Deutsche Kolonialgeschichte Global Player der Kaiserzeit

Wie man große Gebiete in Übersee unter Kontrolle bringt, staatsähnlich verwaltet und wirtschaftlich ausbeutet, hatten die Briten und Holländer vorgemacht. Die deutsche "Neuguinea Kompagnie" nahm sich die britische "East India Company" zum Vorbild - und scheiterte.


Am Anfang herrsche Skepsis. Zumindest staatlicherseits war Deutschland ein kolonialer Spätzünder. Zwar hatte bereits 1683 der brandenburgische Kurfürst Friedrich Wilhelm die Festung Groß Friedrichsburg im heutigen Ghana errichten lassen, um von dort aus mit Gummi, Gold und Sklaven zu handeln. Doch das sollte für lange Zeit das einzige deutsche Kolonialabenteuer bleiben. Bereits 1717 verkaufte der preußische König die Festung für 7200 Dukaten und 12 schwarze Sklaven.

Erst in der 1860ern gab es wieder wirtschaftliche Interessen von Deutschen in den Tropen. Einer der Vorreiter war der Hamburger Überseekaufmann, Reeder und Werftbesitzer Johan Cesar VI. Godeffroy. Er begann in dieser Zeit an der Küste Neuguineas mit Kopra zu handeln, dem getrockneten Fruchtfleisch von Kokosnüssen, aus dem auch Kokosöl gewonnen wird. Auf der benachbarten östlich liegenden Inselgruppe der Salomonen eröffnete Godeffroy eine Faktorei und überzog die Südsee mit einem Netz von 45 Niederlassungen und Handelsposten.

Besonders aktiv war Godeffroy in Samoa, wo er ab 1865 umfangreiche Ländereien erwarb. Es wurden dort große Plantagen für Kokospalmen, Kaffee, Zuckerrohr und Baumwolle angelegt. Zwangsarbeit war an der Tagesordnung. Zumeist wurden die Ureinwohner verschleppt und auf die Felder getrieben. Den Handel zwischen den überseeischen Niederlassungen und Europa besorgte eine firmeneigene Flotte von 100 Schiffen.

Cesar Godeffroy war so etwas wie ein früher "global player". Man nannte ihn bewundernd den "König der Südsee", in seiner Heimatstadt an der Elbe stieg der ehrgeizige Magnat zu einer der einflussreichsten Größen auf. Die Deutsche Handels- und Plantagengesellschaft (DHPG) setzte ab 1880 die Südsee-Aktivitäten Godeffroys fort, nachdem seine Hamburger Handelsgesellschaft 1879 kein Geld mehr hatte.

Deutsche Investoren wollen ins Geschäft

Der deutsche Kaiser Wilhelm II. hatte sich bitter darüber beklagt, dass die anderen Mächte Deutschland keine Kolonien "gönnen" und es "zu kurz kommen" lassen. Maßgebliche Kreise wollten jetzt unbedingt ins Geschäft kommen, auch ohne offizielle Kolonien.

Einer war von Anfang an dabei: Der Bankier Adolph von Hansemann, einer der reichsten Männer des Kaiserreiches. Hansemann wollte im großen Stil in der Südsee investieren. Zu diesem Zweck hatte er 1884 die Neuguinea-Kompagnie gründet, die ein Konsortium einflussreicher Großunternehmer und Bankiers war.

Ziel war es, in der Südsee ein Staatsgebilde mit eigenen Hoheitsrechten unter dem Schutz des Deutschen Reiches zu errichten - ebenso, wie es die East India Company im 17. und 18. Jahrhundert vorgemacht hatte. Vorgesehen war zunächst der Erwerb von Land in Neuguinea sowie auf den Salomonen und im Bismarckarchipel. Die Kolonialisten wollten großflächig Plantagen anlegen und Siedler ins Land holen.

Otto Finschs Landnahme

Der Ethnograph und Ornithologe Otto Finsch wurde beauftragt, Neuguinea zu erforschen, die Lage zu sondieren und die Interessen der Kompagnie wahrzunehmen. Der nach ihm benannte Ort Finschhafen wurde später der erste Verwaltungssitz der Kompagnie. Der Ortsname blieb auch in der heutigen Republik Papua Neuguinea erhalten.

Finsch bereiste 1884 und 1885 auf dem Dampfer "Samoa" die Küsten Neuguineas. Seine Methode, um zu umfangreichem Landbesitz zu kommen, war sehr einfach: Finsch "kaufte" Land, indem er in Küstennähe die deutsche Handelsflagge hisste und europäische Waren an die Bevölkerung verteilte.

Die Kompagnie sah letztlich alle vorgefundenen Gebiete als "herrenloses Land" an, es sei denn, andere Kolonialmächte erhoben darauf bereits Ansprüche. Nebenbei benannte er noch gleich zwei Papageienarten nach sich selber: den Finsch-Sittich und den Finsch-Spechtpapagei.

Der Schutzbrief des Kaisers

Am 17. Mai 1885 erhielt die Neuguinea Kompagnie einen kaiserlichen Schutzbrief, der sie zur wirtschaftlichen Ausbeutung des Landes bevollmächtigte und ihr alle Hoheitsrechte übertrug, wie auch das Recht, Verträge mit den Eingeborenen abzuschließen. Der Schutzbrief garantierte der Neuguinea Kompagnie, dass das Deutsche Reich ihre Interessen schützt - im Bedarfsfall auch mit Kriegsschiffen und Marinesoldaten.

Später wurden bei Unbotmäßigkeit und Widerstand der autochthonen Bevölkerung dann schon mal entsprechende Strafexpeditionen durchgeführt, die man zur Abschreckung für nötig hielt. Die Kompagnie hatte sich im Gegenzug dazu verpflichten müssen, auf eigene Kosten eine Art staatliche Verwaltung aufzubauen.

Nach der Abgrenzung der jeweiligen Interessensphären durch das Deutsche Reich und Großbritannien am 6. April 1886 wurde der Schutzbrief auch auf die westlichen Salomoninseln ausgedehnt. Das Territorium, über das die Gesellschaft nun herrschte, umfasste ein Gebiet von rund 240.000 Quadratkilometern.

Die Kompagnie scheitert

Das Direktorengremium der Gesellschaft musste jedoch schon 1886 einräumen, dass der erhoffte Schutz durch das Reich völlig unzureichend war. Auch die Marine kam nicht immer zur Hilfe, wenn man sie brauchte.

Nicht nur die Sicherheit lag im Argen. Es stellte sich heraus, dass die Neuguinea Kompagnie auch administrativ überfordert war. Erst im November 1889 wurde eine gerade einmal sechs Bewaffnete zählende Polizeitruppe eingesetzt. Aus diesem Grund übernahm das Reich weite Teile der Landesverwaltung. Die Verwaltungskosten hierfür hatte weiterhin die Kompagnie zu tragen.

Letztendlich gelang es der Neuguinea Kompagnie jedoch nicht, schwarze Zahlen zu schreiben und die Investoren waren nach einem weiteren Jahrzehnt nicht mehr bereit, Verluste hinzunehmen. Deshalb gab die Neuguinea Kompagnie 1899 alle Hoheitsrechte an das Deutsche Reich ab und wurde dafür mit vier Millionen Mark und 150.000 Hektar Landbesitz abgegolten. Im Ersten Weltkrieg war die deutsche Kolonialherrschaft zu Ende. 1914 besetzten australische Truppen ohne nennenswerte Gegenwehr die Kolonie.



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