Deutsche im Weltall Der ewige Zweite

Er durfte nie ins All - und weiß bis heute nicht warum: Während Sigmund Jähn im Jahr 1978 als erster Deutscher im Weltall berühmt wurde, blieb Eberhard Köllner als Ersatzmann am Boden. Gestört hat ihn das nicht: in der DDR riss sich niemand um den heißen Ritt in den Kosmos.

Archiv Römisch / Köllner

Von Christian Siepmann


Fast wäre er der erste Deutsche im All gewesen. Aber Eberhard Köllner durfte nur zuschauen, als an jenem 26. August 1978 die Triebwerke Feuer spien, die "Sojus"-Rakete erzitterte und schließlich in den Himmel schoss. Als Sigmund Jähn ins All abhob, blieb Köllner in der kasachischen Steppe zurück.

Der damals 38-Jährige hatte sich zwei Jahre lang intensiv auf den Flug vorbereitet - um dann Ersatzmann zu werden und niemals ins All zu dürfen. Siegmund Jähn wurde mit dem Raketenstart heute vor 30 Jahren zum Helden. Köllner musste aus der Ferne zuschauen. "Mit einer Träne im Knopfloch", sagt er zwar - aber die sei nicht etwa aus Enttäuschung geflossen, sondern "aus Freude über den Erfolg".

Denn Eberhard Köllner besteht bis heute darauf, dass er sich nie gegrämt hat, dass nicht er es war, der als erster Deutscher ins All startete. Er klingt dabei nicht einmal unglaubwürdig - und genau das erlaubt zwei interessante Einblicke: einmal in Eberhard Köllners Bescheidenheit, die der oft gerühmten Sigmund Jähns in nichts nachsteht. Und zum Zweiten in die Art und Weise, wie der real existierende Sozialismus Raumfahrt betrieb: Durch Befehl und Gehorsam und die bedingungslose Unterordnung des Individuums unter das Kollektiv.

Keine besondere Lust auf's Weltall

Denn anders als der erste Bundesdeutsche im All, Ulf Merbold, der erst 1983 startete, hatten sich Köllner und Jähn nie nach den unendlichen Weiten des Weltraums gesehnt. Merbold startete ins All, weil er sich 1977 darum beworben hatte und antwortete auf eine Stellenanzeige der Europäischen Raumfahrtagentur Esa, die nach Astronauten suchte. Jähn und Köllner wurden Kosmonauten, weil man sie dazu zwang - und sie nicht widersprachen.

"Was heißt denn wolllen? Wir hatten keine Wahl!", sagt Eberhard Köllner deshalb wenn man ihn fragt, warum er eigentlich ins All wollte. Jähn und er waren Jetpiloten der Nationalen Volksarmee der DDR der ersten Stunde, seit 1955 schon flogen sie Migs und Jaks. Und als die DDR ihren Kosmonauten suchte, annoncierte sie nicht im "Neuen Deutschland". Sie kommandierte einfach ihre 300 Militärpiloten zu Auswahltests in das Luftfahrtmedizinische Zentrum im sächsischen Königsbrück.

Enthusiasmus für das Weltraumabenteuer war dort nach Köllners Erinnerung Fehlanzeige: "Die meisten haben gedacht: Du bist kommandiert, da kann man erst mal nichts machen, das ist halt so beim Militär", sagt der Vater zweier Kinder, und nimmt sich selbst davon scheinbar nicht aus: "Wenn man in so eine Auswahlrunde kommt, glaubt man ja nicht, dass man tatsächlich gewählt wird. Man denkt immer: Irgendwann wirst du rausfliegen."

Nur die Besten kamen durch

Doch Köllner glänzte in Physik-, Mathe- und Russischtests, die medizinischen Untersuchungen und psychologischen Tests bestand er ebenfalls, und am Ende war er einer von vier Kosmonautenkandidaten, die in der Sowjetunion ein 14-tägiges Auswahlverfahren durchliefen. Danach legte eine sowjetische Kommission die Rangordnung fest: Jähn war erster, Köllner zweiter. Beide gingen zur Ausbildung ins Sternenstädtchen. Die Nummern drei und vier mussten zurück in die DDR.

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Eberhard Köllner: Held in Wartestellung

Die Kosmonautenausbildung für Jähn und Köllner dauerte von 1976 bis 1978. Köllner macht auch darum keine großen Worte, "wir haben eben alles, was mit der Technik und dem Flug zusammenhängt", gelernt und die medizinische Vorbereitung durchlaufen, "eigentlich wie in jedem anderen Beruf", in dem man sich auf seine Tätigkeit vorbereite. Dazu kamen ständige medizinische Untersuchungen.

Sein Verhältnis zu Jähn sei dabei immer gut gewesen, sie kannten sich zu diesem Zeitpunkt seit mehr als zehn Jahren, weil sie zur selben Zeit an der Militärakademie der sowjetischen Luftstreitkräfte in Morino studiert hatten. Im Sternenstädtchen wohnten sie im selben Wohnblock. Noch heute sehen sie sich regelmäßig.

Bloß kein Köllner im Kosmos

Doch in der "Sojus"-Kapsel ist nur für einen Deutschen Platz - und dass nicht er, sondern Sigmund Jähn ins All fliegen sollte, wurde Köllner nie offiziell verkündet: "Das ergab sich dann im Laufe der Zeit. Je mehr man drinsteckte, desto mehr kriegte man mit, wie das laufen soll. Und irgendwann wusste man einfach: Aha, so sieht's aus." So funktionierte Raumfahrt in der Planwirtschaft.

Endgültige Gewissheit hatte Köllner in dem Moment, als die Besatzungen formiert wurden. Köllner bildete mit Wiktor Wassiljewitsch Gorbatko ein Team, Jähn wurde Waleri Fjodorowitsch Bykowski zugeteilt. Der war schon damals ein erfahrener Kosmonaut, bereits zweimal im All gewesen und außerdem mit der in der DDR für die Mission gebauten Hochleistungskamera MKF 6 vertraut. "Da war natürlich klar, dass das die erste Besatzung ist", so Köllner.

Begründet wurde diese Entscheidung nie. Den von vielen DDR-Bürgern nur halb im Scherz geäußerten Verdacht, die DDR-Führung wolle auf keinen Fall, dass ein "Köllner" der erste Deutsche im Weltall würde, verweist der Ex-Kosmonaut ins Reich der Legende. Er selbst erklärt es sehr einfach: "Weil Jähn und Bykowski die erste Besatzung waren und ich in der zweiten, und die erste fit und gesund war, sind die eben geflogen."

Harte Landung in der kasachischen Steppe

Den Start von "Sojus 31" verfolgte er vor einem Bildschirm. Während Bykowski und Jähn an die Raumstation Saljut 6 andockten, 125 mal um die Erde kreiselten, dabei Kristalle züchteten und die Wirkung der Schwerelosigkeit auf menschlichen Körper und Geist untersuchten, blieb er im Kommandozentrum, um den Flug zu doublieren. Das heißt, dass er im Fall von Problemen während des Fluges das Verhalten der Kosmonauten im Weltall nachgespielt hätte, um Lösungen zu finden. Jähns Mission blieb jedoch problemlos - und Köllners Einsatz auf die Beobachterrolle beschränkt.

Und noch einmal: Das sei "nicht tragisch" gewesen, beharrt der verhinderte Weltraumfahrer. "Wir hatten uns da beide nicht drum gerissen." Jähn und er seien an das herbeikommandierte Heldenstück "ganz leidenschaftslos rangegangen, denn für uns war das keine Lebensaufgabe, sondern es war eben der nächste Schritt im Interkosmos-Programm. Und wir waren dabei, und naja ist gut."

Der neue Held Jähn kehrte am 3. September in die zentralkasachische Steppe zurück. Die äußerst harte Landung der "Sojus"-Kapsel bereitet ihm bis heute Rückenschmerzen. In der Sternenstadt erwartete ihn Eberhard Köllner. "Begrüßung, Zeremoniell, und dann haben wir unsere Sachen gepackt."

Befehl und Gehorsam galten auch für Weltraumhelden

Danach wurde Köllner Ausbilder für NVA-Piloten - und Jähn in der DDR bei jeder Gelegenheit herumgereicht. "Ich war nur selten dabei und nicht besonders traurig darüber", versichert Köllner, "aber zu bestimmten Dingen musste ich dann mit hin, da wurde ich einfach abkommandiert." Das Prinzip von Befehl und Gehorsam galt eben auch für Weltraumhelden.

Dass er niemals ins All fliegen würde, war damals noch nicht klar. Eigentlich war für die zweite Hälfte der achtziger Jahre die Weltraumfahrt eines zweiten DDR-Kosmonauten avisiert - zu der es jedoch nie mehr kam. Denn anders als beim ersten Mal hätte der bankrotte Bruderstaat Sowjetunion für den zweiten Flug Bares sehen wollen. Und mit dem Zusammenbruch der DDR waren die ostdeutschen Weltraumpläne eh gestorben.

Eberhard Köllner sagt, die verpasste Chance habe "in seinem Denken keine Rolle gespielt". Nach dem Ende der DDR und ihrer Nationalen Volksarmee lehnte der Offizier angeblich ein Übernahmeangebot der Bundeswehr ab. Er war zunächst arbeitslos, machte eine Umschulung in Betriebswirtschaft und arbeitete zuletzt in der Logistik eines Finanzunternehmens. Seit 2002 ist er Rentner.

Nur elegentlich wird er noch erkannt, "und hin und wieder kommt auch ein Rentnerclub, der noch mal was hören möchte." Doch Köllner vermeidet jeden Trubel, auch den 26. August wird er nicht besonders begehen. "Für mich ist das ein Tag wie jeder andere", sagt der Kosmonaut, der am Boden bleiben musste.



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