Deutsche im Weltall Die Überflieger

Deutsche im Weltall: Die Überflieger Fotos
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Raumfähren aus Klorollen, Rockkonzerte im Weltraum und Raketen, die zu spät kommen: Wenn Deutsche ins All fliegen, ist immer was los. Auch der deutsche Astronaut Hans Schlegel hat in der Schwerelosigkeit schon schwer was erlebt. Ein kurzer Rückblick. Von

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Wenn in den Toiletten des Instituts für Raumfahrtsystem in Stuttgart das Klopapier fehlt, dann hat selbst das etwas mit der Eroberung des Weltalls zu tun. Physik-Professor Ernst Messerschmid nämlich liebt es, mit seinen Studenten aus den Pappkernen der profanen Hygieneartikel Modelle für Hi-Tech-Weltraumstationen zu basteln. "Die Papprollen eignen sich besonders gut", gestand er einmal, "da geht auf dem Gang schon mal das Klopapier aus."

Messerschmid weiß, wovon er spricht: Der Mann ist nicht nur gelernter Klempner und anerkannter Wissenschaftler - als Astronaut hat er das Leben an Bord der fliegenden Stahlzylinder, die in mehreren hundert Kilometern Höhe um die Erde kreisen, selbst mitgemacht: 1978 gehörte er zur ersten Kandidatengruppe, die die Europäische Weltraumagentur ESA für die Ausbildung zum Euro-Astronauten zusammenstellte, 1985 flog er dann 1985 gemeinsam mit Reinhold Furrer die von den Deutschen geleitete Mission zum Weltraumlabor "Space Lab".

Astronautensuche per Zeitungsanzeige

Gesucht worden waren die Weltraumarbeiter seinerzeit ganz profan per Stellenanzeige. In allen großen bundesdeutschen Blättern erschienen 1977 Annoncen, mit denen qualifizierte Mitarbeiter für diesen doch sehr spezielle Position gesucht wurden. Das Echo ließ nicht lange auf sich warten - für die Zeitarbeit im All bewarben sich 2000 Wissenschaftler aus ganz Europa, darunter 700 Deutsche.

Als erster Bundesbürger startete am 28. November 1983 Ulf Merbold ins All, um in 350 Kilometer Höhe das "Space Lab" der Europäischen Weltraumbehörde aus der Ladeluke des Space Shuttles "Columbia" in seine Umlaufbahn zu hieven. Es war genau jene US-Raumfähre, die später zu trauriger Berühmtheit gelangte, als sie am 1. Februar 2003 bei der Rückkehr von ihrem 28. Einsatz in 60 Kilometer Höhe auseinanderbrach. Alle sieben Crew-Mitglieder starben.

Das Risiko der Raumfahrt war auch Merbold immer bewusst - spätestens seit dem anderen großen Raumfahrt-Desaster der Amerikaner, der Explosion der "Challenger" kurz nach dem Start am 28. Januar 1986. "Die letzten zwei Stunden vor dem Countdown, wenn man schon im Raumanzug auf dem Rücken liegend wartet dann weiß man auch, dass man auf fast 2000 Tonnen brennbarem Material sitzt", beschrieb Merbold einmal das etwas prekäre Gefühl, das jetzt seinen Kollegen Hans Schlegel erwartet. Doch auch im Rentenalter würde sich Merbold davon nicht abschrecken lassen: "Wenn mich jemand mitnehmen würde, würde ich sofort mitfliegen", sagt der heute 65-Jährige, der insgesamt 50 Tage in der Erdumlaufbahn verbracht hat.

Zwei Ossis im All

Merbold wurde zwar als erster Bundesbürger im All gefeiert - aber der Triumph schmeckte ein wenig schal. Denn bereits 1978 hatte der DDR-Luftwaffenoffizier Siegmund Jähn als allererster Deutscher 125 Erdumrundungen in einer sowjetischen Sojus-Kapsel hinter sich gebracht. Im Grunde waren sogar die beiden ersten Deutschen im Weltraum Ossis: Der aus Thüringen stammende Merbold wuchs ebenfalls in der DDR auf; weil er dort nicht studieren durfte, machte er 1960 in den Westen rüber und dort Astronautenkarriere. Sein Lebensweg und der des DDR-Generalmajors Jähn Weltraum stehen so auch für die oft genug verrückten Folgen der deutschen Teilung.

Für die SED-Oberen bedeutete Jähns einwöchiger Weltraumflug einen grandiosen Propagandaerfolg - der bescheidene Jähn, ein gelernter Buchdrucker, ließ den Rummel nur einigermaßen widerwillig über sich ergehen. Wie Merbold wäre auch er gerne noch einmal geflogen, aber "die DDR hatte ja kein Geld, um mich noch mal zu schicken", wie er später bemerkte - mit seinem Erstling hatte der DDR-Kosmonaut den erwünschten Zweck erfüllt.

Die große Mehrzahl der deutschen Raumfahrer flog als Wissenschaftsastronauten ins All, neben Jähn waren nur zwei weitere Testpiloten gewesen, bevor Sie die orangefarbenen Weltraumanzüge der ESA überstreiften: Thomas Reiter, mit 350 Tagen im All deutscher Rekordhalter, sowie Klaus Dietrich Flade, der 1992 der erste Deutsche an Bord der russischen "Mir" war. Flade hatte zuvor bei Airbus und bei der Bundesluftwaffe Flugzeuge getestet - den Raketenstart mit der Sojus TM-14 empfand er als ein wenig enttäuschend: die beschleunigte "längst nicht so stark, wie ich es von meinen Starfighter- und Tornadoflügen her kannte", bekannte der Jetpilot anschließend.

Ehrenrunde um die Erde

Reiters Rekordaufenthalt 1995/96 auf der russischen Raumstation "Mir" dagegen war auch ohne rasante Beschleunigungswerte nichts für schwache Nerven. Die eigentlich auf 135 Tage angelegte All-Abenteuer wurde unfreiwillig um mehr als ein Drittel verlängert - die Rakete für den Rücktransport der "Mir"-Crew war nicht rechtzeitig fertig geworden, weil den Russen das Geld ausgegangen war. Reiters zweite Langzeitmission 2006, diesmal 172 Tage an Bord der internationalen Raumstation ISS, war da um einiges komfortabler - obgleich auch die vor der Landung wegen schlechten Wetters im Landegebiet noch einmal eine Ehrenrunde um die Erde drehen musste.

Dafür hatten die Russen den deutschen Gast an Bord der "Mir" mit zwei ausgedehnten Weltraumspaziergängen beglückt. "Es ist einfach umwerfend, die Erde im freien Weltraum zu beobachten", gab der erste deutsche "Freigänger" im All zu Protokoll. Auch Stimmungsmäßig war es bei den Russen entspannt zugegangen. Jedenfalls hatte Reiter seine Gitarre mit an Bord der "Mir" nehmen dürfen. Die unplanmäßige Warterei auf das Abhol-Kommando konnte er so mit Live-Darbietungen verkürzen, die ihm den Spitznamen "Weltraumgitarrist" einbrachten.

Andere deutsche Astronauten erlebten noch kritischere Momente - Reinhold Ewald etwa. "Zwölf Tage nachdem wir an die Mir-Station angedockt hatten, brach an Bord ein Feuer aus", erinnerte er sich im Nachhinein an die Horrormission von 1997. Eine Sauerstoffpatrone hatte Feuer gefangen; der Versuch, die Flamme mit einer Jacke zu ersticken misslang. Per Feuerlöscher konnte das Allerschlimmste verhindert werden, aber "Qualm war überall", so Ewald - und die Gasmasken an Bord lieferten nur für zweieinhalb Stunden Sauerstoff. Die Crew erwog den Wechsel in die Rettungskapsel, denn niemand wusste, ob der Kohlenmonoxidgehalt in der "Mir" kritisch war - ein Messgerät dafür gab es nicht. Erst nach einem riskanten Selbstversuch ohne Maske konnte der Kommandant Entwarnung geben.

Schweres Gepäck für die Schwerelosigkeit

Der vielleicht berühmtesten deutschen Weltraumreisenden dagegen hätte selbst dicke Luft an Bord nichts ausgemacht: Es handelte sich um eine Stofftier. An einem Sonntagmorgen im März 1992 flimmerte live von der "Mir" die "Sendung mit der Maus" in die Wohnzimmer der Republik - Astronaut Klaus-Dietrich Flade hatte eigens dafür eine Stoffpuppe mit dem Maskottchen der beliebten Kindersendung mit in die Schwerelosigkeit genommen.

Schwerer tragen "Experimenatoren", wie die Wissenschafts-Astronauten auch heißen, da an anderen Dingen. Als Hans Schlegel vor fast 15 Jahren das erste Mal mit seinem Kollegen an Bord einer Raumfähre kletterte - damals der "Columbia" -, hatte er Bedienungsanleitungen im Gegenwert von 25 Kilogramm für Experimente dabei. Auch damals übrigens musste er sich unser Mann gedulden, bis die Triebwerke schließlich gezündet wurden - der Start der "D-2"-Mission mit Schlegel und seinem Mit-Astronauten Ulrich Walter wurde insgesamt fünf Mal verschoben.

Als Schlegel und Walter oben im All ankamen, ging als erstes die Toilette kaputt. Mal sehen, was diesmal noch so passiert - wenn es denn endlich losgeht.

Hans Michael Kloth

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1.
Steffen Wussow, 08.02.2008
Sehr geehrter Herr Kloth, nennen Sie den Titel doch einfach um in "Bundesdeutsche im Weltall" dann können sie den lästigen Herrn Jähn, der es gewagt hat ohne zu fragen, vor dem "gefeierten" Herrn Merbold zu starten, einfach weglassen und sich außerdem den "Gänsefüßchen"-Stil sparen. Mit freundlichen Grüssen aus Hamburg Steffen Wussow
2.
Björn Hollensteiner, 08.02.2008
Hallo, danke für den kurzweiligen Text. Vielleicht eine kleine Anmerkung: Das Space-Lab war in den Shuttles fest installiert und wurde nicht von Herrn Merbold aus der Ladeluke in die Umlaufbahn "hinausgehievt". Die Astronauten konnten es durch einen Tunnel von der Kabine des Shuttles aus erreichen und dort Forschung durchführen. Es stellte eine "Raumerweiterung" des Shuttles dar, nicht ein eigenständiges, die Erde allein umkreisendes Labor dar. Diesen Unterschied finde ich schon wichtig, auch wenn es hauptsächlich im Artikel um die Astronauten geht. Viele Grüße! B. Hollensteiner
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