Deutsche TV-Straßenfeger Alle mal zuschauen!

Deutsche TV-Straßenfeger: Alle mal zuschauen! Fotos
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Was für ein Hingucker: Als 1962 der Sechsteiler "Das Halstuch" lief, saß ganz Deutschland vor der Glotze. Der Krimi prägte die Ära der Straßenfeger - und machte einen Kabarettisten zum Volksfeind Nummer eins. einestages über die größten Quotengiganten der TV-Geschichte. Von Christian Gödecke und Broder-Jürgen Trede

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Ein Traktorfahrer schlägt auf einem englischen Gutshof langsam die Plane seines Anhängers um. Er entdeckt dort erst einen Schuh, dann eine Hand - und schließlich, nachdem er die Plane ruckartig weggerissen hat, das schreckliche Ganze: Anstelle von Zuckerrüben liegt dort die Leiche einer jungen Frau. Sie wurde erdrosselt.

Als die von dramatischer Musik untermalte Szene am 3. Januar 1962 im deutschen Fernsehen lief, schnürte sich auch Millionen Deutschen der Hals zu - vor Spannung. Wer war der Mörder, der ein Halstuch für seine Taten benutzte? Das fragte sich in jenen Tagen buchstäblich jeder - denn "Das Halstuch" sollte in den kommenden zwei Wochen im Schnitt fast 90 Prozent Einschaltquote erreichen. Nie zuvor und nie danach gelang das einer Produktion in Deutschland.

Bereits 1959 und 1960 war die Suche nach einem Mörder bei den vom WDR produzierten Mehrteilern "Der Andere" und "Es ist soweit" zum Mega-Erfolg geworden. Alle stammten aus der Feder des englischen Drehbuchautoren Francis Durbridge. Ein Zuschauer bekannte in einem Leserbrief an das Kölner Funkhaus jammernd: "Die Einteilung in sechs Kapitel war eine Folter (...) lieber lege ich mich wie ein Fakir auf ein Nagelbrett, als nochmal so eine fünffache entsetzliche Spannung!" Aber natürlich kannten die Inquisitoren des WDR keine Gnade und zogen auch "Das Halstuch" genüsslich in die Länge.

England in Remscheid

Der Film wurde in sechs Teilen zwischen dem 3. und 17. Januar 1962 ausgestrahlt, jeweils um 20.20 Uhr und damit direkt im Anschluss an die Tagesschau. Der smarte Inspektor Harry Yates (gespielt von Heinz Drache) ermittelte im düster-verregneten Ambiente der fiktiven Ortschaft Littleshaw jeweils 35 bis 40 Minuten lang, und natürlich tauchten in jeder Folge neue Verdächtige auf. Dass es dabei nicht immer logisch zuging, interessierte weder die Zuschauer noch den Autoren: "Für solche Analysen sind sie auch nicht geschrieben", konterte Durbridge.

"Es war eines der Erfolgsprinzipien des britischen Schriftstellers: Er dachte sich vorher einfach eine große Gruppe von Verdächtigen aus, und wirklich jeder konnte der Mörder sein", erinnert sich Gunther Witte, der 1963 zum WDR kam. Witte, der später Fernsehspielchef wurde und den "Tatort" erfand, erzählt, wie sich buchstäblich ganz Deutschland an der Mördersuche beteiltigte. "Einer war es, und jeder spekulierte mit."

Witte kennt noch einen weiteren Grund, warum die Durbridge-Filme zum Straßenfeger wurden: "Der Autor war den Deutschen mit seiner 'Paul Temple'-Reihe schon aus dem Radio bekannt." Nach Deutschland holte Durbridge der WDR-Fernsehspielchef Hartwig Schmidt, laut Witte "ein sehr anglophiler Typ, der oft in London war" und über gute Kontakte zur BBC verfügte. Dort waren die Durbridge-Krimis schon erfolgreich gelaufen. Schmidt ließ die Drehbücher einfach ins Deutsche übersetzen - und los ging's.

Weil der WDR nicht über große Studios verfügte, entstanden die Innenaufnahmen für den Straßenfeger in einer angemieteten Kölner Tennis- und Hockeyhalle; Produktionskosten sollte auch die Wahl des Außendrehorts drücken: Littleshaw wurde kurzerhand in den "englisch anmutenden" Remscheider Stadtteil Lennep verlegt. Und die hölzernen Dialoge? Oder die statische Kameraführung? Geschenkt. Die Deutschen liebten ihren Durbridge. "35 Minuten lang hatte der Pulsschlag der Städte einen anderen Rhythmus", schrieb die "FAZ".

Geguckt wurde in der Regel in der Gruppe. Mörder-Raten als echtes Gemeinschaftserlebnis – entweder zu Hause, bei Freunden, mit Schnittchenplatte, Mettigel und Käse-Trauben-Spießen oder aber beim "Public Viewing" in der Kneipe. Wirtshäuser ohne TV brauchten gar nicht erst zu öffnen. Sportvereine ließen das Training ausfallen. Der SPIEGEL sah eine neue "Tele-Kategorie" erreicht, und der Programmbeirat des Fernsehens fasste zusammen: "Das deutsche Kulturleben ist zum Erliegen gebracht worden."

787,15 D-Mark - und eine öffentliche Hinrichtung

Und nicht nur das. Fabriken mussten ihre Produktion drosseln, weil Abend- und Nachtschichten gestrichen wurden. Selbst in der Hamburgischen Bürgerschaft bat ein Abgeordneter die anderen, ihre Redezeiten doch bitte "so zu beschränken, dass man die Gelegenheit habe, den letzten Teil der Fernsehserie zu sehen." Wer es trotzdem nicht vor den Fernseher schaffte, musste nicht ahnungslos bleiben. In Frankfurt am Main ließen sich die Taxifahrer den Namen des Täters per Sprechfunk durchgeben. Und Gunther Witte erinnert sich, dass die "Taubenzüchtervereine im Ruhrgebiet an den Durbridge-Abenden sehr sauer" waren - weil niemand zu ihren Veranstaltungen kam.

Aber warum waren alle Straßen leer - und fast jeder der 5,9 Millionen Schwarzweiß-Fernseher eingeschaltet? "Natürlich war das erste Programm damals Monopolist, es gab noch keine Konkurrenz der Privatsender", sagt Gunther Witte, "und dementsprechend hoch waren auch die Zuschauerzahlen." Und doch waren Quoten von 80 oder 90 Prozent die Ausnahme und nicht die Regel. "Durbridge hat das Erfolgsprinzip der späteren Serien vorweggenommen", sagt Witte - und meint die sogenannten Cliffhanger: Jede Episode endete auf ihrem Höhepunkt und zwang die Menschen so, auch die nächste einzuschalten. Sagenhafte 93 Prozent ermittelte das Marktforschungsinstitut infratest per Anruf am Tag nach der letzten "Halstuch"-Episode. Die absoluten Zuschauerzahlen sind nicht bekannt, dürften aber hochgerechnet bei 15 bis 20 Millionen gelegen haben.

Bei dieser Massenhysterie verwundert es nicht, dass der Scherz eines Berliner Schauspielers und Kabarettisten eine ganze Nation in Aufruhr versetzte. Aus Frust, aber auch, um Werbung für seinen gerade angelaufenen Kinofilm "Genosse Münchhausen" zu machen, hatte Wolfgang Neuss kurzentschlossen 787,15 D-Mark in ein Großinserat investiert, das am 16. Februar, einen Tag vor der letzten "Halstuch"-Folge, im Berliner Boulevardblatt "Der Abend" erschien:

"Ratschlag für morgen: Nicht zu Hause bleiben, denn was soll's: Der Halstuchmörder ist Dieter Borsche. Also Mittwoch Abend ins Kino. Ein Kinofan (Genosse Münchhausen)".

Neuss lag richtig, und die Folgen waren dramatisch. Nicht nur, dass nun erst recht niemand seinen Film sehen wollte - die Mehrheit der Deutschen fühlte sich von Neuss schändlich betrogen. "Spielverderber der Nation" wurde er genannt, es gab Morddrohungen: "Das nächste Opfer sind Sie!" Die "Bild"-Zeitung titelte schließlich mit "Vaterlandsverräter", was Neuss bis zu dessen Tod im Jahr 1989 nachhing. "Ich wusste es wirklich nicht", rechtfertigte er sich Jahre später. "Ich habe ja auch nur geraten. Es war eine Hysterie in den Straßen, als ob ich den Stauffenberg verraten hätte, dass der nächste Woche den Führer ermorden will." Eingeweihte hatten allerdings noch eine andere Erklärung, für das "Täterwissen" des Wolfgang Neuss. Seine Mutter und die Ehefrau von Schauspieler Dieter Borsche sollen in Berlin dieselbe Pediküre besucht haben. Bei einer gemeinsamen Behandlung sollen die wie ein Staatsgeheimnis gehüteten Informationen weitergetratscht worden sein.

Der WDR zog aus dem Eklat seine Lehren und verpflichtete bei den nachfolgenden Durbridge-Mehrteilern alle Beteiligten mit der Androhung von Geldstrafen zur Geheimhaltung. Und der Sender ging noch weiter: Wer nicht an der Schlusssequenz beteiligt war, erhielt fortan auch das Drehbuch nicht mehr. Man überlegte sich sogar, mehrere Enden zu drehen und änderte – wie bei "Das Messer" – den Haupttäter im Drehbuch. Der SPIEGEL witzelte: "Am besten weiß nur der (nach Möglichkeit unverehelichte) Regisseur Bescheid."

Schleichwerbung im ZDF

So blieb es bei dem einen großen Skandal - und beim großen Erfolgsrezept. Denn auch die folgenden Durbridge-Krimis fuhren unglaubliche Quoten ein. Der Mehrteiler "Tim Frazer" (1963) kam bei einer Episode auf 93 Prozent, die "Melissa-Serie" machte die Schauspielerin Ruth Maria Kubitschek im ganzen Land bekannt. In den nächsten Jahrzehnten mussten es schon Tabubrüche wie die inszenierte Menschenjagd im "Millionenspiel" oder der Männerkuss in "Die Konsequenz" sein, um ähnliche Erfolge zu feiern. Spielshows mit Hans-Joachim Kulenkampff oder Schwanks aus dem Kölner Millowitsch-Theater liefen hingegen immer. Als dessen "Tante Jutta aus Kalkutta" 1962 vom Ganges an den Rhein kam, schalteten 88 Prozent der Zuschauer ein!

Die Aufmerksamkeit, die "Das Halstuch" erzielte, blieb jedoch unerreicht. 1987, 25 Jahre nach der Erstausstrahlung, versuchte das ZDF, das erfolgreiche Prinzip noch einmal zu recyceln, präsentierte einen Toten und elf Verdächtige und fragte sein Publikum: "Wer erschoss Boro?" Für die korrekte Auflösung des Rätselkrimis wurde die damals astronomische Summe von zehn mal 10.000 D-Mark ausgelobt. Obwohl sich erstaunliche 16 bis 20 Millionen Zuschauer am Ratespiel beteiligten, ging der Dreiteiler von Krimi-Vielschreiber Herbert Reinecker ("Der Kommissar", "Derrick", "Siska") als dunkles Kapitel in die Sendergeschichte ein. In einer Reihe von Programmhinweisen hatte man auch auf ein Buch mit Lösungshinweisen aus dem Harenberg-Verlag aufmerksam gemacht. Das ZDF hatte danach seinen ersten großen Schleichwerbungsskandal.

Ähnlich verärgert wie beim Neuss'schen Mörderverrat war Fernseh-Deutschland aber nie mehr. Als RTL im Herbst 1991 mit Erfolg David Lynchs Mystery-Krimiserie "Twin Peaks" präsentierte und Konkurrent Sat.1 den Namen des Mörders in seinem Videotext-Angebot verriet, war die Aufregung schnell vorbei. Die Reaktion des Privatsenders war pragmatisch: RTL verzichtete auf die Ausstrahlung der letzten Folgen und überließ sie dem Münchner Privatsender Tele 5.

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1.
Matthias Herkommer 16.01.2012
"Als RTL im Herbst 1991 mit Erfolg David Lynchs Mystery-Krimiserie "Twin Peaks" präsentierte und Konkurrent Sat.1 den Namen des Mörders in seinem Videotext-Angebot verriet, war die Aufregung schnell vorbei. Die Reaktion des Privatsenders war pragmatisch: RTL verzichtete auf die Ausstrahlung der letzten Folgen und überließ sie dem Münchner Privatsender Tele 5." Also ich war sehr verärgert, obwohl ich die Serie damals gar nicht geguckt hatte. Aber so ein Verhalten ist nur Assi. Seit dem ist Sat-1 bei mir auf die hintersten Programmplätze gerutscht. Aber ganz kann man das Verschieben der letzten Folgen auf Tele 5 nicht dem Sat-1 anlasten. Denn Twin Peaks bestand aus 29 Folgen. Der Mörder wurde in der Serie bereits in Folge 14/15 enthüllt. Auch in den USA fiel darauf hin die Zuschauerquote dramatisch ab. Lynch hatte es verpasst rechtzeitig ein Neben- oder übergeordnetes Rätsel aufzubauen. Das hat er dann erst in den Folgen 15-29 versucht - ohne großen Erfolg. Und obwohl die Folgen 15-29 durchaus hohe Qualität haben und auch das typische "Twin-Peaks"-Feeling bieten, war deshalb nach Folge 29 dann endgültig Schluß. Da half dann auch der Mega-Cliffhänger nicht mehr, als der Held und Zuschaueridentifikationsfigur selbst zum Täter mutierte. Schade, den übergeordneten Sinn der Serie hat kaum einer verstanden.
2.
Christian Simons 16.01.2012
Zur Wolfgang Neuss-Halstuch-Affäre bleibt noch hinzuzufügen, dass die TV-Kabarettisten in jener Zeit die allgemeine Tendenz hatten, dem bürgerlichen Milieu seine kleinen Freuden zu vermasseln: Ich kann mich da zum Beispiel an eine Sylvestersendung der Lach- und Schießgesellschaft ("Schimpf vor Zwölf") erinnern, in der Hildebrandt und Co. eine Minute nach Mitternacht plötzlich mit scheinheiliger Betroffenheit auf ihre Armbanduhren schauten und sagten" "Ei, jetzt haben wir doch glatt den Jahreswechsel verpennt." Mann, was waren meine Eltern damals sauer. :-)
3.
Volker Altmann 16.01.2012
Da mir die Einschaltquoten nicht vorliegen, kann ich das jetzt nur vermuten ? aber fehlt in der Auflistung nicht ?Der Komödienstadel?? Beppo Brem, Erni Singerl und ihre Kollegen aus bajuwarischen Landen hatten, meiner Meinung nach, damals den gleichen Zuspruch wie die Hanseaten und die Kölner. Hätte man ?Raumpatrouille Orion? in Farbe gedreht, wäre die Serie sogar nach Amerika verkauft worden. In s/w allerdings, musste man Captain Kirk den Vortritt lassen. Und so entging den Amerikanern das edle Raumschiffsdesign aus Duschköpfen und Bügeleisen.
4.
Jan Barkley 16.01.2012
Schade, den übergeordneten Sinn der Serie hat kaum einer verstanden. Nach eigener Aussage David Lynch auch nicht :-)
5.
Maik Lorenz 16.01.2012
Na toll. Schade, dass auch in diesem Artikel der Mörder verraten wird, ich hatte während des Lesens beschlossen, mir die DVD zu bestellen. Das bringt ja jetzt nichts mehr. Im Wikipedia-Artikel zum Halstuch wird dieser Spoiler vermieden.
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