Deutsche Heiligtümer: Der Kaffee Die Bohne der Erkenntnis

Was trinken wir? Bier! Mitnichten: Kaffee ist der Drink der Deutschen. Der Wirtschaftswunder-Trank von einst heißt heute Latte, Mocha, Galão - serviert in Bechern, Gläsern, portablen Aluminiumtassen. Stefan Schmitt bestaunt die späten Blüten einer globalisierten Kaffeehauskultur.

dpa

"Cafe creme" hieß der Trunk in schönem Falschfranzösisch - bar jedes Accents, aber dafür stark, bitter, die Säure ein Hammer, mehr als man jedem Espresso, jedem Mokka nachsehen würde. Aber ich brauchte das Zeug. Und am frühen Morgen nach einer frostigen Nacht reichte mein Kleingeld am Bahnhof Spandau eben nur noch für "Kaffee creme", vulgo Filterkaffe mit Kondensmilch, frisch aufgebrüht, im Styroporbecher. Heiß und ruppig.

Schwer vorstellbar, dass dieses bittere Gebräu jahrzehntelang unser Nationalgetränk war. Kaffee, ein deutsches Heiligtum des Alltags, überdauerte das 20. Jahrhundert praktisch unverändert, bis es an dessen Ende plötzlich in eine rasante Modernisierungsmühle geriet.

Währung des Wirtschaftswunders

Nichts trinken die Deutschen in größeren Mengen als Kaffee. Pro Kopf 146 Liter pro Jahr, diese Zahl verbreitet der Deutsche Kaffeeverband aus Hamburg und freut sich: "Damit ist Kaffee weiterhin das am meisten konsumierte Getränk in Deutschland." Dass der Kaffee dabei auch das Wasser überrundet, liegt indes an den Lücken der Statistik. In die geht bloß abgefülltes Mineral-, nicht jedoch das in rauen Mengen getrunkene Leitungswasser ein. Auf jeden Fall aber importiert Deutschland mehr Rohkaffee als jedes andere Land der Welt mit Ausnahme der USA.

Kaffee - das war nach 1945 Wohlstand in Tassen. Mit jedem Kriegsjahr war das Importgut knapper geworden, wich der Bohnenkaffe notgedrungen irgendeinem Muckefuck. Für solchen Ersatzkaffe röstete man Getreide, Eicheln, Bucheckern oder Zichorien, eine zweifelhafte Säure war das Ergebnis. Aber auch mit Mandeln, Dattel- und Weintraubenkernen, Hagebutte, Vogelkirsche, Kastanie oder gar Löwenzahn experimentierten die Deutschen. Das Ergebnis war koffeinfrei und schmeckte nur den Wenigsten. Heute lebt der Muckefuck in Marken wie Lindes oder Caro ("korngesunder Landkaffee") weiter - in seiner Nische.

Meine Großmutter erzählte oft, wie sie als Kind im Wald Bucheckern zum Rösten sammeln mussten. Bis zu ihrem Tod im Jahr 2000 hatte echter Bohnenkaffee für sie den Status einer Ersatzwährung: Ein Pfund Gemahlener in der Vakuumverpackung hielt quasi ewig - und diente als feste Einheit für Gastgeschenke zu Namens-, Geburts- und sonstigen Festtagen.

Deutschland ist Kaffeeland - Filterkaffeeland

Wie das Wirtschaftswunder-Getränk von der Kostbarkeit zum Alltagsbegleiter wurde, zeichnet die Branchenstatistik nach: 1953 verbrauchte jeder (westdeutsche) Bürger magere 1,5 Kilogramm Rohkaffee. Schon 1960 waren es mehr als doppelt so viel, 1970 fast 5 Kilogramm, 1980 schon 6,7 und 1990 stolze 7,1 Kilogramm pro Kopf. Von 1987 bis 1989 wurde der bisherige Rekord von 7,9 Kilogramm Rohkaffe (das entspricht mehr als 150 Litern jährlich, fast einem halben Liter täglich) erreicht.

Bedenkt man, dass dieser Durchschnittswert für jeden Bundesbürger vom Säugling bis zum Greis gilt, selbst für Teetrinker, wird klar: Wir sind wahre Kaffeejunkies. 4,25 Milliarden Euro setzte die hiesige Kaffeewirtschaft 2006 um. Und die Trinker bescherten dem Fiskus knapp eine Milliarde Euro Einkünfte aus der Kaffeesteuer. Deutschland ist Kaffeeland.

Lange war es auch Filterkaffeeland. Südtirol-Urlaub in den achtziger Jahren: Vehement forderten meine Eltern vom Wirt die im Prospekt versprochene Kaffeemaschine im Zimmer ein. Die vorhandene "Moka", ein Aluminium gewordenes Denkmal italienischen Gebrauchsdesigns, wollten sie nicht zählen lassen. Ein Achtungserfolg: Am nächsten Tag stand ein Plastikfilter im Appartement - passend zum jahrzehntelangen Begleiter deutschen Kaffeekonsums, der Melitta-Filtertüte ("... macht Kaffee zum Genuss").

Weltläufigkeit zum Trinken

Anfang der neunziger Jahre galt es dann unter meinen Mitschülern in der beschaulichen rheinland-pfälzischen Provinz als ungeheuer weltläufig, "Café au Lait" zu bestellen. Der wurde in blassbunten, suppenschüsselgroßen Tassen serviert. Und bis ich in der Schule Französisch als dritte Fremdsprache bekam, dachte ich ernsthaft, "Kaffee Olé" zu trinken - mutmaßlich ein iberischer Stierkämpfertrank.

Um die Jahrtausendwende schlich sich dann eine neue Vokabel in unseren kollektiven Wortschatz: "Latte Macchiato", die (mit Espresso) befleckte Schaummilch als Synonym für eine neue teutonische Kaffeekultur. Heute ist die "Latte" in vielen Vierteln vieler Städte als Distinktionsmerkmal schon wieder verdrängt worden, vom Galão, dem ebenfalls im Glas servierten Milchkaffee portugiesischer Prägung - auch er mit Sicherheit nur ein vorläufiger Höhepunkt der Kaffeegeschichte.

Die Türken und das Coffeehouse Internet

Die Früchte der Pflanze Coffea arabica, die möglicherweise - aber nicht sicher - erstmals in der äthiopischen Provinz Kaffa zu einem Getränk verarbeitet worden sind, kamen über den Orient nach Europa. Ihre Geschichte vor 1500 liegt weitgehend im Dunkeln. Während des 17. Jahrhunderts aber brachte sie den Europäern Licht: Das angesagte und teure Getränk wurde in speziellen Kaffeehäusern ausgeschenkt, die auch der Lektüre und der Debatte dienten. Kaufleute machten hier Geschäfte, Intellektuelle hinterfragte verkrustete Strukturen und alten Aberglauben. Der britische Historiker Tom Standage spricht vom "Coffeehouse Internet": Das Getränk als Katalysator für Kommunikation und Aufklärung, die Delikatesse als Bohne der Erkenntnis.

London war Vorreiter der neuen Mode, auch in Paris gab es 1750 bereits 600 Kaffeehäuser. Und die Gründung des ersten Wiener Kaffeehauses als indirekte Folge der zweiten Belagerung durch die Türken 1683 ist Legende. Vor etwa 330 Jahren öffneten auch in Bremen und Hamburg die ersten Kaffeehäuser, im Rest von Deutschland kam der Sud aber zum Teil mit erheblicher Verspätung an.

Im gewissen Sinne hält der Vormarsch der "Kaffeehäuser" hier immer noch an: Denn der Außer-Haus-Verbrauch der Deutschen legt zu. Mittlerweile wird jeder dritte Kaffee woanders als daheim getrunken, hat der Kaffeeverband errechnet, und weiß auch, woher wir den Stoff kriegen: "Mittlerweile verteilen sich rund 1200 Coffee Shops auf die Republik," heißt es in der Bilanz des Kaffeejahrs 2006. "Verglichen mit einer Anzahl von 3000 Coffee Shops in London besteht auf dem deutschen Markt noch Wachstumspotential." Hüben wie drüben lassen die Schwersüchtigen sich morgens extra große Volumina Frischaufgebrühten in spezielle Thermo-Alutassen für die U-Bahn abfüllen.

Urbane Hipster mit Schnabeltasse

Dem Journalisten und Schriftsteller Jan Weiler ("Maria, ihm schmeckt's nicht") ist diese ganze Mode ein Grauen: "Es gibt unzählige urbane Menschen, die sich keineswegs albern fühlen, einen Pappbecher mit Globalisierungs-Saugekaffee und einer Tüte Backtriebmittel in Gestalt von Heidelbeermuffins mit sich herumzuschleppen." Der Pappbecher mit dem obligaten Plastikaufsatz - von außen betrachtet ist der öffentliche Kaffee heutzutage ein Amerikaner, auch wenn der Inhalt nach italienischer Manier zubereitet wurde. Schuldbewusst starre ich auf meinen Styroporbecher. Sich der Verschnabeltassung des Kaffeekonsums zu entziehen, postuliert wenigstens Weiler, sei schlicht eine Frage des guten Geschmacks.

Tatsächlich können die Deutschen heutzutage schon an jedem besseren Bahnsteigskaffeekiosk zwischen einer Vielzahl von Varianten mit abenteuerlich polyglotten Bezeichnungen wählen. Niemand aber treibt es bunter, als die US-Kaffeekette Starbucks und ihre Kopisten. Schwer zu entscheiden, ob nun Mocha Frappuccino Blended Coffee oder ein entkoffeinierter Vanilla Caffè Latte mit Sojamilch weiter vom Filterkaffee alter bundesrepublikanischer Kaffeekränzchen entfernt ist - schwer auszusprechen sind sie beide.

Ein Glück, dass auch der Kaffe in seiner kleinsten, reinsten Form an Boden gewinnt. Im vergangenen Jahr tranken die Deutschen 20 Prozent mehr Espresso als im Vorjahr. Und erstmals wurde in Deutschland genauso viel Espresso geröstet, wie aus dessen Heimatland Italien eingeführt wurde. Dort, so war es in den Fünfzigern und ist es heute noch, heißt der Espresso übrigens schlicht - "il caffè".



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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Dieter Mueller, 07.09.2009
1.
Viel origineller als den "Schnabeltassenkaffee" finde ich dessen denglische Bezeichnung: (Richtig wäre: Café to take away). Einen Kaffee nach der alten deutschen Kolonie Togo zu benennen ist einfallsreich, Kaffee Kamerun wäre aber auch schön...
Leo Stern, 05.04.2012
2.
Das was Herr Westerwelle da einschenkt ist Tee. Das ist niemals Kaffee.
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