Deutsche Kolonialgeschichte Das unverdorbene Eiland

Deutsche Kolonialgeschichte: Das unverdorbene Eiland Fotos

Selbstbestimmung, Umweltpflege, zweisprachige Schulen - eine ungewöhnlich sanfte Brise bestimmte die letzten Tage deutscher Herrschaft auf Samoa. Gouverneur Wilhelm Solf schuf in der Südsee ein kleines Paradies. Von

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Baumann, Schultz, Retzlaff, Keil - in Samoas Hauptstadt Apia stößt man noch heute auf viele deutsche Namen. Fast alle stammen aus Verbindungen von deutschen Männern mit samoanischen Frauen. Manche ihrer Nachkommen besitzen nach wie vor die deutsche Staatsbürgerschaft oder hätten jedenfalls Anspruch darauf.

Unter erheblichem deutschem Einfluss stand die Insel bereits seit 1865. Der Hamburger Überseekaufmann und Reeder Johan Cesar VI. Godeffroy hatte dort große Ländereien erworben, um Plantagen für Kokospalmen, Kaffee, Zuckerrohr und Baumwolle anzulegen.

Seine Methoden waren alles andere als zimperlich: Zwangsarbeit war an der Tagesordnung. Oft wurden Ureinwohner verschleppt und auf die Felder getrieben. Nachdem die Hamburger Handelsgesellschaft 1879 Bankrott gegangen war, setzte die Deutsche Handels- und Plantagengesellschaft (DHPG) ab 1880 die Südsee-Aktivitäten Godeffroys fort. Die DHPG wurde in Samoa sehr mächtig. Man nannte sie einfach die "Firma". In ihrer Blütezeit kontrollierte sie fast die Hälfte der landwirtschaftlichen Anbaufläche.

Gerangel um die polynesischen Inseln

Die USA wollten auf Samoa unbedingt eine Flottenbasis und einen Handelsstützpunkt einrichten. Sie erhielten schließlich 1878 den Hafen Pago Pago auf Tutuila in Ost-Samoa. Ein Jahr später konnte Deutschland mit einem Hafen bei Apia auf Upolu in Westsamoa gleichziehen. Die Briten meldeten ebenfalls Ansprüche an, und so entwickelte sich zwischen den drei Mächten ein heftiges Gerangel um die Vorherrschaft, das so schnell nicht enden sollte.

Um die Verwirrung komplett zu machen, kämpften auch noch verschiedene Häuptlinge um die Macht und gingen verschiedene Allianzen mit den Weißen ein. Es gab bürgerkriegsähnliche, blutige Unruhen. Die Rivalitäten zwischen den drei Mächten verschärften sich dramatisch. Zum ersten Mal standen sich amerikanische und deutsche Kriegsschiffe gegenüber, doch Bismarck wollte wegen einer Inselgruppe im Pazifik keinen militärischen Konflikt mit den Vereinigten Staaten riskieren. Auf der Berliner Samoa-Konferenz 1889 entschärfte der Kanzler die Krise. In einem britisch-amerikanisch-deutschen Vertrag wurden sämtliche Handels- und Schutzrechte geregelt.

Richtig gefährlich sollte es 1899 noch einmal werden. Angesichts verschiedener Unruhen sahen sich britische und amerikanische Kriegsschiffe veranlasst, den deutsch beherrschten Hafen Apia zu beschießen. Letztendlich einigte man sich jedoch, und der Archipel wurde zwischen den USA und Deutschland aufgeteilt. Das Deutsche Reich erhielt die Inseln westlich des 171. Längengrades, die östlich gelegenen Inseln fielen unter die Souveränität der USA und heißen bis heute Amerikanisch-Samoa. Großbritannien wurde mit den Salomonen und Tonga entschädigt.

Insulaner als Beamte

So begann im Februar 1900 offiziell die deutsche Kolonialherrschaft auf Samoa. Der Gouverneur Wilhelm Solf versammelte die Häuptlinge um sich und erklärte: "Es ist nicht die Absicht der Deutschen Regierung, Euch zu zwingen, unsere Sitten und Gewohnheiten anzunehmen. Die Regierung nimmt Rücksicht auf Eure alten Traditionen und achtet sie, soweit sie nicht gegen die Gebote des Christentums verstoßen und gegen die Wohlfahrt und Sicherheit des Einzelnen."

Das waren liberalere Töne als sonst und damals sehr ungewöhnlich. Die Distrikthäuptlinge wurden offiziell zu deutschen Beamten ernannt. Dann wurde Mataafa, der die große Mehrheit der Bevölkerung hinter sich hatte, zum Ali'i Sili, dem Oberhäuptling, ernannt. Ihm wurde eine Honoratiorenversammlung, genannt Faipule, zur Seite gestellt, die sich aus den Häuptlingen und den angesehensten lokalen Adelsfamilien zusammensetzte. Mataafa bekam von nun an als "Beamter" 3000 Mark Gehalt jährlich. Der deutsche Kaiser soll ihm als Zeichen seiner Würde einen Fliegenwedel verliehen haben.

Es tat sich einiges auf den Inseln: Bis 1914 entstanden 320 Schulen, in denen zweisprachig, Deutsch und Samoanisch, unterrichtet wurde. Bemerkenswert ist, dass sich Solf grundsätzlich gegen die Aufstellung einer Schutztruppe, so hießen militärische Verbände in den Kolonien, aussprach. Er wollte mögliche Konflikte friedlich lösen, was ihm auch gelang - etwa als der Häuptling Lauati einen Aufstand initiierte.

Umweltbewusst und autonom

Den Ureinwohnern wurde in der "samoanischen Selbstverwaltung" eine Autonomie zugestanden, die damals nicht selbstverständlich war. Solf legte natürlich die Richtlinien der Inselpolitik fest. Er hatte eine gute Reputation in Berlin, wenn auch manche der Ansicht waren, dass es der Gouverneur "mit seinen Südseeinsularen übertreibe".

Das Berliner "Deutsche Kolonialblatt" urteilte: "Die als Versuch eingeführte Verwaltung der Eingeborenen durch ihre eigenen Häuptlinge unter Oberaufsicht des Gouverneurs hat sich bislang bewährt. An der Spitze des Verwaltungsapparats steht jetzt der Hohe Häuptling Mataasa, dem ein Rat beigegeben ist."

Ungewöhnlich war auch die Anordnung des Gouverneurs, dass jede Familie jährlich 50 Kokospalmen auf ihren brachliegenden Ländereien anpflanzen sollte - ein frühes Beispiel von Umweltbewusstsein. In Amerikanisch-Samoa dagegen wurde abgeholzt. Im Gegensatz zu anderen Kolonien wurde die einheimische Bevölkerung von der Arbeitsverpflichtung bei den Deutschen befreit. Stattdessen durften sich auf den Plantagen importierte chinesische Kulis schinden, die man offenbar für geeigneter hielt. Und Gouverneur Solf machte Karriere: Er wurde 1911 Staatssekretär des Reichskolonialamtes und behielt diesen Posten für sieben Jahre.

Die edlen Wilden und ihre samoanische Sitte

Fast scheint es, als seien die Polynesier für die Deutschen so etwas wie die klassischen "edlen Wilden" gewesen, die man eben respektierte. Oder spielte eine Rolle, dass Europäer die Südsee immer auch als "unverdorbenes Paradies" sehen wollten? Wenn Deutsche offiziell mit Insulanern zusammenkamen, beispielsweise zum traditionellen kava, dem Nationalgetränk aus der Wurzel der Pfefferpflanze, waren sie geradezu um korrekte einheimische Verhaltensweisen bemüht. Die fa´a samoa, die samoanische Sitte, muss die Kolonialherren jedenfalls beeindruckt haben.

Die Kolonialherrschaft selbst durfte natürlich nicht in Frage gestellt werden. Dafür hätte man nicht das geringste Verständnis gehabt. Im Ganzen lässt sich wohl das Resümee ziehen, dass die deutsche Herrschaft die samoanische Gesellschaft vor dem zu schnellen Vorlust ihrer Traditionen bewahrt hat. Das westliche Samoa unterscheidet sich bis heute deutlich positiv von den meisten anderen Inselstaaten der Südsee.

Gleich zu Beginn des ersten Weltkriegs wurde Deutsch-Samoa von neuseeländischen Truppen besetzt. Die neuen Machthaber wiesen alle deutschen Siedler und Pflanzer aus. Bleiben konnten nur diejenigen, die mit einheimischen Frauen verheiratet waren. 1918 starb rund ein Drittel der west-samoanischen Bevölkerung an der Spanischen Grippe. Die Krankheit war ins Land eingeschleppt worden, als der neuseeländische Militärbefehlshaber ein Quarantäneschiff in Apia anlegen ließ. Als Völkerbundmandat kam 1920 West-Samoa an Neuseeland. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es neuseeländisches Treuhandgebiet, bis es 1962 als erster Staat Polynesiens die Unabhängigkeit erlangte.

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