Deutsche Teilung Little Berlin

Das sowohl in Bayern als auch in Thüringen gelegene Dorf Mödlareuth wurde zum Symbol der Deutschen Teilung. Fast 40 Jahre lang verlief dort die Staatsgrenze zwischen der Bundesrepublik und der DDR - mitten durch den Ort.

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Nadine Jukschat

Friedlich plätschert der Tannbach durch Mödlareuth. Rechts und links des an manchen Stellen kaum mehr als 60 Zentimeter breiten Flüsschens stehen einfache Bauernhäuser. Eine alte Frau mit grauen Haaren und bunt geblümtem T-Shirt kehrt mit einem Strohbesen die Straße vor ihrer großen Holzscheune. Enten schnattern. Mödlareuth ist eine verschlafene 50-Seelen-Gemeinde in der Nähe von Hof. Doch jährlich kommen rund 60.000 Touristen aus ganz Deutschland und der Welt hierher. Der Grund: Mödlareuth ist das einzige Dorf, dass bis 1990 halb zur DDR und halb zur Bundesrepublik gehörte. Mitten durch den Ort verlief eine 700 Meter lange und fast dreieinhalb Meter hohe Betonmauer.

Schuld daran war der Tannbach. Er fungierte seit dem 19. Jahrhundert als Verwaltungsgrenze zwischen Thüringen und Bayern. Für den Alltag der Menschen hatte diese Grenze jedoch nie große Bedeutung. Das änderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Teilung in Ost- und Westdeutschland. Im Osten wurde ein fünf Kilometer breiter Grenzstreifen zur Sperrzone erklärt und durfte nur mit Sondergenehmigung betreten werden. Zahlreiche Menschen wurden zwangsweise ins Hinterland umgesiedelt. Für jene, die bleiben durften, änderte sich der Alltag radikal. Selbst grüßen oder winken von Ost nach West war von nun an verboten.

Heute stehen in Mödlareuth noch immer hundert Meter Mauer. Zusammen mit kalkweißen Wachtürmen, Grenzzäunen und einer Hundelaufanlage sind sie Teil eines Freilichtmuseums zur innerdeutschen Grenze. In einem Fachwerkhaus neben dem Dorfteich ist eine Ausstellung zur Geschichte der deutschen Teilung eingerichtet. Dort sitzt Karin Meigner an der Museumskasse. Auf dem Tresen vor ihr stehen bunte Miniaturtrabis - Souvenirs für die Touristen. Die 61-Jährige trägt ein schwarzes T-Shirt, darüber eine sportliche rote Weste. Mit ihren kurzen blond gefärbten Haaren und den rosa Strähnchen darin sieht sie jünger aus. Seit 1966 wohnt sie in Mödlareuth. Auf der Westseite.

"Das war irre"

An die Ereignisse um den 9. November 1989 erinnert sie sich noch ganz genau: "Am Donnerstag wurde im Fernsehen bekannt gegeben, dass die Grenze offen ist. Freitag blieb hier noch alles ruhig. Und am Samstag bin ich früh raus, um die Tageszeitung zu holen. Mit zwei Nachbarn habe ich da gestanden und mich über die Grenzöffnung unterhalten." Plötzlich sei ein Trabi angefahren gekommen, erzählt Karin Meier, und dann noch einer. "Und dann schrie eine Frau von der andern Seite aus ihrem Haus 'Guten Morgen' rüber. Also das war irre."

Heute ist die Teilung für Karin Meigner längst Geschichte. Nach der Wende hätten sich die Menschen schnell einander angenähert. "Wir sind ein Dorf, wir sind uns nicht fremd. Wäre ja auch schlimm, wenn's so wäre, nach 20 Jahren."

Direkt gegenüber vom Museum wohnt Ursula Unglaub. Auch sie verbindet mit dem Herbst 1989 viel Positives: "Das war toll. Wir hatten nahe Verwandte im Osten, meine Oma und die Geschwister lebten dort in der Sperrzone. Jetzt konnten wir uns plötzlich einfach ins Auto setzen und rüberfahren." Wollte sie früher ihre Familie besuchen, brauchte sie dafür eine Genehmigung: "Das musste mindestens acht Wochen vorher beantragt werden. Außerdem mussten wir uns immer woanders treffen, weil das ja Sperrgebiet war." Die 56-Jährige ist froh über die Einheit, auch wenn sich, wie sie sagt, sonst eigentlich nichts für sie verändert habe.

"Wir leben anders heute"

Auf der anderen Seite des Flusses verkauft Birgit Mehnert aus einem kleinen Kioskfenster heraus wahlweise Kaffee, Bier oder Eis an die Touristen. Die 42-Jährige ist in der Nähe von Plauen aufgewachsen und arbeitet seit zwei Jahren in Mödlareuth. Wie hat sie die Wendezeit erlebt?

"Ich war damals noch in der Lehre, hab von den ganzen Dingen nicht viel mitbekommen." Und ist Deutschland inzwischen wieder zusammengewachsen? "Teils teils, würde ich sagen. Aber ich weiß nicht, wie ich das erklären soll." Auch Heinz Müller, der seinen richtigen Namen nicht nennen möchte, ist skeptisch. Der 76-Jährige war Anfang der fünfziger Jahre Grenzsoldat im Osten Mödlareuths. Zwar gebe es nun nur noch ein Deutschland. Aber das, fügt er hinzu, stimme nur auf dem Papier. Trotzdem gesteht er: "Wir leben anders heute, ich konnte mir ein Auto kaufen, bin mit meiner Frau nach Österreich gereist." Versonnen blickt er über den Tannbach. "Wir sind zufrieden", sagt er resümierend und seufzt ein wenig dabei.

Drüben, auf der andern Seite steht noch immer die alte Frau mit ihrem Strohbesen. Zwei Männer in Arbeitskleidung haben sich zu ihr gesellt. Auf ihre Mistgabeln gestützt unterhalten sie sich. Der Wind trägt ein Gemisch aus thüringischen und bayrischen Wortfetzen herüber. Alltag in Mödlareuth.

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