Deutscher Herbst Verwechslung mit einer Terroristin

Dieses Mittagessen wird Cordula Bornefeld ihr Leben lang nicht vergessen: Im April 1978 standen plötzlich Polizisten mit gezückten Maschinenpistolen an ihrem Tisch in einem Koblenzer Restaurant und zwangen sie mitzukommen. Die damals 21-Jährige wurde zum Opfer des Fahndungsdrucks: Sie ähnelte der gesuchten RAF-Terroristin Susanne Albrecht.

DPA

An einem kühlen Dienstag im April 1978 traf ich mich wie jede Woche mit meiner Freundin zum Mittagessen in einem Chinarestaurant in der Altstadt von Koblenz. Wir waren damals beide um die zwanzig Jahre alt und in der Ausbildung, ich als Beamtenanwärterin bei einer Behörde. Wir hatten das Essen bereits beendet und plauderten nur noch ein wenig miteinander, was auch für andere ersichtlich war.

Da das Lokal mittags stark frequentiert war, wunderte ich mich nicht, als ein paar vermeintliche Restaurantbesucher auf unseren Tisch zusteuerten. Aber statt der erwarteten Frage, ob wir den Tisch bald freigeben würden, wurden wir beide harsch aufgefordert, uns auszuweisen. Beide waren wir mit dem Auto gekommen, so dass die erforderlichen Papiere schnell zur Hand waren. Immer noch nicht misstrauisch geworden, glaubte ich fest, dass sich diese Kontrolle schnell erledigt hätte, denn unsere Papiere waren ja in Ordnung. Doch ich wurde eines anderen belehrt. Statt die Papiere zurück zu erhalten, wurde ich aufgefordert, die Männer aus dem Restaurant hinaus zu begleiten. Erst als ich zögerte und nachfragte, mit wem wir es denn eigentlich zu tun hätten, wiesen sie sich uns gegenüber als Zivilfahnder der Polizei aus.

Den Blicken der Passanten ausgeliefert

Mein Einwand, dass ich die Rechnung noch nicht bezahlt habe, wurde mit einer Handbewegung weggewischt, dies solle mal nicht meine Sorge sein. Also stand ich auf und verließ das Lokal, ein Beamter vor mir, einer hinter mir - beide mit einer Maschinenpistole in der Hand - ein dritter mit unseren Ausweispapieren. Zwei weitere Polizisten blieben bei meiner Freundin am Tisch. Mir blieb keine Möglichkeit, eine Jacke überzuwerfen, nur gerade meine Tasche an die Schulter gehängt, wurde ich vor das Lokal geführt - ja und das war's dann erst mal.

Direkt neben dem Lokaleingang blieben die beiden bewaffneten Beamten mit mir in der Mitte stehen, der dritte rauschte mit unseren Papieren davon, nachdem er mich nach sämtlichen Wohnsitzen in meinem bisherigen Leben gefragt hatte. Natürlich zogen wir die neugierigen Blicke der Passanten magisch an, so dass ich nach einigen Minuten fragte, ob man sich nicht wenigsten ein wenig abseits stellen könne. Zwei Schritte zur Seite, aber es dauerte und dauerte. Mir war überhaupt nicht klar, was hier vor sich ging, die Maschinenpistolen von zwei Seiten auf mich gerichtet, stand ich stocksteif. Ich vermied jede verdächtige Bewegung, um keine für mich fatale Reaktion meiner Bewacher zu provozieren.

Irgendwann wagte ich aber doch, die beiden Polizisten zu fragen, was das hier zu bedeuten habe. Die Antwort war niederschmetternd: "Wenn Sie wüssten, für wen wir Sie halten, würden Sie blass werden!" "Für wen denn?" "Für Susanne Albrecht!" Ich bin sicher, dass ich noch mehr erbleichte als ich es wahrscheinlich in dieser Situation ohnehin schon war.

Zivilfahnder lauerten im Mercedes

Nach einer von mir als Ewigkeit empfundenen Zeit kam der dritte Mann mit den Papieren endlich zurück, gab sie mir läppisch in die Hand, bestätigte meine Angaben und "entließ" mich. Ich musste zurück in das Lokal, um meine Rechnung zu begleichen, und wollte natürlich sofort nach meiner Freundin sehen. Sie saß noch völlig schockiert am Tisch. Mit zittrigen Händen zahlten wir unsere Rechnung und flohen geradezu aus dem Lokal, denn nahezu alle Augen der vielen Gäste waren auf uns gerichtet. Endlich im Freien, erklärte ich ihr kurz den Grund für die Aktion, dann stiegen wir auch schon in unsere Autos, denn die Mittagspause war längst überzogen.

Schnell war ich auf dem Parkplatz meiner Ausbildungsbehörde zurück, als mich der Schrecken noch einmal einholt. Beim Aussteigen registrierte ich eine große Mercedes-Limousine, die sich quer hinter mein Auto stellte und dieses blockierte. Ich erkannte die Zivilfahnder, die mir trotz Überprüfung noch bis zu meiner Arbeitsstätte gefolgt waren, um wohl wirklich sicher zu gehen. Ich war derart schockiert, dass ich nur noch in das Zimmer zu meinen Kollegen rannte, die mir sofort ansahen, dass wohl etwas Einschneidendes passiert war.

Kurz darauf schilderte ich diesen Vorfall in einem Brief der Koblenzer Rheinzeitung. Zu sehr hatte mich doch die Art des Vorgehens der Polizisten entsetzt. Ich empfand ihr Verhalten zutiefst als unangemessen und unprofessionell, auch wenn man ihnen nach dem Deutschen Herbst 1977 das Gefühl der Angst zugestehen mag. Der Brief wurde sogar im redaktionellen Teil anonym gedruckt. Meinen damaligen Chef hatte ich über den Zwischenfall im Chinarestaurant informiert, um eventuellen Nachfragen des Verfassungsschutzes zuvorzukommen.

Kurze Haare und Stupsnase - wie Susanne Albrecht

Anderthalb Jahre später, am Ende meiner Ausbildung, bewarb ich mich bei einer anderen Behörde und wurde im Vorstellungsgespräch damit begrüßt, dass eigene Schreibambitionen gerne gesehen würden. Auf meine irritierte Nachfrage erfuhr ich, dass dieser damals anonym veröffentlichte Brief ohne mein Wissen in meiner Personalakte gelandet war.

Einige, denen ich diese Geschichte erzählte, ohne gleich den Namen der Terroristin zu erwähnen, mit der mich damals wohl ein übereifriger (oder ängstlicher?) Mitbürger beim Mittagessen verwechselt hatte, rieten sofort den richtigen Namen: "Wenn, dann nur Susanne Albrecht!" Kurze Haare und eine Stupsnase mögen diese Assoziationen mit dem damals verbreiteten Fahndungsfoto nahegelegt haben. Mich hat dieses Erlebnis für lange Zeit mit viel Misstrauen und kritischer Distanz erfüllt und es ist mir nachhaltig im Gedächtnis geblieben - auch nach fast 30 Jahren!

Nachtrag: Am 6. September 1978 wurde der Terrorist Willy Peter Stoll in einem Düsseldorfer Chinarestaurant von der Polizei erschossen. Bei dieser Nachricht lief es mir eiskalt den Rücken hinunter.



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Andreas Heinze, 06.11.2007
1.
Dieses Erlebnis ist schockierend und war sicher nicht selten in dieser Zeit. Das Verhalten der beamten war aber nicht unprofessionell, sondern soweit man das beurteilen kann korrekt. Denn die wirkliche Susanne Albrecht hätte wahrscheinlich geschossen, daher die zwei Maschinenpistolen im Anschlag. Ich kann mich gut an diese Zeit erinnern. Oft bin ich (Jahrgang 1962) damals mit meiner Mutter (sie war damals Anfang bis Mitte 30) abends in unserem VW-Käfer nach Hause gekommen und in Verkehrskontrollen. ich kann mich noch gut erinnern an die jungen Polizeibeamten mit Maschinenpistolen im Anschlag und einer Spur von Angst im Gesicht. Andreas Heinze
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