Deutsch-Polnische Versöhnung Freundschaft ohne Worte

Kein Wort haben sie miteinander gesprochen. Der Deutsche kann kein Polnisch, die Polin kein Deutsch. Und trotzdem sind sie seit über einem Jahrzehnt beste Freunde. Über alle Sprachbarrieren hinweg.

Matthias Kneip

Von


Sie reden nicht miteinander, sie saßen noch nie gemeinsam an einem Tisch. Trotzdem bringt Karl Heinz Henschel der Frau jeden Monat eine Schachtel Pralinen, ein Päckchen Kaffee und eine Flasche Rotwein über die Oder. Der Frau, die jetzt in seinem Geburtshaus in Küstrin wohnt.

Allein durch ein Lächeln und ein Wangenküsschen drückt sich die Dankbarkeit der Frau für diese seltsame Treue aus. "Wie auch sonst", erzählt Karl Heinz Henschel, "wo wir uns doch nicht unterhalten können." Sie spricht kein Deutsch, er kein Polnisch. Henschel genügt es. Über zehn Jahre hält diese Freundschaft schon. Er besucht die Frau bis heute. Jeden Monat.

Auf die Frage, warum er das tut, antwortet er lapidar: Sie freue sich. Es sei seine Art, eine Brücke zu seinem ehemals deutschen Geburtsort auf der anderen Seite der Oder zu bauen, in dem er als Kind aufwuchs. Die Frau könne ja nichts dafür, dass dieses Haus jetzt zu Polen gehöre. Schließlich waren es die Deutschen, die den Krieg angefangen haben.

"Polnisches Pompeji"

1939 ist Henschel mit seiner Familie von Küstrin auf der heute polnischen Seite der Oder über den Fluss ins heutige Küstrin-Kietz gezogen. Während dieser Ort nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs deutsch blieb, heißt sein Geburtsort heute hingegen Kostrzyn nad Odra.

Obwohl ich Karl Heinz Henschel erst seit wenigen Minuten kenne, empfinde ich schon Bewunderung für diesen Mann, der 1926 in Cüstrin, wie es sich damals schrieb, zur Welt kam und seine Kindheit in jener Altstadt verbrachte, durch die wir gerade spazieren. "Hier", sagt Henschel, "stand damals das Haus der Bäckerei Tränkler." Doch an der Stelle, auf die Henschel hindeutet, sehe ich nur einen von Büschen bewachsenen Mauerrest.

Überhaupt gleicht das ganze Areal einem wilden Park aus Hügeln, die durchsetzt sind von Mauern und Steinen, aus denen ab und an eine Treppe hinausführt ins Nichts. Der Park bildet das traurige Gerippe jener Altstadt von Küstrin, in der Karl Heinz Henschel aufgewachsen ist. Das Wort "Stadtpark" offenbart sich mir plötzlich in tragischer Bedeutung.

Manchmal wird Küstrin als das "Polnische Pompeji" bezeichnet. Nur dass die Zerstörung der Stadt nicht auf einen Vulkanausbruch zurückzuführen ist, sondern auf den Zweiten Weltkrieg. Anfang 1945 wurde die Stadt zur Festung erklärt, woraufhin über 90 Prozent der Bausubstanz durch die Rote Armee in Schutt und Asche gelegt wurde.

Schnaps im Dezember

Es dauert einige Zeit, bis ich das Ausmaß der Kriegszerstörungen hier zu begreifen vermag. Die Schilder, die in deutschen und polnischen Namen jene Straßen ausweisen, die einst durch den Kern der Altstadt verliefen, geben mir Hilfe bei der Orientierung. Ein alter Stadtplan führt mir vor Augen, wie dicht bebaut hier alles einmal war. Karl-Heinz Henschel erzählt mir an jeder Ecke, was sich einst in seiner Kindheit hinter den Steinhaufen von heute verbarg: Die Knabenmittelschule, die Marienkirche, der Schlossplatz. Henschel spaziert bis heute durch seine Stadt von damals, ohne sich an den Steinresten zu stören. Im Gegenteil. Er war immer dafür, alles so zu belassen wie es ist. Eine bessere Gedenkstätte für den Krieg könne es nicht geben, meint er.

Wir fahren zu seinem Geburtshaus wenige Kilometer von der Altstadtruine entfernt. Der Zufall will, dass jene Frau, die er monatlich besucht, gerade aus dem Fenster lehnt und eine Zigarette raucht. Sie winkt, als sie Henschel sieht, und kommt sofort heraus. Beide nehmen sich in den Arm, aber sie unterhalten sich nicht.

Sie sind das Schweigen gewohnt. Ich biete an, zu übersetzen, und die Frau macht große Augen. Wirklich? Ich solle dem Mann sagen, dass der Schnaps, den sie ihm letztes Mal geschenkt habe, erst im Dezember getrunken werden soll. Dann sei er besser. Eine Bekannte von ihr habe ihn selbst gemacht. Und: Er solle doch mal auf einen Kaffee mit in die Wohnung kommen, weil er immer so nett und herzlich sei, obwohl sie nicht miteinander sprechen können.

Henschel stimmt zu. Aber nicht zu spät am Nachmittag, sonst könne er abends nicht einschlafen. Ich überlege, wer wohl schneller die Sprache des anderen lernen könnte, um dieser seltsamen Freundschaft eine Stimme zu geben. Aber beide winken ab. Dafür sei es zu spät. Sie nehmen sich noch einmal in den Arm und wir verabschieden uns.

Als ich Herrn Henschel im Auto frage, wie die Frau eigentlich heißt, klopft er sich erschrocken auf die Schenkel. Stimmt, genau das wollte er sie schon immer fragen! Jetzt hat er es wieder vergessen.

Zur Person
  • Matthias Kneip (*1969) arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Polen-Institut in Darmstadt sowie als freier Schriftsteller, Publizist und Polenreferent. Für seine Verdienste um die deutsch-polnische Verständigung erhielt er 2012 das Kavalierskreuz der Republik Polen vom polnischen Präsidenten Bronislaw Komorowski. Kneip lebt in Regensburg und Darmstadt. Zuletzt erschien sein Sammelband "Polen. Literarische Reisebilder" sowie sein Gedichtband "Keiner versteht mich, klagte das Gedicht und wurde berühmt..." (beide Lektora-Verlag). Gerade ist sein neues Buch "111 Gründe, Polen zu lieben" (Schwartzkopf & Schwartzkopf Verlag) erschienen.

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
joebeling, 26.07.2015
1. schöne Geschichte
danke
H. U., 26.07.2015
2. Smartphone
die beiden brauchen jeweils ein Smartphone mit Google Übersetzer. Einfacher gehts nicht.
joebeling, 26.07.2015
3. weniger ist manchmal mehr
Wozu sprechen, wenn man ohne Worte eine schöne Beziehung leben kann?
Merwin Schulze, 26.07.2015
4.
Nein. Ich glaube nicht, dass eine elektronische Übersetzung mit all ihren seltsamen Missverständnissen hier etwas perfektionieren kann oder muss. Es ist doch offensichtlich gut, ganz genau so wie es ist. Ein schöner Artikel darüber, wie Menschen eben auch sein können. Wie es funktionieren kann.
Rolf Radicke, 27.07.2015
5. Schoene Geschichte
Man kann sich eben auch ohne Worte sympathisch finden. Was mich allerdings erstaunt, ist, dass keine der beiden Personen versucht hat, dem Anderen verstaendlich zu machen, wie er/sie heisst. Vielleicht liegt es daran, dass jede(r) nur die eigene Sprache spricht. Nach einer bestimmten Zeit kennt man sich aber auch ohne Namen. Wir erfahren , dass der Deutsche Karl Heinz heisst, ob die Polin nun aber Danuta, Jadwiga, Wanda, Malgorzata oder Elzbieta heisst, dass bleibt ein Geheimnis. Als Katholikin koennte sie ja auch Maria heissen.
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