Deutsche Sprachpreise Ein Jahr, ein (Un-)Wort!

Deutsche Sprachpreise: Ein Jahr, ein (Un-)Wort! Fotos

1972 erstellte ein Mainzer Professor erstmals eine Hitparade für Wörter. Die anfangs belächelte Idee wurde zum Medienereignis - und machte den "Teuro" oder den "Wutbürger" zu Stars. einestages präsentiert die besten und miesesten Begriffe der vergangenen 40 Jahre. Von

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Im Jahr 1971, so stellten Sprachwissenschaftler erstaunt fest, tat sich Ungeheures in der Bundesrepublik. Der Begriff "aufmüpfig" eroberte plötzlich die Öffentlichkeit, ein Wort, das kaum eine seltsamere Wortfamilie hätte haben können: "Mief" und "Muff", im Sinne von Naserümpfen verursachend, gehörten dazu, aber besonders jenes schöne Verb "müpfen", ein Dialektwort, das eher in entlegenen Gebieten Süddeutschlands verwendet wird und so viel bedeutet wie "kritisieren".

Ich müpfe, du müpfst, er/sie/es müpft: Die Deutschen, lange als brave Befehlsempfänger verschrien, waren also nach Einschätzung der Sprachbeobachter auf einmal ein "aufmüpfiges" Völkchen geworden. Historiker hätten wohl gesagt, dass sie dies schon spätestens seit der Außerparlamentarischen Opposition 1968 waren. Doch jetzt, drei Jahre später, interessierte sich auch die Sprachforschung für diese vermeintlich neue Geisteshaltung und verlieh ihr gar ein wissenschaftliches Gütesiegel.

Das Wort "aufmüpfig", schrieb der Mainzer Professor Broder Carstensen, sei durch "die Sprache der Linken" immer gebräuchlicher geworden und erfreue sich einer "großen Popularität". Broders zweiseitiger Aufsatz trug den Titel "Die Wörter des Jahres 1971". Dazu zählte er neben "aufmüpfig" auch noch "heiße Höschen", eine Übersetzung der damals sehr beliebten "hot pants", "Mondauto", "Nostalgie" und "Umweltverschmutzung". Nicht durchsetzen, prophezeite der Professor, werde sich die Neuschöpfung "Hostess" für Kellnerinnen; dagegen war für ihn "Shit-Parade" (ein Ranking der schlechtesten Schlager) die "gelungenste" Neukomposition des Jahres.

Verschärfter Wettkampf der Wörter

Broder Carstensen hatte nun selbst eine Hitliste ins Leben gerufen - die der neuesten, originellsten, populärsten und aktuellsten Wörter eines Jahres. Doch er ahnte damals nicht, dass er mit seinem trockenen Aufsatz, der Anfang 1972 in der Fachpublikation "Der Sprachdienst" erschienen war, eine regelrechte Modewelle lostreten sollte, die inzwischen seit vier Jahrzehnten anhält: Immer im Dezember kürt die Wiesbadener Gesellschaft für deutsche Sprache unter großem Medieninteresse das "Wort des Jahres".

Dabei war Carstensen, der 1992 verstorbene und heute völlig vergessene Erfinder dieser Hitparade für Germanisten, eigentlich habilitierter Anglist. Als er vor vier Jahrzehnten erstmals die besten deutschen Wörter würdigte, dachten weder er noch sonst jemand an einen öffentlichkeitswirksamen PR-Coup. Sein Aufsatz wurde kaum beachtet; fünf Jahre lang gab es überhaupt keine "Wörter des Jahres". Erst 1977 erinnerte sich die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) an die alte Idee und organisiert seitdem ohne Unterbrechung das jährliche Begriff-Schaulaufen.

1994 schärfte die GfdS extra für die Logik der Medien den Wettkampfcharakter - und stellt seitdem eine dezidierte Rangliste auf: Mit einem unbestrittenen Sieger, dem "Wort des Jahres", und bis zu neun Nachplatzierten. Mühsam fertigten die Sprachforscher daraufhin rückwirkend eine solche Rangliste für die Wörter von 1971 bis 1993 an. Weil sich dabei aus den alten Texten der Sprachforscher, die alle im Fachblatt "Der Sprachdienst" veröffentlich worden waren, nicht immer nachträglich ein eindeutiges Ranking konstruieren ließ, gab es Streit, konkurrierende Interpretationen - und zeitweise sogar unterschiedliche Listen.

Tragische Niederlage der Schlümpfe

Dennoch: Durch den roten Teppich für die Wörter entstand, anfangs ungewollt, ein komprimiertes Stück Zeitgeschichte. Wer sich durch die alten Listen der Wörter wühlt, begibt sich auf eine Reise in Zeitraffer durch vierzig Jahre deutsche Geschichte: Von "Heißer Herbst" über "Reisefreiheit", "Besserwessi", "Politikverdrossenheit" und "Teuro" bis zum "Wutbürger", dem letzten "Wort des Jahres". Plötzlich sind auch längst vergessene Skandale und Großereignisse wieder präsent. Etwa die "Rasterfahndung" (1980) oder "Glykol" (1985) - damals hatten österreichische Winzer systematisch das süß schmeckende Diethylenglykol in ihren Wein gepanscht.

Viel amüsanter sind oft aber jene Wörter, die es nicht ganz nach oben auf das Podest schafften, aber zu den Bestplatzierten gehörten. Wäre es nicht viel schöner gewesen, wenn 1978 "Die Schlümpfe" gegen die "konspirative Wohnung" gewonnen hätten? Und hätte sich 2005 "Gammelfleisch" oder "Wir sind Papst" nicht gegen das langweilige "Bundeskanzlerin" durchsetzen müssen? Und warum sind die Siegerwörter immer so negativ? "Reformstau", "Klimakatastrophe", "Ellenbogengesellschaft", "Tschernobyl". Wieso nicht mal den "Mauerspecht" und das niedliche "Tamagotchi" gewinnen lassen? Oder gar das "Rindfleischettikierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz", das sympathische Wortungeheuer aus dem Jahr 1999, das es völlig zu Unrecht nur auf Platz zehn schaffte?

Grabenkämpfe der Sprachforscher

Selbst in der GfdS-Jury, die jedes Jahr aus mehreren tausend Vorschlägen die besten Wörter auswählen muss, wurde oft heftig um solche Fragen gerungen. Damit nicht genug: Die harmlosen Wörter des Jahres entfachten sogar einige wenig humorvoll geführte Grabenkämpfe der Sprachforscher.

Es fing damit an, dass Broder Carstensen, der Vater der Wörter-Hitliste, sich 1982 von der Gesellschaft für deutsche Sprache trennte und fortan sein eigenes Ranking herausgab. Es war der Startschuss für einen absurden Wettstreit um die besten Siegerwörter, die in unterschiedlichen Fachzeitschriften unter wechselnden Titeln veröffentlicht wurden.

"Die Aufsatzfolge 'Wörter des Jahres' wird nicht im 'Sprachdienst' sondern in der Zeitschrift 'Deutsche Sprache' veröffentlicht", schrieb Carstensen 1983 kühl in einem Leserbrief an den "Sprachdienst", das Organ des GfdS. Die Redaktion des "Sprachdienstes" antwortete daraufhin schmallippig: "Die Folge der Sprach-Jahresrückblicke u n s e r e r Zeitschrift erscheint dieses Jahr unter dem Titel 'Momentaufnahmen'".

Und so kam es, dass Carstensen 1984 die Abkürzung "wg." kürte, die GfdS dagegen das "Umweltauto". Carstensen fand 1985 "Aids" bedeutender als "Glykol", zwei Jahre später entschied sich die GfdS dann auch für "Aids" und "Kondom", Carstensen dagegen für "die doppelte Null-Lösung".

Beschwerde aus dem Bundeskanzleramt

Als die GfdS 1991 begann, neben den "Wörtern des Jahres" besonders diskriminierende oder irreführende Begriffe als "Unwörter des Jahres" zu prämieren, gab es erneut Ärger. Der Frankfurter Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser hatte die Idee zu der Aktion "Unwort des Jahres" - doch schon nach drei Jahren trennte er sich im Streit wieder von der GfdS.

Und das alles wegen Helmut Kohl. Der hatte nämlich im Krisenjahr 1993 davor gewarnt, Deutschland dürfe nicht zum "kollektiven Freizeitpark" verkommen. Prompt landete diese Formulierung bei der Wahl zum "Unwort des Jahres" auf Platz zwei - direkt hinter "Überfremdung".

Die Politik fand das alles andere als witzig. Das Bundeskanzleramt beschwerte sich bei der Jury, und auch der Hauptvorstand der GfdS war mit der Entscheidung nicht glücklich - schließlich wird die GfdS von Bund und Ländern gefördert. Professor Schlosser und seine Jury-Kollegen zogen ab; seitdem wird das "Unwort des Jahres" unabhängig von der GfdS an der Universität Frankfurt gewählt.

Es schien so, als seien mehr als 20 Jahre nach der Einführung des "Wort des Jahres" auch die Sprachwissenschaftler ziemlich "aufmüpfig" geworden.

Begeben Sie sich in der großen einestages-Bildergalerie auf Wörter-Zeitreise - und klicken Sie sich durch die besten, berührendsten und miesesten Begriffe der vergangenen vier Jahrzehnte.

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1.
Karin Philipp 31.10.2011
Wörter, die in ihrer Zeit häufig verwendet wurden, an denen sich die Menschen stoßen oder die mit Begeisterung verbreitet wurden, reflektieren den Zeitgeist und können - wenn richtig präsentiert - eine schöne und interessante Zeitreise darstellen. Kollektive Erinnerung ist wichtig für das Fortkommen der Gesellschaft, sie helfen uns, die Gegenwart zu beurteilen und ihre Ereignisse in Kontext zu setzen. Individuelle Erinnerungen formen uns emotional ( http://karinkoller.wordpress.com/2011/10/31/erinnerungen/ ). Beides ist sehr wichtig, denn "Those who don´t know history are doomed to repeat it."
2.
Hartmut Oldenbürger 07.11.2011
Nächster Kandidat: Militarisierung der Sprache durch ökonomische Trunkenheit: "Wettkampf der Wörter", "Grabenkämpfe von Sprachforschern". Alles muß auf einem "Markt" als "Marke" wettkämpfen; dazu ist man "aufgestellt", um "am Ende des Tages" sich in einem "Ranking" zu "präsentieren". Widerwärtig. Nichts hat mehr eine ganz eigene Qualität.
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