Deutsche im Gulag "Ich habe doch nichts verbrochen"

Deutsche im Gulag: "Ich habe doch nichts verbrochen" Fotos
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Tausende Deutsche mussten nach 1945 in Stalins Straflagern schuften - auch Jugendliche. Als sie endlich zurück durften, war die alte Heimat geteilt in Ost und West. Karl Heinz Vogeley und Lothar Scholz machten in beiden deutschen Staaten die gleiche Erfahrung: Niemand interessierte sich für ihr Schicksal. Von

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Vater! Als Karl Heinz Vogeley morgens um halb 4 mit seinem Holzkoffer aus dem Zug steigt, wird er bereits erwartet. Er stürmt auf den Mann zu, der da am Bahnhof von Haldensleben steht - und sieht erst jetzt, dass es gar nicht sein Vater ist, sondern sein Onkel. Der Vater steht etwas abseits, er ist alt geworden. Sie haben sich lange nicht gesehen. "Papa", fragt der Sohn, "wo ist denn Mama?" "Komm erst mal mit nach Haus", antwortet der Vater und dann, als Karl Heinz nachhakt: "Mama ist nicht mehr da."

Acht Jahre war Karl Heinz Vogeley weg, die längste Zeit davon in einem sowjetischen Straflager. Jetzt steht er auf einem Bahnhof in der DDR und erfährt, dass seine Mutter gestorben ist, während er in politischer Haft war. Es ist der 28. Dezember 1953, Vogeley ist 24 Jahre alt.

Zur gleichen Zeit etwa sitzt Lothar Scholz, nur ein paar Monate älter als Karl Heinz, noch immer in Lager 14, rund 500 Kilometer südöstlich von Moskau. Im Juni 1953 war der Transport, zu dem Vogeley gehörte, aufgebrochen. "Die anderen wurden aufgerufen und fuhren weg - ich blieb als Einziger zurück", erinnert sich Scholz an diesen Moment. Auf seine Entlassung sollte er noch Monate warten müssen. Eines Tages fragt ihn ein Offizier, wohin er fahren würde, wenn er nach Hause dürfte: "In die DDR oder in den Westen?" Scholz vermutet eine Fangfrage - doch dann platzt es aus ihm heraus: "Ist mir egal! Überall hin, wo keine Kommunisten sind!"

Letzter Schliff

15 bis 18 Millionen Menschen waren von Mitte der zwanziger bis in die fünfziger Jahren im Gulag, dem sowjetischen Straflagersystem, inhaftiert; darunter einige tausend deutsche Exilanten, die einst vor Hitler in die UdSSR geflohen waren und mehrere zehntausend, nach Ende des Zweiten Weltkriegs verurteilte Deutsche - vor allem Kriegsgefangene und Oppositionelle aus der sowjetischen Besatzungszone. Und Jugendliche, einige erst 16 Jahre alt wie Lothar und Karl Heinz. Sie schufteten in Kupferbergwerken im Süden Kasachstans oder den Kohleschächten von Workuta im hohen Norden der UdSSR, weit weg von der Zivilisation und noch weiter weg von zu Hause.

Als im März 1953 dann der Diktator Josef Stalin starb, hofften die deutschen Insassen der sowjetischen Straf- und Arbeitslager auf ihre Heimkehr. Doch für die meisten wurde auch die Freiheit zu einer bedrückenden Erfahrung - als sie zurückkehrten, mussten sie feststellen, dass das Leben ohne sie weitergegangen war und sich kaum jemand für ihr Schicksal interessierte. Mit ihrer traumatischen Vergangenheit mussten sie allein klarkommen. In Ost wie in West.

Die Entschädigung der unschuldig Inhaftierten durch die Bundesrepublik sei "politisch skandalös", konstatiert heute der Berliner Historiker Meinhard Stark. Rechnerisch entspräche sie "einer Vergütung von weniger als einem Euro pro Stunde" für schwerste Zwangsarbeit. Stark hat in den vergangenen Jahren mehr als 100 ehemalige Gulag-Häftlinge in ganz Europa zu ihren Erinnerungen an die Lager und das Leben danach befragt und jetzt ein Buch darüber veröffentlicht: "Die Gezeichneten. Gulag-Häftlinge nach der Entlassung". Auch Karl Heinz Vogeley erzählt darin seine Geschichte zum ersten Mal.

Mit 16 macht er im Frühjahr 1945 seinen Schulabschluss, mittlere Reife. Doch schon seit Februar ist er in der militärischen Ausbildung: letzter Schliff für Hitlers letztes Aufgebot. Propagandaminister Joseph Goebbels hatte die Operation "Werwolf" verkündet, einen Krieg aus dem Untergrund. Karl Heinz' Ausbilder bei der Hitlerjugend hatte Haldensleben, nördlich von Magdeburg, zur Stadt des "Werwolfs" erklärt. Mit roter Farbe malen die Jungen dessen Zeichen, die Wolfsangel, an Häuser und Schaufenster. Als US-Soldaten am 13. April 1945 anrücken, ergibt sich Haldensleben kampflos. Von den Jugendlichen nehmen sie kaum Notiz. Bald schon überlassen sie die Stadt den Sowjets.

"Ich habe doch nichts verbrochen"

Am 1. Juni besetzt die Rote Armee Haldensleben. Zwölf Tage später bekommen Karl Heinz und sein Freund Helmut Besuch aus dem Rathaus. Eine Frau warnt die Jungen, sie würden verhaftet. Doch was hätten sie schon zu befürchten? "Ich habe doch nichts verbrochen", sagt sich Karl Heinz. Am nächsten Tag kommen zwei Männer in Zivil, die Helmut abholen. Um 18 Uhr soll Karl Heinz folgen. "Helmuts Mutti gab mir noch eine Stulle mit", erinnert sich Vogeley.

Auf dem Flur der sowjetischen Kommandantur muss er warten, sieht, wie Helmut in den Keller abgeführt wird, und muss dann zur Vernehmung. Ein Offizier gibt ihm einen Zettel und fragt ihn, ob er das Zeichen darauf kenne. Die Wolfsangel. Die Vernehmung dauert bis zum nächsten Morgen. Karl Heinz bekommt ein Protokoll vorgelegt, es ist auf Russisch. Er unterschreibt trotzdem. Dann wird auch er in den Keller geführt. In den folgenden Tagen werden weitere Jungen verhaftet. Es gibt Gegenüberstellungen, Nachtverhöre, brutale Schläge. Einige geben zu, was auch immer man ihnen vorwirft.

Die Anklage vor dem Militärtribunal lautet: Verübung von Terrorakten sowie Beschädigung von Eisenbahn- und anderen Transporteinrichtungen in organisierter Form. "Wir haben dann gesagt, dass wir zu diesen Aussagen gezwungen wurden." Doch die Jungen bleiben weitere Wochen in Haft. Im Hof der Justizanstalt sieht Karl Heinz eines Tages seinen Vernehmer wieder. Zwei Tage später sitzt er ihm gegenüber: "Der Offizier hat nur noch die Pistole durchgeladen, hat mich an die Wand gestellt und gesagt, es sei ihm überhaupt noch nicht vorgekommen, dass er bezichtigt wurde, Aussagen erzwungen zu haben."

"Ihr Urteil ist gekommen"

Im November 1945 fällt das Urteil: 15 Jahre Haft. Wenig später sitzen Vogeley und seine Kameraden auf einem Lkw, der sie nach Frankfurt (Oder) bringt. Von dort geht es in Viehwaggons weiter nach Nordosten.

Lothar Scholz lebt zur selben Zeit in Fürstenwalde. Der sowjetische Ortskommandant bedrängt ihn: Scholz soll für ihn spitzeln. Doch der weigert sich, flieht und schlägt sich nach Hamburg durch. In einer englischen Offiziersküche findet er Arbeit, doch die Sehnsucht nach der Freundin ist zu groß. Am 1. Juni 1947, dem Geburtstag seines Bruders, ist er zurück in der Heimat. Lothars Ankunft spricht sich schnell herum. Monatelang wird er in Eberswalde im Untersuchungsgefängnis vernommen.

Mitte Dezember 1947 zeigt ihm ein Offizier ein Blatt Papier: "Hier ist Ihr Urteil gekommen, aus Moskau." Scholz soll für 15 Jahre ins Arbeitslager - wegen angeblicher Militärspionage für die USA. Bald darauf sitzt er in einem Waggon in Richtung Moskau - die Fahrt soll ins Polargebiet gehen. "Ich dachte dabei an Karl May und Abenteuer und fand es spannend", erzählt Scholz heute. Die Realität sah anders aus: "Wir mussten uns an langen Seilen festhalten, damit uns der Schneesturm auf dem Weg zu unseren Baracken nicht umwehte."

"Rücken an Rücken"

Ziel war eines der Lager nahe der Kohleschächte von Workuta nördlich des Polarkreises. Wenige Monate nach seiner Ankunft erlebt Scholz, wie Mitgefangene, inhaftierte Rotarmisten, ihre Bewacher überwältigen und töten. In den Wirren des Aufstandes gelingt es Scholz, sich ein Küchenmesser zu beschaffen: "Und da saßen wir dann nachts in der Tundra, im Schnee, Rücken an Rücken. Der eine hatte das Messer, der andere konnte schlafen. Nach einer Stunde haben wir getauscht. So ging es tagelang." Entkommen konnten sie schließlich nicht.

Als im Lager der Aufstand wütet, liegt Karl Heinz Vogeley in einem Lazarett - "aber die Auswirkungen des Aufstandes, die habe ich miterlebt". Die "Politischen" unter den Gefangenen werden in Speziallager verlegt: Scholz nach Süden in die Republik Mordowien, Vogeley nach Kasachstan, ins Kupferbergwerk. Dort bleibt er, schuftet, perfektioniert sein Russisch - und glaubt nicht mehr daran, dass er jemals nach Hause kommt.

Im Juni 1953 erreicht ihn die Nachricht, dass ein neuer Transport bevorsteht. Wieder ein anderes Lager? Die monatelange Fahrt geht zunächst nach Moskau, dann Richtung Westen. Am 22. Dezember treffen die Waggons in Frankfurt (Oder) ein. Vom Roten Kreuz neu eingekleidet, den Entlassungsschein und 50 Mark als einmalige Abfindung in der Tasche trifft Vogeley sechs Tage später zu Hause ein.

"Ich habe geweint wie ein Schlosshund"

Im Dreifamilienhaus in Haldensleben wohnt nun auch eine Frau aus Schlesien. Sie begrüßt Karl Heinz mit einen Blumenkorb: "Stellvertretend für Ihre Mutti". Doch abgesehen von den nächsten Angehörigen kümmert sich in der DDR niemand um die Heimkehrer. "So sang- und klanglos wie wir verhaftet worden waren, so sind wir auch wieder aufgenommen worden, ohne ein Wort, nichts, gar nichts." Im Gegenteil: Vogeley hat Schwierigkeiten, Arbeit zu finden. Niemand will ihn einstellen - mit so einem Lebenslauf.

Ein alter Klassenkamerad spricht ihn irgendwann an, lädt ihn zu sich ein und stellt ihm seine Frau und seine zweijährige Tochter vor. "Er hat mir seine Wohnung gezeigt, die Küche, das Wohnzimmer, das Schlafzimmer, und dann sagte er: Das ist mein ganzer Stolz, und zeigte auf seinen Meisterbrief. Ich bin nach Hause gegangen, habe geweint wie ein Schlosshund und habe erkennen müssen, dass das Leben an mir vorübergegangen war."

Lothar Scholz ergeht es ähnlich. 1955 wird auch er endlich aus der Gefangenschaft entlassen - in den Westen. Seine Mutter lebt inzwischen in West-Berlin. Als er dort ankommt, meldet er sich beim Arbeitsamt: Sechs Monate lang würde er Arbeitslosengeld bekommen - je nachdem, was er in der Sowjetunion zuletzt gemacht habe. "Und da ich zum Schluss Bäume gefällt habe, bekam ich pro Woche 28 Mark", erzählt Scholz. Ein Freund rät ihm auch anzugeben, dass er Uniformen für die Rote Armee genäht habe. "Dann haben sie ja qualifizierte Arbeit gemacht", habe es daraufhin geheißen, "Sie kriegen ab heute 32 Mark pro Woche."

"Wenn sie mich nur anguckten"

Scholz findet schließlich einen Beruf, der zu ihm passt: In Westberlin beginnt eine Lehre als Großhandelskaufmann. "Ich hatte gelernt, Leute zu beobachten. Bei einigen Kunden wusste ich schon, was sie wollten, wenn sie mich nur angeguckt haben." Position für Position arbeitet sich Scholz nach oben, bis ihn seine Firma in den neunziger Jahren zum Verkaufsleiter für ganz Ostdeutschland macht.

Auch Vogeley geht in den Handel - doch der Weg nach oben ist lang. Bei einem staatlichen Großhandelsunternehmen für Lebensmittel beginnt er als Hofarbeiter. Sechs Jahre lang muss er sich in der DDR mit körperlicher Arbeit bewähren, dann erst darf er eine Ausbildung zum Großhandelskaufmann absolvieren. In seinem Betrieb schafft er es schließlich bis zum stellvertretenden Direktor.

Als Vogeley im Mai 2010 von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur zur Vorstellung von Meinhard Starks Buch über die Gulag-Häftlinge geladen wird, beginnt er seinen Erzählung mit fast ehrfürchtigen Worten: "Ich möchte mich dafür bedanken, dass ich erstmals die Möglichkeit habe, vor so einem Gremium darüber zu sprechen."

Zum Weiterlesen:

Meinhard Stark: "Die Gezeichneten. Gulag-Häftlinge nach der Entlassung". Metropol Verlag, Berlin 2010, 432 Seiten.

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1.
P. eter, 23.08.2010
Auch sehr interessant zu diesem Thema ist das das Buch und der Film "Der internationale Gulag" von und mit Sir John Noble
2.
Walter Tupolev, 23.08.2010
Meine Bemerkung: In den Gefängnissen und Straflagern der Sowjetunion (nach dem Krieg) wurden die Gefangenen kaum nach Gruppen getrennt- so saßen Nazis, Soldaten und Offiziere der Wehrmacht, Deutsche Zivilisten, NS Kollaborateure der SU, Antisowjetische Partisanen, sowjetische Verbrecher, Dissidenten, Bürger der SU, Soldaten der Roten Armee und andere Verurteilte oft in einem Arbeitslager. Auch das Strafmaß war oft das gleiche: 10 oder 15 Jahre Lagerarbeit. Viele Urteile waren fabriziert und die meisten Geständnisse erzwungen worden. Erst nach Stalins Tod wurden viele Urteile "überprüft" und viele Unschuldige (und Schuldige) freigesprochen.
3.
Borislav Spassov, 23.08.2010
wie viel hat Russland entschädigung bezahlt???????
4.
Michael Meier, 24.08.2010
Vermißt in Stalingrad: Als einfacher Soldat überlebte ich Kessel und Todeslager. Dagegen ist dieser Artikel hier wirklich weichgespült. Wer sich mit den Bedingungen bei Stalingrad beschäftigt, u.a. sehr eindrucksvoll beschrieben in dem o.g.Buch, hat für viele heutige Probleme nur noch ein verächtliches Lächeln übrig.
5.
Alex Latotzky, 24.08.2010
Wichtiger wäre die Frage, wie man hier in Deutschland mit diesen Menschen umgegangen ist und noch immer umgeht. Dabei denke ich besonders an die verschleppten Frauen!
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