Deutsche Kolonialgeschichte Des Kaisers neue Wappen

Deutsche Kolonialgeschichte: Des Kaisers neue Wappen Fotos

Der Kaiser war begeistert: Ein Staatsbeamter erfand im Frühjahr 1914 Wappen für die deutschen Kolonien. Doch die Weltgeschichte machte seine Bemühungen zunichte. Von

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Völlig unbemerkt von der Öffentlichkeit wurden im Frühjahr 1914 im deutschen Kaiserreich Pläne entworfen, den deutschen Kolonien eigene Symbole in Form von Wappen und Flaggen zu geben. Die Idee dazu stammte von Wilhelm Solf. Solf war wegen eines Hanges zur Korpulenz und eines Fußleidens als wehruntauglich eingestuft - an sich keine gute Voraussetzung für eine Karriere in der kaiserlichen Verwaltung. Doch seine außerordentlichen Sprachkenntnisse hatten dem Indienexperten zu einer Anstellung im Staatsdienst verholfen: Im Dezember des Dreikaiserjahres 1888 begann er seine Laufbahn als Sekretär der Deutschen Botschaft im indischen Kalkutta. Nach Einsätzen in den sogenannten Schutzgebieten Deutsch-Ostafrika und Samoa, wo er zuletzt als Gouverneur tätig war, erfolgte 1911 die Berufung zum Kolonialstaatssekretär in das Reichskolonialamt nach Berlin.

In dieser Funktion bereiste Solf zwischen 1912 und 1913 mehrere Teile Afrikas. Nach dem Besuch einer Britischen Kolonie notierte er sich: "Jede der britischen Kolonien, selbst die heute unter dem britischen Mandat stehenden Staaten, haben ihr eigenes Wappen, ihre eigene Flagge, die den Durchreisenden schon in den britischen Kolonialhäfen an den Flaggenmasten der überseeisch stationierten Schiffe ins Auge fällt. Es ist etwas sehr eigenes um diese Flaggen Britanniens, denen eine überaus starke Werbekraft innewohnt. Sie sind das Symbol britischer Macht, sie verkünden es allen Seefahrern, dass hier England Träger der Staatsgewalt ist. Sie erfüllen den Einzelnen aus Britanniens Volk mit Stolz."

Kaiserkrone und Reichsadler

In Solf keimte die Idee eigener Symbole für die deutschen Kolonien, welche er letztlich dem Kaiser vortrug. Kaiser Wilhelm II. war von dem Vorhaben sofort begeistert und forderte Solf auf, Entwürfe für Wappen vorzubereiten. In enger Zusammenarbeit mit dem Kolonialpolitiker Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg und dem Heroldsamt wurden mehrere Entwürfe angefertigt, die der Kaiser dann im Mai 1914 begutachtete.

Die Entwürfe stellten im Einzelnen dar: für Kamerun einen silbernen Elefantenkopf auf rotem Grund; für Togo eine stilisierte grüne Ölpalme mit je einer heraldischen Schlange zu beiden Seiten; für Südwestafrika einen in Silber ausgeführten Ochsenkopf auf blauem Grund mit einem Diamanten darüber; für Samoa drei in Silber gehaltene Hügel mit stilisierten Kokospalmen auf rotem Grund mit heraldisch gehaltenen Wellen in Blau und Silber; für Ostafrika einen silbernen Löwenkopf auf rotem Grund; für Neu-Guinea einen heraldischen Paradiesvogel auf grünem Grund. Alle Wappen sollten den Reichsadler und die Kaiserkrone tragen. Die für die verschiedenen Schutzgebiete vorgesehenen Flaggen waren die schwarz-weiß-rote Reichsflagge mit den Emblemen des Wappenschildes der vorliegenden Entwürfe - ohne Kaiserkrone und Reichsadler. Doch die Wappen erreichten die deutschen Kolonien nie und wurden auch niemals im Kaiserreich benutzt.

Vergessene Symbole

Der Erste Weltkrieg überrollte auch alle überseeischen Besitzungen, und der Versailler Vertrag sprach die von den Deutschen beanspruchten Ländereien den Alliierten zu. Die Wappenentwürfe gerieten in Vergessenheit. Der Neokolonialismus der zwanziger Jahre spülte die Wappenentwürfe in leicht modifizierter Form dann doch kurz in die Öffentlichkeit: Sie wurden für Postkarten des Kolonial-Kriegerbundes oder als Dekoration für Kalender benutzt.

Wie sehr die in den Entwürfen benutzten Symbole das Selbstverständnis der einzelnen Länder widerspiegelten, zeigt das Beispiel Neu-Guinea. Der Paradiesvogel ziert heute die Flagge Papua-Neuguineas, obwohl es hier keinerlei Zusammenhang mit dem Wappenentwurf gibt. Die aktuelle Flagge wurde 1971 im Rahmen eines Preisausschreibens von einem jungen Mädchen gestaltet.

Der Autor ist Gründungsvater der Deutschen Gesellschaft für Flaggenkunde. Die Geschichte der Symbolik in den Deutschen Kolonien hat er in den Büchern "Flaggen in den deutschen Schutzgebieten" und "Flaggen im deutschen Kaiserreich" dokumentiert.

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