Deutsche Schicksale Der Stürmer und der Dränger

Deutsche Schicksale: Der Stürmer und der Dränger Fotos
Manuel Trollmann

Beide waren ehrgeizige Sportler, beide waren umjubelte Stars. Und beide landeten im selben KZ: der eine als Aufseher, der andere als Gefangener. Die parallelen Leben von Fußballer Tull Harder und Boxer Johann Trollmann - eine deutsche Schicksalsgeschichte. Von Martin Sonnleitner

  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar
  • Zur Startseite
    3.0 (488 Bewertungen)

Der eine war in den zwanziger Jahren sagenumwobener Stürmer der legendären Fußballmeisterelf des Hamburger SV, der andere ein geheimnisumwitterter Ausnahmeboxer jener Jahre: Otto Harder, genannt "Tull", ist der Kicker, Johann "Rukeli" Trollmann der Mann im Ring. Es sind parallele Leben, die die beiden Spitzensportler in den Jahren der Weimarer Republik führen. Fast parallel, denn ihre Lebenswege schneiden sich schließlich doch an einem Punkt - in einem Konzentrationslager der Nazis.

Harder ist ein echter Pfundskerl. Der blonde Hüne rauft gerne, säuft gerne, raucht Kette - aber er hat auch ein Faible für preußische Zucht und Ordnung und militärische Disziplin. Vielleicht macht diese Mischung aus physischer Präsenz, Aggressivität und Ordnungssinn den gebürtigen Braunschweiger zu einem Ausnahmefußballer seiner Epoche. Harder reüssiert zunächst bei seinem Heimatverein Eintracht Braunschweig. Seinen Spitznamen "Tull" verdankt Harder der Ähnlichkeit seiner Spielweise mit Walter Daniel Tull, dem ersten schwarzen Feldspieler des britischen Fußballs (und erstem schwarzen Offizier der britischen Armee), der mit den Tottenham Hotspurs 1910 in Braunschweig gastiert hatte.

Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er als Unteroffizier gedient hat, verschlägt es Harder zum 1919 gegründeten Hamburger SV. Mit den Rothosen gewinnt der 1,90 Meter große Nationalspieler in den Zwanzigern drei deutsche Meistertitel. Sein Stil als Stürmer ist entschieden martialisch. Tull Harder fackelt auf dem Platz nicht lange; er geht dorthin, wo es weh tut, setzt sich durch und trifft. Seine Triumphe feiert er bis zur Besinnungslosigkeit - um am nächsten Morgen mit eiserner Disziplin seinen zunehmenden Magenproblemen Herr zu werden.

Federleichte Auftritte

Ganz anders Johann Trollmann, den seine Freunde "Rukeli" nennen. Der begnadete Boxer ist in den ärmeren Vierteln von Hannover aufgewachsen. Er ist eher klein, aber von flamboyantem Äußeren, mit vollen, dunklen Locken und einen mildbraunen Teint - ein romantisch dreinblickender Frauentyp. Entsprechend ist auch sein Kampfstil. Trollmann ist alles andere als ein Schläger; mit akrobatischer Technik tanzt er seine Gegner aus, wie man es sehr viel später einmal von Muhammad Ali sehen sollte.

Mit seinen federleicht wirkenden Auftritten im Ring ist Trollmann seiner Zeit voraus - und 1932 mit 19 Kämpfen der am stärksten beschäftigte Boxprofi in Deutschland. Doch sein Stil steht im Gegensatz zur dominierenden Boxideologie, die das männlich-martialische des Sports beschwört. "In einer formvollendeten Zirkusattraktion wurden die stilgerechten Boxer verrückt gemacht", schreibt das Fachblatt "Box-Sport" über einen Kampf Trollmanns. Im "Völkischen Beobachter", dem Zentralorgan der NSDAP, wettert Sportredakteur Ludwig Haymann 1932, Trollmann boxe "nicht deutsch".

Im zunehmend rassistischen Klima dieser Zeit gerät Trollmann noch aus einem anderen Grund ins Kreuzfeuer der völkischen Ideologen: Rukeli Trollmann ist Sinto oder, im Jargon der Nazis, ein "Zigeuner". Ohne "Mätzchen und Kleinigkeiten" sei der "'Gipsy' Trollmann nicht zu denken", mäkelt "Box-Sport". Dass ein Sportler aus einer verachteten Minderheit - 1933 leben gerade 15.000 Sinti und Roma in Deutschland - ausgerechnet im Kampfsport Boxen die "arischen" Athleten vorführt und damit zugleich die angeblichen Überlegenheit der nordischen Rasse widerlegt, wurmt die völkischen Ideologen ungemein.

Ein "Zigeuner" in Wehrmachtsuniform

Tull Harder hat derweil andere Probleme als eine gehässige Presse, die seine Herkunft gegen ihn in Anschlag bringt. Er tritt am 1. September 1932 in die NSDAP ein, wenig später auch in die SS. Harder ist kein besonders politischer Mensch, doch Hitlers Ruf nach Revanche für die Niederlage im Ersten Weltkrieg, seine Hetzparolen gegen Juden, Kommunisten und "Asoziale" decken sich mit seinen Ansichten. Und unter den neuen Herren findet Harder, der die Fußballschuhe 1932 an den Nagel gehängt hat, eine verantwortungsvolle Tätigkeit.

Dann kommt der Krieg. Sinti und Roma werden, anders als die deutschen Juden, in den ersten Kriegsjahren noch zur Wehrmacht eingezogen - auch Rukeli Trollmann muss Hitler als Soldat dienen, zuletzt an der Ostfront, wo er verwundet wird. Dann nimmt die rassistische Tötungsmaschinerie der Nazis auch Sinti und Roma im Visier. 1942 werden die "Zigeuner" aus der Wehrmacht ausgeschlossen. Am 16. Dezember 1942 setzt Himmler den "Auschwitz-Erlass" in Kraft, der Sinti und Roma mit den Juden gleichsetzt. Zu Zigtausenden werden sie nun in die Konzentrationslager getrieben; auch Mischlinge werden einfach deportiert.

Johann "Rukeli" Trollmann wird im Juni 1942 verhaftet. Ende Oktober wird er in das KZ Neuengamme bei Hamburg gebracht. Hier, an diesem Ort des Grauens, kreuzen sich nun die Lebenswege der beiden ehemaligen Sportstars, des leichtfüßigen Boxers und des hartleibigen Fußballers - zwei sehr deutsche Schicksale, jedes auf seine Art. Als der Häftling Trollmann eingeliefert wird, ist der SS-Untersturmführer Tull Harder seit genau drei Jahren in der Lagerverwaltung des KZ tätig. Ob sich Tull und Rukeli in Neuengamme tatsächlich von Angesicht zu Angesicht begegnet sind, wie es Buchautor Roger Repplinger in seiner kürzlich erschienenen Doppelbiographie der beiden nahelegt, bleibt offen.

Späte Genugtuung

1944 wird der Boxstar ermordet - nicht schon 1943, wie es auf dem Straßenschild zu lesen ist, das heute in Hannover an Trollmann erinnert, und auch nicht im KZ Neuengamme. Nach den Recherchen von Buchautor Repplinger wurde Rukeli Trollmann im KZ-Außenlager im mecklenburgischen Wittenberge erschlagen.

Tull Harder wird noch als Kommandant in das KZ Ahlem bei Hannover versetzt. Nach Kriegsende landet er im Zuchthaus; ein britisches Militärgericht verurteilt ihn 1947 als Kriegsverbrecher zu 15 Jahren Gefängnis. Bereits 1951 wird er vorzeitig aus der Haft entlassen und stirbt am 4. März 1956 im Alter von 63 Jahren. Auch wenn der HSV sich zum Beispiel im vereinseigenen Museum immer wieder kritisch und durchaus vorbildlich mit der braunen Vergangenheit Harders auseinandergesetzt hat, gilt er in seinem Verein bis heute als einer der größten Fußballer, die der HSV je hervorgebracht hat."

Johann Trollmann erfährt erst knapp 60 Jahre nach seiner Ermordung Gerechtigkeit: Ende 2003 wurde seinen Nachfahren der Gürtel eines Deutschen Meisters im Halbschwergewicht, den er am 9. Juni 1933 - schon unter der Nazi-Herrschaft - errungen hatte und welchen ihm die neuen Herrscher kurze Zeit später aberkannt hatten, symbolisch zurückgegeben. Vom Bund Deutscher Berufsboxer wurde er in die "Riege der Deutschen Meister" aufgenommen.

Zum Weiterlesen:

Roger Repplinger: "Leg dich, Zigeuner. Die Geschichte von Johann Trollmann und Tull Harder". Piper Verlag, München 2008, 386 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.


Weitere interessante Themen finden Sie auf der Homepage von einestages! mehr...

Und hier finden Sie sofort mehr Artikel und Fotos über

...die zwanziger Jahre ...die dreißiger Jahre

...die vierziger Jahre ...die fünfziger Jahre ...die sechziger Jahre ...die siebziger Jahre ...die achtziger Jahre ...die neunziger Jahre

Oder fliegen Sie durch die Bilderwelt des 20. Jahrhunderts mit der einestages-Zeitmaschine!


Artikel bewerten
3.0 (488 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Johann Gottschalk 18.06.2008
Ich bitte darum, in dem Artikel das Wort "Mischlinge" durch "so genannte Mischlinge" zu ersetzen oder wenigstens in Anführungszeichen zu setzen. Solch rassistisches Jargon darf nicht einfach so kommentarlos verwende werden!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen