Deutsche Showlegende "Zander, das war sooo geil"

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Er kam als Kurt und schockierte als Nick-Nack-Man: Während andere mit Schlagern Erfolge feierten, mischte Frank Zander die Musikszene jahrzehntelang mit schrägen Nummern wie "Oh Susi" auf. Zu seinem 70. Geburtstag spricht er über verflixte Shows, verbotene Songs - und warum er gerade an einem Grabstein bastelt. Von

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einestages: Herr Zander, lassen Sie uns über Ihre letzten 45 Jahre auf der Bühne reden.

Zander: Wie gemein.

einestages: Warum gemein?

Zander: Weil ich hoffe, dass es nicht die letzten waren.

einestages: Gut, fangen wir noch mal an. Herr Zander, lassen Sie uns über die vergangenen 45 Jahre auf der Bühne reden. Was war Ihr absoluter Höhepunkt?

Zander: Einer war auf jeden Fall die "Plattenküche", eine Musik- und Comedy-Sendung im WDR, die ich zusammen mit Helga Feddersen moderiert habe. Wir hatten bis zu 25 Millionen Zuschauer.

einestages: Und wenn wir Ihnen jetzt die Pistole auf die Brust setzen und Sie nach dem Moment fragen, in dem Sie wussten: Jetzt bin ich ganz oben?

Zander: Das war ich eigentlich nie. Ich hab mich immer selbst gewarnt: Junge, pass uff. Da bekommt man eine Goldene Schallplatte und im nächsten Moment stürzt man ab. Und wenn wir ehrlich sind: Im Vergleich zu den ganz großen Stars bin ich ein relativ kleines Licht.

einestages: Sie kokettieren. Sie hatten 25 Millionen Zuschauer!

Zander: Ja, aber wir sprechen von den Siebzigern, solche Zahlen galten bei den Sendungsmachern der Öffentlich-rechtlichen als Selbstverständlichkeit. Und glauben Sie, da hat man sich über Quoten Gedanken gemacht? Wenn ich mal nachfragte, hieß es manchmal: Diesmal haben nur 16 Millionen zugeschaut. "Nur" 16 Millionen!

einestages: Und es gab nicht das Highlight?

Zander: Ich erinnere mich an einen sehr besonderen Moment. Ich war Mitte der Siebziger in der Mel Sondock Show eingeladen, einem DJ des WDR, die Veranstaltung fand in der Bochumer Ruhlandhalle statt. Da waren 14.000 Kids. Ich stand hinter der Bühne, da kündigte mich Sondock an: "Und hier, aus Berlin, der Ur-Urenkel von Frankenstein", ich glaube, das habe ich noch auf Kassette. Die Kinder jubelten, das war ein Getöse, dass ich dachte, nee, du bist nicht gemeint. Das war schon son Hochjefühl, das ging durch Mark und Beine.

einestages: Der "Ur-Urenkel von Frankenstein" war einer Ihrer ersten Hits und einer mit ziemlich schwarzem Humor. Eigentlich viel zu anarchisch für die betuliche deutsche Schlagerseele.

Zander: Meinen ersten Auftritt in der NDR-"Schaubude" hatte ich zu einer Zeit, als Tony Marshall "Schöne Maid" sang, da war die Welt so was von in Ordnung. Und was mache ich? Komme mit dem "Nick-Nack-Man". Ein Lied über das Böse im Menschen, ein ziemlich hartes Stück. Ich sah echt gruselig aus, und dann mein böses Lachen dazu - die Zuschauer fanden das überhaupt nicht witzig. Die haben beim Sender angerufen und sich fürchterlich beschwert.

einestages: Ging Ihnen das nahe?

Zander: Natürlich. Ich bin dann in der Stadt was trinken gegangen, dort traf ich ein paar Kollegen, unter anderem Udo Lindenberg, und die munterten mich dann wieder auf. "Zander, das war soo geil, mach so weiter".

einestages: Mussten Sie in Ihrer Karriere viele solche Rückschläge hinnehmen?

Zander: Es gab diese eine Sendung, die ich nicht machen wollte. Ich weiß gar nicht mehr, wie sie hieß, es war eine Ansage für eine volkstümliche Hitparade. Ich habe mich wahrscheinlich noch nie so unwohl gefühlt in einem Studio.

einestages: Vielleicht, weil es Volksmusik war?

Zander: Das alles lag mir überhaupt nicht, mir schwammen die Felle weg. Ich musste Ansagen machen, die mich null interessierten, und Komponisten ankündigen, die ich nicht kannte. Ich war wie gelähmt und die Aufzeichnung ein absolutes Desaster.

einestages: Warum haben Sie...

Zander: ...das gemacht? Ich hatte das Angebot nun mal angenommen. Die "Bild"-Zeitung schrieb danach, dass ich immer besoffen sei, ganz böse. Volksmusikgruppen kamen zu mir und fragten, was an dem Tag mit mir los war. Dieses Erlebnis kam immer wieder hoch, wie Sodbrennen, ein halbes Jahr zweifelte ich wirklich an mir.

einestages: Seit 15 Jahren kann man von Ihnen persönlich eingesungene Geburtstags-CDs für jeden erdenklichen Vornamen bestellen. Wir fragen uns: Haben Sie nicht langsam alle Namen eingesungen?

Zander: 8000 Namen waren es bis jetzt. Aber es gibt immer noch neue. Am Anfang waren es Peter, Wilfried, Frank oder Bärbel, dann kamen türkische Namen dazu, mittlerweile sind schwedische in. Wir versprechen, dass jeder Name möglich ist. Also muss ich da durch.

einestages: Hat sich schon mal jemand beschwert, dass Sie den Namen falsch ausgesprochen haben?

Zander: Klar kommt das vor, ich spreche eben kein Russisch oder Türkisch.

einestages: Sie werden heute 70. Wie stehen Sie zum Altern?

Zander: Ich stehe davor. 70 ist ja eigentlich nur ne Zahl. Aber die ist irgendwie doof.

einestages: Vielleicht ist die nächste Frage dann eher unpassend.

Zander: Welche?

einestages: Wofür Sie erinnert werden möchten.

Zander: Ich möchte ein Vorbild sein. Dieter Bohlen ist doch kein Vorbild. Einer, der immer nur in die eigene Tasche arbeitet. Ich bin kein Heiliger, ich bin ja nicht das ganze Jahr über der Wohltäter mit dem langen Mantel. Aber das Engagement für die Berliner Obdachlosen liegt mir unheimlich am Herzen.

einestages: Sie haben für Ihre jährliche Tafel unter anderem das Bundesverdienstkreuz bekommen, in Berlin gelten Sie als Wohltäter. Aber wenn wir ehrlich sind, vermissen wir den Musiker in Ihnen ein bisschen.

Zander: Ich will neue Songs schreiben, ich habe wieder Lust auf schwarzen Humor. Ein Titel ist gerade fertig geworden, es geht um einen Mann namens "Steilküsten-Stefan". Der wird beerdigt, am Grab stehen Drüsen-Doris, Blasen-Bärbel und Rollmops-Rudi.

einestages: Klingt ein bisschen wie ein Nachruf auf sich selbst. Sie begraben sich?

Zander: Nein, dieser "Steilküsten-Stefan" steht hinter einem Baum, er will nur wissen, wer zu seiner Beerdigung kommt. Ich bin der Mann mit dem Spaten. Der, der das Grab geschaufelt hat und die Trauergäste aufmuntert. Für das Video habe ich mir schon einen Spaten gekauft, einen langen Mantel und einen Schlapphut. Gerade bastele ich aus Styropor einen Grabstein, da steht "Steilküsten-Stefan" drauf. Aber der Song wird sicher keine Single.

einestages: Weil ihn keiner spielt?

Zander: Viele Radiostationen würden sich sicher weigern, der Song ist zu provokant.

einestages: Sie kennen sich aus mit indizierten Liedern. "Oh Susi" wurde 1977 von Bayern 3 nicht gespielt. Wie sehen Sie das im Rückblick?

Zander: Ach Gottchen. Wenn ich später Tic Tac Toe gehört habe, dagegen war "Susi" harmlos. Oder die Rapper von heute, dazu gibt es keine Steigerung mehr. Es geht immer nur um "Motherfucker".

einestages: In "Oh Susi" hatten Sie anrüchige Worte mit Geräuschen unkenntlich gemacht...

Zander: ...und die Assoziationen entstanden im Kopf der Hörer. Aber selbst das wurde damals als unanständig wahrgenommen. Ursprünglich war der Song auch nur eine B-Seite, aber dann wurde er im Nachtprogramm des WDR vorgestellt und die Leute riefen sofort an. Und der Hype ging los.

einestages: Auch bei Bayern 3 wurde die Single vorgestellt, von einem gewissen Thomas Gottschalk.

Zander: Und der fand "Oh Susi" wirklich witzig. Nach einer Woche kam ich dann aus Österreich wieder, hielt erneut in München, und da war der Titel schon Nummer eins. Vorgestellt in Gottschalks Sendung, gleich Nummer eins. Aber dann weigerte sich der Sender, den Song zu spielen, mit dieser wunderbaren Begründung: "Aus Gründen des guten Geschmacks können wir die Nummer 'Susi' von Frank Zander leider nicht bringen." Das Verbot brachte das Lied in den Charts richtig nach oben. Bei den Bayern muss ich mich immer wieder bedanken. Mit Thomas Gottschalk war ich übrigens noch essen und er sagte an diesem Abend: "Ich möchte später mal reich werden."

einestages: Was bedeutet Ihnen Reichtum?

Zander: Ach, ich brauche keine zehn Häuser oder einen Porsche, den hatte ich ja schon mal. So ne Kutsche mit acht schwarzen Pferden und dann damit durch Berlin - das wäre noch was.

Das Interview führten Christian Gödecke und Benjamin Maack

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insgesamt 7 Beiträge
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1.
Heinrich Wawerka 04.02.2012
"...für den Zander bis heute am meisten erinnert wird." "...Wofür Sie erinnert werden möchten. " Das ist kein gutes Deutsch, Ihr lieben. Fragt mal nach, bei eurem Herrn Sick.
2.
thomas schimmels 04.02.2012
Den Ururenkel gab ich in den 70er Jahren auf einer Saba Anlage gehört und der Bass war echt klasse der knallte voll . Zander ist echt ein klasse Kerl
3.
Michael Fengler 04.02.2012
Na dann aber mal herzlichsten Glückwunsch, lieber Frank Zander! Da fällt mir noch eine wunderbare Anekdote ein: Es war vor etwa vier Jahren, als ich Nachts mit Freunden in der Bochumer Innenstadt noch was trinken gehen wollte. Da fast alle Läden schon geschlossen waren, kehrten wir in eine winzig kleine Spelunke in der Nähe des Hauptbahnhofs ein. Und das war wie die Reise in einer Zeitmaschine: In der Kneipe hatte sich seit 30 Jahren nichts verändert. Und statt irgendwelcher Stars von heute, hing dort unter anderem ein Riesen-Blechschild an der Wand: Fred Sonnenschein und seine Freunde, Tour 1980. :)
4.
Ralf Ingenwerth 04.02.2012
Ich weiß nicht, was Herr Sick zur transitiven Verwendung von "erinnern" sagt; der Duden hat jedenfalls nichts dagegen und gibt Beispiele zum reflexiven und transitiven Gebrauch. Dort findet man übrigens auch Informationen zur Groß- und Kleinschreibung. Schönes Wochenende!
5.
Horst Jungsbluth 04.02.2012
Mit "schwarzem Humor", der in Deutschland meist nicht ankommt, hat er oft in seinen Liedern bewiesen, dass er sehr gut die menschlichen Unzulänglichkeiten musikalisch umsetzen kann. Bei dem Halbfinale des DFB-Pokals in Berlin 1993 zwischen den Amateuren von Hertha und Chemnitz, wo vor 60.000 Zuschauern dank einiger angereister Chaoten eine explosive Stimmung herrschte, war es ihm und seiner Band allerdings durch "Schmuselieder" in der Pause gelungen, das Ganze einigermassen friedlich ausgehen zu lassen. Herthas damaliger Sieg hat natürlich auch dazu beigetragen.
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