Deutsches Kaiserreich Ein Offizier spricht Kisuaheli

Er war der ungewöhnlichste Offizier der kaiserlichen Kriegsmarine: Hans Paasche war nicht nur Pazifist, er war auch der erste deutsche Offizier, der sich den Afrikanern auf Augenhöhe näherte.


Hans Paasche, Angehöriger der kolonialen Schutztruppe, schrieb 1912 ein bemerkenswertes Buch über seine Erlebnisse in Ostafrika. Es ist der fiktive Reisebericht aus der Perspektive eines Afrikaners, der als Abgesandter seines Königs das "unerschlossene" deutsche Kaiserreich bereist. In dem Buch "Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland" berichtet ein gewisser Lukanga Mukara seinem König in Briefen über seine Entdeckungsreise nach Deutschland, einem "unerschlossenen Land". Paasche dreht das übliche koloniale Schema einfach um. Die "Eingeborenen" sind jetzt die Deutschen. Dies war, vor allem für einen Kolonialoffizier, eine für diese Zeit sehr ungewöhnliche Sichtweise.

Paasche verschont seine eigene Kultur nur wenig: Ironisch und spöttisch werden die Europäer als "Wasungu" bezeichnet und auf die Stufe eines obskuren Stammes gestellt. Der Text wurde erstmals 1912 in der Zeitschrift "Vortrupp" veröffentlicht, 1920 schließlich als Buch herausgebracht.

Bizarre Landessitten

Seine Landsleute und deren Kultur betrachtete Paasche aus einem sarkastischen Blickwinkel: Schon in Lukanga Mukaras erstem Brief aus Berlin wird der König instruiert, er solle sich über den "ganzen Unsinn" nicht wundern, den "die Eingeborenen dieses Landes für selbstverständlich halten". Der afrikanische "Forschungsreisende" hat seinem König viel Beeindruckendes zu berichten: So schreibt er über Korsette, die Frauen zu "aufrecht gehenden Schildkröten" machen. Er schildert die ihm sehr merkwürdig vorkommende Art der Deutschen zu grüßen, indem sie den Hut heben. Besonders seltsam findet Mukara die Schulen: "Häuser, in denen ein Mann die Kinder haut, bis sie lesen und zählen können". Auch der Verkehr irritiert ihn, weil "ständig alles hin und her gesandt wird".

Wenig begeistert, ja geradezu angewidert ist der Reisende von den Ess- und Trinksitten der Deutschen. Er hält sie für eine Art Mast: "Sie schlucken so viel hinunter, bis sie nichts mehr hinein tun können." Volksfeste beschreibt er als Veranstaltungen, bei denen "enorme Mengen Speisen und Flüssigkeiten in den Leib getan" werden, und der Höhepunkt seien Schlägereien. Schließlich werde "sehr laut geschrien, wodurch der Dank für das gelungene Fest ausgedrückt wird". Nichts bleibt von Paasches Ironie verschont. Allein die Musik und die Wandervogelbewegung empfindet der afrikanische Beobachter als akzeptabel.

Letzteres verwundert nicht, denn Paasche war einer der Wortführer beim "Ersten Freideutschen Jugendtag" 1913. In der damals entstehenden romantischen deutschen Jugendbewegung wurde der fiktive Reisebericht ein Bestseller und machte den Autor schlagartig bekannt.

Ein Deutscher lernt Kisuaheli

Hans Paasche stammte aus großbürgerlichen Verhältnissen; sein Vater war der begüterte Reichstagsvizepräsident Hermann Paasche, ein Mitglied der Nationalliberalen Partei. Hans Paasche war 24 Jahre alt, als er als 1.Offizier auf dem Kreuzer Bussard 1905 nach Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania, kam. Den Einheimischen trat er mit Interesse und einer Offenheit gegenüber, die für Kolonialoffiziere nicht üblich war. Aus diesem Interesse, und um mit den Eingeborenen kommunizieren zu können, lernte Paasche Kisuaheli.

Obwohl Paasche später zum Tierschützer wurde, war die Großwildjagd lange Zeit seine große Passion. Zudem war er ein begeisterter Fotograf: Ihm gelangen sensationelle Nahaufnahmen von Löwen und Nashörnern, und er gilt somit als einer der ersten Wildfotografen der Welt. In seinem Buch "Im Morgenlicht. Jagderlebnisse in Afrika" schilderte er seine Erlebnisse in der Kolonie, zugleich dokumentierte es, dass auch Paasche in dieser Lebensphase nicht frei von Vorurteilen und Ressentiments gegenüber der ihm nach wie vor rätselhaften Kultur war.

Während der Niederschlagung des Maji-Maji-Aufstands gegen die deutschen Kolonialherren wurde Paasche der Schutztruppe überstellt. Als Befehlshaber bemühte er sich jedoch um einen raschen Friedensschluss. Dafür wurde er zunächst mit dem Kronenorden mit Schwertern ausgezeichnet, schließlich jedoch wegen eigenmächtig geführter Friedensverhandlungen seines Kommandos enthoben.

Anklage wegen Hochverrat

Später ließ er sich sehr kritisch zur Bekämpfung des Aufstandes aus: "Was geschah, war so dumm, so schauderhaft..." Und sarkastisch fügte er hinzu: "Leichen über Leichen, Tränen und Blut, Heldentum und Orden, das war eine große Zeit." Nüchterner urteilte er: "Wir waren nicht besonders unklug, feige oder beschränkt. Vielmehr waren wir so, wie Menschen in solch einer Lage sind, wie Menschen unserer Abkunft und Erziehung sein mussten. Der Krieg bringt uns Menschen in Schwierigkeiten, denen wir nicht gewachsen sind..."

Zurück in Deutschland zog er eine Bilanz seiner Afrika-Erfahrungen und hielt kritische Vorträge zur deutschen Kolonialpolitik. Paasche wurde, nicht zuletzt durch seine Arbeit in der von ihm gegründeten Zeitschrift "Vortrupp", immer mehr zum Zivilisations- und Kulturkritiker. Im Hinblick auf seine Afrika-Erfahrungen schrieb er: "Eine Eisenbahn ist nützlich, wenn sie gute Menschen und gute Dinge in das Land hineinbringt, nicht dann, wenn sie dazu dient, Bodenspekulanten, Alkohol, Geschlechtskrankheiten hineinzubringen."

Diese kritische Haltung behielt Paasche auch bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges bei. Obwohl er sich freiwillig zur Marine meldete, machte er keinen Hehl aus seiner pazifistischen Gesinnung, die 1916 schließlich zu seiner unehrenhaften Entlassung führte. Seine Kontakte zu Pazifisten im In- und Ausland und zu französischen Kriegsgefangenen führten im Oktober 1916 zu seiner Verhaftung und Anklage wegen Hochverrat und Landesverrat. Nur die Einweisung in eine Nervenklinik rettete ihm das Leben.

Auf der Flucht erschossen

Auch nach dem Krieg blieb er seinen Idealen treu: In kritischen Schriften wie "Meine Mitschuld am Weltkrieg" und "Das verlorene Afrika" formulierte Paasche: "Der Wilde bekam von den höher stehenden Rassen, den Herrenmenschen das Vorrecht geprügelt zu werden." Und weiter: "Als Korpsstudent und Reserveoffizier im Stile Altheidelbergs, schlagend und bierselig, nahte sich der Deutsche dem Palmenstrand."

Für einen Marineoffizier war er seiner Zeit zweifellos voraus. Früh urteilte er: "Der erste Weiße, der die Wildnis betritt, sieht zu, was er ihr rauben kann. Denn das Merkmal der Wildnis ist, dass das Geld der Kulturwelt dort keinen Wert hat, und wenn der Eindringling fragen würde, was ein Gegenstand kostet, so fordert der Wilde ebenso leicht eine Mark wie zehntausend... Der Weiße aber, der ins Land kommt, ist überzeugt, dass er Notwendiges und Gutes bringt. Er erschließt, hebt, bessert, kultiviert und verfeinert, macht dienstbar, und wie die Ausdrücke alle heißen. Aber er hat keine Ehrfurcht vor dem, was da ist. Er entheiligt, verwüstet, vernichtet, verschandelt, zerstört, ohne es zu wissen."

In seiner Schrift "Das verlorene Afrika" klang es wie ein hellsichtiges Orakel: "Immer noch neigt das Volk dazu, den zu vergöttern, der es mit Füßen tritt, und den, der es befreit, auf der Flucht zu erschießen."

Die Worte sollten sich bewahrheiten: Am 21. Mai 1920 wurde Hans Paasche von Freikorpssoldaten der berüchtigten Brigade Erhart auf seinem Landgut "auf der Flucht erschossen".



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