Deutscher Überfall auf die Sowjetunion "Stark aufgeräumt, ohne Gnade"

Sie nannten es "Unternehmen Barbarossa" - im Juni 1941 begann Hitlers Feldzug gegen die Sowjetunion. Minutiös beschrieb der deutsche General Gotthard Heinrici den Kriegsverlauf. Ein Dokument des Grauens.

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Gotthard Heinrici war ratlos. Zehntausende Rotarmisten hatte seine Truppe bereits getötet, verwundet oder gefangengenommen. Aber die sowjetischen Soldaten kapitulierten einfach nicht:

"Erstaunlich ist für uns alle immer wieder die Zähigkeit, mit welcher der Russe kämpft. Seine Verbände sind alle halb zerschlagen, er stopft neue Leute herein und sie greifen wieder an. Wie die Russen das fertig kriegen, ist mir unverständlich. "

Das schrieb der deutsche General am 3. August 1941 an seine Frau. Sechs Wochen zuvor, am 22. Juni 1941, hatte die Wehrmacht die Sowjetunion ohne Kriegserklärung überfallen - Deckname "Unternehmen Barbarossa". Deutsche Kampfflieger attackierten sowjetische Flughäfen, Tausende Geschütze feuerten ohne Unterlass ins Grenzgebiet: "Die russische Armee ist buchstäblich aus ihren Betten herausgeschossen worden", triumphierte Heinrici.

Als Befehlshaber eines Armeekorps überschritt der Offizier mit über drei Millionen deutschen und verbündeten Soldaten die sowjetische Grenze. Die Frontlinie, rund 2000 Kilometer lang, erstreckte sich von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer.

Binnen weniger Wochen wollten Adolf Hitler und seine Generäle das sowjetische Riesenreich unterwerfen - ein Blitzkrieg wie im Vorjahr gegen Frankreich. Und doch ein ganz anderer Krieg als im westlichen Europa. Als "Kreuzzug Europas gegen den Bolschewismus" bezeichnete die deutsche Propaganda den Überfall. "Herrenmenschen" gegen "Untermenschen", Nationalsozialismus gegen Kommunismus. Bis zum bitteren Ende.

Feldzug ohne jedes Erbarmen

Dieser "Kreuzzug" war von Anfang an als Vernichtungs- und Ausbeutungskrieg gegen die sowjetische Bevölkerung konzipiert. Zum Chronisten werden sollte der Berufssoldat Gotthard Heinrici, Jahrgang 1886, mit seinen zahlreichen Briefen an seine Frau, Tagebucheinträgen und Berichten an die Familie aus den Jahren 1941/42.

In der kürzlich erschienenen Edition "Notizen aus dem Vernichtungskrieg" hat der Historiker Johannes Hürter vom Münchner Institut für Zeitgeschichte die Aufzeichnungen auszugsweise veröffentlicht. Sie schildern wie kaum eine andere historische Quelle den Krieg an der Ostfront aus Sicht eines hohen deutschen Offiziers.

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Heinricis anfängliche Euphorie sollte sich bald als voreilig erweisen. Zwar rückten die deutschen Panzerverbände mit Höchstgeschwindigkeit ins Landesinnere vor, die Infanterie eilte in Gewaltmärschen hinterher. Zwar machte die Wehrmacht in Kesselschlachten wie bei Bialystok und Minsk zunächst Gefangene zu Hunderttausenden. Doch wehrte sich die Rote Armee heftiger, als es die deutschen Planer an ihren Kartentischen vorausgesehen hatten.

"Der Feind uns gegenüber ist ein erstaunlich aktiver u[nd] zäher Bursche", zollte Heinrici den sowjetischen Verteidigern Ende Juli 1941 widerwillig Respekt. Kurz zuvor notierte er aber auch: "Verschlagen und hinterlistig" würden die Rotarmisten gegen die deutschen Invasoren kämpfen. "Manche Verluste entstehen dadurch, daß hinterrücks unsere Leute abgeschossen werden."

Erhängte Partisanen: "Am Morgen kein schöner Anblick"

DER SPIEGEL

In völliger Verkehrung der Tatsache, wer Angreifer und wer Angegriffener war, rechtfertigte Heinrici so die ungeheure Brutalität der deutschen Landser. "Stark aufgeräumt, ohne Gnade", beschrieb der gläubige Christ das Verhalten seiner Soldaten. Erbarmen oder die von ihnen selbst so oft beschworene Ritterlichkeit waren keine Maßstäbe für die deutschen Generäle. Was sie im Krieg gegen die Sowjetunion antrieb: Hass auf den Kommunismus, Hass auf Slawen, Hass auf Juden.

Gnadenlos fraß die Wehrmacht ganze Landstriche leer, nahm Bauern Vieh und Pferde weg. Strafe musste kein Landser befürchten, der Hungertod von Millionen sowjetischer Bürger war eingeplant. Gefangene Politische Kommissare der Roten Armee wurden reihenweise völkerrechtswidrig "erledigt". "Nicht schön für unsere Leute", kommentierte Heinrici lapidar einen solchen Mord im November 1941.


Historische Filmaufnahmen aus dem Zweiten Weltkrieg

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Zu Abertausenden richteten die Deutschen Partisanen hin - oder Menschen, die sie für solche hielten. Heinricis Dolmetscher, den der Forscher Johannes Hürter später als Dr. Hans Beutelspacher identifizierte, führte eine Art persönlichen Vernichtungsfeldzug. Heinricis einzige Kritik daran:

"Ich sage Beutelsbacher, er soll Partisanen nicht 100 m vor meinem Fenster aufhängen. Am Morgen kein schöner Anblick."

Auf diese Weise kämpfte sich Heinricis Armeekorps ostwärts Richtung Moskau. Brennende Dörfer, zerbombte Städte und verwesende Leichen markierten den Vormarsch in sengender Hitze über endlose Steppen und Waldgebiete.

Für die Opfer des deutschen Überfalls brachte der General, der im Ersten Weltkrieg in der Schlacht von Verdun gekämpft hatte, nur Gleichgültigkeit und Zynismus auf. Umso besorgter war er um seine eigenen Männer, als sie Tag für Tag mit schwerer Ausrüstung marschierten. Als versprengte sowjetische Einheiten und Partisanen sie in Wäldern und Sümpfen angriffen. Als die Verluste in die Höhe schnellten. "Die Truppe geht in den unaufhörlichen Waldgefechten kaput", klagte der General Ende Juli 1941 in seinem Tagebuch (Schreibfehler wie im Original).

Der Vormarsch versank in Schlamm und Eis

Die Illusion vom schnellen deutschen Sieg platzte für Heinrici bald, angesichts der heftigen Gegenwehr und der Weite des Landes. "So werden wir wohl hier im Stellungskrieg auf einer riesigen Front überwintern müssen", schrieb er Anfang August an seine Frau. "Schöne Aussichten." Und über den Kommunismus: "Er ist greulich. Aber er ist ein widerliches Tier, das sich wütend wehrt."

Der Offizier verabscheute die kargen Lebensbedingungen der Sowjetbürger, ihre angebliche Trägheit, die Wanzen in den requirierten Unterkünften. Mittlerweile litt er am zermürbenden Krieg, der mehr Menschen tötete als die vorherigen Feldzüge des Zweiten Weltkriegs. Gewissensbisse empfand der Herrenmensch Heinrici keine: "Dies Volk ist schon garnicht mehr mit unseren Maßstäben zu messen", schrieb er Ende Oktober 1941.

Zu dieser Zeit versank der deutsche Vormarsch auf Moskau längst in Schlamm und Eis. Aus Sibirien führte die Rote Armee frische Divisionen heran. Sie waren für den Winterkrieg ausgerüstet - die Deutschen hatten nur ihre Sommerausrüstung. "Wir sind zur Zeit in äußerster Bedrängnis. Der Feind greift wie wild unsere neu gewonnenen Stellungen an", so Heinrici am 1. Dezember 1941. "Unsere Leute sind aufs äußerste erschöpft."

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Es war der Anfang vom Ende. Halb erfroren, krank, ohne ausreichenden Nachschub an Nahrung und Munition versuchten die Landser, die sowjetischen Soldaten abzuwehren, die nun ihrerseits die Deutschen zu umzingeln drohten.

"Von Tag zu Tag mehr erleben wir an uns selbst, daß uns ruckweise die Schlinge um den Hals zugezogen wird. Der Führer will es nicht glauben. Für uns selbst, die wir die Lage erkennen, ist es aber geradezu zermürbend, seit 14 Tagen stückweise geschlachtet zu werden."

Erst Mitte Januar 1942 erlaubte Hitler den Truppen vor Moskau einen Rückzug. Das Gemetzel ging weiter. Jahrelang. Heinrici hatte es bereits zur Jahreswende 1941/42 geahnt - der Krieg war für Deutschland so gut wie verloren.

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Historiker schätzen, dass rund 27 Millionen Sowjetbürger beim deutschen Feldzug starben. Erst am 28. Mai 1945, 20 Tage nach Kriegsende, ging Heinrici schließlich in britische Gefangenschaft. "Wen die Götter verderben wollen, schlagen sie mit Blindheit", schrieb er in einem seiner letzten Briefe 1941 an seine Frau.

Seine eigene Verblendung und Kriegsschuld hat der Offizier nie erkannt und strickte nach 1945 an der Legende von einer "sauberen" Wehrmacht. 1948 wurde er aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und lebte fortan als Pensionär. Zweimal war er in Nürnberg im Zuge der alliierten Prozessen gegen deutsche Kriegsverbrecher verhört worden - aber Gotthard Heinrici selbst wurde bis zu seinem Tod 1971 niemals angeklagt.

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Johannes Höper, 21.06.2016
1. Ja, das waren unsere Väter und Großväter.
Und es war ein großes Verbrechen. Allerdings hänge ich immer noch der - inzwischen auch von vielen Historikern gestützten - These an, das der Einmarsch in Russland Stalins eigenem Angriff gen Westen nur um 14 Tage zuvorgekommen ist. Die Mengen und Positionen des vorgefundenem Kriegsmaterials, die Stellungen der überraschten sowjetischen Einheiten und die (nachträglich) bekanntgewordenen Befehle waren eindeutig nicht defensiver Natur. Quellen: V. Suworow, W. Post und andere Der weitere Verlauf des Krieges kann natürlich nur erahnt werden, aber Deutschland hätte darin wohl keine Rolle mehr gespielt...
Jens Boh, 21.06.2016
2. etwas komplexer ...
...ist das Thema "Russlandfeldzug 41-45" dann doch, als uns der Artikel hier weis machen möchte. Sowohl aus militärisch-strategischer Sicht inkl. der Vorgeschichte "warum und wann Russland angegriffen wurde", als auch was "hinter den Frontlinien" durch SD und SS (ungleich Waffen SS) passierte. Es gibt ja mittlerweile durchaus wirklich sehr sehr viel brauchbare und gute Literatur dazu. Was das bei Spiegel immer sehr einseitig platzierte Thema der "Kriegsverbrechen" seitens der Deutschen (ob Wehrmacht oder andere Gruppierungen) angeht, spricht man wohl gegen Windmühlen, wenn man darauf hinweist, das die Russen aus einem ganz anderem Kaliber waren als die westlichen Alliierten. Es ist beispielsweise historisch als gesichert anzusehen, das die "verbrannte Erde" Politik im Jahre 1941 von der russischen Führung durch die großlächigen Rückzüge in erheblichem Maße angewendet wurde und in der Folge oftmals -gerade auch von den Russen selber- den Deutschen angelastet wurde. Ohne hier auf eine vermeintliche Ritterlichkeit der "normalen" Wehrmachtsverbände (die es uneingeschränkt im Allgemeinen weder auf deutscher noch alliierter Seite gab!) abzuzielen, so muss man immer bedenken, dass die Geschehnisse heute verständlicherweise aus Sicht der Sieger und nicht der Besiegten gedeutet werden und eine realisitische Bewertung unter der Berücksichtigung des jeweiligen Standpunktes und auch des Zeitgeistes gemacht werden sollte. Heute lässt sich immer sehr einfach mit dem Finger auf damalige Ereignisse zeigen.
Peter Nowak, 21.06.2016
3. Ergaenzt werden koennte:
1. Warum kaempfte der russische Soldat so verbissen? Auch, weil Politkommissare und Spezialeinheiten des Geheimdienstes NKWD eigene zurueckweichende Truppen niederschossen. Kriegsgefangene russische Soldaten hatten nach Kriegsende und bei ihrer Rueckkehr in die UdSSR Repressalien zu erwarten. Stalin war nicht einmal bereit, seinen in Gefangenschaft geratenen Sohn auszutauschen. 2. Viele Anrainerstaaten der UdSSR sowie andere europ. Staaten beteiligten sich an dem Feldzug - Finnland, Slowakei, Kroatien, Ungarn, Rumaenien, Bulgarien, Italien. 3. Die sowjetische Bevoelkerung hatte bereits in den Jahren vor dem Krieg - und auch danach - durch Massnahmen der kommunistischen Machthaber erheblich zu leiden und Menschenverluste in Millionenhoehe zu beklagen. Stichworte: Grosse Saeuberungen der 30er-Jahre - Cistka. Hungerprogramme gegen Minderheiten, Ukrainer, Kosaken usw. - Hladomor. System der Arbeitslager - Gulag. Wenig bekannt ist auch, dass die SU nach dem dt. Angriff auf Polen von Osten in Polen eindrang und erhebliche Gebiete okkupierte und im Winter 39-40 das damals noch neutrale Finnland - vergeblich - angegriffen hatte.
Dm Nachname, 21.06.2016
4.
"1948 wurde er aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und lebte fortan als Pensionär." Das verstehe ich nicht. Absolut. Er war Generaloberst, der zweithöchste Generalsrang! Wie viel Millionen musste er persönlich töten, um höhere Haftstrafen?
Viktor Ragnarsson, 21.06.2016
5. NATO hat heute
Wehramcht ersetzt. Wenn man die o.a. Karte "Unternehmen Barbarossa" mit der aktuellen Karte der NATO Einheiten an der Ostgrenze vergleicht, ist es fast 1:1 gleich. Und die Ziele der NATO sind der Wehrmacht sehr nah und die Teilnehmer (es kamen ein Paar neue dazu, aber im Grunde...).
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