert worden sind: In den ersten eigenen Urlaub hat uns das Auto transportiert. Im Wagen konnten wir die Musik so laut aufdrehen wie wir wollten; dank des Autos ließ sich fernab elterlicher Aufsicht nach Herzenslust kiffen oder knutschen. Unsere Kfz-Historie ist immer auch unsere persönliche Geschichte. Diese geballte Summe positiver Erfahrungen haben Autokritiker schlichtweg nichts entgegenzusetzen.

Sozialreformer auf vier Rädern

Zu guter Letzt ist das Auto der vielleicht größte gesellschaftliche Egalisierer der Neuzeit, bedeutender zumal als alle großen Sozialreformen der Nachkriegszeit. Denn auf dem Asphalt kann jeder die soziale Hierarchie auf den Kopf stellen, indem er sich einen dicken Schlitten kauft. Selbst in übel beleumdeten Wohnlagen wie dem Münchner Hasenbergl oder Berlin-Marzahn ist kein Mangel an BMWs und Mercedes-Limousinen. Nach Daten des Kraftfahrzeug-Bundesamts entscheiden sich mehr als 25 Prozent aller Autokäufer derzeit für die drei kostspieligen Premium-Marken Mercedes, BMW und Audi. Man kann davon ausgehen, dass dies nicht nur an der guten Wirtschaftslage liegt, sondern den Stellenwert verdeutlicht, den das Auto für den Deutschen hat.

Nicht wenige Menschen leben in einer bescheidenen Wohnung und kaufen ausschließlich bei Aldi ein - fahren dort aber mit einer E-Klasse vor. Kein Wunder, dass sich im Ausland seit Jahren das Gerücht hält, in Deutschland fahre jeder einen Daimler. Und es ist wohl auch kein Wunder, dass sich angesichts der üppigen Motorisierung hierzulande ein Wochenendvergnügen etabliert hat, für das es in anderen Ländern nicht einmal ein Wort gibt: die Spritztour. Man fährt ziellos herum, um sich an der Schönheit seines Autos zu erfreuen - und natürlich auch, um in diesem wunderbaren Werk deutscher Ingenieurskunst gesehen und bewundert zu werden.

Wenn einem bei 180 Sachen auf der Autobahn ein links blinkendes Geschoss fast in den Kofferraum rauscht, kann man nie mit Sicherheit sagen, ob ein Finanzvorstand oder ein Fliesenleger am Steuer sitzt. Und selbst im Totalstau wirkt das Auto noch als großer Egalisierer. Schon 1963 frotzelte der SPIEGEL in einer Reportage über den ersten Mega-Urlaubsstau der bundesrepublikanischen Geschichte: "(...) die Briten in ihren 22.000 Mark teuren Jaguars trollten gemächlich(...) hinter den luftigen Blechhüllen des Primitivlings Citroen 2 CV (...): Die aristokratische deutsche Autobahn, für 200 Stundenkilometer schnelle Renner gebaut, machte alle gleich."

"Wer die Wollust dieses Dahinrollens kennt, ersehnt sich nicht mehr die Kunst des Fliegens", schmalzte schon Bierbaum. Auch 97 Jahre nach dem Tod des Autobarden verheißt der Motorwagen den Deutschen immer noch Freiheit, Geborgenheit, Entspannung, Status und Macht - also die Erfüllung ihrer sehnlichsten Wünsche. Dass das Auto seine Versprechen in der Regel nicht erfüllt, wen kümmert es? Das Auto bleibt der Deutschen Wunschmaschine.

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