Deutsche Walfänger Moby Fett

"Blas an Steuerbord!" Mit einer Spezialflotte und schwimmenden Fabriken zählte Deutschland ab 1936 zu den größten Walfangnationen. Öl und Fleisch von Tausenden Walen landeten auf den Tischen der Deutschen.

Corbis/ Getty Images

Es war nur eine kleine Wolke, ein weißer, flockiger Kegel, der sich schnell verflüchtigte, doch der Anblick sorgte im Winter 1938 für Aufregung an Bord des Schiffes in den Gewässern der Antarktis. "Blas an Steuerbord", schrie der Mann im Ausguck. Mit großen Schritten hastete ein Matrose zum Bug des 40-Meter-Schiffes - dort stand die Kanone. "Zwei Blauwale 500 Meter voraus", instruierte ihn der Steuermann.

"Fest umklammert die Linke den Hals und Kugelgriff der Kanone. Ruhig liegt die Rechte am Abzug bereit. Ganz langsam beschreibt vorne die Spitze der Granate kleine Spiralen in der Luft. Und dann buckelt sich drüben das Wasser auf - etwa 30 Meter links voraus - die Blaswolke fährt empor, deutlich hörbar erklingt ein tiefes schnaubendes Stöhnen: der Wal bläst", notierte der an Bord weilende Schriftsteller Wolfgang Frank.

Vor dem Schiff hob sich der enorme Rücken des Blauwals langsam aus dem Wasser. "Rrrumms - zischend schnellt das schwere Eisen aus dem Rohr", berichtete Frank weiter. Treffer. Die Harpune bohrte sich in den Wal. "Und dann erfolgt ein kleiner, wie erstickter Schlag: Die auf die Harpune aufgeschraubte Granate ist explodiert, ringsum erzittert das Wasser, die Erschütterung überträgt sich bis aufs Boot." Der Wal war tödlich verletzt, nach kurzem Aufbäumen verließen ihn seine Kräfte.

Der Riese von knapp 30 Metern war nur einer von rund 18.000 Walen, die deutsche Walfänger aus dem südlichen Eismeer holten. Deutschland lehnt heute den Walfang entschieden ab, war aber gegen Ende der Dreißigerjahre zur weltweit drittgrößten Walfangnation aufgestiegen. Lediglich Großbritannien und Norwegen erlegten in dieser Zeit noch mehr Meeressäuger.

Walöl gegen die "Fettlücke"

Auf Waljagd gingen die Deutschen schon lange zuvor. Im 17. Jahrhundert brachen Seeleute aus Hamburg, Lübeck oder Emden zur sogenannten "Grönlandfahrt" auf. Damals wurde Waltran vorwiegend als Lampenöl gebraucht. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts landete er in Waschmitteln, vor allem aber in Form von Margarine auf deutschen Frühstückstischen. Bereits um 1900 gingen in Deutschland knapp 100.000 Tonnen Margarine über die Ladentheken. Vor allem die Inflation 1923 heizte dann die Nachfrage nach der "Butter des kleinen Mannes" weiter an.

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Deutsche Walfänger: Hatz auf die Giganten der Meere

Auf der Suche nach einer günstigen Fettquelle rückte dank neuer chemischer Verfahren das Walöl stärker in den Mittelpunkt. Der Bedarf der deutschen Margarineindustrie war enorm: So gingen im Jahr 1935 gut 55 Prozent der "Welternte" ins Deutsche Reich - das waren 248.000 Tonnen Walöl. Insgesamt fingen englische und norwegische Walfangflotten in diesem Jahr allein in der südlichen Hemisphäre über 34.000 Wale, davon knapp 18.000 Blauwale. Die Blauwal-Fangmenge eines einzigen Jahres war damit etwa so groß wie der heutige Gesamtbestand, der weltweit auf 10.000 bis 25.000 Tiere geschätzt wird.

Mit der Zeit wollte die deutsche Industrie Produzent sein, nicht mehr nur Verbraucher. Den Ruf nach einer Walfangflotte unter deutscher Flagge unterstützten die Nationalsozialisten: In Vorbereitung auf den geplanten Krieg wollten sie die Auslandsabhängigkeit bei der Versorgung mit wichtigen Handelsgütern verringern. Die Schließung der sogenannten "Fettlücke" bekam politisches Gewicht.

"Das wachsende und immer tiefer in eine grandiose Arbeitsleistung eindringende deutsche Volk braucht zu seiner Ernährung Speisefette in großen Mengen, die aus der deutschen landwirtschaftlichen Erzeugung nur zu einem Teil gedeckt werden können. Aus dieser Zwangslage führt der Weg von selbst zur deutschen Eigenbetätigung im Walfang", bejubelte Carl Röver, NSDAP-Leiter des Gaus Weser-Ems, die Walfangpläne der deutschen Industrie. Selbst Hermann Göring, der sich gern als Tierfreund gab, unterstützte schließlich den Aufbau einer Spezialflotte.

Büstenhalter mit Wal-Barten

Am 26. September 1936 war es so weit: Der zur schwimmenden Walfabrik umgebaute Frachter "Jan Wellem" verließ als erstes deutsches Walfangschiff im 20. Jahrhundert den Hamburger Hafen Richtung Südmeer, zusammen mit den sechs Fangbooten "Treff I" bis "Treff VI". Auftraggeber war die zuvor gegründete Erste Deutsche Walfang-Gesellschaft; dahinter stand der Düsseldorfer Seifengigant Henkel.

Acht Monate war die "Jan Wellem" unterwegs, ihr Fangergebnis zeigt das Ausmaß des industriellen Walfangs: Insgesamt fing die Crew 226 Blauwale, 585 Finnwale, sieben Seiwale, 63 Buckelwale und 20 Pottwale. Weitere 173 Wale wurden zwar gefangen, gingen in Stürmen jedoch verloren.

Die "Treff"-Boote brachten Wal um Wal heran, zerlegt wurden sie auf dem Mutterschiff. Nur eine Stunde dauerte es, bis ein 100 Tonnen schwerer Blauwal komplett verarbeitet war. Verwertet wurden nicht nur das Fett und Öl der Tiere: Die inneren Organe wurden zusehends zur Vitamingewinnung genutzt, die Barten der Wale gaben Büstenhaltern und Miedern die gewünschte Elastizität. Auch das Walfleisch selbst wurde unter dem Etikett "Walfleisch Polaris, frisch im Eismeer in Dosen gefüllt" vertrieben.

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"Wer zum ersten Mal Walfleisch in großen Mengen an Deck einer Kocherei liegen sah, dem wird wohl der Appetit darauf vergangen sein. Er sollte sich aber trotzdem nicht davon abschrecken lassen, Walfleisch einmal zu kosten, und wird erstaunt sein, wie gut es schmeckt", schwärmte Kapitän Otto Kraul, "es ist kaum von Rindfleisch zu unterscheiden."

Gearbeitet wurde an Bord praktisch ununterbrochen. In den kurzen Nächten des arktischen Sommers bekamen vor allem die Harpuneure und Kapitäne auf den Fangbooten nur drei Stunden Schlaf pro Nacht. Auch auf dem Mutterschiff war die Arbeit hart, mit langen Schichten. "In zwei Schichten wurde gearbeitet, bis die Schwarte knackte", beschrieb 1938 das "Hamburger Fremdenblatt" anerkennend den Alltag an Bord. Schriftsteller Wolfgang Frank romantisierte die deutschen Walfänger gleich zu "seefahrenden Abenteurern".

Die Meere leergefangen

In Deutschland gaben sich die beteiligten Firmen stolz. Einen Imageschaden bei der Bevölkerung befürchteten sie angesichts ihres blutigen Geschäfts offenbar nicht. So zeigt ein Foto aus dem Jahre 1937 einen Zug der Firma Henkel: "Die erste Ladung Walöl unseres 'Jan Wellem'", stand in Großbuchstaben auf dem festlich geschmückten ersten Waggon. Die folgenden Waggons enthüllten dem Beobachter, wofür das Walöl bestimmt war - Persil.

Bald folgten weitere deutsche Walfangflotten der "Jan Wellem". Viele Schiffe wurden hinzugekauft oder gechartert; zudem ließen der niedersächsische Margarinefabrikant Walter Rau sowie der Unilever-Konzern gewaltige Fabrikschiffe bauen. Mit der "Unitas", knapp 184 Meter lang und mit 294 Mann Besatzung, entstand das modernste und größte Walfangschiff vor dem Zweiten Weltkrieg.

Dass die Ressource Wal allerdings nicht unerschöpflich war, mussten die deutschen Flotten schnell lernen. Schon in ihrer dritten Saison ging die Fangmenge fast aller deutschen Schiffe merklich zurück.

"Jedesmal, wenn eine Walfangexpedition mit guter Beute in die Heimat zurückkehrte, fragte sich jeder der Beteiligten, wie der Fang wohl in der nächsten Saison ausgehen würde, und von Mal zu Mal wurde diese Frage besorgter gestellt, denn es gab keine Zweifel mehr, dass das Walvorkommen zusehends geringer wurde", stellte Walfangveteran Kraul besorgt fest. Wolle man den Walbestand erhalten, sei "eine mehrjährige, mit äußerster Strenge und Gewissenhaftigkeit durchgeführte Schonzeit" nötig.

Zumindest von deutschen Booten mussten die Wale ab 1939 nichts mehr befürchten. Der Zweite Weltkrieg beendete die deutschen Walfangambitionen schon nach der dritten Saison. Und im Potsdamer Abkommen von 1945 wurde den Deutschen der Walfang verboten. In den Fünfzigerjahren heuerten zwar noch viele deutsche Seeleute auf Walfangschiffen an, die für den Reeder-Milliardär Aristoteles Onassis unter der Flagge von Panama fuhren. Aber mit der Jagd war es dann vorbei, 1956 wurde die Erste Deutsche Walfang-Gesellschaft aufgelöst.

insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Johann Alpers, 12.02.2019
1. Was für ein Gemetzel
Heute sieht das grausig aus, welch ein Gemetzel muss sich da abgespielt haben. Gut dass es heute damit vorbei ist.
Bernhard Tiedemann, 12.02.2019
2. Nicht zu vergessen:
Das Walöl als Schmiermittel war im 19. Jahrhundert eine der Grundlagen der Industrialisierung, weil es kein Mineralöl gab. Die nahezu Ausrottung der Büffel in den USA hatte die gleiche Bedeutung: Die Treibriemen der Transmissionen waren aus dem damals besten verfügbaren Material: Büffelleder. So wurde die Industrialisierung der Welt auf dem Rücken nicht nur dieser Tiere ausgetragen!
Mit Denken, 12.02.2019
3. Ausgerechnet...
Wolfgang Frank als Belegquelle... :-(( siehe hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Frank_(Schriftsteller) da hätte es sicher auch noch andere gegeben! MfG
John Panier, 13.02.2019
4. Wolfgang Frank
Wolfgang Frank als Belegquelle - ja, warum nicht? Ist daran etwas auszusetzen? Versteh ich nicht.
Deep Thought, 14.02.2019
5. @ Mit Denken - Causa Dr. Wolfgang Frank
Sehr geehrter Herr "Mit Denken", jetzt müssen Sie aber mal aus Ihrer Reserve kommen und erklären, was genau Ihnen an der Personalie Frank aufstößt. Der Mann hatte eine besondere Affinität zum Meer (Transatlantikregatten, Walfangreisen etc.), war Marineberichterstatter und hatte eine enge Verbindung zu Günter Prien (U-47, Scarpa Flow), der nicht unbedingt ein Nazi war, sowie Schriftsteller. Passt Ihnen ggf. nicht, dass er dann auch noch langjähriger Geschäftsführer des Deutschen Segler Verbandes (DSV) war ? Eine gewisse Kompetenz in der Nautik ist Herrn Frank ja wohl nicht abzusprechen. Wie viele schreibende Zeitzeugen des deutschen Walfanges hätten wir denn noch ? Was unterscheidet Herrn Dr. Frank von Lothar-Günther Buchheim (Das Boot) ? MfG DT_42
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