Deutsche Kolonialgeschichte Der Münchhausen der Südsee

Deutsche Kolonialgeschichte: Der Münchhausen der Südsee Fotos
PD

Die Kaisertreuen feierten ihn als Held, er selbst fühlte sich als zweiter Humboldt: Hauptmann Hermann Detzner hatte sich im Ersten Weltkrieg der Kapitulation Deutsch-Neuguineas widersetzt und berichtete später von seiner abenteuerlichen Durchquerung des Kaiser-Wilhelms-Landes. Fast wäre er mit dieser Pioniertat in die Geschichte eingegangen. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
  • Zur Startseite
    3.6 (838 Bewertungen)

Die Südsee war mal deutsch. Jedenfalls ein Teil. Kaiser Wilhelm II. hatte einen "Platz an der Sonne" für Deutschland gefordert - und für kurze Zeit erfüllten sich die imperialistischen Ambitionen des Kaiserreiches tatsächlich. In den Jahren 1884/1885 war es dem Deutschen Reich gelungen, sich neben den Afrika-Kolonien und dem Schutzgebiet Kiautschau in China in Neuguinea ein großes Gebiet anzueignen.

"Die Neuguinea Kompagnie", ein Privatunternehmen, übte dort von 1885 an die indirekte deutsche Kolonialherrschaft aus - mit allen Hoheitsrechten und versehen mit einem kaiserlichen "Schutzbrief". 1899 übereignete sie ihre Besitzungen offiziell dem Deutschen Reich. Daneben hatte Deutschland noch eine zweite Südsee-Kolonie, weit weg im Zentralpazifik gelegen: die westlichen Samoa-Inseln, genannt Deutsch-Samoa. Der östliche Teil war amerikanisch.

Ihre Hoheitsgebiete machte den Deutschen damals niemand ernsthaft streitig. Mit dem Ersten Weltkrieg änderte sich das. Während Deutschland Stück für Stück die Herrschaft über seine neu gewonnenen Territorien wieder verlor, verweigerte einer die Kapitulation und wurde - zumindest kurzzeitig - zum gefeierten Helden: Hauptmann Hermann Detzner.

"Die deutsche Schutztruppe ergibt sich nicht"

Zur Kolonie Deutsch-Neuguinea gehörte ein weit auseinander liegendes Sammelsurium von Inseln und Inselgruppen. Fast kampflos besetzten die japanischen Truppen nach Beginn des Krieges die Marianen, Karolinen, Palau und die Marshallinseln. Neuseeland annektierte Deutsch-Samoa. Die Australier griffen Deutsch-Neuguinea mit einer großen Kriegsflotte und Landungstruppen an und besetzten die Kolonie 1914 ohne nennenswerte Gegenwehr. Militärisch hoffnungslos unterlegen, erklärte der deutsche Gouverneur nach einigen Scharmützeln die Bereitschaft zur Übergabe. Die Kapitulationsbedingungen fielen ungewöhnlich milde aus: Beamte durften frei ausreisen - unter dreimonatiger Weiterzahlung ihrer Bezüge. Wer bleiben wollte, konnten auch dies - nach Ableistung eines Eides, sich strikt neutral zu verhalten.

Hauptmann Hermann Detzner jedoch, umgeben von einer Handvoll "eingeborener Schutztruppen-Angehöriger", tönte: "Die deutsche Schutztruppe ergibt sich nicht." Er setzte sich ins Hinterland in den schwer zugänglichen Dschungel ab. Detzner hatte Kolonialerfahrung: Einige Jahre zuvor hatte er in der deutschen Afrika-Kolonie Kamerun gedient und dort an zwei Expeditionen teilgenommen. Anfang 1914 beorderte ihn das Reichskolonialamt nach Deutsch-Neuguinea, wo er in Kaiser-Wilhelms-Land den genauen Grenzverlauf zu Britisch-Neuguinea vermessen sollte, das seit 1902 unter australischer Verwaltung stand.

"Unter Kannibalen"

Von Deutsch-Neuguinea berichtet er 1920 in seinem in Berlin erschienen Buch "Vier Jahre unter Kannibalen". Detzner schreibt in einer schwerverdaulichen Prosa ganz im Duktus der Zeit, mit viel deutschnationalem Pathos und Kaiser-Tamtam. Als Kolonialoffizier war er kaisertreu bis in die Knochen, seine ihm unterstellten "eingeborenen Schutztruppler" ließ er schon mal die "Wacht am Rhein" oder "Am Brunnen vor dem Tore" singen. Das deutsche Liedgut wurde den "Eingeborenen" in der Missionsschule beigebracht.

Doch Detzner hatte auch eine andere Seite: Anschaulich und einfühlsam beschreibt er Land und Leute, Flora und Fauna Neuguineas, es klingt, als mochte er das Land. Sein Verhältnis zu den Einheimischen scheint wohlwollend, fürsorglich, paternalistisch - was ihn nicht davon abhielt, in den Dörfern auch mal ein Schwein zu beschlagnahmen, um die Verpflegung seiner Truppe sicherzustellen - gegen Quittung, versteht sich. Dem Dorfvorsteher erzählte er, dass der Kaiser in Berlin die Herausgabe des Schweins sicher nie vergessen werde und ihm seine Großzügigkeit hoch anrechnen und vergelten werde.

Ein zweiter Humboldt

Detzner berichtet auch, wie sich zwei seiner "eingeborenen Schutztruppler" irgendwann mit einem großen Sack Reis absetzten und im Dschungel verschwanden. Vor "Untreue" sei man eben nie völlig sicher, und schließlich habe man ja nicht ihm den Reis gestohlen, sondern dem Kaiser, was Verrat sei und eigentlich drakonisch bestraft werden müsse, schwadroniert er ausufernd. Der Deutsche schildert, wie er sich im Dschungel versteckt hält, und wie es ihm immer wieder gelingt, den Australiern und Engländern zu entwischen, die ihn steckbrieflich suchen. Dreimal habe er vergeblich versucht, das neutrale Niederländisch-Neuguinea zu erreichen.

In das Buch fließen auch ethnologische, botanische und zoologische Studien ein.

Doch die Zeichnungen, die er dazu anfertigt, sind mehr schlecht als recht. Die Unternehmung schildert er, als wäre er Leiter einer Expedition, ein zweiter Humboldt. Und in gewisser Weise war er das wohl auch: Nie zuvor hatte es einen Weißen in das Hochland verschlagen. Die Durchquerung des Kaiser-Wilhelms-Lands von Ost nach West wäre zweifellos eine Pioniertat bei der Erforschung Neuguineas gewesen - wenn er sie wirklich gemacht hat, wofür es allerdings keine Beweise gibt.

"Lettow-Vorbeck der deutschen Südsee"

Im November 1918 erfuhr Detzner, dass der Krieg zu Ende war. Von der lutherischen Neuendettelsauer Missionsstation bei Finschhafen begab er sich in voller Uniform zum australischen Kommandanten und kapitulierte in aller Form. Man behandelte ihn korrekt und nahm ihn in Gewahrsam. Als er nach Ende seiner Internierung über Liverpool nach Deutschland zurückkehrte, war er schnell ein bewunderter Mann. Man feierte ihn als den "Lettow-Vorbeck der deutschen Südsee", weil er nicht kapituliert hatte, "in Treue fest zum Kaiser stand" und dem Feinde allein bis zum Kriegsende getrotzt hatte. "Helden" wie Detzner hörte man in Deutschland nach dem verlorenen Krieg gerne zu. Durch sein Buch wurde er eine bekannte Persönlichkeit, sogar in England.

Die renommierte "Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin", gegründet von Alexander von Humboldt und den Afrikaforschern Nachtigal und Barth, ehrte Detzner für seine Leistungen bei der Erkundung Neuguineas mit der "Nachtigal-Medaille".

Zweifel und Gerüchte

Doch zu den geographischen Angaben, die Detzner in seinem Buch "Vier Jahre unter Kannibalen" gemacht hatte, kamen allmählich Zweifel auf. Seine schärfsten Kritiker waren die Missionare der Neuendettelsauer Missionsgesellschaft, Christian Keyser und Otto Thiele. Detzner habe viele ihrer landeskundlichen Forschungsarbeiten einfach übernommen. Gerüchte besagten, Detzner habe sich die meiste Zeit während des Krieges auf dem Gebiet der Missionsstation versteckt gehalten. Schließlich wurde der Druck auf ihn so groß, dass Detzner zugab, Wahrheit und Fiktion vermischt zu haben. Der Held fiel daraufhin beim Publikum sehr schnell in Ungnade. Plötzlich war er der "Münchhausen der deutschen Südsee".

Detzner zog sich resigniert aus der Öffentlichkeit zurück. Seine Übertreibungen und Prahlereien in "Vier Jahre unter Kannibalen" hatten zur Folge, dass dieses interessante Dokument deutscher Kolonialgeschichte in Neuguinea in Vergessenheit geriet. Hermann Detzner brachte es noch zum Dr. h.c. und zum Geschäftsführer eines Verlages in Heidelberg. 1970 starb er 88-jährig.

Artikel bewerten
3.6 (838 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH