Deutscher Überfall auf Polen Fatale Hoffnung

Er floh und ließ Frau und Kinder zurück: Der Vater des damals 15-jährigen Josef Königsberg konnte sich nicht vorstellen, dass der Einmarsch deutscher Truppen 1939 in Polen eine Gefahr für seine Familie bedeutete. Er irrte. An seiner Stelle musste Josef die Beschützerrolle übernehmen - bis die Familie endgültig auseinandergerissen wurde.


Im August 1939 meldete das Radio den Aufmarsch deutscher Truppen in Richtung Polen. Wir wohnten damals in Kattowitz, nicht weit von der deutsch-polnischen Grenze entfernt. Mein Vater befürchtete, dass wir zwischen die Fronten geraten könnten und beschloss, mit uns ins dreißig Kilometer weiter östlich gelegene Chrzanów zu ziehen. Doch die Hoffnung, dass die Deutschen nicht so weit ins Land vordringen würden, erfüllte sich nicht. Ende September wurde Chrzanów besetzt.

Zunächst sah es so aus, als ob die Besatzer die Zivilbevölkerung korrekt behandeln würden. Doch bald schon hörten wir von brutalen Übergriffen deutscher Soldaten, die sich vornehmlich gegen die jüdische Bevölkerung richtete. Ganze Straßenzüge wurden überfallen, die Männer verschleppt. Wer zu entkommen oder sich zu wehren versuchte, wurde erschossen. Wie viele andere jüdische Männer entschied sich mein Vater, in einem sicheren Versteck abzuwarten, bis die polnische Armee die Feinde wieder außer Landes gedrängt hätte.

Daher waren meine achtjährige Schwester Irina und ich mit unserer Mutter alleine zu Haus, als wir an einem Morgen plötzlich durch einen Tumult im Treppenhaus aus dem Schlaf gerissen wurden. Laute Stimmen waren zu hören, die deutschen Befehle brüllten, Schreie unserer Nachbarn, Weinen. Dann klopfte es auch an unserer Wohnungstür: "Aufmachen! Beeilung!" Meine Mutter öffnete und sofort drangen zwei SS-Männer ins Zimmer: "Binnen zehn Minuten habt ihr alles zusammengepackt! Ein Koffer dürfte für euch reichen. Und ein bisschen plötzlich, zack zack!", brüllte der eine. Meine Mutter war vor Schreck wie versteinert und stand nur fassungslos da. Ich griff, was mir in die Hände fiel und schmiss die Sachen in einen Koffer. Trotz des Verbotes packte ich noch einen weiteren. Einer der Männer bemerkte das, zuckte aber nur mit den Schultern. "Meinetwegen", sagte er, "alles andere bleibt ja sowieso hier." Als die Beiden für einen Moment abgelenkt waren, sah ich eine Chance, noch ein paar Sachen für uns zu retten. Ich öffnete ein Fenster und warf einige Gegenstände in ein Gebüsch im Garten.

Demütigungen durch die SS-Männer

Ich erinnere mich, dass meine Mutter beschimpft wurde: "Na los, Sara, ein bisschen dalli. Beweg dich, sonst verlässt du deine Wohnung mit dem nackten Arsch", wurde sie angebrüllt. "Ich heiße nicht Sara, mein Name ist Regina Königsberg", wagte meine Mutter anzumerken. "Bei uns heißen alle Jüdinnen Sara", antwortete der SS-Mann mit einem verächtlichen Lächeln.

Auf einmal standen wir also auf der Straße, besaßen nur die wenigen Dinge, die in zwei Koffer passten. Von der Jüdischen Gemeinde, die von den Nazis beauftragt worden war, die Umzüge der jüdischen Familien zu organisieren, bekamen wir eine neue Bleibe in einem ungepflegten, ärmlichen Viertel von Chrzanów, das jetzt das Ghetto werden sollte. Wir waren froh, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben.

Mein Vater floh schweren Herzens weiter nach Osten. Uns ließ er zurück, immer noch in dem Glauben, dass die Besatzer Frauen und Kinder in Ruhe lassen würden. Er überstand den Krieg in russischen Internierungslagern. Ich sah ihn erst fünf Jahre später wieder. Meine Mutter, meine Schwester und ich mussten alleine zurechtkommen. Ich nahm jede Arbeit an, die sich mir bot, um uns vor dem Verhungern zu bewahren. Wir schlugen uns mehr schlecht als recht durch und hofften, dass dieser Alptraum bald ein Ende nehmen würde.

Trennung der Familie

Im Februar 1942 fand wieder eine der berüchtigten Razzien statt, bei der auch wir abgeholt wurden. Wir mußten zum Marktplatz marschieren, die Menschen wurden mit Peitschen und Karabinerkolben durch die Straßen getrieben. An der Sammelstelle angekommen, wollte ein SS-Mann mich von meiner Mutter und meiner Schwester trennen. Verzweifelt klammerten sie sich an meinen Arm. Da schaute er meine Mutter noch einmal prüfend an und sagte, dass sie bei mir bleiben könne, da sie ja noch jung und stark sei, meine Schwester wollte er aber mitnehmen. Doch meine Mutter wollte Irina nicht alleine lassen. "Na, dann eben nicht. Wirst schon sehen, was du davon hast", erwiderte der SS-Mann gleichgültig. Dann herrschte er mich an: "Los, darüber!" und stieß mich mit dem Lauf seines Gewehres auf die andere Seite. Die verzweifelten Schreie meiner geliebten Mutter und meiner kleinen Schwester kann ich bis heute nicht vergessen. An diesem Tag sah ich die beiden das letzte Mal.

Ich wurde mit vielen anderen in einen Eisenbahnwaggon getrieben, der uns ins Arbeitslager Markstädt brachte. Mir standen vier lange grausame Jahre in verschiedenen Zwangsarbeitslager bevor: Gräditz, Faulbrück, Langenbielau und Dörnhau. 1945 wurde ich von russischen Soldaten befreit.

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